Die Oberschule / das Gymnasium Hechingen von 1945 bis 2012

 5.  Die Oberschule / das Gymnasium Hechingen 1945 bis 2012 Wandel und Kontinuität

Autor: Dr. Gunter

 Eine vertiefte Darstellung erfahren die ersten 15 Jahre, der erfolgreiche demokratische Neubeginn. Es folgt ein Überblick über die rund 50 Jahre bis 2012,  geprägt durch die Bildungsexpansion ab 1965, die Einführung der Oberstufenreform 1978  und des neuen Bildungsplans für das allgemeinbildende Gymnasium 2004, begleitet von der Errichtung weiterer höherer Schulen in Stadt und Region.

5.1   1945-1949:  Schwieriger, von allgemeiner Not geprägter Neubeginn, Anknüpfen an Strukturen und Bildungsziele des demokratischen Schulwesens vor 1933, Entnazifizierung

1945

Das Jahr 1945 brachte für Deutschland die bedingungslose Kapitulation und den Verlust der staatlichen Souveränität, aber auch Frieden und die Befreiung von der totalitären NS-Herrschaft. Unzählige Heimatvertriebene, Flüchtlinge, ehemalige Zwangsarbeiter und Ausgebombte suchten ein Zuhause. Man stand vor den Trümmern zerstörter Häuser, zerstörter Stadtviertel und  Industrieanlagen und trauerte um die im Krieg Gefallenen und Vermissten sowie die Opfer des NS-Terrors. Den schrecklichen Folgen des Krieges begegnete man auf Schritt und Tritt. Exemplarisch sei der jüngste Sohn des 1931 verstorbenen Hechinger Studienrats Dr. Karl Widmaier zitiert: „Als Student an der Freiburger Universität lernte ich Kommilitonen kennen, denen ein Bein oder eine Hand oder ein Lungenflügel fehlte. Einen sah ich in der Mensa sitzen, wie er von seiner Schwestr gefüttert wurde. Er hatte beide Arme verloren.“ (W. Widmaier 2012, S. 24)  In Hechingen gingen der Krieg und der NS-Unrechtsstaat nach dem Abzug der letzten Einheiten der Wehrmacht und der führenden Parteifunktionäre und mit dem Einzug  französischer Truppen am 22. April zu Ende. Zuvor hatte die Wehrmacht zahlreiche Straßen- und Eisenbahnbrücken gesprengt (R. Vogt: Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die frühe Besatzungszeit in Hechingen. 2006, S. 219). Behörden wie die der Bahn und Post sowie Gerichte und Schulen blieben vorerst geschlossen (H. Speidel 1985, S. 246). Requisitionen, Besatzungskosten und Reparationen belasteten das Verhältnis zwischen der französischen Besatzungsmacht und der deutschen Bevölkerung; andererseits berichteten im Kreis Hechingen viele Zeitzeugen auch von einem „großen Verständnis“ des französischen  Kreisgouverneurs Colonel Henri Brochu „für die Anliegen und Sorgen der Kreisbevölkerung“ (H. Speidel 1985, S. 251). Der Unterricht an der Oberschule konnte erst am 1. Oktober wieder aufgenommen werden. Für die schulpflichtigen Kinder ging fast eine halbes Jahr unterrichtslose Zeit zu Ende, in der sie ihren Eltern tatkräftig bei  Feld- und Gartenarbeiten, beim Ährenlesen und Pilzesammeln oder Bauern bei der Feldarbeit geholfen hatten (A. Lamey 2004, S. 150-151).

