Sonnenuhrprojekt

Vertikale Sonnenuhr für das Gymnasium Hechingen

 

Eine Sonnenuhr? Warum eine Sonnenuhr? Diese Frage mag sich manch einer, der staunend vor der riesigen, frisch erstellten Sonnenuhr des Gymnasiums Hechingen steht, stellen.46

Die Beschäftigung mit dem italienischen Architekten Andrea Palladio (seit einiger Zeit Thema in der Oberstufe der Gymnasien) war hier ausschlaggebend. Palladio errichtete um 1557 in Maser, Venetien, eine Villa für die Brüder Barbaro; auf der Schauseite der Villa Barbaro sind links außen eine Sonnenuhr für die Stunden und rechts außen eine für die Monate (inklusive Wintersonnenwende, Tag- und Nachtgleiche, Sommersonnenwende…) angebracht. Aus der Bewunderung für diese Präzisionsleistung der Barbaros entstand rasch die Idee, selbst ein Projekt „Sonnenuhr“ umzusetzen; aber wann, mit wem und vor allem wie finanzieren?

Schnell war klar, dass Herr Weinschenk hier durch die Zusammenarbeit mit kompetenten Partnern vor Ort weiterkommen könnte.

Im Rahmen Ihres 175. Geburtstags wollte die Sparkasse Zollernalb Projekte vor Ort fördern, könnte nicht die „Sonnenuhr“…? Sie konnte! Ein Anruf von Frau Strähler brachte die Gewissheit: Die Förderung für das Projekt „Sonnenuhr“ durch die Sparkasse war beschlossen. Die Abiturienten des Jahrgangs 2011 hatten, veranlasst durch BK-Lehrer Weinschenk, mittlerweile über 80 teils hochkarätige Entwürfe beigesteuert. Nachdem Astronomielehrer Andreas  Weber das Zenkert-Rechenprogramm zum Laufen brachte, Herr Weinschenk von der Schule (Danke Frau Kohler!) und dem Bauamt der Stadt (Danke Frau Kleindienst!) mit Plänen des Gebäudes versorgt wurde, konnten in Jungingen die Firmen Diebold und Kohler als Partner gewonnen werden. Blieben die Berechnungen.

Die genaue Lage unserer Südwestwand war mit google und einem Navi schnell festgelegt, leider nicht die Westabweichung; ein neugekaufter Kompass zeigte: mal hierher, mal dahin, nicht genau nach Norden, aber: er zeigte, dass viel Bewehrungs-stahl verbaut worden war. Ein noch genauerer Plan musste her: Dank Grundbuchamt kein Problem! Neue Berechnungen; die Zeit drängte; in einem Vor-Ort-Termin klärten die Herren Kuhle, Weckenmann und Weinschenk wie weiter zu verfahren wäre, aber auch, welcher der 2 ausgewählten Entwürfe das Rennen machen sollte:

Gewählt wurde der aufwendigere, komplexere Entwurf, der sowohl die MEZ (Winter- und Sommerzeit) als auch die wahre Ortszeit 12.00 Uhr (WOZ) anzeigen sollte; außerdem sollten die Wintersonnenwende, Tag- und Nachtgleiche, Sommersonnen-wende, sowie der Verlauf eines 21. jeden Monats (Abfolge der Tierkreiszeichen) abzulesen sein! Währenddessen fertigten die jungen Erwachsenen der Neigungsfächer Kunst 1 und 2, nachdem die Typografie bestimmt war, erste Schablonen für Größenversuche vor Ort sowie ein 1:1 Modell für die Sonnenuhr auf dem Boden ihres Kunstraums. Mögliche Schwachstellen konnten so leichter erkannt und verbessert werden, als nachher in schwindelnder Höhe. Überhaupt die Höhe: „Nicht jeder kann und nicht jeder darf auf das Gerüst, Sicherheit geht vor!“ stellte Herr Weinschenk klar. Parallel Gespräche mit Bertram Kohler (Welche Farben, welcher Untergrund, wie haltbar, wie teuer …) und Hermann Diebold und Dietmar Brix (welches Material für den Schattenstab, welche Form, massiv oder als Rohr …).

Dann am Bodenmodell die Hiobsbotschaft: Die errechneten 12.00 Uhr-Werte MEZ sind mit Sicherheit falsch, das Zenkert-Programm hat einen Fehler! Aber wo die Not groß ist, ist die Hilfe oft nicht weit: Im Zollernalbkreis wohnt einer der bedeutendsten Sonnenuhr-Spezialisten Deutschlands: Yves Opizzo. Ob der Wahlhaigerlocher wohl so kurzfristig helfen kann? Ein Besuch bringt Klarheit: Er kann und er wird uns unterstützen:„… meine Tochter hat ja auch in Hechingen ihr Abitur gemacht“. Er berechnet die fehlenden Werte neu, stellt aber auch klar, dass die Westabweichung, um eine hohe Genauigkeit zu erhalten, vor Ort an der Wand des Gebäudes bestimmt werden muss und nicht aus Plänen errechnet werden sollte!

Oje! Seinen Winkelmesser um die Sonneneinstrahlung zu berechnen gibt er gleich mit. Nach mehreren Winkelmessungen zu festgelegten Zeiten errechnet Herr Opizzo noch spät abends die letzten, endlich gültigen Werte: 55,8º Abweichung.

