Die Oberschule / das Gymnasium Hechingen von 1945 bis 2012

 5.  Die Oberschule / das Gymnasium Hechingen 1945 bis 2012

Wandel und Kontinuität

 Eine vertiefte Darstellung erfahren die ersten 15 Jahre, der erfolgreiche demokratische Neubeginn. Es folgt ein Überblick über die rund 50 Jahre bis 2012,  geprägt durch die Bildungsexpansion ab 1965, den Aufbau zahlreicher Schulpartnerschaften, die Einführung der Oberstufenreform 1978  und des neuen Bildungsplans für das allgemeinbildende Gymnasium 2004, begleitet von der Errichtung weiterer höherer Schulen in Stadt und Region.

 Autor: Dr. Gunter Tietz

5.1   1945-1949:  Schwieriger, von allgemeiner Not geprägter Neubeginn, Anknüpfen an Strukturen und Bildungsziele des demokratischen Schulwesens vor 1933, Entnazifizierung

1945

Das Jahr 1945 brachte für Deutschland die bedingungslose Kapitulation und den Verlust der staatlichen Souveränität, aber auch Frieden und die Befreiung von der totalitären NS-Herrschaft. Unzählige Heimatvertriebene, Flüchtlinge, ehemaligen Zwangsarbeiter und Ausgebombte suchten ein Zuhause. Man stand vor den Trümmern zerstörter Häuser und zerstörter Industrieanlagen und trauerte um die im Krieg Gefallenen und Vermissten sowie die Opfer des NS-Terrors seit 1933.

In Hechingen gingen der Krieg und der NS-Unrechtsstaat nach dem Abzug der letzten Einheiten der Wehrmacht und der führenden Parteifunktionäre mit dem Einzug  französischer Truppen am 22. April zu Ende. Zuvor hatte die Wehrmacht zahlreiche Straßen- und Eisenbahnbrücken gesprengt (R. Vogt 2006: Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die frühe Besatzungszeit in Hechingen, S. 219). „Behörden wie Bahn und Post sowie die Gerichte und die Schulen blieben vorerst geschlossen.“ (H. Speidel 1985, S. 246) Requisitionen, Besatzungskosten und Reparationen belasteten das Verhältnis zwischen der französischen Besatzungsmacht und der deutschen Bevölkerung; im Kreis Hechingen berichteten viele Zeitzeugen auch von einem „großen Verständnis“ des französischen  Kreisgouverneur Colonel Henri Brochu „für die Anliegen und Sorgen der Kreisbevölkerung“ (H. Speidel 1985,S. 251). Der Unterricht an der Oberschule konnte erst am 1. Oktober wieder aufgenommen werden. Für die schulpflichtigen Kinder ging fast eine halbes Jahr unterrichtslose Zeit zu Ende, in der sie ihren Eltern tatkräftig bei  Feld- und Gartenarbeiten, beim Ährenlesen, Pilzesammeln usw. halfen (A. Lamey 2004, S. 50-151)

In einer handschriftlichen Liste hat die Schulleitung (SchA, Ordner C III 16, 5/1945) die Namen von 18 gefallenen Schülern der Abiturjahrgänge 1934/35 bis 1943/44 festgehalten. Mit zwei weiteren im Ehrenbuch der Stadt Hechingen erfassten  „Abiturienten“ (Jahrgang 1924 bzw. 1925) erhöht sich die Zahl der Gefallenen auf 20. Ein Lehrer der Anstalt ist im März 1945 gefallen und einer ist am 21.1.1943 bei Stalingrad vermisst gemeldet (Liste vom 7.10.1947, in: Ordner C I, 1). Die vorläufige Liste von 1945 bzw. 1947 wurde später leider nicht ergänzt. Wie hart der Krieg viele Jahrgänge traf, zeigt exemplarisch der Abiturjahrgang 1939. Von den dreizehn Abiturienten fielen fünf, fast alle an der Ostfront in Russland.

Die französische Militärverwaltung setzte am 16. Oktober 1945 Carlo Schmid (SPD) als Präsident des „Staatssekretariats“ (der provisorischen Regierung) des Besatzungsgebietes Württemberg- Hohenzollern ein. Er war in Personalunion auch  für die zwei Bereiche Justiz sowie Kultur, Erziehung und Kunst verantwortlich. Das Staatssekretariat übernahm zunächst legislative und exekutive Funktionen. Jede Weisung und Personalentscheidung bedurfte der Genehmigung der französischen Besatzungsmacht. Nach einem großen Wahlerfolg der CDU im Herbst 1946 besetzte Carlo Schmid die Stelle des Landesdirektors für Kultur, Erziehung und Kunst mit dem früheren Zentrums-Abgeordneten und damaligen Ravensburger CDU-Oberbürgermeister Dr. Albert Sauer (J. Stark 2011, S. 7).

Auf Anordnung der Militärregierung wurden im August alle Lehrer entlassen, die Mitglieder der NSDAP oder Leiter und Vertrauensleute von NS-Verbänden gewesen waren. Da durch diese Maßnahme nur noch jeder vierte Lehrer zur Verfügung gestanden hätte, entschloss sich die franz. Militärregierung zu einem Kompromiss. Die bloße Zugehörigkeit zu einer NS-Organisation sollte in der Regel kein Hinderungsgrund für eine Weiterbeschäftigung auf Probe und ohne Beamtenstatus sein (G. F. Nüske 1982, S. 294). Jeder Einzelfall sollte geprüft werden, „ob sich der Beamte geistig und parktisch  der Partei verschrieben hat und ob er . . . aus einer gewissen Zwangslage“  der NSDAP beigetreten sei (K.-D. Henke 1981, S. 25; siehe auch das Schreiben des „Staatssekretariats für das französisch besetzte Gebiet Württembergs und Hohen-zollerns“ / Landesdirektion für Kultus, Erziehung und Kunst an die Oberschule Hechingen vom 21.3.1947, in: SchA, Ordner A II, 11).

Ab dem 1. Oktober konnten die Volksschule und die Oberschule den Unterricht wieder aufnehmen. Um eine Klasse herauszugreifen: Die 4 b  startete in der ersten Woche mit dem Französisch-, Religions- und Lateinunterricht, in der zweiten kam Mathematik und Zeichnen dazu (Klassenbuch 1944/45/46  der 4b). Richtlinien, Stundentafeln und Stoffpläne lagen noch nicht vor. Voraussetzung für die Erziehung der Jugend sei „die Überwindung des Geistes des vergangenen Regimes“, erklärte der zum neuen Schulleiter ernannte OStD Dr. Josef Fischer auf der ersten Lehrerkonferenz am 10. November 1945. Die Klassen eins bis drei waren in der kath. Volksschule / Schlossbergschule und die Klassen vier bis acht in der evangelischen Volksschule in der Neustraße 4 untergebracht, denn das alte Oberschulgebäude in der Heiligkreuzstraße nutzten bis Oktober 1947 französische Kolonialtruppen, eine KFZ-Instandsetzungs-Abteilung und schließlich Teile eines Artillerieregiments (Schwäbisches Tagblatt 27.7.1948).

Staatsrat Carlo Schmid, Landesdirektor für Kult, Erziehung und Kunst im Staatsekretariat von Südwürttemberg und Hohenzollern erließ am 25. Oktober 1945 die vom Délegué Supérieur pour le Gouvernement Militaire de Wurtemberg die genehmigten „Richtlinien für die Wiederaufnahme des Unterrichts“ an den Gymnasien, den Oberschulen für Jungen und Oberschulen für Mädchen. Schmid verwies darin auf die Bedeutung einer „neuen inneren Haltung“ der Lehrkräfte, auf die äußere und innere Überwindung des Nationalsozialismus, denn es müsse „eine neue Gesinnung in die Herzen der irregeleiteten und vielfach aus Zucht und Ordnung geratenen Jugend gepflanzt werden“. Als Anlage folgten die Stundentafeln und Stoffpläne. Die Stundentafel für die Klassen 1 bis 9 orientierte sich weitgehend an der des Reformrealgymnasiums vor 1933. Religion wurde z. B. nun wieder zweistündig in allen Klassen unterrichtet und die Stundenzahl für das Fach Leibeserziehung durchgehend auf zwei Stunden herabgesetzt (SchA, Ordner F I, 1).

 Als Kernstücke des Deutschunterrichts sollten in Klasse 7 Lessing, Herder, Goethe und - soweit nicht im Englischunterricht gelesen -  ein Werk von Shakespeare und in Klasse 8 Goethe, Hölderlin und möglichst ein Stück von Molière gelesen werden. Weiter hieß es im Stoffplan für Deutsch: „Die Lektüre des 19. und 20. Jahrhunderts soll, in bezeichneten Proben und vor allem Gedichtvorträgen, den Literaturunterricht der ganzen Oberstufe begleiten.“ Es folge ein ausführlicher „Leseplan für die Klassen 1-5“; für Klasse 5 zum Beispiel „Urvaters Hausrat“ von Adalbert Stifter, „Schöne Bäume“ von Gottfried Keller, „Ein Wolf“ von Hermann Hesse, „Der Tod des Sokrates“ von Plato, „Friede auf Erden“ von Adolf Schmitthenner, „Die Märzrevolution in Berlin“ von Karl Schurz und 15 weitere Titel.

Nachdem die französische Militärregierung schon im Juni angeordnet hatte, alle Bücher und Bilder zu sammeln, die die NS-Ideologie verherrlichen oder verharmlosen, wurden am 3. Juli der Militärregierung in Hechingen 51 Zentner übergeben (R. Vogt 2006, S. 233). Für die Schulen ordneten die Militärverwaltung und der Präsidenten von Hohenzollern Clemens Moser die Säuberung der Lehrer-, Schüler- und Schülerhilfsbüchereien von "anti-alliierten Werken" sowie von militaristischem und nationalsozialistischem „Material“  an. An der Oberschule nahm die Säuberung der Büchereinen durch den Direktor und die Lehrer einige Monate in Anspruch. Dem Landratsamt wurden zur Weiterleitung an die Papierindustrie über 300 Bücher abgegeben. Gesäubert wurden dabei auch die privaten Bestände, sogar die Hefte der Schüler (Protokoll der LK 23.11.1945 und 13.2.1946; Ordner A II, 11, Schreiben vom 1.2. und 11.3. 1946).

Die französische  Besatzungsmacht war bestrebt,  sich beim Aufbau eines demokratischen  Staats- und Schulwesens auf politisch gering Belastete und auf Unbelastete zu stützen. So wurden in Hechingen Studienrat Dr. Karl Kuhn  zum neuen Schulrat  und der 1933 wegen seiner Aktivitäten für die kath. Zentrumspartei aus dem Schuldienst entlassene Studienrat  Clemens Moser zum Landrat des Kreises Hechingen ernannt.  Ab September 1945 gehörte er als Landesdirektor für Arbeit dem  "Staatssekretariat für das französisch besetzte Gebiet Württembergs und Hohenzollerns"  in Tübingen  und ab Dezember 1946 als  Staatssekretär für Arbeit der ersten provisorischen Regierung von Württemberg-Hohenzollern an. Moser zählte zu den Mitbegründern der CDU in Württemberg-Hohenzollern und war bis 1950 Landeshauptmann beim Landeskommunalverband.

Zum neuen Schulleiter der Oberschule wurde der aus Steinhofen stammende pensionierte Studienrat und Geistliche Dr. Josef Fischer ernannt. 1935 war er aus politischen Gründen vom Studiendirektor zum Studienrat zurückgestuft, versetzt und 1942 wurde aus dem Schuldienst entlassen worden, worauf er zu seiner Schwester nach Hechingen auf den Lindich zog. Dieser Pädagoge und Geistliche war durch seine Vergangenheit politisch nicht belastet und zudem ein gebürtiger Hohenzoller (Die Lichte Au 27, 1977, S. 20-21). Bei seiner Amtseinführung am 29. Oktober versicherte er nach dem festlichen Gottesdienst in der Stiftskirche dem französischen Gouverneur des Kreises Colonel  Henri Brochu in seiner Begrüßungsrede auf Französisch und Deutsch: „Wir werden uns bemühen, tätigen Anteil an dem Wiederaufbau eines wahrhaft demokratischen Staates zu nehmen, und wir hoffen, dieses Ziel dadurch zu erreichen, dass wir unsere Schüler zu einer wahren christlichen und demokratischen Gesinnung erziehen."  Als Vertreter des Tübinger Staatssekretariats umriss Moser die neuen Aufgaben von Staat und Bildungswesen und nannte als Bildungsziele ausdrücklich den Aufbau eines demokratischen Staates, die Ausrottung der Irrtümer des Nationalsozialismus und die Pflege „der wahren Menschlichkeit und Tüchtigkeit“.  In der folgenden Rede sprach Dr. Fischer die „traurige Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus“, den Militarismus  und  „die neuheidnische Weltanschauung“ des Nationalsozialismus an. Er skizzierte die Fundamente der neuen Ordnung von Staat, Gesellschaft und Schule und entfaltete das Thema Ehrfurcht und Menschenwürde unter  Bezugnahme auf die beiden Dichter Goethe und Stifter (Nachrichtenblatt für den Kreis Hechingen Nr. 15, 2.11.1945, S. 1-2).

In der Anfangsphase hatte die französische Militärverwaltung bis Oktober 1945 zwar eine Beseitigung der größten schwarzen Schafe des NS-Regimes in der Wirtschaft, Verwaltung und Schulwesen vorgenommen, durchdachte Richtlinien für erfolgreiche Entnazifizierungsverfahren lagen jedoch nicht vor. Die Folge war eine sehr uneinheitliche Umsetzung in den einzelnen Landkreisen. Richtlinien für eine zweistufige Säuberung der öffentlichen Verwaltung erließ die Militärregierung erst am 19. Oktober 1945. Auf Kreisebene sollten danach Kreis-Untersuchungsausschüsse aus fünf unbelasteten politischen, konfessionellen und gewerkschaftlichen Vertretern gebildet werden. Sie hatten die Fragebögen zu überprüfen, weitere Ermittlungen vorzunehmen  und gegebenenfalls Vorschläge für Sanktionsmaßnahmen vorzulegen. Die zweite Ebene bildeten Säuberungskommissionen bei der jeweiligen Landesdirektion (Abteilungen der Landesregierung) in Tübingen. Sie traten erstmals am 18. Februar 1946 zusammen. Der von allen Parteien gebildete politische Säuberungsrat, der für eine Vereinheitlichung der Verfahren und Strafen sorgen sollte, tagte erstmals am 6. April 1946. Durch die Rechtsanordnung vom 28. Mai 1946 wurde das Säuberungsverfahren zu einem reinen Verwaltungsverfahren. Oberste Instanz blieb bis April 1947 ein Staatskommissariat für die politische Säuberung. Es folgte auf Anordnung der Militärregierung nach amerikanischem Vorbild das „Spruchkammer-Verfahren“. Danach sollte eine unabhängige Spruchkammer, besetzt mit einem Richter und Beisitzern aus Parteien, Gewerkschaftlern und Berufsvertretern, über die Sühnemaßnahme entscheiden (H. Speidel 1985, S. 268). Die Problematik  der Entnazifizierung brachte der von der Besatzungsmacht eingesetzte Balinger Bürgermeister und Landrat  Robert Wahl wie folgt auf den Punkt: Man könne „nicht ein Gebäude in  einem Tag abbrechen und wieder aufbauen“ (M. Steinhart 1991, S. 254; Landesarchiv Baden-Württemberg Findbuch Wü 13 T 1 und T 2, https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?be-stand=593).