In einer handschriftlichen Liste hat die Schulleitung (SchA, Ordner C III 16, 5/1945) die Namen von 18 gefallenen Schülern der Abiturjahrgänge 1934/35 bis 1943/44 festgehalten. Mit zwei weiteren im Ehrenbuch der Stadt Hechingen erfassten  Abiturienten (Jahrgang 1924 bzw. 1925) und einem im März 1945 gefallenen Lehrer erhöht sich die Zahl der Gefallenen auf 21. Zudem wurde ein Lehrer am 21. Januar 1943 bei Stalingrad als vermisst gemeldet (Liste vom 7.10.1947, in: Ordner C I, 1). Die vorläufige Liste von 1945 bzw. 1947 wurde später leider nicht ergänzt. Wie hart der Krieg viele Jahrgänge traf, zeigt exemplarisch der Abiturjahrgang 1939. Von den dreizehn Abiturienten fielen fünf, fast alle an der Ostfront in Russland.

Die französische Militärverwaltung setzte am 16. Oktober 1945 Carlo Schmid (SPD) als Präsident des „Staatssekretariats“  (der provisorischen Regierung) des Besatzungsgebietes Württemberg-Hohenzollern ein. Er war in Personalunion auch  für die zwei Bereiche Justiz sowie Kultur, Erziehung und Kunst verantwortlich. Das Staatssekretariat übernahm zunächst legislative und exekutive Funktionen. Jede Weisung und Personalentscheidung bedurfte der Genehmigung der französischen Besatzungsmacht. Nach einem großen Wahlerfolg der CDU im Herbst 1946 besetzte Carlo Schmid die Stelle des Landesdirektors für Kultur, Erziehung und Kunst mit dem früheren Zentrums-Abgeordneten und damaligen Ravensburger CDU-Oberbürgermeister Dr. Albert Sauer (J. Stark 2011, S. 7).

Auf Anordnung der Militärregierung wurden im August alle Lehrer entlassen, die Mitglieder der NSDAP oder Leiter und Vertrauensleute von NS-Verbänden gewesen waren. Da durch diese Maßnahme nur noch jeder vierte Lehrer zur Verfügung gestanden hätte, entschloss sich die franz. Militärregierung zu einem Kompromiss. Die bloße Zugehörigkeit zu einer NS-Organisation sollte in der Regel kein Hinderungsgrund für eine Weiterbeschäftigung auf Probe ohne Beamtenstatus sein (G. F. Nüske 1982, S. 294). Jeder Einzelfall sollte geprüft werden, „ob sich der Beamte geistig und praktisch  der Partei verschrieben hat und ob er . . . aus einer gewissen Zwangslage“  der NSDAP beigetreten sei (K.-D. Henke 1981, S. 25; siehe auch das Schreiben des „Staatssekretariats für das französisch besetzte Gebiet Württembergs und Hohenzollerns“ / Landesdirektion für Kultus, Erziehung und Kunst an die Oberschule Hechingen vom 21.3.1947, in: SchA, Ordner A II, 11).

Ab dem 1. Oktober konnten die Volksschule und die Oberschule den Unterricht wieder aufnehmen. Um eine Klasse herauszugreifen: Die 4 b  startete in der ersten Woche mit dem Französisch-, Religions- und Lateinunterricht, in der zweiten kam Mathematik und Zeichnen dazu (Klassenbuch 1944/45/46  der 4b). Richtlinien, Stundentafeln und Stoffpläne lagen noch nicht vor. Voraussetzung für die Erziehung der Jugend sei „die Überwindung des Geistes des vergangenen Regimes“, erklärte der zum neuen Schulleiter ernannte OStD Dr. Josef Fischer auf der ersten Lehrerkonferenz am 10. November 1945. Die Klassen eins bis drei waren in der kath. Volksschule / Schlossbergschule und die Klassen vier bis acht in der evangelischen Volksschule in der Neustraße 4 untergebracht, denn das alte Oberschulgebäude in der Heiligkreuzstraße nutzten bis zum Herbst 1947 französische Kolonialtruppen, eine KFZ-Instandsetzungs-Abteilung und schließlich Teile eines Artillerieregiments (Schwäbisches Tagblatt 27.7.1948 und R. Courtois 1999, S. 346).

