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Zeitzeugin zur Zwangsarbeit in der DDR

Einen besonderen Besuch durfte das Gymnasium in der letzten Schulwoche in der Aula begrüßen: Frau Konstanzer Helber war auf Initiative der Geschichtefachschaft angereist, um Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 und 11 als Zeitzeugin von ihren Erfahrungen in der DDR als Zwangsarbeiterin zu berichten.

Bereits im November / Dezember letzten Jahres hatte das Gymnasium eine Wanderausstellung zum Thema „Zwangsarbeit in der DDR“ an die Schule geholt, die von vielen Klassen besucht worden war. Insbesondere für die Klassen 9 war das Thema interessant, da sie sich damit im Geschichtsunterricht beschäftigt hatten, in Klasse 12 steht es erneut im Bildungsplan. Zum damaligen Zeitpunkt war der Besuch einer Zeitzeugin aufgrund von Corona nicht möglich, nun konnte der Besuch erfreulicherweise stattfinden.

Frau Helber berichtete zunächst von ihrer Jugend, in der sie bereits spürte, dass sie nicht wirklich ins „System“ passte und sich nicht in ihrer Freiheit einschränken lassen wollte. Obwohl sie eine gute Schülerin war, wurde sie nicht zum Abitur zugelassen, da sie als renitent galt. Auch ihre Familie war „unbequem“ und dies war ein weiterer Grund, ihr das Abitur zu verweigern. Schon früh dachte sie deswegen darüber nach, das Land zu verlassen. Als 14jährige war sie politisch bereits gut informiert, da es zu Hause West- und Ostfernsehen gab und sie die verschiedenen Informationsquellen vergleichen konnte. Auf Nachfragen in der Schule bekam sie keine Antwort, sondern eher den Hinweis, dass sie solche Fragen nicht mehr stellen solle, da sie sonst einen Schulverweis riskieren würde. Ihre damalige Einstellung bezeichnete Frau Helber heute eher als naiv, da ihr nicht klar war, welche Folgen es haben könnte, wenn man seine nicht systemkonforme Einstellung offen zeigte.

Schließlich erlernte sie den Beruf der Kinderkrankenschwester und blieb zunächst in einem Land, in dem sie sich in vielen Bereichen eingeschränkt fühlte: „Es gab keine Meinungsfreiheit, keine Bildungsfreiheit und keine Reisefreiheit“. Immerhin wurde ihr ein Urlaub in Bulgarien auf Antrag genehmigt, auch hier gab es keine Wahlfreiheit, aber zumindest die Möglichkeit, ein anderes Land zu sehen. Nach Bulgarien begleitete sie ihre vermeintlich beste Freundin, über die sie Jahrzehnte später herausfand, dass diese als Spitzel auf sie angesetzt war und Berichte verfasste, die an die Stasi gingen. Den Urlaub empfand sie als „sehr schön“, nicht zuletzt, weil sie sich dort in einen Westdeutschen verliebte, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte. Sie stellt einen Ausreiseantrag, ohne zu wissen, dass sie sich damit strafbar machte und erst recht ins Visier der Stasi geriet. Der Antrag wurde nicht genehmigt, woraufhin ihr westdeutscher Freund einen Fluchtversuch organisierte, der schiefging.

Damit begann eine qualvolle Zeit für Konstanze Helber, denn sie wurde zu drei Jahren Haft im Frauenzuchthaus Hoheneck verurteilt. Dort herrschten unmenschliche Bedingungen. 48 Frauen waren in einem Verwahrraum untergebracht. Es gab zwei Toiletten und einen total verschmutzten Duschraum, ohne jegliche Privatspähe. Dort zu duschen, stellte Frau Helber schnell ein, da das Wasser zum einen kalt war, aber auch einfach abgestellt wurde, wenn man sich gerade eingeseift hatte. In diesem Zustand musste man bis zu zwei Stunde ausharren, bis man den Duschraum verlassen durfte.

Auch sonst war die Unterbringung katastrophal. Es gab Dreistockbetten mit verschmutzen Matratzen und schweren kratzenden Wolldecken. Dabei konnte man fast noch von Glück reden, wenn man eine dieser Schlafstätten ergattert hatte, denn es gab auch Bodenschläfer, die warten mussten, bis wieder ein Bett frei wurde. Während der Zeit im Gefängnis schlief Frau Helber immer in Habachtstellung, da es auch zu Gewaltausbrüchen bis hin zu Vergewaltigungen kommen konnte.

Kaum Schlaf und die schlimmsten hygienischen Bedingungen waren aber längst nicht alles. Tagsüber galt es Schwerstarbeit zu verrichten: Im Dreischichtbetrieb wurde Bettwäsche gefertigt, dabei musste man eine Norm erfüllen, Pausen gab es kaum und wenn, dann waren diese angeordnet. Dasselbe galt für einen Toilettengang, der streng überwacht und genau getaktet war. Wenn man die Norm nicht erfüllte, kam es zu harten Strafen. Besonders widersinnig erschien bei dem ganzen Prozedere die Tatsache, dass ein Teil der Bettwäsche in den Westen geliefert wurde, im Gefängnis wurde also in einem sozialistischen Großbetrieb für den Klassenfeind gefertigt. Unter anderem wurde Ware an IKEA geliefert, die sich später zu ihren Fehlern bekannten und Wiedergutmachung leisteten.