Im Vergleich zu den in der amerikanischen, englischen und russischen Besatzungszonen praktizierten Entnazifizierungsmaßnahmen schneiden die von der französischen Besatzungsmacht anfangs initiierten pragmatischen Maßnahmen positiv ab, denn das über ein Jahr in Südwürttemberg und Hohenzollern unter der Leitung von Carlo Schmid praktizierte Säuberungsverfahren  „war frei von dem überzogenen Schematismus unterschiedsloser Disqualifizierung der Betroffenen nach Maßgabe ausgetüftelter Proskriptionslisten, mit dem die amerikanische Besatzungsmacht (z. B. in Nordwürttemberg) die politische Säuberung anfangs ohne deutsche Beteiligung durchführte“ (K.-D. Henke 1981, S. 7; vgl. J. Stark 2011, S. 8). Hatten 1945/46  große Teile der Bevölkerung eine politische Säuberung für notwendig gehalten und hatten Parteien und Gewerkschaften in den Kreisuntersuchungsausschüssen mitgearbeitet, so kippte die Stimmung im Herbst 1946. Die Sanktions-Praxis zwischen den einzelnen Kreisen und zwischen den drei französischen Besatzungsgebieten wies erhebliche Differenzen auf und es kam zu „groben Fehlurteilen“. Die Verfahren gegen „kleine Fische“ wurden vorgezogen und „große Nazis“ wurden „aus Gründen der Unabkömmlichkeit“ nicht hart angefasst. Viele Menschen waren auch unfähig bzw. unwillig, einen Zusammenhang zwischen den nationalsozialistischen Verbrechen, der Niederlage, dem demokratischen Neubeginn und der Notwendigkeit einer politischen Säuberung zu sehen. „Die Härten der französischen Besatzungspolitik taten ein Übriges.“ (E. Wolfrum 1993, S. 97-99)

Der erste Eintrag im Hechinger Diensttagebuch betraf die von der französischen Besatzungsmacht  ausgesprochene Suspendierungen und Entlassungen von politisch belasteten Lehrern der Hechinger Oberschule. Dr. Fischer versuchte vergeblich, die Freigabe des beschlagnahmten Schulgebäudes zu erreichen. Um eine qualifizierte Unterrichtsversorgung zu gewährleisten, setzte er sich beim Staatssekretariat in Tübingen, bei der Landesdirektion für Kultus, Erziehung und Unterricht in Tübingen  und bei der französischen Besatzungsmacht für die Wiederzulassung  von suspendierten, wenig belasteten  Lehrkräften mit Erfolg ein. Am 1. Oktober durften sechs Lehrkräften den Unterricht für  143 Schüler und 109 Schülerinnen wieder aufnehmen. Die Schülerzahl stieg bis Dezember auf 332, den Unterricht erteilten elf Lehrkräfte. Erstmals unterrichteten zwei Studienassessorinnen (SchA, C III 16, Überblick über die Lehrkräfte von Oktober bis Dezember 1945; Die Lichte Au 27, 1977, S. 21;  R. Vogt 2006, S. 238). Alle Schüler waren  probeweise in die nächste Klasse aufgerückt und Jungen und Mädchen waren ohne Aufnahmeprüfung in die 1. Klasse (heutige 5. Klasse) aufgenommen worden. Die Probezeit betrug drei Monate (Protokoll der LK 10.11. 1945). 

Der Neustart der Oberschule bedeutete trotz des Bruchs mit der NS-Vergan-genheit keinen Start beim Nullpunkt, denn nun waren wieder Bildungsziele und pädagogische Haltungen der Zeit vor 1933 gefragt. Die nationalsozialistische Ideologie wurde von der Besatzungsmacht nicht nur aus der Öffentlichkeit, den  Amtsräumen und Klassenzimmern verbannt, verständlicherweise folgte eine Säuberung der Büchereien, aber auch der Hefte und Aufschriebe der Schüler. Einige Änderungen bzw. Reformen setzte die Besatzungsmacht sofort durch.  Geschichts- und Erdkundeunterricht blieben vorerst verboten (Klassenbücher 1945/ 46).  Französisch wurde für alle Schüler der Klassen 1 bis 5 Pflichtfach und löste damit Englisch als erste Fremdsprache ab. Französisch wurden  in den ersten vier Klassen  jeweils sechs Stunden unterrichtet. Religion konnte wieder in allen Klassen unterrichtet werden und der Sportunterricht wurde für alle Klassen auf zwei Stunden verkürzt.  Anton Emter durfte einen Schülersportverein gründen, ein wichtiges Freizeitangebot in einer Zeit, als die Besatzungsmacht Sportvereine noch verboten hatte.

Lehrkräftemangel herrschte aus vielerlei Gründen: Lehrer waren im Krieg gefallen,  vermisst  oder noch in Kriegsgefangenschaft, wegen politischer Belastung vom Dienst suspendiert oder an eine andere Schule strafversetzt. Von zwölf Lehrern waren am 30.4.1945 an der Hechinger Oberschule acht Lehrer Mitglied in der NSDAP gewesen (SchA, Ordner C 4, Schreiben des Schulleiters an das gouvernement militaire in Hechingen vom 25.3.1949, betr. Entnazifizierung.). Von diesen acht belasteten Lehrern hat bis 1949 nur einer den Beamtenstatus  nicht wiedererlangt. Nach und nach änderte sich die Zusammensetzung des Kollegiums. 1947  waren von 14 Lehrern und Lehrerinnen nur noch sechs ehemalige NSDAP-Mitglieder (SchA, Anlage zu Tgb. Nr. 66/1947, Ordner A II).

Um einen ungestörten Neubeginn des demokratischen Schulwesens nicht zu gefährden, ordnete die französische Militärregierung an, ehemalige Führungskräfte  der HJ und des BDM (ab Gefolgschaftsführer bzw.  Jungmädel-gruppenführerin) und ehemalige Angehörige nationalsozialistischer höherer Parteischulen wie z. B. der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten vom Schulbesuch vorerst grundsätzlich auszuschließen. Mit einer Erklärung zu politischer Abstinenz und  der Verpflichtung zu loyalem Verhalten konnten diese Schüler jedoch  bei der Militärregierung ihres Kreises um eine Ausnahmebewilligung nachsuchen (Ordner E 1, Schreiben der Landesdirektion für Kultus, Erziehung und Kunst in Tübingen an alle höheren Schulen vom 20.12.1945).

Der Oberschule wurden im Spätherbst 1945 die beiden Studienassessorinnen Maria Remark und Auguste Speidel zugewiesen. Beide waren der NSDAP nicht beigetreten waren, so gingen sie 1947  aus den Spruchkammerverfahren als „unbelastet" hervor (Schreiben des Schulleiters Dr. Fischer an das Kultusministerium vom 18. Juli 1949, SchA C I, 1). Maria Remark war die Tochter des in Hechingen nicht unbekannten Dr. Peter Remark, der von 1911 bis 1917  als junger Lehrer am Reformrealgymnasium unterrichtet und dem man den Vorsitz des Kleintierzuchtverein angetragen hatte. Vor 1933 war er aktiv in der kath. Zentrumspartei aktiv betätigt gewesen und hatte sich nach seiner Entfernung aus dem Schuldienst im Owingen niedergelassen. Zu seiner Überraschung ernannte ihn die französische Militärregierung im Juni 1945 zum Landrat des Kreises Hechingen. Seine Tochter Maria war 1943 mit ihren Schülerinnen und Schülern von Duisburg-Hamborn ebenfalls nach Süddeutschland ausgewichen; sie waren in das von alliierten Luftangriffen weniger bedrohte Ellwangen evakuiert worden (M. Remark 1999, S. 64 ff.).  

Der ehemalige Oberschulamtspräsident Prof. Hans Pitsch beurteilte in seinen  Thesen zur Schulwirklichkeit in Baden-Württemberg die Lehrergeneration in den Nachkriegsjahren wie folgt: „ Die Verdienste einer Lehrergeneration, die noch nationalsozialistische Herrschaft und Zusammenbruch von 1945 persönlich erfahren und aus der Tradition der pädagogischen Reformbewegung vor 1933 vorbildlich am Wiederaufbau des Schulwesens mit gewirkt hat, können nicht hoch genug eingeschätzt werden.“ (Hans Pitsch: Bildungspolitische Zielsetzungen Band 1, S. 67)

Aus der Sicht  des französischen Kreisgouverneurs Roger Courtois (August 1947 bis Ende August 1950) waren die von den örtlichen deutschen  Untersuchungs- und Säuberungsausschüssen dem Staatskommissar vorgeschlagenen Entnazifizierungsmaßnahmen verhältnismäßig mild (R. Courtois 1999, S. 340; H. Speidel 1985, S. 255-269); deshalb setzte er sich oft für Verschärfungen ein. Wegen vielfältiger Klagen ordneten  die Rechtsanordnungen vom 28. Mai 1946 und vom 25.4.1947 die politische Säuberung neu, um eine schnellere und auf den Einzelfall besser abgestimmte Urteilsfindung zu erreichen. Der Sitz des Staatskommissariats  für politische Säuberung wurde schließlich von Reutlingen nach Tübingen verlegt (M. Steinhart 1991, S. 250-252; R. Vogt 2006, S. 234; siehe auch Findbuch zum Bestand Wü 13 T 1/Einführung.  Staatsarchivs Sigmaringen,https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/ einfueh.php?bestand=592). Im Juli 1947 erhielt der Schulleiter der Oberschule von der Landesdirektion für Kultus, Erziehung und Kunst Tübingen ein Schreiben des Staatssekretariats für die politische Säuberung, in dem er aufgefordert wurde, für den Hechinger Kreisuntersuchungsausschuss zwei geeignete Beisitzer vorzuschlagen. Anfang August konnte Dr. Fischer mitteilen, dass er in den Studienräten Hans Freund und Anton Emter zwei geeignete Lehrer gefunden habe, die über 30 Jahre alt seien und nicht Mitglied oder Anwärter der NSDAP gewesen seien (Ordner A II, 11, Schreiben der Landesdirektion für Kultus an die Oberschule vom 24. Juli und Antwortschreiben vom 5. August 1947).

Als Grundlage für die Entnazifizierungsmaßnahmen auf Kreis- und Landesebene dienten die vierseitigen zweisprachigen Fragebogen vom Herbst 1945. Sie betrafen die Mitgliedschaft, den Eintrittszeitpunkt und die Funktionen in der NSDAP und ihren 32 Unterorganisationen. Zur Entlastung konnten „Gutachten“ -  z. B. Zeugenaussagen unbelasteten Personen wie Pfarrern, Richtern, Stoffverteilungspläne usw.  - eingereicht werden (siehe SchA, Personalakte Liebetanz und Dr. Gradl, den der Ortsgruppenleiter  der NSDAP Weidle  bei einem „Jugendappell“  angegriffen und für „fallreif“ erklärt hatte). Bei den seit April 1947 in Tübingen durchgeführten Spruchkammerverfahren  zogen sich  manche Verfahren über ein Jahr hin, bevor  Sühnemaßnahmen bestätigt oder revidiert wurden. Ein Lehrer war z. B. 1947 für mehrere Monate ohne Bezüge entlassen, 1948 jedoch wieder eingestellt worden (SchA, A 2 Schreiben vom 31.7.1947).                                                                                                                                 

Erste Seite eines Fragebogens zur Entnazifizierung vom Herbst 1945

Erste Seite eines Fragebogens zur Entnazifizierung vom Herbst 1945

 Von den 13 vor Beginn der militärischen Besetzung 1945 beschäftigten Lehrern waren fünf nicht in die NSDAP eingetreten und von den „Parteigenossen" wurden acht als „Mitläufer" eingestuft (SchA, Schreiben des Schulleiters Dr. Fischer an das gouvernement militaire du Wurtemberg in Hechingen vom 15.6. und vom 18.7.1949, SchA, CI, 1; vgl. Kepler-Gymnasium Tübingen, 2010, S. 48-50). Am 18. Juli 1949 teilte OStD Dr. Fischer dem Kultministerium Tübingen den folgenden Stand der Entnazifizierung der 16 Lehrkräfte der Oberschule mit: Als unbelastet waren aus dem Spruchkammerverfahren der Schulleiter Dr. Fischer und eine heimatvertriebene Studienrätin hervorgegangen, acht wurden als „Mitläufer“ eingestuft, zwei erhielten den Bescheid „ohne Maßnahmen“ und zwei trafen relativ harte Sanktionen (Ordner C I, 1). Bis 1948 wurden gegen die Lehrer folgende  Sanktionen verhängt: Sieben Lehrer wurden ein bis vier Jahre um zwei bis vier Dienstaltersstufen zurückgestuft, ein Lehrer erhielt eine zweijährige Beförderungssperre, ein Oberstudienrat war für fünf Jahre ohne Bezüge entlassen, am 15. Januar 1948 aber als Studienrat wieder eingestellt worden (SchA, Ordner A III, Liste der an der Oberschule beschäftigten Lehrer vom 31.7. 1947, betr. Säuberungssanktionen; Monatsbericht vom 30.4.1948). Deutlich härtere Sanktionsmaßnahmen trafen den 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten ehemaligen Schulleiter OStDir Dr. Schmitt (1931-1945), der zunächst nicht in den Schuldienst  übernommen wurde.  Am 12. Februar 1948 war ihm aufgrund der Entscheidung der Spruchkammer IX für politische Säuberung zudem die politische Wählbarkeit und das Recht, einer politischen Partei anzugehören, auf die Dauer von drei Jahren aberkannt worden (SchA, Ordner C 4, Schreiben der Staatlichen Oberschule Hechingen an das Kultministerium vom 18.7.1948, betr.: Stand der Entnazifizierung). Zum Abschluss kam sein Spruchkammerverfahren aber erst Ende 1949. Seiner Personalakte ist u. a. zu entnehmen: Von 1927 bis April 1933 war er Mitgliedder demokratischen Zentrumspartei, von Oktober 1933 bis 1938 in der SA-Reserve und seit 1937 Mitglied in der NSDAP. Er habe sich allen Kollegen gegenüber loyal verhalten und sich 1929 mit der Schrift „Im Kampf um den Frieden: für deutsch-französische Verständigung" deutlich gegen die Nazis abgegrenzt. Auf Grund von offenbar neu vorgetragenen Beweismitteln und einer Neubewertung seiner Tätigkeit und seines Verhaltens von19 33-1945 korrigierte die Spruchkammer II des Staatskommissariats für die politische Säuberung des Landes Württemberg-Hohenzollern am 20.12.1949 rechtskräftig die anfangs vom Staatskommissariats Reutlingen am 13.11.1947 ausgesprochenen Sühnemaßnahmen: „(Gehaltsstufe) 11b, 11c auf drei Jahre, Belassung als Studienrat unter Zurückstufung um 4 Stufen, kann nicht Schulleiter werden“. Dr. Schmitt wurde ferner nur als „Mitläufer“ eingestuft  (SchA, Personalakt J. A. Schmitt, beglaubigte Kopie des Spruchkammerentscheides vom 20.12.1949, Az.: 6/RB/71; JB 1948/49).

 

Folgende drei Entwicklungen erklären die veränderte Handhabung der politischen Säuberung ab etwa 1948: der zunehmende Abstand von den Schreckensjahren des Dritten Reiches, die Verrechtlichung der Kriterien für die Urteilsfindung der Spruchkammern, die sich zuspitzende Ost-West-Konfrontation und der „Sog des westlichen Integrationsprozesses“.  Dabei waren nicht wenige Urteile immer wieder „eine Zumutung  für elementares Gerechtigkeitsempfinden“ und ein Affront gegenüber „Entlasteten“ und NS-Verfolgten (K.-D. Henke 1981, S. 198). Andererseits fühlten sich Beamte im Vergleich zu Freiberuflern in der Wirtschaft oft benachteiligt, da diese mit einer meist deutlich niedrigeren Pauschalsumme und nicht mit einer Gehaltsrückstufung bestraft wurden (SchA, A II, Monatsbericht für die Militärverwaltung vom 31.1.1948).

In den beiden ersten Nachkriegsjahren fehlten an den Schulen neben unbelasteten Lehrern auch Hefte, Stifte, Bücher und Heizmaterial. Anfang 1946 musste wegen der strengen Kälte der Unterricht drei Wochen ausfallen. Im Mai 1946 schrieb Dr. Fischer im ersten Monatsbericht an die französische Militärregierung: „An Büchern sind nur fremdsprachliche vom Staatssekretariat in Tübingen genehmigte Lesehefte vorhanden, alle übrigen Bücher fehlen.“ (Ordner A III,12.5.1946). In der Lehrerkonferenz vom 2. Juli 1946 konnte Dr. Fischer immerhin mitteilen, dass folgende Bücher aus dem Lehrmittelverlag Offenburg zugelassen wurden: für Französisch das dreibändige Lehrwerk „Lehrbuch der französischen Sprache“  von Louis Marchand, für Deutsch und Latein verschiedene Ganzschriften sowie für Geschichte das Lehrwerk „Geschichte des Altertums“ von Gottfried Frey. Das Französisch-Lehrbuch wurde im September 1946 angeschafft werden (Protokoll der LK 2.7.1946; Ordner A III, Monatsbericht vom 7.1.1947). Da für Geschichte nur der Band Altertum vorlag, durfte in allen Klassen nur diese Epoche behandelt werden, der "Gesamtlernstoff" erst ab 1949 (Protokoll der LK vom 2.7.1946 und 1.9.1949; Ordner F 7, Mitteilung des Kultministeriums von Württemberg-Hohenzollern 15.7.1949). Die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit war dadurch sehr erschwert. Andererseits bot die Schulverwaltung bereits ab Januar 1946 zahlreiche zum Teil einwöchige Fortbildungskurse für Französisch, Geschichte und Biologie an, die von Lehrern der Schule dankbar angenommen  wurden (SchA, Ordner C III, Berichte an die Militärregierung vom 12.5. und 4.10.1946). Junge  Assistenten bzw. Assistentinnen aus Frankreich bereicherten jahrelang den Französischunterricht (Ordner C III, 1946, 1948).

Das Ansteigen der Schülerzahlen von 332 am 1. Dezember 1945 auf 433 am 1. September 1948 hatte verschiedene Ursachen: die Rückkehr von Wehrmachtsangehörigen, erste Flüchtlinge bzw. Heimatvertriebene  aus dem deutschen Osten und aus dem donauschwäbischen Siedlungsgebiet und die hohe Neuaufnahmequote in die 5. Klasse.

