Was hat das mit mir zu tun?
Geschichtsunterricht unmittelbar erfahrbar zu machen – das gelang dem Geschichtslehrer Dieter Grupp mit einem Vortrag in der Alten Synagoge. Anlass war der 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 des Gymnasiums Hechingen hatten die Gelegenheit, diese Veranstaltung zu besuchen und sich an einem historischen Ort mit der Bedeutung des Holocaustgedenktags auseinanderzusetzen – sowohl für unsere Gegenwart als auch ganz konkret für Jugendliche in Hechingen.
Um das Thema anschaulich und lebensnah zu vermitteln, griff Grupp auf das bereits vor 2020 abgeschlossene Projekt „Pieces of Memory“ zurück. In diesem Projekt erarbeiteten Jugendliche aus Deutschland und Israel zahlreiche Biografien jüdischer Kinder und Jugendlicher. Drei dieser Lebensgeschichten stellte Grupp besonders in den Mittelpunkt: Ruth Solomon, Manfred Bernheim und Martin Eppstein. Alle drei wurden um 1920 geboren und wuchsen in Hechingen in jüdischen Familien auf. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, waren sie zwölf bzw. dreizehn Jahre alt – und erlebten als Jugendliche, was Ausgrenzung und Entrechtung auch in einer Kleinstadt bedeuten können.
Aufgrund ihres jüdischen Glaubens mussten sie ihre Schulen vorzeitig verlassen. Berufliche Wege, die sie eigentlich einschlagen wollten, blieben ihnen verwehrt. Mit 18 Jahren verließen sie Deutschland – ohne ihre Eltern. Zwar überlebten alle drei, doch sie verloren einen Großteil ihrer Familien: Eltern, die sie nach der Emigration nie wiedersahen, sowie viele Geschwister wurden Opfer des NS-Terrors und starben in Konzentrationslagern in Polen und Lettland. 1986 kehrten Ruth Solomon, Martin Eppstein und Manfred Bernheim anlässlich der Einweihung der restaurierten Synagoge nach Hechingen zurück. Sie verstarben erst im hohen Alter, zuletzt Ruth Solomon im Jahr 2019.
Grupp war es dabei wichtig, den Blick nicht ausschließlich auf den millionenfachen Mord in den Lagern zu richten, sondern auch auf die Anfänge der Verfolgung. Diese begannen nicht „irgendwo weit weg“, sondern direkt vor der Haustür – in der Hechinger Stadtgesellschaft, im Schulalltag und im täglichen Miteinander. Martin, Manfred und Ruth verloren ihre Freunde, ihre Familien ihre wirtschaftliche Existenz – und schließlich viele Angehörige ihr Leben.
Die Frage nach der Verbindung zwischen uns heute und diesen Geschichten beantwortete Grupp mit einem eindrücklichen Gedanken: Wir teilen dieselbe Lebenswelt – nur rund 90 Jahre später. Besonders greifbar wurde dies anhand eines Fotos am Zellerhorn: ein Motiv, das viele aus eigener Erfahrung kennen. Darauf posieren Ruth Solomon, Martin Eppstein und Manfred Bernheim vor der Zollernburg – ein Bild, das Vergangenheit und Gegenwart auf bewegende Weise miteinander verbindet.
Der Vortrag über eine deutsche Geschichte, die nur scheinbar weit entfernt ist, beeindruckte die Schülerinnen und Schüler sichtlich. Er leistete einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit – und zur Aufklärung darüber, wie schnell Ausgrenzung beginnen kann, auch mitten in der eigenen Umgebung.
(Das erwähnte Foto findet man hier:
:https://www.piecesofmemory.com/de/biographies/manef-biran/page-7
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