Nach zwei Jahren und drei Monaten erfolgte 1979 die Entlassung durch den Freikauf in den Westen. Dort kam sie im April 1979 an „verraten, verkauft und vogelfrei“. Dem sehr authentischen Bericht folgte ein kurzer Film, der auf bedrückende Weise das Schicksal von Konstanze Helber nochmal verdeutlichte und zusammenfasste.

Nach ihrer Ankunft im Westen musste sie sich ein neues Leben aufbauen. Auch wenn sie zunächst vor allem mit erheblichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, fiel ihr der Aufbau eines neuen Lebens nach eigener Aussage nicht wirklich schwer. Zum einen hatte sie Verwandtschaft im Westen und zu ihrem großen Glück hatte ihr Freund, den sie damals in Bulgarien kennen gelernt hatte, sie nie vergessen und ihr die Treue gehalten. Nicht zuletzt mit seiner Hilfe gelang ihr der Neustart im Westen. Bis heute ist sie mit diesem Mann verheiratet – eine Information, die ihr vom Publikum Applaus einbrachte.

Dennoch bleibt zu erwähnen, dass Konstanze Helber ihre tragische Vergangenheit lange Zeit mit sich herumtrug und nicht in der Lage war, über ihre Gefangenschaft zu sprechen. Erst nach einem Besuch im ehemaligen Frauenzuchthaus Hoheneck im Jahr 2004 traf sie die Entscheidung, das Schweigen zu brechen und erzählte erstmals welches Unrecht ihr widerfahren war. Dabei nahm sie auch Kontakt zu Frauen auf, die ebenfalls in Hoheneck gesessen hatten. Heute hat sie es zu ihrer Aufgabe gemacht, über diese schreckliche Zeit zu berichten, damit nicht in Vergessenheit gerät, was passiert ist und auch um vorzubeugen, dass sich Ähnliches nicht wiederholt und ein Staat eine solche Macht ausüben kann, ohne gestoppt zu werden, Unrecht zu begehen.

Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich beeindruckt und gleichzeitig schockiert von dem lebensnahen Bericht einer Zeitzeugin, die Geschichte natürlich ganz anders vermitteln kann als jedes Lehrbuch oder auch jeder Lehrer dies jemals zu tun vermag. Einige Fragen richteten sie noch an Frau Helber. Zum Beispiel wollten eine Schülerin wissen, ob es jemals wieder Kontakt zu der Freundin, die sich als Spitzel entpuppt hatte, gegeben hat. Diesbezüglich konnte Frau Helber nur die traurige Information geben, dass sie sich tatsächlich ein Herz gefasst und Kontakt aufgenommen hatte, aber erfahren musste, dass sich besagt „Freundin“ keiner Schuld bewusst war und diese auch keinesfalls eingestehen wollte.

Für ihr Engagement hat Konstanzer Helber im Juni dieses Jahres das Bundesverdienstkreuz erhalten, eine Auszeichnung die erneut mit Applaus einbrachte. Auch wenn die Hitze in der Aula groß war, hatte sich der Nachmittag für die Klassen gelohnt. Wann hat man schon Gelegenheit solche – unfassbaren – Informationen aus erster Hand und in so lebendiger Darstellungsweise zu erhalten?

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Stadtputzete trotz Regenwetters

Nach zwei Jahren Pause konnte am Freitag vor den Osterferien die Hechinger Stadtputzete unter Beteiligung der Schulen endlich wieder stattfinden. Auch die Klassen 5-7 des Gymnasiums waren dabei. Das Wetter allerdings war denkbar schlecht für eine Putzaktion. Bereits am Tag zuvor hatte es geregnet und heftig gestürmt, sodass viel Müll in die letzten Ecken geblasen worden war. Auch am Morgen der Putzete regnete es und so wurde es den Klassen mit ihren Begleitlehrern schließlich freigestellt, ob sie sich tatsächlich auf den Weg machen oder die Klassen im Schulhaus beschäftigten. Nachdem der Regen nachgelassen hatte, starteten dann aber doch die meisten Klassen mit der ihnen zugewiesenen Route. Ausgestattet mit Arbeitshandschuhen und Müllsäcken suchten sie die Umgebung des Gymnasiums bis nach Stetten, Boll oder in Richtung Domäne ab.

Neben Zigarettenstummeln, Pappbechern und jeder Menge Plastik fanden sich auch ungewöhnliche Gegenstände, wie beispielsweise leere Geldbeutel, Elektroschrott oder Gartenfiguren. Auch zahlreiche Glasflaschen konnten die Schülerinnen und Schüler in ihre Müllsäcke werfen, die am Schluss wieder zum Gymnasium zurückgetragen werden mussten. Viele der Müllsammler waren mit Feuereifer bei der Sache, sodass im Laufe des Vormittags eine Menge des Mülls, den andere achtlos weggeworfen hatten, gesammelt werden konnte, obwohl viele der Klassen wegen des erneut einsetzenden Regens bereits gegen Ende der 5. Stunde wieder in der Schule waren.