Ein Schreiben der französischen Militärregierung in Baden-Baden vom 2. November 1945  kündigte die Einstellung von französischen Assistenten bzw. Assistentinnen (Studenten bzw. Studentinnen) an. Eine letzte diesbezügliche Mitteilung ist einem Schreiben des Oberschulamtes Tübingen vom 25. Juli 1960 betr. das folgende Schuljahr zu entnehmen (Ordner C I, 3; Monatsberichte der Jahre 1947 und 1948; JB 1948/49).

1946

In einem Schreiben vom 20. Februar 1946 wies die Landesdirektion für Kultus, Erziehung und Kunst (Tübingen) die höheren und berufsbildenden Schulen darauf hin, dass die Schüler monatlich einmal zu unterrichten seien, dass die Besatzungsmacht  beim Hissen und Einholen ihrer Flaggen an öffentlichen Plätzen und Gebäuden  Respekt erwarte, „indem sie (die Schüler) stehen bleiben, Front zur Flagge nehmen und gegebenenfalls die Kopfbedeckung abnehmen“ (SchA Ordner A III).

Im Jahr 1946 fand zum letzten Mal die Reifeprüfung für die Schüler und Schülerinnen der 8. Klasse statt. Die Prüfung für die „Kriegsabiturienten“ wurde auf den Ostertermin vorgezogen. Mit elf  Schülerinnen und 19 Schülern gab es 1946 einen ungewöhnlich großen Abiturjahrgang. Einer der sechs Kriegsteilnehmer schrieb in seinem am 19. Februar 1946 eingereichten Lebenslauf über  seine bedrückenden  Erlebnisse in den beiden letzten Jahren: "Erleichtert atmete ich auf, als ich am 3.12. 44 vom Tyrannenlager des RAD (Reichsarbeitsdienst) entlassen wurde. Nach kurzem Urlaub erreichte mich am 18.12.44 der Stellungsbefehl zur Luftwaffe nach Berlin. Schweren Herzens musste ich kurz vor Weihnachten vom Elternhaus wieder Abschied nehmen, denn jetzt hieß es, eine noch bitterere Pille schlucken. Das Unglück des irregeführten und betrogenen deutschen Volkes war inzwischen maßlos geworden . . . Die immer näher rückende Front ließ auch uns noch zu jungen Kämpfern werden, und so erlebte auch ich während 4-monatiger Frontdienstzeit die Schrecken des Krieges. Als das "1000-jährige Reich" in Stücke zerbrach, landeten wir Soldaten in englischer Gefangenschaft. In sechsmonatiger Gefangenschaft musste ich um das Schicksal meiner Angehörigen bangend die Folgen des verlorenen Krieges tragen. . . Am 10.10.45 kehrte ich in die Heimat zurück. Ich entschloss mich, sofort wieder zur Schule zu gehen." (SchA, Ordner Reifeprüfung 1946, Lebenslauf von L. H.)  

Der Hechinger Abiturient Friedrich Beutter schilderte und reflektierte 1946 seine Erlebnisse nachdenklich und kritisch. Er kam aus einem intakten katholischen Milieu, war früh Ministrant an der Stiftskirche geworden und hatte eine enge kirchliche Bindung entwickelt. Seine Erlebnisse von 1943 bis Anfang 1946 hatten ihn in seiner Distanz zu totalitären Ideologien bestärkt. 1943 war er ohne Reifeprüfung vom Reichsarbeitsdienst und anschließend von der Wehrmacht  eingezogen worden, in Südfrankreich in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, in den amerikanischen Staaten Tennessee und Alabama in Stacheldraht-Camps interniert, im Januar 1946 völlig abgemagert nach Hechingen zurückgekehrt. Die Abiturzeitung „Finale“ stellte ihn als  "Methusalem der Klasse“ vor, der auf jedem Kleidungsstück ein „PW“ (prisoner of war)  trug und mit dem man am besten eine Unterhaltung auf Englisch führte (Abiturzeitung „Finale“ zum Abitur der 8. Klasse am 6.7.1946, HHB K 912, X; Münk, Hans J. , Gedächtnisansprache für Prof. Dr. Dr. Friedrich Jakob Beutter beim Requiem der Theologischen Fakultät Luzern am 6.10.2010, in: http://www.unilu.ch/files/Beutter-_ REQUIEM.pdf, eingesehen am 20.8.2013).

Am Ende des ersten Schuljahres im Juli 1946 wurden die Abiturienten mit  einer feierlichen Schlussfeier verabschiedet, diesmal im Museumssaal; wie vor 1933 begann der letzte Schultag mit  einem feierlichen Gottesdienste. Die Verabschiedung der Abiturienten umrahmten Deklamationen in französischer, englischer und deutscher Sprache. Die Feier war ein beredtes Zeugnis für einen gelungenen Neuanfang. Das Schwäbische Tagblatt sprach von „einem neuen Geist der Oberschule“. Schulleiter Dr. Fischer begrüßte drei hohe französische Gäste, den Unteroffizier der franz. Militärregierung Tübingen sowie den Gouverneur des Kreises Colonel (Oberst) Brochu und Capitaine (Hauptmann) Schlaeder auf Französisch und dankte ihnen für ihr Wohlwollen. Der Abiturient Beutter hielt eine beeindruckende Rede. Sie schloss mit den  Worten: “Ich lebe mein Leben in wachsen Ringen, die sich über die Dinge ziehen. Unvollendetes soll ergänzt, Fehlendes nachgeholt werden. Neues Wissen erworben und neue Einsicht – Einkehr und Umkehr - aus unserer Heimkehr werden.“ (Schwäbisches Tagblatt Nr. 60, Ausg. Hechingen, 30.7.1946; SchA,  A III, Monatsbericht für die Militärverwaltung vom 31.7.1946)

Die Lage auf dem Ernährungssektor war im Jahr 1946 „niederschmetternd“. Mitte 1946 lagen die Normalrationen in der französischen Besatzungszone offiziell sogar nur bei 900 Kalorien und damit deutlich unter dem Existenzminimum von 1500 Kalorien (E. Wolfrum 1993, S. 99-100. In: Beiheft der Francia, hrsg. vom Deutschen Historischen Institut Paris Bd. 27). Das folgende Jahr brachte keine Verbesserung. Die Lebensmittelversorgung blieb im Kreis Hechingen bis ins Jahr 1950 schwierig (H. Speidel: Der Landkreis Hechingen 1945-1955, in: ZHG 1985, S. 258-259). In Bezug auf die Oberschule klagte im Juni 1947 OStD Dr. Fischer in einem Bericht  an die französische Militärregierung: Die Ernährung geht nicht nur mengenmäßig zurück, was die ständige Gewichtsabnahme nahe lege und wegen des Eiweiß-, Fett- und Fleischmangels, „lässt auch die geistige Leistungsfähigkeit bedenklich nach." (SchA,  A III, Bericht vom 22.6.1946). Die Eltern benötigten die Hilfe ihrer Kinder für die  Haus- und Gartenarbeit „restlos“, wie Dr. Fischer in seinem Monatsbericht klagte (SchA, Ordner C III, Monatsbericht an die Militärregierung 12.5.1946). Eigene Freizeitgestaltung fiel unter den Tisch. Wegen Kohlemangel waren die Weihnachtsferien 1946/47 verlängert worden.

Die Umerziehung der Jugend sollte nach einem Erlass der Landesdirektion für Kultus in Tübingen „mit Behutsamkeit und Takt erfolgen", vermerkte das LK-Protokoll der GLK vom 5. März 1946. Dazu gehörte auch, den Schülern Respekt vor den Symbolen der Besatzungsmacht zu vermitteln (SchA, C 2, 20.2. 1946). Die Urteile von Zeitzeugen über die Nachkriegsjugend fallen sehr unterschiedlich aus: So glaubte der  französische „Kreisgouverneur“ Roger Courtois rückblickend, einen Anstieg von Amoralität und Atheismus sowie zu schwachen Glauben an Ideen von Freiheit und Demokratie beobachtet zu haben (R. Courtois: Der Kreis Hechingen, 1999, S. 350). Ein vergleichbar negatives Urteil fällte der Tuttlinger Kreisgouverneur Jean Lucien Estrade in seinem Rechenschaftsbericht: "Im Juli 1946 ist die Jugend immer noch so verschlossen, misstrauisch und skeptisch der Zukunft gegenüber eingestellt." (J. L. Estrade 1989, S. 135) Der Hechinger Schulleiter Dr. Fischer notierte dagegen im Sommer 1946: „Die charakterliche Haltung der Schüler und Schülerinnen zeigte eine beachtenswerte Höhe . . .  Aufgeschlossenheit für den demokratischen Gemeinschaftsgedanken und die Idee der Völkerverständigung waren unverkennbar.“ (JB 1945/46, S. 3) In dem Bericht an die französische Militärverwaltung vom 8. Juli 1946 lobte der Schulleiter die katholischen Schüler, die fast geschlossen „an den kirchlichen Veranstaltungen (Prozessionen) an Christi Himmelfahrt, Fronleichnam (und) am Jugendtag"  teilnähmen. 

Kritisch äußerte sich dagegen Studienrat Dr. Hermann Casaretto (1884-1969) in zwei handschriftlichen Monatsberichten an die Militärregierung vom 1. Februar und vom 30. September 1948: „Die moralische Verfassung der Schüler zeigt noch verheerende Einwirkungen des Krieges und der nationalsozialistischen Erziehungsmethoden." In  dem Bericht vom 20. Dezember 1948 führte er einen weiteren Grund an: „Die noch immer in weiten Kreisen der Bevölkerung vorhandene Unmoral in Handel und Wandel (Missachtung der Ablieferungspflicht, Schwarzhandel, ungenügende Steuermoral) üben leider auch auf die Gesinnung der Schüler(innen) einen demoralisierenden Einfluss aus und veranlassen sie zu Täuschungen und Ähnlichem."  (SchA, A III)

Dem Lehrerkollegium stellte Schulleiter Dr. Fischer 1946 ein gutes Zeugnis aus. Im Monatsbericht an die franz. Militärregierung bedauerte er einerseits die miserablen Rahmenbedingungen (Schulräume, Schulbücher, Ernährungslage usw.), andererseits lobte er wörtlich „den rastlosen Einsatz seiner Kollegen bei ihrem Bemühen, die beklagenswerten Verwüstungen zu beseitigen, welche der Nationalsozialismus . . . in der geistigen Verfassung unserer Jugend zurückgelassen hat.“ (Ordner A III, Monatsbericht vom 31.7.1946) Seine eigene Position beschrieb er wie folgt: „Die totale Ausmerzung jedes Restes nationalsozialistischen und militaristischen Geistes ist mir nicht nur Sache strengster Pflichterfüllung als Leiter der Oberschule, sondern auch innerstes Anliegen persönlicher Überzeugung." (SchA, A II, 11) 

Die Klassenstärken schwankten zwischen 53 in der zweiten und 20 in der siebten Klasse. Ab dem Schuljahr 1946/47 gab es wieder eine 9. Klasse.

Bis in die 50er Jahre stellte niemand die Erhebung von Schulgeld  in Frage (Diensttagebuch 22.3., 27.5., 3.6. und 23.9. 1946, 10.6. 1947, 2.8. 1948). Zahlreichen Schülern erließ die Schule wie früher das Schulgeld ganz oder zur Hälfte, z. B. im Schuljahr 1947/48 zwölf bzw. 34 Schülern (Protokoll der LK vom 13.11.41947). Die rechtliche Grundlage für die Erhebung des Schulgeldes waren preußische Gesetze von 1930, 1938 und 1939 und Bekanntmachungen der Landesdirektion für Kultus, Erziehung und Kunst in Tübingen über Schulgeld von Ausgewiesen der Jahre 1946, 1947 und 1949. Erst ab 1. April 1954 wurde das Schulgeld in Hohenzollern an den württembergischen Hebesatz angepasst und damit um 30 % reduziert  (SchA, Ordner I 2, Schreiben des Regierungspräsidiums Württemberg-Hohenzollern Schulamt vom 4. 3. 1954, AV 609; Schreiben des Regierungspräsidiums Württemberg-Hohenzollern Oberschulamt vom 13.4.1954).

Die von der Unterrichtsverwaltung angeordnete „wöchentliche Groschensammlung für den Kriegsgefangenendienst“ wurde einem Lehrer anvertraut, der sie monatlich vornehmen sollte (Protokolle der LK vom 24.9.1946, 29.1.1947,  30.3.1949, 8.4.1949 und 19.1.1950).

1947

„Der Anstaltsleiter gibt dem Kollegium die Gründung eines Philologen-verbandes bekannt und betont die Notwendigkeit einer solchen Organisation zur Vertretung der Standesinteressen.“ (Protokoll der LK 17.3.1947) Die Gründung des Gesamtverbandes der Lehrkräfte an Höheren Schulen für alle deutschen Länder, kurz: des Deutschen Philologenverbandes, erfolgte am 25. September 1947 in Bad Homburg (B. Fluck 2003, S. 149).

Die Schulen bekamen verbindliche Lehrpläne. Ein besonderes Gewicht behielt das Fach Französisch (G. Friederich 1991, S. 247).Die Direction de l'Education Publique der französischen Militärregierung schrieb für die Reifeprüfung im Sommer 1947 vor: die Einführung eines am französischen Baccalauréat/Abitur orientierten Zentralabiturs, verschärfte Prüfungsverfahren, anonyme Korrektur  und ein zwanzigstufigem Punktesystem (Protokoll der LK 2.12.1947; H.-W. Fuchs 2004, S. 48 f.; G. F. Nüske 1982, S. 296). Schulleiter Dr. Fischer setzte sich für eine Korrektur an den überzogen strengen Abiturrichtlinien ein und verwies auf die „erheblich leichteren Bedingungen“ in den beiden anderen westlichen Besatzungszonen (SchA, Ordner A II, 10, Bericht an die Militärregierung vom 1.7.1949).

Weitergehende Pläne der amerikanischen, englischen und französischen Militärverwaltungen zum Umbau des deutschen Schulwesens  scheiterten weitgehend am Widerstand der Deutschen in Politik, Verwaltung und Kirche. So blieb z. B. das gegliederte deutsche Schulsystem in den Westzonen erhalten (H.-W. Fuchs: Gymnasialbildung im Widerstreit. Die Entwicklung des Gymnasiums seit 1945. Frankfurt a. M. 2004, S. 46 ff.).

In einem Schreiben vom 24. September 1947 an den französischen Kreisgouverneur Courtois sprach Schulleiters Dr. Fischer die hohe Belastungen der Lehrer an. Er klagte, dass die Lehrer unter der Mangelernährung und fünf Kollegen unter der Beschlagnahme ihrer Wohnungen mitsamt ihren für die Unterrichtsvorbereitung wichtigen Bibliotheken leiden und bat um Freigabe der Wohnungen (SchA, Ordner A II).

 Nachkriegszeit

In einem Schreiben an den französischen Kreisgouverneur Courtois weist der Schulleiters Dr. Fischer auf die hohe Arbeitsbelastung der Lehrer hin, u. a. wegen Mangelernährung und Beschlagnahme ihrer Wohnungen durch die Besatzungsmacht (SchA Ordner A II)

Am  2. Dezember 1947 vereidigte der Schulleiter die Lehrerinnen und Lehrer auf die neue Verfassung des Landes Württemberg- Hohenzollern (Protokoll der LK 2.12. 1947).

In den Nachkriegsjahren wurden die Schüler monatlich gemessen und gewogen (Protokolle der LK  24.9.1946, 29.1.1947 und 8.4.1949, 9.11. 1949). Bei vielen Kindern und Jugendlichen wurde Untergewicht festgestellt. Am Nikolaustag ließ  Bürgermeister August Pretzl sechs Zentner Äpfel und 286 Hanselmänner an die Oberschüler unter 15 Jahren verteilen (Protokoll der LK  2.12.1947).

Die Schule beteiligte sich ab 1947 an der Vergabe des vom Volksbund für Dichtung vergebenen Scheffelpreises für die beste Abiturleistung im Fach Deutsch (E 18, 20.6.1947). 

Im Einverständnis mit dem Bischöflichen Ordinariat und dem Evangelischen Oberkirchenrat ordnete die Landesdirektion für Kultur, Erziehung und Kunst 1947 an, "dass an allen Schulen die erste Stunde am Mittwochvormittag für Schülergottesdienste freigehalten wird." Die Teilnahme sei für Lehrer und Schüler freiwillig (Ordner F 6, 19.2.1947).

1948 

Am  25. Juni 1948 konnte das alte 1909 bezogene Schulgebäude in der Heiligkreuzstraße endlich wieder genutzt werden (Schwäb. Tagblatt 27. 7. 1948). Die naturwissenschaftlichen Sammlungen waren jedoch weitgehend verloren gegangen (Ordner A III, Monatsbericht vom 12.5.1946). Auch die Turnhalle hatte die Schule bis mindestens Ende Mai nicht nutzen können, da sie der Stadt als Möbeldepot diente (Protokoll der LK 26.5.1948).

Die Schülerzahl der ersten vier Klassen war recht hoch, sie bewegte sich zwischen 39 und 62 Schülern.

