Wanderlust

Erlaubt mir zunächst, mich euch vorzustellen.

Mein Name ist Minh Ha Nguyen und ich bin Abiturientin des Jahrgangs 2010. Meine Hauptfächer waren Mathematik, Deutsch (wie von allen anderen auch), Englisch, Französisch und Spanisch.

Wie ihr also erkennen könnt, bin ich von ganzem Herzen eine Linguistin. Dies liegt einerseits daran, dass ich mit elf Jahren nach Deutschland gekommen bin und ich mir deshalb relativ früh eine Fremdsprache aneignen musste. Darüber hinaus kam mir früh die  Erkenntnis, dass Sprachen wahrscheinlich das Einzige sind, worin ich gut bin. Nein, dies ist keine Bescheidenheit (auch wenn ich mir wünsche, es wäre so). Alle Sportlehrer, die mich jemals unterrichtet haben, können zum Beispiel bestätigen, mit welcher Talentfreiheit und Lustlosigkeit ich beim Sportunterricht mitmachte.

Überhaupt entspreche ich ziemlich genau dem Klischee eines asiatischen Nerds (nicht im Sinne von Computer Nerd - niemand sollte nur auf den Gedanken kommen, mich an seinen PC zu lassen; sondern "Nerd = Streber"). Während viele meiner Mitschüler nach dem Abitur auf einer Identitätssuche ihren Weg nach Australien oder in die Staaten finden, schrieb ich mich direkt an der Eberhard Karls Universität Tübingen ein. Ich konnte das typisch asiatische Pflichtgefühl gegenüber meinen Eltern einfach nicht ablegen und ein ganzes Jahr meiner Wenigkeit widmen. Auch machte die unangenehme Vorahnung auf Übernachtungen im Zelt oder Outdoor-Toiletten irgendwo im australischen Outback die Entscheidung, sofort mit dem Studium anzufangen, zugegebenermaßen um Einiges einfacher.

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich bis dato durch mein noch sehr kurzes Leben zieht, dann ist es das Reisen. Ich finde fremde Regionen mit ihren Kulturen und vorallem ihren Sprachen unglaublich aufregend.

England übte bereits seit Jahren eine unerklärliche Anziehung auf mich aus und deshalb war es lange mein Traum, dort zu studieren. Meine Wanderlust richtet sich also weniger auf Abenteuer sondern mehr auf akademische Entdeckungen. Nachdem mir die Schule in Deutschland die Möglichkeit gab, einige westliche Sprachen zu lernen, wollte ich das Angebot einer Universität nutzen, sprachlich was ganz Neues auszuprobieren. Und Chinesisch war genau die sprachliche Herausforderung, die ich suchte. Nach einem Schnupperkurs an der VHS Tübingen war ich so eingenommen von dieser Sprache, dass ich mir nicht mehr vorstellen konnte, irgend etwas Anderes zu studieren. Nun stellte sich bloß die Frage, welche Universität? Im Jahre 2007 machte ich einen Sprachkurs in Oxford, und diese Stadt war atemberaubend. Aber nicht nur auf einer emotionalen Ebene fiel meine Wahl auf sie. Ich fand nämlich heraus, dass man in England überall den gleichen Betrag an Studiengebühren bezahlt für qualitativ sehr unterschiedliche Hochschulen. Es sah so für ein kosteneffiezientes Studium so aus - entweder man schafft es, einen Studienplatz in Oxford, Cambridge oder London (vielleicht noch Durham) zu ergattern, oder es ist auf jeden Fall besser in Deutschland zu studieren. Also bewarb ich mich für Oxford. Hier muss man beachten, dass es nicht möglich ist, sich gleichzeitig für Oxford und Cambridge zu bewerben. Ihr müsst euch bereits bei der Bewerbung für ein Lager entscheiden! Gemeinsam haben diese beiden Universitäten, dass das Aufnahmeverfahren ziemlich anspruchsvoll ist. Ich legte mir deshalb einen Plan B zurecht und schickte auch Bewerbungen für einen Studienplatz in Deutschland ab.

So fing ich erst mal das Studium International Economics mit Chinese Studies (beeindruckender Name, weil er englisch ist, der übersetzt "Internationale VWL mit Sinologie" heißt) an, während ich gespannt aber nicht gearde hoffnungsvoll auf die englische Antwort wartete. Die Zusage kam wie ein Befreiungsschlag und endlich machte ich mich auf den Weg nach England.

Zur Zeit studiere ich also Sinologie in Oxford. Mein Kurs sieht vor, dass ich ein ganzes Jahr lang an der Universität Peking verbringen werde. Im August fliege ich nach China - eine weitere mir noch fremde Region, deren Amtsprache mich bereits völlig in ihren Bann gezogen hat. Ich kann es kaum erwarten, von dem Land selbst verzaubert zu werden.

 

Jeder Mensch hat seine eigene Vorgeschichte, die sowohl seine Taten als auch Worte beeinflussen. Ich bin keine Ausnahme. Deshalb ist dieser Blog nicht mehr als mein Versuch, Persönliches mit euch zu teilen, und zu bewirken, dass mein bescheidenes Wissen über die Eigenarten eines Studiums in England euch irgendwie zu Nutzen kommt. Ich freue mich darauf!

 

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