Mittlerweile wurden Materialien, Schutzausrüstung und Werkzeuge besorgt, das Gerüst steht bereits und die mit Flechten und Dreck verschmutzte Fassade ist buchstäblich mit Hochdruck gereinigt worden. Während die Firma Kohler die Wand nach der Säuberung überstreicht und grundiert besorgt Kunsterzieher Weinschenk in Lahr beim Farbspezialisten Molotow die Sprayfarben. Sprayfarben! Klar, denn die sind nicht nur leuchtender und im Regelfall auch langlebiger, sondern auch was UV-Resistenz anbelangt einer „normalen“ Farbe oft überlegen. Im gebürtigen Reutlinger Simon Häske, derzeit Absolvent der Kunstakademie Karlsruhe bei Corinne Wasmuth, steht Herrn Weinschenk ein versierter Künstler zur Seite, der selber mit dieser Technik viele Erfahrungen gesammelt hat; er soll die jungen Neigungsfächler kompetent in die neue Materie einführen. Längst hat die Firma Diebold die Edelstahlträgerplatte geliefert; in 12,8 m Höhe soll sie von M. Weinschenk und der Firma Bernd Weissenegger nach Plänen von Herrn Rainer Weckenmann befestigt werden: der Vollwärmeschutz für die Fassade ist nämlich zu erhalten. Dem neuen Hilti-Bohrer kann kein Bewehrungsstahl widerstehen: kaum gebohrt, werden die Schwerlastdübel mit 2-Komponentenmaterial befestigt und die Restschlitze mit Silikon verfugt. Das Pappmodell zeigt, alles passt, die Platte mit Schattenstab könnte montiert werden. 6.50 Uhr bei Dietmar Brix an der Werkbank. Der fackelt nicht lange: „Du bleibst gleich da, dann machen wir das genau nach Plan“. Im gelernten Feinmechaniker steht dem Projekt „Sonnenuhr“ ein sehr erfahrener und versierter Fachmann, der übrigens selber auch gekonnt malt und zeichnet, zur Seite. Nach einiger Zeit sind die Edelstahlteile bis auf 2 Stellen hinter dem Komma winkelgetreu miteinander verbunden; lediglich die Scheibe an der Spitze wird noch fein nachgearbeitet. Den Schattenstab im Anhänger geht ´s nach Hechingen. Gemeinsam mit den Jungs vom Kunstkurs soll die Scheibe montiert werden; leider ist das Gerüst im Weg. Zum Glück sind schon viele weitere Neigungsfächler als Helfer da: Also erstmal mit Firma Kohler mehrere Gerüstelemente abbauen. 1,5 Stunden später ist der Zeiger endlich montiert. Jetzt trotz Wind das Lot bestimmt, die errechneten Werte in die Waagrechte übertragen, mit dem Metallmaßband die Schattenlängen exakt durch die waagrechten Positionen gezogen, die Ränder abkleben; zusammen mit Simon Häske üben wir das richtige Sprühen: zart draufdrücken, die Dose dabei immer leicht ziehen, auf den richtigen Abstand achten, die Hand mit Schutzhandschuh führt parallel dazu eine Schutzpappe wegen der Sprühnebel. Zwischendurch Verpflegung: Herrn Weinschenks  „liebe Frau“ bringt Pizza, Eis mit Gelee, Saft und Butterbrezeln. Ob wir ´s heut noch schaffen? Weinschenk drängt, nicht zu Unrecht, wie wir erfahren werden; ein Wolkenbruch setzt ein vorzeitiges Ende. Mit ihren Körpern schützen die Ferienfreiwilligen die Wand, während Simon Häske die letzten Winterzeitzahlen sprüht. Wirklich total fertig für heute, aber die gute Laune aller Beteiligten bleibt. Letzter Tag: Die Lochscheibe von Dietmar Brix ist fertig und wird montiert, die unteren Kurven machen immer noch Schwierigkeiten, wieder und wieder wird probiert und abgeklebt, gar nicht so einfach, über mehrere Gerüstetagen hinweg eine Kurve sauber und harmonisch zu ziehen; die jungen Neigungsfächler zeigen, was sie gelernt haben: „Mana Mana“ singend, reihen sie Schablone um Schablone Ziffern und Tierkreiszeichen aneinander. Endlich: die kleine Sonne, das Symbol für die Sommerzeit wird als letztes gesprüht. Klebstreifen abziehen, dann geht ´s mit Farbe und Pinsel an die Ausbesserungsarbeiten bis alles wirklich picobello aussieht. Werkzeuge aufräumen, Gerüst saubermachen, Müll einsammeln.

Wir trinken, glücklich, das Projekt zu einem guten Abschluss gebracht zu haben: „Auf die Kunst und auf die Liebe!“  Voilà: eine Sonnenuhr!

 

Herzlichen Dank allen Firmen und Sponsoren, vor allem aber Euch, die Ihr alles erst ermöglicht habt:

Charis, Franzi, Gabi, Jessica, Lara, Lukas, Nina, Rebecca, Roxi, Tanja und Yamen.

 

P.S.Was bedeutet eigentlich πάντα ῥεῖ ? Panta rhei ist griechisch und bedeutet alles fließt,    

     alles ist in Bewegung; ars super omnia war uns dann doch etwas zu abgehoben.

 

Infos zur Sonnenuhr bei Martin Weinschenk 07477 152025

Infos über die beteiligten Firmen und Sponsoren:  www.175-projekte.de

                                                                       www.opizzo.de

                                                                       www.diebold-hsk.de

                                                                       www.kohler-jungingen.de

                                                                       Fa. Bernd Weissenegger 72379 Hechingen