Die Zusammensetzung der Lehrerkollegien veränderte sich nicht nur durch Entnazifizierungsmaßnahmen, sondern auch durch die Anstellung von heimatvertriebenen Lehrern und Lehrerinnen. An der Hechinger Oberschule kam z. B. Dr. Gertrud Hasselbaum, eine gebürtige Ostpreußin. Bis 1945 hatte sie in Bischofsburg als Studienrätin in ihrer ostpreußischen Heimat unterrichten, nach der Flucht von 1945 bis 1947  in einem  Flüchtlingslager in Dänemark gelebt und dort Flüchtlingskinder von internierten Deutschen unterrichtet (Hintergrundmaterial in: A. Gammelgaard: Ungeladene Gäste 1985). 1948 erhielt sie in Hechingen eine Stelle als Aushilfslehrerin, später als Studienrätin für Biologie, Chemie und Physik. Frau Dr. Hasselbaum ging aus dem Spruchkammerverfahren mit  einem „unbelastet“ hervor (SchA, Personalakte; Die Lichte Au 14, 1965, S. 15-16; Ordner C 1, Schreiben des OStD Dr. Fischer an das Kultusministeriums Tübingen vom 18. Juli 1949).

Die Beziehungen zwischen der französischen  Militärregierung des Kreises und der Oberschule waren nach dem Urteil des Schulleiter Dr. Fischer  von Anfang an von „Interesse und Wohlwollen" geprägt. In dem Monatsbericht für die Militärverwaltung vom 27. Dezember 1947 bedankte er sich bei dem inzwischen nach Tübingen versetzten Kreisgouverneur Oberst Brochu für die „harmonische und verständnisvolle Zusammenarbeit". Mit diesem sehr positiven Urteil stand Dr. Fischer nicht allein, der ehemalige Landrat Speidel bestätigt Brochu eine „korrekte und humane Amtsführung“ (H. Speidel 1895, S. 252).  

Der nach Ende des Zweiten Weltkriegs von General Raymond Schmittlein, dem Leiter für öffentliche Bildung bei der französischen Militärregierung in Baden-Baden, gegründete Lehrmittelverlag Offenburg-Mainz versorgte auch Hechingen mit Schulbüchern für Französisch, Geschichte und Erdkunde, nur für den Mathematikunterricht lieferte der Klett-Verlag aus dem in der amerikanischen Besatzungszone liegenden Stuttgart die nötigen Schulbücher (Ordner A III, Anhang zum Bericht vom 1.10.1948).

Für Widerspruch und Unruhe bei Schülern und Lehrern sorgte die 1947 durch die französische Militärregierung in Baden-Baden eingeführte zentrale schriftliche Abiturprüfung mit einer mündlichen Prüfung durch schulfremde Lehrer.  Die Monatsberichte der Schule an die Militärregierung nannten folgende Gründe für die Ablehnung: Die vorausgegangene schulische Leistung werde nicht berücksichtigt und die mündliche Prüfung  von schulfremden Lehrern abgenommen. In Mathematik, Physik, Chemie und Biologie fehlen die Lehrbücher; auch sei die beabsichtigte strenge Auslese zu kritisieren (Ordner A III, Monatsberichte für die Militärverwaltung vom 20.8.1947,  31. 1., 1. 2.  und 1.10.1948). Trotz gewisser Zugeständnisse waren die Lehrer mit den Durchführungsmodalitäten des mündlichen Abiturs auch in den folgenden Jahren sehr unzufrieden. Sie sprachen gar von der "diktatorischen Macht" schulfremder Prüfer (Protokoll der LK vom 6.10. 1952).

Direktor Dr. Fischer empfahl den Lehrern, „auf dem Wege zur und von der Klasse nicht zu rauchen" (Protokoll der LK vom 9.12.1948). Ob Prügel und Arrest in den ersten Nachkriegsjahren in den unteren Klassen „an der Tagesordnung“ waren, wie eine ehemalige Schülerin schreibt, lässt sich anhand der Konferenzprotokolle und Jahresberichte nicht überprüfen (A. Lamey 2004, S. 154-155).

Der Empfehlung des Schulleiter Dr. Fischer, dem  „Verein (Verband) der Lehrer an höhere Schulen in Württemberg und Hohenzollern“ beizutreten, folgten fast alle Lehrer (SchA, Ordner A III, Bericht an die Militärregierung vom 1.7.1949). Als Schulvertreter wurde OStR Dr. Schmitt, der zurückgestufte ehemalige Schulleiter, gewählt. Der Jahresbetrag betrug 1949 sechs DM (Protokoll der LK  2.9.1948  und 6.5.1949).

Ende des Jahres 1948 lagen endlich für alle Klassen neue Lehrpläne des Kultministeriums Tübingen vor (Ordner A III, Bericht für die franz. Unterrichtsverwaltung vom 20.12.1948).

5.2   Heimatvertriebene und geflohene Kinder nutzen Bildung und Leistung als Chance für sozialen Aufstieg und Integration

Der ehemalige Landrat Hans Speidel berichtet (Der Landkreis Hechingen 1945-1955, in:  ZHG 21. Band, 1985, S. 261), dass die ersten Flüchtlinge in den beiden ersten Nachkriegsjahren fast immer Einzelpersonen oder Einzelfamilien gewesen seien. Da die französische Besatzungsmacht  bis 1947 ein absolutes Zuzugsverbot für jede größere Aufnahme von Vertriebenen und Flüchtlingen  erlassen hatte,  trafen in Hechingen erst ab 1947  zahlreiche Transporte bzw.  Sonderzüge mit Heimatvertriebenen und Flüchtlingen ein (H. Speidel 1985, S. 262). Studienrat Faßbender hatte von der franz. Militärregierung den Auftrag erhalten, zusammen mit der Vorsitzenden des Roten Kreuzes Luise Sträßle, sich mit unterstützt der Caritas und des Evangelischen Hilfswerkes  um die Unterbringung der Neubürger zu kümmern. Auch an der Oberschule stieg durch den Zuzug der Neubürger die Schülerzahl (M. Schaab 1992, S. 226; vgl. den Altkreis Sigmaringen betreffend W. Rößler 2011/12, S. 328 ff.; SchA A II, Monatsbericht für die Militärverwaltung vom 6.3.1947; die Lichte Au 16 1966, S. 31). Mit Zustimmung der französischen Besatzungsmacht kamen zwischen Juli 1947 und Februar 1949 vier große Flüchtlings-Transporte aus Lagern in Dänemark nach Württemberg-Hohenzollern, in den Kreis Hechingen 1947 244 Flüchtlings-Frauen, 163 Kinder und 89 Männer (Andrea Kühne 1999, S. 148-153). Im Vergleich zur amerikanischen und britischen Besatzungszonen blieb der Anteil der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen an der Gesamtbevölkerung in Württemberg-Hohenzollern sehr gering, bis Ende 1948 bei vergleichsweisen bescheidenen 4,6 % Prozent. Während Ende 1949 18 % der Gesamtbevölkerung arbeitslos war, lag dieser Prozentsatz bei den „Neubürgern“ bei 33 % (Th. Schnabel & H. Schneider 1991, S. 115 und 123). Erst mit dem Ende 1949 geschlossenen Abkommen, das eine gerechtere interzonale und interregionale Verteilung der Flüchtlinge, Heimatvertriebenen und Ostzonenflüchtlingen zwischen den westlichen Bundesländern vorsah, kamen deutlich mehr Neubürger in die französische Besatzungszone, vor allem aus Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Für die Kreise Hechingen, Sigmaringen, Tübingen und Horb erfolgte die Verteilung dieser Menschen durch die Kreisdurchgangslager Weiher und Lindich. Im Kreis Hechingen stieg die Einwohnerzahl bis Mitte der 50er Jahre vor allem durch den Zuzug von rund 8000 deutschen „Neubürgern“ deutlich an, so dass schließlich jeder fünfte Einwohner ein „Neubürger“ war (H. Speidel 1985, S. 263).

Die ersten größeren Gruppen von  Donauschwaben kamen im Kreis Hechingen 1949 und 1950 an (J. Meng et al. 1972, S. 57). Es waren vor allem Frauen und Kinder (A. Kühne: Entstehung, Aufbau und Funktion der Flüchtlingsverwaltung in Württemberg-Hohenzollern 1945-1952. Sigmaringen 1999, S. 11, S. 148, S. 153 ff.). Viele Heimatvertriebene, mehrheitlich Frauen und Kinder, deren Männer bzw. Väter gefallen oder vermisst waren, wurden  ab 1947 vorübergehend in dem früheren Hechinger Arbeitsdienst- bzw. "Russen-Lager"  im Weiher untergebracht, ab 1949 in den Baracken des Auffanglager auf dem Lindich (H. Speidel 1985, S. 262-263.; A. Lamey 2004, S. 156-161; G. Friederich 1991, S.  247; 1200 Jahre Hechingen 1987, S. 149-150).

An der Hechinger Oberschule war der Anteil der Flüchtlings- und Vertriebenenkinder aus dem Osten und Südosten anfangs sehr gering. 1946/47 betrug ihr Anteil an der Gesamtschülerzahl knapp drei  und 1948/49 knapp fünf Prozent. Erst ab dem Schuljahr 1949/50 lag der Anteil von Kindern mit Flucht- bzw. Vertreibungshintergrund bei über zehn Prozent (Siehe Klassenbücher). Die Klassen 8 und 9 besuchte vom Schuljahr 1947/48 bis 1951/52 durchschnittlich nicht einmal ein Flüchtlingskind (SchA, Klassenbücher, Schüler- und Zeugnislisten). Bis Mitte der Fünfzigerjahre war die Integration am Hechinger Gymnasium vorbildlich gelungen; so vermerkt der Erhebungsbogen für das Statistische Landesamt und das Kultministerium vom 15. Mai 1953 bei einer Gesamtschülerzahl von 413 Schülerinnen und Schülern 18 „Sowjetzonenflüchtlinge“ und 105 Flüchtlings- bzw. aus ihrer Heimat vertriebene Kinder (SchA, E IV,20, Erhebungsbogen für Höhere Schulen vom 15. Mai 1953). Die Schulverwaltung in Tübingen hatte schon früh die mit der Integration verbundenen Herausforderungen erkannt, wie einem Schreiben des Tübinger Landesdirektors für Kultur, Erziehung und Kunst Carlo Schmid (SPD) vom 7. Dezember 1945 an die Bezirksschulämter und die Leiter der Höheren und Berufsschulen zu entnehmen ist. Carlo Schmitt bat insbesondere, „in der Schule die Mitverantwortlichkeit jedes Kindes am Schicksal der Flüchtlinge zu wecken, Mitleid und Hilfsbereitschaft in die Herzen der Kinder zu säen, Verbundenheit zwischen den ansässigen und den Flüchtlingskindern zu stiften, um . . . das schwere Problem der wirklichen Einbürgerung dieser Ärmsten unseres Volkes zu lösen. Die Kinder mögen von ihren Erlebnissen berichten . . .“ (SchA, E IV, 17). Die Umsetzung war oft mühsam und langwierig. Über die von anderen Schulen bekannten, anfangs oft schwierigen Beziehungen  zwischen einheimischen Kindern einerseits und Flüchtlingskindern aus  Vertreibungsgebieten andererseits finden sich in den Hechinger Schulakten keine Belege. Exemplarisch für anfängliche Verständigungs- und Integrationsprobleme kommt deshalb eine geflohene Ostpreußin aus dem Kreis Tuttlingen zu Wort. Über Dänemark war sie nach Friedingen an der Donau gekommen und hatte dort eine neue Heimat gesucht. Die Verständigung war anfangs schwierig, sagte man doch für gehen  „laufe“, für laufen „springe“, für springen „jucke“, für jucken „beiße“, für fegen „wische“ usw. (B. Gräber 1999, S. 131. Siehe auch: Ihr und wir – Die Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg: Große Landesausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg.  Redaktion: Sabrina Müller.  Tübingen 2009, vor allem die Kapitel „Schüler unter sich“ und “Erzwungenes Zusammenleben“, S. 50-53 und 22-25). In den Erinnerungen der 1944 in die Hechinger Oberschule eingetretenen Annegret Holzhäuser ist exemplarisch nachzulesen, welche Hemmungen einheimisch und zugezogene Schülerinnen und Schüler,  in diesem Fall ein aus Ostpreußen geflohen Mädchen, in den Nachkriegsjahren hatten, Ablehnung zu überwinden und aufeinander zuzugehen. Anfangs war das schwäbische Mädchen neugierig geworden, weil die „Fremde“ den ganzen Sommer über ein einziges Sommerkleid und Holzpantinen trug, als einzige in den Pausen im Klassenzimmer auf ihrem Platz sitzen blieb, um ihr „bescheidenes Stückchen Brot zu essen“, aber  nicht nur in Sport und Handarbeit eine sehr gute Schülerin war. Ihre Kontaktaufnahme wurde ein Gewinn für beide; bald waren beide gute Freundinnen (A. Lamey 2004, S. 157-158).

Zwei Lebensläufe von Abiturienten der Fünfzigerjahre zeigen exemplarisch den oft steinigen Weg von Flüchtlingskindern, bis sie in das Gymnasium in Hechingen aufgenommen wurden. Der erste Lebenslauf stammt von einer 1939 in Westböhmen geborenen Schülerin. Als Kind wurde sie 1946 mit ihren Eltern und ihrem Bruder, weil sie Deutsche waren, vertrieben. Die weiteren Stationen waren Unterfranken, Oberhessen, Oberfranken,  Oberbayern und schließlich Hechingen, wo sie ab dem Schuljahr 1954/55 Schülerin des Gymnasiums war und 1959 die Reifeprüfung ablegte (SchA, Reifeprüfungen 1959, Lebenslauf von D.). In dem zweiten Lebenslauf schreibt ein aus Danzig gebürtiger Hechinger Abiturient 1955: " Zweieinhalb Jahre mussten wir (in Dänemark) hinter Stacheldraht hausen, zweieinhalb Jahre ohne Schule . . . Zweieinhalb Jahre nichts als Baracken, staubige Straßen, verzweifelte Menschen, kein Baum, kein Strauch, und dabei 24 Personen auf 100 Quadratmetern zusammengepfercht." (Ordner Abiturprüfung 1955, Lebensläufe; vgl. W. Rößler: Schicksalsjahre der Heimatvertriebenen.  2011/12, S. 330-331) Woher kamen diese fremden Kinder?  In Hechingen stammten sie aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern, aus dem Sudetenland  (deutsche Siedlungsgebiete in Böhmen und Mähren), den donauschwäbischen Siedlungsgebieten und Danzig.

Im Februar 1948 beschwerte sich Dr. Fischer bei der franz. Militärregierung darüber, dass nur Volksschüler die seit Jahresbeginn die tägliche  Schulspeisung erhielten und er erreichte, dass ab  April 1948 auch 90 bis 100 Oberschüler daran teilnehmen konnten (Ordner A II, 10, Jahresbericht 1947/48, S. 3; Ordner A III, Monatsberichte an die franz. Militärregierung 1. 2., 30. 4. und 1.10.1948). Besonders Flüchtlingskinder und Auswärtige empfanden die vom Kreis und den Gemeinden organisierte Schulspeisung als „außerordentlich segensreich" (Ordner A III, Monatsbericht vom 22.12.1948). Die ehemalige  Schülerin A. Holzhäuer erinnert sich: Von der geschätzten Suppe, wegen ihrem einzigen Fettauge auch „Zyklopen-Suppe" genannt, wurde von einem Flüchtlingsmädchen die Hälfte in einem Blechnapf nach Hause getragen. Ihre sieben-köpfige Familie wohnte in den drei ehemaligen Gesindekammer in der Gaststätte Linde-Post (A. Lamey 2004, S. 159-160). Unter beengten Wohnverhältnisse litten besonders Flüchtlinge und Heimatvertriebene, wie dem folgenden Schreiben eines Vaters an den Kultusminister zu entnehmen ist: "Als wir endlich mit unseren 7 Kindern, nach Verlust von Hab und Gut (in Oberschlesien), im Oktober 1948 flüchtig nach Deutschland kamen, . . . wohnten wir in Bisingen mit 9 Personen in einem einzigen Zimmer. Die Kinder schliefen weiter wie auf der Flucht auf dem Fußboden. . . Nach einer vierjährigen Unterbrechung kam (meine Tochter) im Jahre 1949 wieder in eine deutsche Schule. . . (Auch in der neuen Wohnung in Hechingen) steht nur eine kleine Küche als Arbeitsraum zur Verfügung. Wenn ein Raum zugleich Küche, Speiseraum, Arbeitszimmer bei 6 Kindern sein muss, ist eine ernste Konzentration beim Lernen kaum möglich." (SchA A II 7, Brief vom 20.5.1955) Dass dies kein Einzelfall war, legt der Bericht des Landrat Hans Speidel von einer Sitzung des Hechinger Stadtrats nahe , in der ein Stadtrat im Dezember 1949 erklärte, „dass in der Kreisstadt Flüchtlingsfamilien bis zu acht Köpfen in einem Zimmer hausen müssten.“ (H. Speidel 1985, S. 263).