Staatsrat Carlo Schmid, Landesdirektor für Kult, Erziehung und Kunst im Staatsekretariat von Südwürttemberg und Hohenzollern erließ am 25. Oktober 1945 die vom Délegué Supérieur pour le Gouvernement Militaire de Wurtemberg genehmigten „Richtlinien für die Wiederaufnahme des Unterrichts“ an den Gymnasien, den Oberschulen für Jungen und Oberschulen für Mädchen. Schmid verwies darin auf die Bedeutung einer „neuen inneren Haltung“ der Lehrkräfte, auf die äußere und innere Überwindung des Nationalsozialismus, denn es müsse „eine neue Gesinnung in die Herzen der irregeleiteten und vielfach aus Zucht und Ordnung geratenen Jugend gepflanzt werden“. Als Anlage folgten Stundentafeln und Stoffpläne. Die Stundentafeln für die Klassen 1 bis 9 orientierten sich weitgehend an denen des Reformrealgymnasiums vor 1933. Religion wurde z. B. nun wieder zweistündig in allen Klassen unterrichtet und die Stundenzahl für das Fach Leibeserziehung durchgehend auf zwei Stunden herabgesetzt (SchA, Ordner F I, 1).

Als Kernstücke des Deutschunterrichts sollten gelesen werden: in Klasse 7 Lessing, Herder, Goethe und - soweit nicht im Englischunterricht gelesen -  ein Werk von Shakespeare und in Klasse 8 Goethe, Hölderlin und möglichst ein Stück von Molière. Weiter hieß es im Stoffplan für Deutsch: „Die Lektüre des 19. und 20. Jahrhunderts soll, in bezeichneten Proben und vor allem Gedichtvorträgen, den Literaturunterricht der ganzen Oberstufe begleiten.“ Es folge ein ausführlicher „Leseplan für die Klassen 1-5“; für Klasse 5 zum Beispiel „Urvaters Hausrat“ von Adalbert Stifter, „Schöne Bäume“ von Gottfried Keller, „Ein Wolf“ von Hermann Hesse, „Der Tod des Sokrates“ von Plato, „Friede auf Erden“ von Adolf Schmitthenner, „Die Märzrevolution in Berlin“ von Karl Schurz und 15 weitere Titel.

Nachdem die französische Militärregierung schon im Juni angeordnet hatte, alle Bücher und Bilder zu sammeln, die die NS-Ideologie verherrlichen oder verharmlosen, wurden am 3. Juli der Militärregierung in Hechingen 51 Zentner übergeben (R. Vogt 2006, S. 233). Für die Schulen ordneten die Militärverwaltung und der Präsidenten von Hohenzollern Clemens Moser die Säuberung der Lehrer-, Schüler- und Schülerhilfsbüchereien von "anti-alliierten Werken" sowie von militaristischem und nationalsozialistischem „Material“  an. An der Oberschule nahm die Säuberung der Büchereien durch den Direktor und die Lehrer einige Monate in Anspruch. Dem Landratsamt wurden zur Weiterleitung an die Papierindustrie über 300 Bücher übergegeben. Gesäubert wurden dabei auch die privaten Bestände, sogar die Hefte der Schüler (Protokoll der LK 23.11.1945 und 13.2.1946; Ordner A II, 11, Schreiben vom 1.2. und 11.3. 1946).