Manche kinderreiche Familie war nach einer wahren Odyssee in Hechingen gestrandet. So schrieb der Vater des Schülers P., der im März 1946 in die staatliche Oberschule eingetreten war: "Mein Sohn P. wurde wegen der schweren Luftangriffe auf Berlin mit 9 Jahren von der Grundschule in Berlin einer Dorfschule in Ostpreußen anvertraut. Nach etwa 8 Monaten wurde er hier wieder herausgerissen, um in eine Dorfschule des Harzes zu kommen. Von dort erfolgte seine Umschulung in Bad Harzburg. Durch die fast täglichen Luftalarme konnte hier von einem einigermaßen geregelten Unterricht nicht mehr gesprochen werden. . . Nach dem Zusammenbruch kam er nach Hessen, um wieder in einer Dorfschule untergebracht zu werden." (SchA, E II 5, Schreiben eines Vaters vom 25.8.1948)

Die Oberschule stellte Flüchtlingskindern Schulbücher kostenlos zur Verfügung und übernahm ggf. die Kosten für Privatstunden, z. B. in Französisch (Protokoll der LK 11.11.1952 und 7.1.1953). 1953 überwies das Oberschulamt  an das Gymnasium Hechingen sechs in Tübingen  wohnende  "Sowjetzonenflüchtlinge". Sie besuchen die 7. und 8. Klasse (Protokoll der LK 20.10.1953). Unter den 35 Oberstufenschülern, die 1953 an dem ersten Schullandheimaufenthalt, einem Skilager bei Hindelang im Allgäu, teilnahmen, waren auch zehn Kindern aus Flüchtlings- und Sowjetzonenfamilien. Dank Spenden und Zuschüssen für Skier und Skibekleidung konnte die Schule auch ihnen die Teilnahme ermöglichen (75 Jahre Gymnasium Hechingen 1984, S. 71).

Der Hechinger BürgermeistermeisterBindereif schlug im Mai 1953 dem Oberschulamt Tübingen vor, für die Kinder, die mehrere Monate im Durchgangslager untergebracht waren,  eine Lehrkraft für eine einklassige Schule mit 40 bis 70 Kindern einzustellen. Das Bezirksschulamt Hechingen und das Oberschulamt Tübingen lehnten den Vorschlag ab, da sie eine „Aussonderung“ der Lagerkinder vermeiden wollten (Stadtarchiv Hechingen, Akten A, Flüchtlingsfürsorge, Flüchtlingslager Weiher und Lindich 1945-1955, 7095/5). Mindestens vier „Flüchtlingskinder aus der Ostzone“, die die Oberschule besuchten, lebten 1952 im Hechinger Durchgangslager  (Protokoll der LK 11.11.1952). Zahlreiche zum Abitur eingereichte Lebensläufe der Abiturienten und Abiturientinnen fielen in den Fünfzigerjahren sehr ausführlich aus. So berichteten zwei Abiturienten von ihrem Schicksal  als politisch verfolgte Oberschüler in der DDR, dem Schulausschluss kurz vor dem Abitur und der anschließenden Flucht über Westberlin in den freien Westen. Nach einem halben Arbeitsjahr in der Landwirtschaft wurde dem einen "durch die Vermittlung des Jugendsozialwerks und die großzügige Unterstützung des Sozialamtes" der Besuch des Gymnasiums in Hechingen ab Oktober 1953 ermöglicht. Ein weiterer aus Niederschlesien stammender Abiturient schilderte seine traumischen Erlebnisse während und nach der Flucht vom Mai 1945 bis Juni 1946, als seine Familie von tschechischen  "Partisanen" in verschiedene Lager bei Prag und Beneschau  verschleppt wurde, wie folgt: "Nach bestialischen Behandlungen und grausamen Folterungen, die wir wegen unserer deutschen Nationalität und Staatsangehörigkeit zu erdulden hatten, trieb man uns in die berüchtigten Lager Prag-Hagibor und Prosenice bei Beneschau (südlich von Prag) . . . Unvergesslich haben sich die Ereignisse in meine Seele eingegraben. . . Vollkommen unterernährt, an Mangelkrankheiten leidend, und mittellos kämpften wir mit dem Leben. Die Entwicklungsschäden machen sich noch heute bei mir bemerkbar." (Ordner Abiturprüfung 1955, Lebensläufe; zum Lager Prag-Hagibor siehe R. M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, München 2013, S. 192-194;  E. Härtl Coccolini: Prag Caslavska 15, Norderstedt 2008, S. 175-186 und  M. Schneibergova: „Hagibor: ein Ort mit lehrreicher Geschichte“, Radio Prag, 10.05.2008; siehe auch A. Kossert: Kalte Heimat, München 2008, S. 27 ff.)

5.3   1949-1965:  Wirtschaftlicher Aufschwung, Ausbau des Erreichten, Abschaffung des Schulgeldes, Implementierung von neuen pädagogischen Feldern

1949

Lehren und Lernen waren vier Jahre nach dem Neustart der Oberschule am 1. Oktober 1945 immer noch beeinträchtigt, weil für die Fächer Deutsch, Englisch und die Naturwissenschaften immer noch keine Schulbücher zugelassen waren (Ordner A III).

Die beiden musischen Fächer Musik und Kunstunterricht wurden weiterhin stiefmütterlich behandelt. Der Musikunterricht endete nach vier Jahren und  Kunstunterricht  wurde an der Oberstufe nur einstündig erteilt (Protokoll der LK  30.3.1949, S. 348).

Die Schule verfügte erstmals über einen "Vervielfältigungsapparat".  Ein Rundfunkgerät zum Empfang von Schulfunksendungen wurde 1950 angeschafft. 1953 scheiterte aber die Anschaffung eines Schallpatten- und eines Tonbandgerätes aus finanziellen Gründen.  Auch die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren weitgehend verlorengegangenen Musikinstrumente konnten bis dahin noch nicht wieder angeschafft werden (Protokoll LK 14.12. 1949, 14.11.1950 und 22.5.1953). Wegen der bescheidenen finanziellen Ressourcen der Stadt konnte der Bürgermeister im Januar 1951 der Schule kein Ende des Kohlemangels in Aussicht stellen (Protokoll der LK 10.1.1951).

Die von den Spruchkammern bei den Entnazifizierungsverfahren verhängten Strafen waren bei den Betroffenen und in der Öffentlichkeit oft umstritten. In Bezug auf die als Mitläufer oder als Minderbelastete eingestuften  Kollegen schrieb OStDir. Dr. Fischer  in seinen Berichten an die französische  Militärregierung: Die früher getroffenen Sühnemaßnahmen im Schulbereich würden „im Vergleich mit der milderen Praxis von heute als viel zu hart und ungerecht empfunden“. Die Revision  früherer Urteile halte er deshalb für gerechtfertigt (SchA, Ordner A III, Bericht vom 1.10.1948) und eine Amnestie sei dringend wünschenswert, „aber bei erwiesenen Aktivisten und Nutznießern dürfte Vorsicht am Platze sein." (Ordner A III, Bericht vom 22.12.1948; vergleichbar der Bericht vom 1.7.1949)

Die meisten Lehrer gehörten wie früher der katholischen Konfession an. Acht von zwölf Lehrern stammten aus Regionen des 1947 aufgelösten Landes Preußen, das sich vom Rheinland im Westen bis Ostpreußen und Schlesien im Osten erstreckt hatte. Elf von zwölf Lehrern wohnten in der Oberstadt (Mit-teilungsbuch der staatlichen Oberschule 1949-1952, November 1949).

Der  Gesundheitszustand der Schüler besserte sich im Laufe des Jahres, auch infolge der dankbar begrüßten amerikanischen "Hoover-Schulspeisung", die ab Mai 1949 Kinder mit Untergewicht  erhielten (Bericht an die franz. Militärregierung 1.7.1949; Protokoll der LK 1. 2.1949).  Um den Ernährungszustand der Schüler zu erfassen, wurden diese im Turnunterricht weiterhin alle drei Monate gewogen und gemessen (9. November 1949).  Am Ende des Jahres klagten allerdings Lehrer darüber,  "dass die Schüler bei der Schulspeisung vielfach nur die Leckereien (Schokolade, Kakao, Wecken) annehmen, aber auf die Suppe vielfach verzichten."  (Protokoll der LK 14.12.1949)

Das Gymnasium nahm an dem ab 1949 wieder durchgeführten Irma-West-Kinderfest teil (JB 1948/49; Protokoll der LK 23.5. und 6.6.1950).

Die in vier Sparbüchern angelegten Stiftungsgelder der Realschule und des Reformrealgymnasiums hatten das Dritte Reich und die Währungsreform überlebt (SchA, J III 4, Schreiben vom 10.9.1949).

1950

Die Eltern wählten im Oktober 1950 13 Klassenelternvertreter, die wie vor 1933 den Elternbeirat bildeten. Er hielt im November seine erste Sitzung ab. Zwei Mütter wurden nachträglich hinzu gewählt (JB 1950/51; SchA, A II 7).

Die Lebensmittellieferungen der Amerikaner für die Hoover-Schulspeisung liefen am  30. Juni aus (JB 1949/50). Das Bürgermeisteramt und die Schule berieten, ob die Kosten der Schulspeisung für heimatverriebenen, evakuierte, aus der SBZ und Berlin zugewanderte, staatenlose und weitere sozial bedürftige Kinder (120) von der öffentlichen Hand (Gemeinde, Kreis bzw. Land) übernommen werden sollte (Ordner E 3, Schreiben des Bürgermeisteramtes vom 20.4. 1950).

"Der Tanzwut und der Vergnügungssucht der Schüler und Schülerinnen (sei) scharf entgegenzutreten",  vermerkte das LK-Protokoll vom 19.1.1950 (Vgl. Protokoll der LK 7.5.1920 und  vom 3.11.1923). Wie in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war die Mitgliedschaft im Schulsportverein und in Jugendgruppen der kath. und ev. Pfarreien recht beliebt. Auch im Tennisclub, Schachclub und Quickborn waren Oberschüler aktiv (JB 1948/49 und 1952/53).

„Staatsbürgerkunde“ war noch kein eigenes Unterrichtsfach; politische Erziehung sollte in allen Fächern „Unterrichtsprinzip“ sein. Das Fach „Gemeinschaftskunde“ wurde erst ab dem Schuljahr 1953/54 unterrichtet (Protokoll der LK 14.11.1950 und 9.11.1953). Als eigenes Fach  ist „Gemeinschaftskunde jedoch erst im Jahr 1957  in den Lehrplänen für die Gymnasien in Baden-Württemberg  in der Klasse 10 und 13 anzutreffen (Ordner F I,1; K. L. Joos 2012, S. 681).  Zum Vergleich: Im Reformrealgymnasium war ab 1925 in der Untersekunda (10. Klasse) und in der Oberprima (13. Klasse) das Fach „Geschichte und Staatsbürgerkunde“  dreistündig unterrichtet worden.

Die Schule kann wieder wie vor 1933 zahlreiche Zeitschriften abonnieren, darunter auch die „Hohenzollerische Heimat“ (Protokoll der LK 14.11.1950).

In den Nachkriegsjahren von 1946 bis Ende der Fünfzigerjahre knüpfte die Oberschule an die Festkultur der Weimarer Republik an. Gedenkstunden und  -feiern erinnerten an das Geburts- bzw. Sterbejahr von Goethe, Mörike, C. F. Meyer, Hesse, Johann Sebastian  Bach, Schiller, Elly Heuss-Knapp, Albert Schweitzer, Freiherr von Stein, Eichendorff und an das Schicksal der noch nicht entlassenen deutschen Kriegsgefangenen, an das Revolutionsjahr 1848 und an das erste gewählte deutsche Parlament, an das Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949,  an die Konstituierung des ersten Deutschen Bundestages und des Bundesrates am 7. September 1949, an den Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 (Tag der deutschen Einheit) und an die erste Versammlung der beiden württembergischen Landtage im Jahre 1457. Mit der Feier der Gedenktage für die Opfer des Nationalsozialismus am 20. Januar 1946 und am 11. September 1948  und der Feier des Tages der Menschenrechte am 10.12.1951 setzte die Schule wichtige neue Akzente. Den demokratischen Neubeginn stellte an der Oberschule niemand in Frage (Protokollbücher der LK 1945-1955; Jahresberichte 1946/47-1957/58;SchA, Ordner H 3;G. Tietz 2009, S. 22-24). Im November gedachte die Schule der Opfer des Weltkriegs in einer „Totengedenkfeier“.

Der „Radikalenerlass" der Bundesregierung vom 19. September 1950 stellte die Unvereinbarkeit der Dienstpflichten von Beamten und Angestellten mit der Mitgliedschaft in Organisationen fest, die die freiheitliche demokratische Grundordnung untergraben würden. Von 13 als verfassungsfeindlich eingestuften Organisationen gehörten 11 zum kommunistischen Spektrum, u. a. die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN); als neonazistisch wurden die Sozialistische Reichspartei (SRP) und die "Schwarze Front" eingestuft  (SchA, C I 1). In diesen Zusammenhang gehört auch das Schreiben des Regierungspräsidiums von Südwürttemberg-Hohenzollern / Oberschulamt vom 13.9.1954, das auf die „verfassungsfeindliche Agitation aus der Sowjetzone“ in Gestalt der Werbung für die „Kinderlandverschickung in die sowjetische Besatzungszone“ aufmerksam machte (SchA, Ordner A I; siehe weitere Hinweise in: Protokoll der LK 27.4.1954 und 24.9.1954).

1951

Am 10. April 1951 veröffentlichte die Landesregierung von Württemberg-Hohenzollern ein Personalvertretungsgesetz (SchA, A II, 13). Damit konnten die ersten Personalratswahlen nach Kriegsende stattfinden. Im September wählten die 18 Lehrkräfte der Hechinger Oberschule einen Vertreter (SchA, C III, 15). Ein landeseinheitliches Personalvertretungsgesetz für das 1952 neu gebildete Bundesland Baden-Württemberg wurde erst 1958 erlassen.

Im Mai 1951 wurden die Deutschlehrer im Zusammenhang mit der Sammlung für das deutsche Müttergenesungswerk angewiesen, „die Bedeutung der Hausfrau und der berufstätigen Mutter für die Familie und Volk im Unterricht zu behandeln.“(Protokoll der LK 4.5.1951).

Die Schule war wieder in der Lage, fünf Fachzeitschriften zu abonnieren, darunter die „Hohenzollerische Heimat“ (Protokoll der LK 23.1.1951).

Der Schulleiter wies die Geschichtslehrer der 9. Klasse in der LK- Konferenz vom 14. November 1951 darauf hin, dass der Stoff der Klasse 9 nicht bis Bismarck, sondern bis 1950 gehe, ein offenbar berechtigter Hinweis (A. Lamey 2004, S. 154-155).

1952

Am 1. Mai 1952 ging Schulleiter Dr. Josef Fischer in den Ruhestand. Er hatte 1945 glaubhaft für einen Neuanfang gestanden, die Oberschule erfolgreich reorganisiert, als Prüfungskommissar für den Religionsunterricht im Kreis Hechingen gewirkt und war 1951 von Papst Pius XII. zum Prälaten ernannt worden (75 Jahre Gymnasium Hechingen 1984, S. 155-156). Zu seinem Nachfolger wurde Oberstudienrat Dr. Johann August Schmitt, der ehemalige Schulleiter von 1931 bis 1945, ernannt.

Der Oberschüler Herbert Selig hatte sich bei den Ausscheidungswettkämpfen für die Teilnahme als Gast der Bundesregierung bei den Olympischen Sommerspielen in Helsink (1952) qualifiziert und konnte so als einer von 160 deutschen Jungen und Mädchen den Wettkämpfen beiwohnen, zu denen erstmals nach der Zweiten Weltkrieg wieder deutsche Sportler aus der Bundesrepublik und dem Saarland zugelassen waren (SchA, Ordner Sport, Bericht von H. Selig, 19 Seiten).

Die zehn Mitglieder des Vereins höherer Lehrer (VHL)  sprachen sich gegen jede zentrale Aufgabenstellung beim Abitur aus, solange keine bundeseinheitliche Regelung gefunden ist (Protokoll der LK 6.10.1952)..

1953 

Ein Erlass des Kultministeriums vom 16.10.1953 ordnete an, dass alle höheren Schulen des Landes die Bezeichnung „Gymnasium“ führen.

Das jährliche Schulgeld betrug in Hechingen je nach Klassenstufe zwischen 98 und 126 DM. Im Schuljahr 1952/53 erhielten 80 Schülerinnen und Schüler Schulgeldbefreiung oder –nachlass und 30 Schüler Mittel aus der Soforthilfe; hinzukamen kamen Schüler, die Anspruch auf eine Geschwisterermäßigung hatten(SchA, E IV, 20; siehe auch Protokoll der LK 19.6.1953). Um sich ein Bild von der Belastung einer damals als arm geltenden Familie machen zu können, sei der Antrag auf Schulgeldermäßigung des Schülers L. aus Klasse 1 herausgegriffen. Er hatte drei Geschwister. Sein Vater war im Krieg gefallen. Seine Mutter erhielt eine monatliche Invalidenrente von 42  DM, die vier Kinder zusammen 250  DM an Waisenrente und Ausbildungsbeihilfe. Damit entfielen auf jedes Familienmitglied 58 DM im Monat. Eine Schwester erhielt 100 % und die beiden Brüder je 30% Schulgeldermäßigung. Das damit jährlich fällige Schulgeld war für die Mutter sicher ein großes Opfer und für die Kinder ein Ansporn, denn nur bei ordentlichen Leistungen konnten sie eine Ermäßigung erwarten (Protokoll der LK  19.6. 1953 und 11.11.1952; Ordner I/J 2, Anträge auf Schulgeldermäßigung betr. LK-Konferenz vom 11.11.1952; vgl. ebenda weitere Bitten, z. B. das Gesuch eines arbeitslosen Vaters und einer Kriegerwitwe um eine Freistelle bzw. um Erlass des Schulgeldes vom 19.9. und 30.10. 1948).

Das Verhältnis von Jungen zu Mädchen hatte in den 50er-Jahren stabile Werte erreicht, die meilenweit von denen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches in den 30er-Jahren entfernt lagen. Die Schule besuchten z. B. im Schuljahr 1953/54 251 Jungen und 162  Mädchen; die Relation lag damit bei rund drei zu zwei (SchA, E IV, 20).  Zweizügig waren nur die Klassen 1 bis 5 mit je einer Jungen- und Mädchenklassen. Dabei waren die Jungenklassen meist wesentlich größer. Ein Extremfall waren die beiden zweiten Klassen mit 47 Schülern bzw. 24 Schülerinnen. Der Schulleiter führte die besseren Noten der Mädchen in den unteren Klassen vor allem auf deren größeren Lerneifer zurück (Protokoll der LK 23.3. 1953).

Am 4. Juli 1953 hielt das Gymnasium erstmals in der Aula  eine Feierstunde "zum Gedächtnis der jüngsten Freiheitskundgebung in Ostberlin und Ostdeutschland" vom  17. Juni ab. Eingangs sang  der Chor das „Niederländische Dankgebet“ von Kremser und Schüler trugen u. a. die Gedichte „Ultimo ratio“ von Friedrich G. Jünger und  „Die Posaune“ von Josef Weinheber vor (SchA, Ordner H, Vortragsfolge der Gedächtnisfeier für die Toten Berlins und der Sowjetzone“, 4. Juli 1953).  Im folgenden Jahr erklärte die Bundesrepublik den 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ zum gesetzlichen Feiertag. Anlässlich des Inkrafttretens der Verfassung des neuen Bundeslandes Baden-Württemberg fand im November eine Feierstunde statt. Wie im Vorjahr fand zum Volkstrauertag eine Totengedenkfeier in der Aula statt, 1953 gestalteten die Schüler diese Feier für die Gefallenen und Opfer des Weltkriegs mit Gedichten und Briefen gefallener Soldaten. Die Schule beteiligte sich Ende 1953 wieder an der Sammelaktion der Deutschen Schillergesellschaft in Marbach und sammelte unter Mithilfe der Schülerselbstverwaltung den „Schillergroschen“ ein (A II, JB 1953/54 und Protokollbuch der LK 9.11.1953).

Bei der Entlassungsfeier der Abiturienten 1954 ging ihr Sprecher D. Schäfer in seiner Rede auf die leidvollen Erfahrungen seines Jahrgangs ein. Er erinnerte an die Not der Nachkriegsjahre und die Zweifel an traditionellen Anschauungen und Autoritäten, er kam auf den „schweren Einsatz der Lehrer“ zu sprechen und dankte ihnen, „dass ihre Schüler  nicht in einem Indifferentismus stecken geblieben seien“, sondern gelernt hätten, Verantwortung gegen sich selbst und die Allgemeinheit zu übernehmen und von Toleranz geprägte Entscheidungen zu treffen (Jahresbericht 1953/54).

Am 14. September 1953 erinnerte die Schule in einer Gedenkstunde für die Klassen sieben bis neun an den 80. Geburtstag von Gertrud Bäumer (1873-1954), eine der führenden Persönlichkeiten der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, 1920 bis 1930  Reichstagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Demokratischen Partei. Die Festrede hielt Studienassessorin Margarethe Kuppe (1917-2004), eine politisch sehr engagierte Frau,  die bis in die 70er Jahre als Mitglied des Landesvorstands der Jungen Union und der CDU Württemberg-Hohenzollern und von 1961 bis 1977 in der Frauenunion tätig war (Mitteilungsbuch 1952-1954;http://www.kas.de/wf/doc/kas_38470-544-1-30.pdf?140731160959, eingesehen 15.4.2017).


1954-1956

Einen Erlass vom 4. Februar 1954 (Oberstufenbücherei U III 525) sind folgende Klassenstärken zu entnehmen: Unterstufe bis 45, Mittelstufe bis 40 und Oberstufe bis 30 Schüler.

In der Abschiedsrede 1954 thematisierte der  Abiturientensprecher Schäfer die letzten neun Jahre: „Lehrer- und Raumnot, Lehr- und Lernmittelmangel, Erschütterung der geistigen und sittlichen Ordnung“. Der scheidende Schulleiter OStD Dr. Schmitt ging in seiner Ansprache, die in vielen Aspekten für die Fünfzigerjahre typisch ist (T. Gass-Bolm 2005, S. 87-89), auf damals heftig diskutierte Fragen der Kultur- und Gesellschaftskritik ein, zitierte  geschätzte bzw. umstrittene Schriftsteller, Kulturkritiker, Theologen  und Philosophen, u. a. Walter Rathenau („Von kommenden Dingen“), Philipp Lersch („Der Mensch in der Gegenwart“), Oswald Spengler („Untergang des Abendlandes“), Eduard Spranger („Pädagogische Perspektiven“),Ortega y Gasset („Aufstand der Massen“), Romano Guardini („Die Macht“), den belgischen Soziologen Hendrike de Man und den dänischen religiösen Schriftsteller und Philosophen Sören Kierkegaard. Neben Zeitgebundenem blitzt Aktuelles auf: Kritik an Aspekten der Moderne, Krisenbewusstsein und die Angst vor der „Aufhebung der persönlichen Freiheit“.  Dr. Schmitt beendete seine Ansprache, anknüpfend an Kierkegaard, mit dem folgenden Zitat von Philipp Lersch: „Einzelner vor Gott zu werden aus der Innerlichkeit des Gemütes, des Geistes und des Gewissens – das ist die Forderung, die heute an die Menschen ergeht.“ (SchA, Abitur 1954 . . . Ein Rückblick. Hechingen 1979,  4-6). Damit knüpfte Schmitt an die Zeit vor 1933 an. Nachfolgende Schulleiter setzen mit Verweisen auf  Normen und Haltungen wie Freiheit, Verantwortung, Toleranz, Solidarität und das dialogische Prinzip neue Akzente.

Nachfolger von Oberstudiendirektor Dr. Johann August Schmitt wurde Robert Wiedmann (1954-1970), ein erfahrener Philologe, "ein Grandseigneur der Bildung", ein auch außerhalb der Schule, zum Beispiel in der Erwachsenenbildung und im Philologenverband engagierter Pädagoge (H. Rau, in: 75 Jahre Gymnasium Hechingen, S. 171-172). Dem aus Ravensburg, also aus Württemberg kommenden OStD Wiedmann fiel in Hechingen Folgendes auf: „die preußische Tradition der Schule“ und ein verhältnismäßig hoher Anteil an Heimatvertriebenen. Wiedmann klagte, dass durch den Abbau des Schulgeldes Geld für die Schülerbücherei fehle.

Die Fachkonferenz Deutsch wurde informiert, dass „das mundartfreie, lautreine und präzise Sprechen“ in den unteren Klassen zu üben sei (Protokoll der LK 21.9.1954).

Am 16. Juni 1954 fand  eine Gedenkveranstaltung zum „Tag der deutschen Einheit“ statt.

Der Elternbeirat des Staatlichen Gymnasiums beklagte sich 1954 in einer Entschließung darüber, dass im ehemaligen Land Württemberg-Hohenzollern das Schulgeld . . .  etwa dreimal so hoch sei wie im Landesteil Nordwürttemberg, d. h. in der  amerikanischen Besatzungszone (Hohenzollerische Zeitung 16.1. 1954). Die Klage war sicher berechtigt, wenn die Schule auch zahlreichen Schülern – 1953 waren es 63 - eine Ermäßigung von 20 bis 100 % vom vollen Schulgeld, d. h. von 126 DM, gewährte (Protokoll der LK vom 19.6.1953). Mit dem Erlass vom 14.6. 1954 reduzierte schließlich das Regierungspräsidium Südwürttemberg-Hohenzollern das Schulgeld auf 36,- DM für die Klassen 1 bis 6 und auf 48,- DM für die Klassen 7 bis 9. Nach Aktenlage erhob die Schule Schulgeld bis 1956/57 (SchA, Ordner I/J 2,  Schreiben des Oberschulamtes Tübingen vom 19.2.1960; vgl. H. Pitsch,Bildungspolitische Zielsetzungen, S. 67).Auch die in der Landesverfassung von Baden-Württemberg aufgenommene, aber vorerst  nicht umgesetzte Lernmittelfreiheit wurde 1954 in der Sitzung des Elternbeirats angesprochen (SchA, A II 7, Protokoll der Sitzung des Elternbeirats vom 22.10.1954). Im Schuljahr 1960/61 kamen schließlich alle Schüler in den Genuss der Lernmittelfreiheit (JB 1960/61, S. 5)

Die ein Jahrhundert lang geführte Diskussion um die Zulässigkeit körperlicher Strafen kam zu einem guten Ende. Das LK-Protokoll vom 3. November 1954 hielt ohne Einschränkung fest: "Jede körperliche Strafe soll unterlassen werden." (Vgl. Protokoll der LK vom 14.11. 1951: "Körperliche Strafen, die bei Mädchen ohnehin verboten sind, werden auch für die Jungen allgemein abgelehnt bzw. bei diesen höchstens auf der Unterstufe noch gebilligt.")

Kollegium 1955

 


Das Foto zeigt in der ersten Reihe von links: Hans Pietsch, Franz Schwab, Dr. Fidelis Gässler, Frau Rosemarie Moldenhauer, Karl Kramer, Margarethe Kuppe, Dr. Gertrud Hasselbaum; 2. Reihe: Anton Emter, Karl Bayer, Auguste Speidel, Gotthardt Liebetanz, OStD Robert Wiedmann; 3. Reihe: engl. Assistentin, Sebastian Flad; 4. Reihe Kastropp, Dr. Werner Fiebig, Reinhold Uebele, Dr. Wilhelm Kraas (Schularchiv, Fotos)

Das Gymnasium begrüßte, dass ihr das Oberschulamt Tübingen ab dem Schuljahr 1955/5 einen Lateinzug ab Klasse 3 genehmigte (JB 1954/55, S. 3).

Im November 1955 lief wieder eine große Paketaktion für die Ostzone.

Ende 1956 hatte die Ständige Konferenz der Kultusminister einen Beschluss zur sogenannten Ostkunde gefasst. Danach sollte dieser Unterricht unter anderem „Informationen über die 1945 russischer oder polnischer Verwaltung übertragenen, vorher zum Deutschen Reich gehörenden und von Deutschen bewohnten Gebiete östlich der Oder und Neiße . . . vermitteln“ (K. L. Joos 2012, S. 682). In diesen Zusammenhang gehört der Besuch der in allen Kreisstätten gezeigt Ausstellung „Deutscher Osten“ durch die dritte bis neunte Klasse im Februar 1956 (SchA, A II, 10, JB 1955/56). In den Konferenz-Protokollen wurde  das Thema „Ostkunde“ in den 50er Jahren nicht aufgegriffen.

In den Augen des Direktors waren die naturwissenschaftlichen Sammlungen, die Lehrerbücherei und die Wandtafeln in keinem guten Zustand. Der einzige Fachraum für die Naturwissenschaften musste auch von anderen Fachrichtungen genutzt werden, da nur dieser Raum über eine allerdings „unzureichende“ Verdunklungseinrichtung verfügte.

Der Schulleiter bat nach einer Besprechung mit dem Elternbeirat die Eltern um einen jährlichen freiwilligen Beitrag für den Aufbau der Schülerbücherei. Wie in Württemberg konnte pro Kind 1,50 DM eingesammelt werden (SchA, A II, 10, JB 1955/56, S. 3). 

Alle Kolleginnen begrüßten den Erlass, der für alle Lehrerinnen die Bezeichnung "Frau" einführte (Protokoll der LK 9.9.1955).

Schulleiter Wiedmann wies in der Lehrerkonferenz im Oktober 1956 die in der Stadt anzutreffende Kritik, die Schule würde nichts gegen den laschen Besuch des Schülergottesdienstes unternehmen, mit dem Argument zurück, dass der Besuch von Religionsunterricht und Schülergottesdienst „freiwillig“ sei (Protokoll 5.10. 1956).

1957

Der im Februar fast einstimmig - bei drei Enthaltungen -  gefasste Protest des Kollegiums beim Oberschulamt gegen die beabsichtigte Neuregelung der Sprachenfolge konnte nicht verhindern, dass ab dem Schuljahr 1957/58 nicht mehr Französisch, sondern Englisch als erste Fremdsprache unterrichtet wurde (Protokoll der LK 15.2.1957).

Mit Beginn des Schuljahrs 1957/58 wurde in Baden-Württemberg der neue Lehrplan für die drei neuen Schultypen eingeführt, für das altsprachliche, das neusprachliche und das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium. In Hechingen entschieden sich das Kollegium und der Elternbeirat  für das naturwissenschaftliche Gymnasium II, das auch den Sprachunterricht stark berücksichtigte (SchA, Ordner F I,1, Schreiben des Kultusministers vom 3.2. 1957, einschließlich der Stundentafeln). Ein Lateinzug, der zum großen Latinum führte, bestand bereits seit 1954 (Die Lichte Au 1, Juli 1958, Beitrag von R. Wiedmann).

Direktor Wiedmann sprach sich gegen eine Ausdehnung des Nachmittagsunterrichts aus, u. a. mit dem Argument, dass 34 % der Schüler bzw. circa 40 % der Oberstufenschüler Auswärtige sind, diese dann zehn Stunden von Zuhause weg seien und sich ein Teil von ihnen keine warme Mahlzeit leisten könnte (Protokoll der LK 10.9.1957).

Das Schulleben wurde ab den 50er-Jahren durch Schullandheimaufenthalt und Theaterspiel bereichert. Die erste Fahrt führte zwei Oberstufenklassen 1953 in ein Skilager im Allgäu. Anfang der 60er Jahre wurden neue Akzente gesetzt. Die Klasse 10 wurde einbezogen und die Klassen konnten aus einer Vielzahl an Zielen wählen. So fuhren sie nach z. B. Völs am Schlern und Kiens in Südtirol, St. Peter-Ording, Mittelwihr im Elsass usw. Eine Theater-AG unter Leitung von Stud.-Ass. Hartmut Rau bereicherte ab 1957 das Schulleben. Die Laienspieler brachten bis Ende der 70er-Jahre unter der Leitung von Studiendirektor Rau viele oft anspruchsvoll Stücke auf die Bühne, unterstützt von Musik-und Kunstlehrer. Richtige Scheinwerfer kam die Theater-AG erstmals 1980 für die Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“. Dieses Stück hatte die Theater-AG erstmals unter neuer der Leistung des Deutsch- und Kunstlehrer Franz-Josef Heukamp erarbeitet. Bis zu seiner Pensionierung führte die AG noch viele auch gesellschaftskritische Stücke auf, meist von zeitgenössischen Autoren (75 Jahre Gymnasium Hechingen 1984, S. 63-64 und 1909-2009 100 Jahre Gymnasium Hechingen 2009, S. 77-79).