Die französische  Besatzungsmacht war bestrebt,  sich beim Aufbau eines demokratischen  Staats- und Schulwesens auf politisch gering Belastete und auf Unbelastete zu stützen. So wurden in Hechingen Studienrat Dr. Karl Kuhn  zum neuen Schulrat  und der 1933 wegen seiner Aktivitäten für die kath. Zentrumspartei aus dem Schuldienst entlassene Studienrat  Clemens Moser vorübergehend zum Landrat des Kreises Hechingen ernannt. Zu seinem Nachfolger ernannte die Besatzungsmacht den ehemaligen unbelasteten Gymnasialleher Dr. Peter Remark (Die Lichte Au 21, 1970, S. 38-40).  Ab September 1945 gehörte Clemens Moser als Landesdirektor für Arbeit dem  "Staatssekretariat für das französisch besetzte Gebiet Württembergs und Hohenzollerns" in Tübingen  an, ab Dezember 1946 als  Staatssekretär für Arbeit der ersten provisorischen Regierung von Württemberg-Hohenzollern. Moser zählte auch zu den Mitbegründern der CDU in Württemberg-Hohenzollern. Im November 1945 ernannte der Landrat des Kreises Hechingen den Studienrat Heinrich Faßbender zum Kommissar für das Flüchtlingswesen, einer Ein-Mann-Behörde, die erst im Sommer 1946 mit Personal versehen wurde (A. Kühne 1999, S. 75-76).

Zum neuen Schulleiter der Oberschule wurde der aus Steinhofen stammende pensionierte Studienrat und katholische Geistliche Dr. Josef Fischer ernannt. 1935 war er aus politischen Gründen vom Studiendirektor zum Studienrat zurückgestuft, versetzt und 1942 aus dem Schuldienst entlassen worden, worauf er zu seiner Schwester nach Hechingen auf den Lindich zog. Dieser Pädagoge und Geistliche war durch seine Vergangenheit politisch nicht belastet und zudem ein gebürtiger Hohenzoller (Die Lichte Au 27, 1977, S. 20-21). Bei seiner Amtseinführung am 29. Oktober versicherte er nach dem festlichen Gottesdienst in der Stiftskirche dem französischen Gouverneur des Kreises Colonel Henri Brochu (1945-1947) in seiner Begrüßungsrede auf Französisch und Deutsch: „Wir werden uns bemühen, tätigen Anteil an dem Wiederaufbau eines wahrhaft demokratischen Staates zu nehmen, und wir hoffen, dieses Ziel dadurch zu erreichen, dass wir unsere Schüler zu einer wahren christlichen und demokratischen Gesinnung erziehen."  Als Vertreter des Tübinger Staatssekretariats umriss Moser die neuen Aufgaben von Staat und Bildungswesen und nannte als Bildungsziele ausdrücklich den Aufbau eines demokratischen Staates, die Ausrottung der Irrtümer des Nationalsozialismus und die Pflege „der wahren Menschlichkeit und Tüchtigkeit“.  In der folgenden Rede sprach Dr. Fischer die „traurige Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus“, den Militarismus  und  „die neuheidnische Weltanschauung“ des Nationalsozialismus an. Er skizzierte die Fundamente der neuen Ordnung von Staat, Gesellschaft und Schule und entfaltete das Thema Ehrfurcht und Menschenwürde unter  Bezugnahme auf die beiden Dichter Goethe und Stifter (Nachrichtenblatt für den Kreis Hechingen Nr. 15, 2.11.1945, S. 1-2).

In der Anfangsphase hatte die französische Militärverwaltung bis Oktober 1945 zwar eine Beseitigung der größten schwarzen Schafe des NS-Regimes in der Wirtschaft, Verwaltung und Schulwesen vorgenommen, durchdachte Richtlinien für erfolgreiche Entnazifizierungsverfahren lagen jedoch nicht vor. Die Folge war eine sehr uneinheitliche Umsetzung in den einzelnen Landkreisen. Richtlinien für eine zweistufige Säuberung der öffentlichen Verwaltung erließ die Militärregierung erst am 19. Oktober 1945. Auf Kreisebene sollten danach Kreis-Untersuchungsausschüsse aus fünf unbelasteten politischen, konfessionellen und gewerkschaftlichen Vertretern gebildet werden. Sie hatten die Fragebögen zu überprüfen, weitere Ermittlungen vorzunehmen  und gegebenenfalls Vorschläge für Sanktionsmaßnahmen vorzulegen. Die zweite Ebene bildeten Säuberungskommissionen bei der jeweiligen Landesdirektion (Abteilungen der