1958

Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und die Not der ersten Nachkriegsjahre waren für manche Schüler/-innen auch noch Ende der Fünfzigerjahre präsent und belastend. So berichtet ein in Stettin / Pommern geborener Schüler des Abiturjahrgangs 1959 über seine Erlebnisse während der Flucht von Danzig über Stralsund und Halle nach Hechingen wie folgt: "Die Eindrücke auf der Flucht: versenkte Schiffe, brennende Dörfer und Städte, das Leid und die Not der Flüchtlinge und das erste Erleben des grausamen Todes, haben in mir tiefe Spuren hinterlassen." (Ordner Abiturprüfungen 1959, Lebensläufe)  

Im Gegensatz zu den Jahren nach 1918 hatte in den Jahren nach 1945 niemand aus der Schulgemeinde eine Initiative ergriffen, dieGestaltung einer Gedächtnistafel oder eines Erinnerungsplatzes für die gefallenen und vermissten Schüler und Lehrer in Auftrag zu geben (Vgl. dagegen in V. Schäfer  2014, den Beitrag „Die Gefallenen-Gedenkhalle“ der Oberschule bzw. des Immanuel-Kant-Gymnasiums Tuttlingen, S. 92-97). 1958 schrieb der Elternbeirat schließlich einen Wettbewerb für die künstlerische Gestaltung der Südwand der Aula aus. Mit einem Wandbild sollte „das Andenken der in den beiden Weltkriegen gefallenen Lehrer und Schüler des Gymnasiums geehrt werden.“ Den ersten Preis gewann der Kunstmaler und Grafiker Julius Herburger aus Ravensburg. Er stand Max Beckmann innerlich nahe und war ein Freund von Willi Baumeister. Im Herbst 1958 wurde sein großes Wandbild, das die gesamte  Südseite der Aula einnimmt, eingeweiht. Die Ausführung des Gemäldes  zum Thema „Krieg und Frieden“  kommentierte eine Lokalzeitung knapp und treffend mit dem Satz: „Krieg kann für uns nie wieder zu einem „Ideal" werden.“ (Hohenzollerische Zeitung Nr. 257, 7. 11. 1958). Das Wandbild trat an die Stelle der beiden 1928 angebrachten Gefallenengedenktafeln. Diese stehen seit der Aula-Renovierung 1956 in der alten Lehrerbücherei im Keller (Protokoll LK 20.1. 1956; Siehe G. Schwemer 2001, S. 38: In Tübingen steht das 1920 vor dem Uhland-Gymnasium errichtete Gefallenendenkmal immer noch an seinem ursprünglichen Platz.). Die Namen der im Zweiten Weltkrieg gefallenen und vermissten Schüler und Lehrer des Gymnasiums wurden 1958 nicht abschließend ermittelt (Liebetanz 1958, S. 38). Die „Listen“ der Gefallenen und Vermissten der Schulgemeinde vom Mai 1945 und Oktober 1947 sind nicht ganz vollständig (Ordner C III 16, 5/1945  und C I, 1: Schreiben des Schulleiters an das Kultministerium Tübingen vom 7.10.1947, wo die Namen des gefallenen Lehrers W. Köttgen und des vermissten K. Hillenbrand vermerkt sind).

Im Juli 1958 erschien erstmals "Die Lichte Au". Diese lesenswerte Jahresschrift der Vereinigung ehemaliger Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Freunde des Staatlichen Gymnasiums Hechingen erschien bis 1978 ein- bis zweimal jährlich. Diese Vereinigung zählte 1960 bereits 500 Mitglieder. Ihr Vorstandsvorsitzender war der ehemalige Schüler (1910-1918), Redakteur der Lokalzeitung „Hohenzollerische Zeitung“ und Heimatforscher Walter Sauter, der viele Jahre auch für ihren Inhalt verantwortlich war.

Oberstudiendirektor Robert Wiedmann klagte im Jahresbericht 1957/58, dass in dem einzigen Fachraum für den gesamten naturwissenschaftlichen Unterricht bei größeren Klassen nicht einmal für jeden Schüler ein Sitzplatz zur Verfügung stehe. Der Wunsch eines modernen Erweiterungsbaus mit naturwissenschaftlichen Fachräumen ging jedoch erst 1965 in Erfüllung, als der großzügige Erweiterungsbau bezogen wurde. Im Jahresbericht 1957/58 umriss Wiedmann auch sein Wunschbild einer vorbildlichen Schule als einer Bildungsstätte, die von einer „Atmosphäre des Fleißes, der Freiheit und der zwanglosen Disziplin“ geprägt sei.

1959

OStD Wiedmann hielt in seinem Rechenschaftsbericht an das Oberschulamt Südwürttemberg-Hohenzollern 1958/59 fest, dass es inzwischen Allgemeingut geworden sei, im Unterricht auch die Zeit nach dem  Versailler Vertrag (1919) zu behandeln. Der „Vorwurf, der Geschichtsunterricht entziehe sich aus Ängstlichkeit oder Ressentiment der Lehrer der Darstellung der jüngsten Vergangenheit und dem Bekenntnis zu einer freiheitlichen Staatsordnung“, sei nicht gerechtfertigt. (A II, Rechenschaftsbericht 1958/59, S. 2) Im Übrigen komme es sehr darauf an, wie sich der Staat, der die Jugend gewinnen wolle, selbst darstelle.

In die Amtszeit von Oberstudiendirektor Wiedmann fiel 1959 die Jubiläumsfeier  "50 Jahre Staatliches Gymnasium Hechingen". Wiedmann erinnerte an die Umwandlung der Königlichen Realschule in ein Reformrealgymnasium und an den Umzug vom Realschulgebäude in der Neustraße in das neue Gebäude auf der Lichtnau im Jahre 1909. In der Festrede im Burg-Theater sprach Robert Wiedmann nach einem kurzen historischen Rückblick über den gleichbleibenden Bildungsauftrag der Schule: über die Bedeutung der Solidarität aller Menschen, die Liebe zur Wahrheit, über die Schule als Wissensvermittlerin, aber auch als Heimat der inzwischen 447 Schüler. Über allem müsse der Glaube an die ewigen Gesetze, an die Bestimmung des Menschen stehen (Sonderdruck zur Jubiläumsfeier des Staatlichen Gymnasiums Hechingen am 9. und 10. Oktober 1959).

1960

Da das Rauchen während der Schulzeit stark zugenommen hatte, fasste die Gesamtlehrerkonferenz 1960 einstimmig den Beschluss, das Rauchen im Schulbereich und während der Schulzeit für Schüler und Schülerinnen aller Stufen zu verbieten (Protokoll der LK 6.12.1960).

In einer Lehrerkonferenz wurde auf die Friedlandhilfe für Flüchtige hingewiesen (Protokoll der LK 6.12.1960). In der Vorweihnachtszeit beteiligten sich jahrelang mehrere Klassen an der Weihnachtsaktion „Pakete für die Zone“. Schüler waren auch an Sammlungen für das Müttergenesungswerk und den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beteiligt (Die Lichte Au Nr. 2 1959, S. 7 und Nr. 17 1967, S. 21; JB 1960/61; Protokoll der LK 6.12.1960).

Am Gymnasium meldeten sich weiterhin jedes Jahr viele Sammler für die jährlichen Sammlungen des Müttergenesungswerkes, der Kriegsgräberfürsorge usw. (SchA, Ordner A II, 10, Rechenschaftsbericht 1960/61, S. 2).

An die Tradition der schon vor rund 30 Jahren durchgeführten Fahrt der 9. Klasse nach München ins Deutsche Museum usw. wurde wieder angeknüpft; hinzutrat eine zweitätige Fahrt ins Elsass (Rechenschaftsbericht 1960/61, S. 3).

1961- 1963

Im Schuljahr 1961/62 lag die Schülerzahl zum ersten Mal über 500; eine Klasse wurde sogar dreizügig geführt.

Die Klassen fünf bis neun besuchten die Bundeswehr in Großengstingen (Die Lichte Au 6 1961S. 26-27).

Eine Umfrage der seit 1961 herausgegebenen Schülerzeitung „Wir“ ermittelte 1963 die Lieblingslektüre der Schüler. Neben Stefan Zweig, Werner Bergengruen, Manfred Hausmann wurden Heinrich Böll und Edgar Wallace, auf der Unterstufe auch Karl May genannt (Die Lichte Au 10 1963, S. 46).

5. 4   1965-1972:   Bildungsexpansion, bislang unbekanntes Interesse und Engagement für aktuelle politische Fragen,  Erweiterungsbau 1 und Errichtung des Sportzentrums, zweiter Erweiterungsbau  

1965

In den 50er-Jahren hatte die Schülerzahl mehr oder weniger stagniert; 1961 stieg die Schülerzahl erstmals über 500. Ab 1965 schnellte die Schülerzahl jahrelang sehr deutlich und stetig nach oben. 1972 besuchten erstmals über 1000 Schüler das Gymnasium. Das Gymnasium hatte endgültig seinen elitären Charakter verloren.

Mit dem 1965 fertiggestellten ersten Erweiterungsbau (8 Klassenzimmer und einige Nebenräume) standen den 21 Klassen des Gymnasiums 20 Klassenräume zur Verfügung.

Wie an fast allen Gymnasien in Südwürttemberg-Hohenzollern (Hans Pitsch: Bildungspolitische Zielsetzungen Bd. 1, S. 54) wurde auch am Hechinger Gymnasium eine eigene Schülerzeitung publiziert, in den 60er-Jahren war es die Zeitung „Wir“. Leider wurden die Abi- wie die Schülerzeitungen nicht archiviert.  „Die Lichte Au“ berichtete in den 60er-Jahren jedoch immer wieder über das Erscheinen der Schülerzeitung und verwies auf deren vielfältige Themen.  

Im November fand eine religiöse Schulwoche, eine kooperative Veranstaltung der Schule und der beiden Kirchen mit Einbeziehung der  Eltern statt. Täglich begann der Unterricht mit einem katholischen und evangelischen Gottesdienst (Die Lichte Au 15 1966, S. 19-24).

Politische Initiativen zur Expansion des Bildungswesens, die beispielsweise die Ausschöpfung der Begabungsreserven und insbesondere Chancengleichheit für  katholische Arbeitermädchen vom Lande forderten, gingen am Hechinger Gymnasium nicht spurlos vorbei.  Die Notwendigkeit des Ausbaus der höheren Bildung und deren Modernisierung beschrieben 1964 bzw. 1965 Georg Picht und Ralf Dahrendorf in „Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation" bzw. in „Bildung ist Bürgerrecht“. Auch das Hechinger Gymnasium folgte in den 60er und 70er Jahren dem allgemeinen Trend der Bildungs-expansion.

1966/67

An die Stelle der alten nicht beheizbaren Turnhalle trat 1966 das neue Sportzentrum mit einer Gymnastikhalle, einer Turnhalle und einem Lehrschwimmbecken.

Am 9. Mai 1967 konnten die katholischen und evangelischen Schüler an einem religiösen Einkehrtag in Beuron bzw. Altensteig teilnehmen (Die Lichte Au 17 1967, S. 21). Im Dezember führte eine Theatergruppe des Gymnasiums ein Weihnachtspiel und Weihnachtsmusik in zwei Hechinger Kirchen, im Kreiskrankenhaus, in Jungingen und Bodelshausen auf (Die Lichte Au 19 1968, S. 13). Diese und weitere Aktivitäten  zeugen von einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Schule und den beiden christlichen Kirchengemeinden, wie sie auch vor 1933 bestanden hatte (Die Lichte Au 19 1968, S. 14-15)

Am 5. Juni 1967 hatte der Sechstagekrieg mit einem Überraschungsangriff Israels auf Ägypten begonnen. Er endete am 10. Juni mit einem Sieg Israels  über Ägypten, Syrien und Jordanien. Der Nahostkonflikt kam aber einer friedlichen Lösung damit keinen Schritt weiter, da die Arabische Liga das Existenzrecht Israels nicht anerkannte. In diesen Kontext gehört der von der Schule mitgetragene abendliche Schweigemarsch am 8. Juni. Er führte von der Schule zum Kriegerdenkmal, sein Motto lautete „Friede für Israel – Friede für die Welt“ (Die Lichte Au 17 1967, S. 23-24).

1968/69

Studentendemos in zahlreichen deutschen Universitätsstädten, Kritik am Vietnamkrieg und an Konventionen, Normen und Werten, die als veraltet empfundenen wurden, charakterisierten diese Jahre. Hinzukamen heftige Auseinandersetzungen um die Notstandsgesetze. Manche Gymnasien im Lande wurden mit ungewohnter Unruhe, schmerzhafter Verunsicherung und politisch bzw. gesellschaftskritisch begründeten „Betriebsstörungen“ konfrontiert.

 

Das Gymnasium Hechingen lag dabei im Windschatten. Die Schüler in Hechingen waren an Fragen der großen Politik nicht in dem Maße interessiert wie Schüler anderer Gymnasien. Die meisten Schüler nähmen einen „Ohne-mich-Standpunkt“ gegenüber der Zeitgeschichte ein, hatte die Redaktion der Schülerzeitung schon 1965 festgestellt. Die Bildung eines  „Politischen Arbeitskreises für die Oberschulen“ (PAO) war erst mit Verzögerung im Oktober 1966 zu Stande gekommen (Die Lichte Au Nr. 13 1965, S. 24,Nr. 15 1966, S. 25 undNr. 16 1966, S. 14). Eskalierende Konflikte entschärfen bzw. vermeiden konnten am Hechinger Gymnasium die liberale Haltung des Schulleiters Wiedmann, „einer Persönlichkeit mit überlegener toleranter Haltung“, der es verstand, „auszugleichen und zusammenzuführen“ (Charakteristik von Regierungsschuldirektor Dr. Reiner, in: Die Lichte Au 21 1970, S. 11), aber auch vernünftige und maßvolle Forderungen der SMV.  Damit entsprach das Hechinger Gymnasium nun gar nicht dem Bild der studentischen Protestbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Ein sensibler Umgang mit ungewohnten, Reformen einfordernden Anträgen der SMV begünstigte Kompromiss und Kooperation. So durfte eine Vertretung der Schüler am 8. März 1968 erstmals an einer Lehrerkonferenz teilnehmen und am 21. Mai 1968 fand eine Podiumsgespräch in der Aula über Ziel und Programm des weit links stehenden Unabhängigen Schülerbundes und in den Pfingstferien kamen  am 31. Mai sogar dreißig Schüler und fünf Lehrer zu einer Informations- und  Diskussionsveranstaltung mit Landgerichtsrat Roth-Stielow über die umstrittene Notstandsgesetzgebung. (Die Lichte Au 19, 1968, S. 13-14 und S. 20-21). Als am 10. Mai  1969 bei der Gedenkfeier der deutsch-amerikanischen Freundschaftswoche ein Gedenkstein zur Erinnerung an den Hechinger Hofmarschall und amerikanischen Armeereformer Friedrich Wilhelm von Steuben (1730-1794) vor der Villa Eugenia enthüllt wurde, eine Fahnenabordnung der Bundeswehr in friderizianischen Uniformen auftrat und der stellvertretende Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa General Burchinal und Fürst Friedrich Wilhelm von Preußen eine Ansprache hielten, demonstrierten zwei Schülergruppen „gegen Militarismus und falschen Traditionalismus“ (Die Lichte Au Nr. 20 1969, S. 15 und S. 88-89).  Am 9. Juni 1969 wurde zur Podiumsdiskussion des Politischen Arbeitskreises (PAO) neben einem Vertreter der CDU, SPD und FDP auch ein Vertreter der „Aktion Demokratischer Fortschritt“ (ADF) eingeladen, einer inhaltlich weitgehend kommunistisch geprägten Splitterpartei (Die Lichte Au 20 1969, S. 16). Wie 1968 fand auch 1969  zum Tag der Deutschen Einheit ein Podiumsgespräch in der Aula des Gymnasiums statt (Die Lichte Au 19 1968, S. 14 und Nr. 20 1969, S. 16). Trotz eines vielfältigen Angebots an Diskussionsveranstaltungen zu politischen Fragen und zur Ausgestaltung der SMV war das Echo in der Schülerschaft meist eher gering, wie „Die Lichte Au“ vom September 1969 vermeldete. Die Zahl der „Aufrührer“, die dem Establishment jeden Reformwillen absprachen und die Meinung vertraten, dass “den Schülern in der Schule das Rückgrat genommen“ werde und die SMV lediglich eine Verschleierung der bestehenden Unterdrückung der Schüler sei, blieb klein (Die Lichte Au 20 1969, S. 79-81).

 

Welches Ausmaß Repressionen erreichen können, wenn Gewaltenteilung und freie Presse beseitigt sind, zeigt ein Blick hinter den Eisernen Vorhang. Exemplarisch sei die Erweiterte Oberschule Auerbach im Vogtland herausgegriffen. Ihre Schulakten belegen, mit welchen Repressionsmaßnahmen die SED in der DDR Schüler und Lehrer kontrollierte, maßregelte und hart bestrafte. In Auerbach hatten im Herbst 1969 drei Schülern einer 10. Klasse wegen eines Musikwunsches an den Rias-Sender in Westberlin geschrieben, was nicht nur Lehrer der Schule nötigte, von „Enttäuschung, Erschütterung, Beschämung“ zu sprechen. Der Kreisschulrat warf den Schülern sogar die Aufnahme  von Verbindungen zu einer verbrecherischen Organisation vor. Der Briefschreiber musste nach der 10. Klasse die Schule verlassen, die anderen erhielten auf dem Zeugnis für ihr Gesamtverhalten die Note 4. Lehrer wurden in der DDR – wie die Schulakten der Oberschule Auerbach zeigen -  vom Schulleiter kontrolliert, ob sie an Gedenktagen flaggen, ob sie sozialistische Presseorgane abonnieren usw. Sie hatten der Schulleitung zu melden, wann und wo sie ihren persönlichen Urlaub verbringen (100 Jahre Geschichte des Goethe-Gymnasiums Auerbach, S. 54-55).

 

Im Unterschied zu den „wilden Jahren“ an manch anderen großen Gymnasien   gab es in Hechingen keinen Schülerstreik und kein Verbot einer Schülerzeitung (Vgl.  Wieland-Gymnasium Biberach 2014, S. 138-150;  Festschrift.225 Jahre Fürstenberg-Gymnasium Donaueschingen 2003, S. 24-26;   E. Burckhard Schmitz: Die Geschichte des Schiller-Gymnasiums Köln 1899 – 2011, S. 134-139).

 

 

1970/71

Ab dem  Ende der 50erJahre  bis Anfang der 70er Jahre ermöglichten Familien von Schülern  aus Hechingen und Umgebung  im Juni/Juli einer größeren Zahl französischer Schüler einen mehrwöchigen Sprachaufenthalt. Deutschunterricht erhielten sie täglich am Gymnasium (Die Lichte Au 17, 1967, S. 23; Die Lichte Au 19, 1968, S. 14).

Da keine Akten zum Thema Wahlen zum Hauptpersonalrat vorliegen, sei auf die Sekundärliteratur zurückgegriffen: Bei den Wahlen zum Hauptpersonalrat in Baden-Württemberg  erreichte die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft 1970 knapp 30%, der Philologenverband konnte eine Zweidrittelmehrheit verteidigen (Gass-Bolm 2005, S. 358).

Bei der offiziellen Kontaktaufnahme der Stadt mit Joué-lès-Tours in der Touraine waren vom Gymnasium im Herbst 1971 der neue Schulleiter OStD Dr. Günter und StD Hans Welte von der Fachschaft Deutsch /Französisch vertreten (Die Lichte Au 26 1975, S. 26).

Nach 17-jähriger Schulleitertätigkeit wurde im September  1971 OStD Robert Wiedmann in den Ruhestand verabschiedet. Was ihm die Schule bedeutete, hatte er in dem Artikel „Das Hechinger Gymnasium im Jahre 1958“ wie folgt beschreiben: „Die Schule ist gewissermaßen ein Staat im Kleinen und kann auf Gesetz und Ordnung, Autorität und Gehorsam nicht verzichten. . . Was uns als (nicht unrealistisches) Ideal vorschwebt . . . ist eine Schule, die durch freiwilligen Fleiß, zwanglose Disziplin und eine Atmosphäre der Menschlichkeit gekennzeichnet ist.“ (Die Lichte Au Nr. 1, Juli 1958)  Bei der  Verabschiedung von Robert Wiedmann würdigten zahlreiche Redner dessen Toleranz, Menschlichkeit, Kollegialität und Werteorientierung und dankten für sein außerschulisches Engagement, u. a. im Verwaltungsrat des Südwestfunks und im Vorstand des Philologenverbandes.  Zum neuen Schulleiter wurde Oberstudiendirektor Dr. Ernst Günter ernannt, zu seinem Stellvertreter StD Klemens Oehler.

1972

Vorläufer der 1973 geschlossenen Städtepartnerschaft zwischen Joué-lès-Tours und Hechingen war die im Schuljahr 1971/72 geknüpfte Schulpartnerschaft zwischen dem Hechinger Gymnasium und dem Collège „La  Rabière“ in Joué-lès-Tours. Am ersten vierzehntägigen Austauschprogramm im März 1972  nahmen 25 Schüler teil (Die Lichte Au Nr. 22 1972, S. 27).

Am 24.  November erfolgte die Einweihung des zweiten Erweiterungsbaus mit der Aufführung des Theaterstücks „Leonce und Lena“ von Büchner. Damit verfügte die Schule über 18 neue Klassenzimmer und weitere Räume.

Die  Raucherecke wurde beibehalten. Gleichzeitig sollten die Biologielehrer  Aufklärungsarbeit leisten (Protokoll der LK 13.6.1972; vgl. LK-Beschluss vom 6.12.1960).

Der Antrag auf Einführung der Fünftagewoche fand in der Gesamtlehrerkonferenz und in der Gesamt-Konferenz(Lehrer, Eltern und Schüler) keine Mehrheit.

Die Schülerzeitung „Action“ wurde in Zusammenarbeit mit der Realschule herausgegeben.

Neu war ab 1972 eine „Schwarzes Brett“ für Schüler; die Lichte Au sprach von einer „Meckerecke“. Für Tanzabende durften die Schüler im Keller  im „Bunker“ eine „Disko“ einrichten, die ihnen für Tanzabende am Samstagabend und Sonntagnachmittag zur Verfügung stand (Die Lichte Au 23 1972, S. 11).

5. 5   1973-2012:  kontinuierlicher Ausbau der Schulpartnerschaften, weiteres Ansteigen der Gesamtschülerzahl und des Anteils der Schülerinnen, Umsetzung der Oberstufenreform 1977/78, reformierte Oberstufenreform 1984, kompetenzorientierter Bildungsplan für das Gymnasium der Normalform und G8 ab 2004

1973

Im Schuljahr 1972/73 besuchten 586 Schüler und 427 Schülerinnen das Gymnasium. Der Anstieg war ein Erfolg der „Bildungsoffensive“ der 60er-Jahre.

Am 1. Januar 1973 übernahm die Stadt Hechingen die Schulträgerschaft des bislang staatlichen Gymnasiums.

Mehrere Konferenzen und Elternabende beschäftigen sich seit 1973 mit der geplanten Einführung der Oberstufenreform.

1975/76

Um möglichst allen interessierten deutschen Schülern eine Teilnahme am Schüleraustausch mit Joué-lès-Tours anbieten zu können, stimmte das Hechinger Kollegium 1975 fast einstimmig der zweiten Schulpartnerschaft mit dem Collège „L’Arche du Lude“ in Joué-lès-Tours zu (Protokoll der GLK 22.4.1975). Die Zahl der teilnehmenden Schüler war inzwischen auf über 40 gestiegen (Die Lichte Au 26 1975, S. 24-25).

In den Sommerferien 1976 fuhr zum ersten Mal eine große Schülergruppe unter Leitung des Englischlehrers Gerhard Henzler zu einem längeren Sprachaufenthalt nach Penzance in Cornwall. Später fand das Penzance-Ferien-sprachprojekt in Kooperation mit dem Balinger Gymnasium statt.

1977/78

Das Land Baden-Württemberg führte mit Beginn des Schuljahrs 1977/78 die von den Kultusministern 1972 beschlossene Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe flächendeckend ein.  Am Hechinger Gymnasium hatten sich seit Herbst 1973 mehrere Elternabende mit der vorzeitigen Einführung der Oberstufenreform beschäftigt. Dabei hatten Bedenken überwogen und die Schulleitung akzeptierte den Elternwunsch. Seit 1974 wurde mindestens ein Fachlehrer pro Schule in regionalen Fortbildungsveranstaltungen auf die neuen Lehrpläne im Kurssystem in den Klassen 12 und 13 vorbereitet, und Schulleiter und Oberstufenberater machten sich auf Schulleitertagungen bzw. Akademietagungen mit den Fragen der neu gestalteten Oberstufe vertraut. Die reformierte Oberstufe brachte durch das Kurssystem ab Klassenstufe 12 für die Schüler ein bislang unbekanntes Angebot,  individuelle Schwerpunkte nach Begabung bzw. Interesse zu setzen. Die Kriterien für die individuelle  Kursauswahl waren großzügig.

1981

Die Gesamtschülerzahl stieg in den zwanzig Jahren von 1961 bis 1981  von etwa 500 auf 1 282, d. h. um mehr als das Doppelte, an. Der Anteil der Mädchen wuchs stetig von einem Drittel auf nahezu die Hälfte (75 Jahre Gymnasium Hechingen 1984, S. 105-11).

1983

Mit großer Mehrheit beschloss die GLK, die Raucherecke vorläufig beizubehalten, Verstöße aber strenger zu maßregeln (Protokoll der GLK vom 5.11.1983).

1984

Als sich 1980 nur noch jeder sechste baden-württembergische Schüler für Deutsch als Leistungskurs entschied und nur noch jeder vierte einen Mathematik-Kurs belegte, veranlasste das Kultusministerium in Stuttgart eine Überarbeitung der Oberstufenreform. Im Juli 1984 erhielten die Gymnasien die neuen Lehrpläne und den verbindlichen Bildungsplan Gymnasium I, der u. a. vorsah, dass  alle Abiturienten wieder durchgängig  Kurse in Deutsch und Mathematik sowie in einer fortgeführten Fremdsprache und vier weitere Fächer (eine Naturwissenschaft, Geschichte, Religion und Sport) belegen müssen. Mathematik wurde zu einem verbindlichen Prüfungsfach. Es folgten weitere Korrekturen in Richtung mehr Allgemeinbildung. Der Bildungsplan 2004 brachte schließlich die Abschaffung der stark gewichteten Leistungskurse.

Mit großer Mehrheit und ohne Gegenstimme sprach sich das Kollegium für eine Schulpartnerschaft und einem jährlichen Schüleraustausch mit dem Collège  „La Vallée Violette“ aus. Mit diesem dritten Collège in Joué-lès-Tours stand der breite Schüleraustausch lange auf sehr sicheren Beinen (Protokollbuch der GLK 4.7.1984). Leider ging nach der Jahrhundertwende das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache und am Partneraustausch an den drei französischen Partnerschulen deutlich zurück. Nach dem Ausscheiden von zwei collèges in Joué gelang es dem Hechinger Gymnasium jedoch, in Tours und im Elsaß neue Partner zu finden.

1986

Von 1986 bis 1998 leitete OStD Reinhard Gartner das Gymnasium.

1986 wurde eine Schulpartnerschaft mit einer amerikanischen High School in Seattle im Staat Washington geschlossen und im folgenden Jahr konnten erstmals 17 Hechinger Schüler, begleitet von der Englischlehrerin Erika Paulsen, den Schulalltag an der Issaquah High School sowie Land und Leute kennenlernen. Dieses vierwöchige GAPP-Projekt findet immer noch interessierte Begleitlehrer und Schüler, inzwischen findet der Schüleraustausch aber mit einer anderen High School statt.

1990

Vor allem dem Engagement der Deutschlehrerin Margarete Neuscheler ist es zu verdanken, dass 1990 der Schüleraustausch mit einem polnischen Gymnasium in Plonsk starten konnte.

1991

1991 gingen das Gymnasium Hechingen mit dem Instituto de Bachilleratoin Lleida / Katalonien eine Schulpartnerschaft ein, mit einem jährlichen Schüleraustausch. 1998 wurde das Projekt in das anspruchsvolle Sokrates-Comenius-Programm aufgenommen. Weitere Informationen über die Entwicklung unserer Schulpartnerschaften und das Engagement zahlreicher Kollegen stehen in der Festschrift von 2009 und auf der Schulhomepage.

1996

Ende 1996 wurde am Gymnasium ein Förderverein gegründet. Erster Vorsitzender war Winfried Rullof. Der Verein hat sich als Ziel gesetzt, das Gymnasium in Bildungs- und Erziehungsaufgaben ideell und finanziell zu unterstützen und zu fördern. Der Verein wuchs schnell auf 200 Mitglieder und hat bis heute eine Vielzahl von Projekten, Veranstaltungen usw. finanziert.

1998

Zum neuen Schulleiter wurde OStD Bernhard Märkle ernannt, zu seinem Stellvertreter StD Josef Beck.

2004

Mit Beginn des Schuljahres 2004/2005 trat der Bildungsplan 2004 in Kraft und damit wurde landesweit für alle Schüler, die in die 5. Klasse des Gymnasiums eintraten, das achtjährige Gymnasium (G8) eingeführt.

Der Bildungsplan bedeutete einen Paradigmenwechsel. Er schrieb neben Inhalten detailliert Kompetenzen vor, die die Kinder und Jugendlichen erwerben müssen. Zudem räumte er den einzelnen Schulen einen beachtlichen Freiraum durch die Einführung des Schulcurriculums ein. In Hechingen begannen die Schüler in Klasse fünf mit zwei Sprachen, mit Englisch als erster und mit Französisch oder Latein als zweiter Fremdsprache. Von Klasse fünf bis sieben haben alle Schüler die gleichen Fächer und Stundenzahlen. Ab Klasse 8 wählten die Schüler entsprechend ihrer Begabung und Neigung  das sprachliche Profil mit Spanisch als 3. Fremdsprache oder das naturwissenschaftlichen Profil mit dem Fach Naturwissenschaft und Technik. Die damit gewählten Kernfächer Spanisch bzw. Naturwissenschaft und Technik wurden in den Klassen 8, 9 und 10 jeweils vierstündig unterrichtet. In der Kursstufe, also in den Jahrgangsstufen 11 und 12, konnten alle Schülerinnen und Schüler ihre Fächer im Rahmen der Belegungspflicht frei wählen. Schüler aus dem sprachlichen Profil konnten sich auch für einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt entscheiden.

2007

Das Landesnichtraucherschutzgesetz vom 25. Juli 2007 bestimmte, dass in Schulgebäuden und auf Schulgeländen sowie bei Schulveranstaltungen das Rauchen untersagt ist. Abweichend davon kann die Gesamtlehrerkonferenz mit Zustimmung der Schulkonferenz und nach Anhörung des Elternbeirats und der Schülermitverantwortung für volljährige Schüler sowie für dort tätige Lehrkräfte Raucherzonen außerhalb von Schulgebäuden im Außenbereich des Schulgeländes jeweils für ein Schuljahr zulassen.

2008

Ab 2008 leitete OStD Gerhard Kuhle das Gymnasium. Stellvertretende Schulleiterin ist StDin Beate Widmaier.

2009

Die Schule feierte das Jubiläum „100 Jahre Gymnasium Hechingen“ mit einer Festveranstaltung im Museum und der Herausgabe einer Festschrift. Versetzt man sich 50 Jahre zurück, so nimmt man schlagartig die Expansion des Bildungswesens  und die ungeahnte Zunahme der Bildungsangebote in Hechingen wahr:1959 stand in Hechingen nur eine einzige höhere Schule, das Gymnasium, an der die Kinder Stadt das Zeugnis der mittleren Reife und das Reifezeugnis erwerben konnten. Die Realschule wurde erst Anfang der 60er, das Wirtschaftsgymnasium Anfang der 70er Jahre gegründet. Diese Entwicklung setzte sich bis in unsere Tage fort, begleitet von einer Weiterentwicklung der Lernkultur, der Lehr- bzw. Bildungspläne usw..

Die GLK-Konferenz und die Schulkonferenz von 2009/2012 verabschiedeten eine neue Schulordnung mit dem zentralen Satz: Es „wird vorausgesetzt, dass auf dem Weg zur Schule und im schulischen Zusammenleben gegenseitige Rücksichtnahme, Höflichkeit, die Einhaltung demokratischer Spielregeln und die Anwendung des gesunden Menschenverstandes grundlegend sind.“

2011

Im Januar 2011 ging die Lichtenauhalle, eine moderne Dreifeldhalle, in Betrieb. Sie verfügt über knapp 200 Tribünen- und Sitzplätze, eine Kletterwand  und eine Voltaik-Anlage auf dem Pultdach.

2012

Im Jahr 2012 machte der letzte G9- und der erste G8-Jahrgang die Reifeprüfung. Ab dem Schuljahr 2012/13 wird die zweite Fremdsprache Französisch bzw. Latein ab Klasse 6 unterrichtet.

Der Hechinger Gemeinderat schloss sich dem Wunsch der großen Mehrheit der betroffenen Grundschuleltern und dem Votum der GLK des Gymnasiums an, die Wiedereinführung eines G9-Zuges als Ergänzung des G8 zu beantragen. Der Vorstoß blieb jedoch ohne Erfolg, da das Kultusministerium im Zollernalb-kreis nicht das Gymnasium Hechingen, sondern das Gymnasium Ebingen in die Liste der G9-Modellschulen aufnahm.

Das Schülercafe wurde zu einer geräumigen Mensa umgebaut und im April eingeweiht. 

Die Einführung der Ganztagesschule in offener Angebotsform wird durch ein breit gefächertes AG- und Betreuungsangebot begleitet. Das pädagogische Netz des Gymnasiums Hechingen umfasst u. a. Klassenlehrerteams, Beratungslehrer/innen, pädagogische Koordinatoren, das Programm „Mobbingfreie Schule“, das Mediatoren- und Jugendbegleiterprogramm, einen pädagogischen Arbeitskreis, die Hausaufgabenbetreuung bzw. Lernwerkstatt und den Schulsanitätsdienst. Im Juni 2012 erhielt das Gymnasium eine halbe Schulsozialarbeitsstelle. Dadurch gehört Schulsozialarbeit zum Alltag des Schullebens. 

Die Schulleiter des Reformrealgymnasiums, der Oberschule für Jungen, des staatlichen bzw. städtischen Gymnasiums:

StD   Friedrich Seitz  1909-1926,    StD   Dr. Eduard Gfrörer  1926-1931,    OStD Dr. Johann August Schmitt  1931-1945 und 1952-1954,    OStD Dr. Josef Fischer  1945-1952,    OStD Robert Wiedmann  1954-1971,    OStD Dr. Ernst Günter  1971-1986,    OStD Reinhard Gartner  1986-1998,    OStD Bernhard Märkle  1998-2009,    OStD Gerhard Kuhle  2009-2017,   OStD Melanie Dreher  2017-

  Detail aus dem Glasfenster der Aula

Detail aus dem Glasfenster der Aula

 
Hinweis zu den Literaturangaben:

Quellen- und Literaturangaben stehen in Klammern. Angegeben werden im laufenden Text in der Regel der Autor bzw. Herausgeber, das Erscheinungsjahr und die Seitenangabe.  Folgender Pfad führt  zum ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis.

http://www.gymnasium-hechingen.de/

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