Das Gymnasium im Dritten Reich

 4.  Das Gymnasium im Dritten Reich

 Autor: Dr. Gunter Tietz

4. 1   1933-1935:  Unmittelbare Begleiterscheinungen und Folgen der Machergreifung: Propaganda, Werbung, Indoktrination, Druck, Gleichschaltung und brutale Aushebelung rechtsstaatlicher Grundsätze

 1933-1934

 Die  Archivbestände  des Gymnasiums in Hechingen aus den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Diktatur sind abgesehen von Fotos - erfreulicherweise weitgehend erhalten, im Gegensatz zu anderen höheren Schulen wie  dem Gymnasium in Sigmaringen (W. Kuhn 1993, S. 52 und M. Hoffmann 2014 berichten übereinstimmend von einer dürftigen Quellenlage.).

 Die Machtergreifung bzw. Machtübergabe erfolgte am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. In den folgenden Monaten gelang der NSDAP  die Gleichschaltung und Machtergreifung in allen Bereiche von Staat und Gesellschaft auf Reichs-, Länder-  und Kommunalebene, begleitet von gewaltsamem Terror vor allem der SA. Im Bildungswesen setzte die Gleichschaltung ab März 1933 ein, zog sich aber über Monate bzw. Jahre hin. Trotz Wandervogel und Pfadfinderbewegung waren bis in das erste Jahr der NS-Diktatur für die meisten Jugendlichen Elternhaus, Schule und Kirche entscheidende Erziehungsmächte geblieben. In den Jahren bis 1936 erfolgten aber tiefgreifende Veränderungen. Ab 1936 gab es keine Alternative mehr  zur Zwangsmitgliedschaft in der nationalsozialistischen Staatsjugend. „Von freier Selbstbestimmung, wie sie der Jugendbewegung vorgeschwebt hatte, war nicht mehr die Rede; die regelmäßige Teilnahme wurde kontrolliert. Auch die „eigene Verantwortung“ der Meißnerformel vom Oktober 1913 war der Jugend abgenommen.“ (K. L. Joos 2012, S. 58).  Im Schularchiv finden sich viele Belege für die rücksichtslose Gleichschaltung der höheren Schule, aber auch einige Belege für das Festhalten an traditionellen Bildungsinhalten.

 Die Niederschrift der Lehrerkonferenz vom 17. Februar 1933 ist ein letzter Beleg für die am Reformrealgymnasium bis dahin freie, zum Teil auch kontroverse Diskussionskultur. Dem Referat des Direktors Dr. Schmitt über das Buch  „Psychologie des Jugendalters“ (1924) des Pädagogen Prof. Eduard Spranger folgte eine offene Aussprache über das Thema „Die Jugend in der Reife“. Ergänzend wurde auch auf die Typenunterscheidung des Tübinger Psychiaters Prof. Ernst  Kretschmer „Körperbau und Charakter“ hingewiesen, ebenso auf die Besonderheiten der ländlichen Umgebung der Schule. Schließlich folgte der Einwand,  „dass nicht von allen Seiten gebilligt werden kann, dass Spranger das Religiöse  von dem übrigen Erleben trennt und es nicht als das Tiefste und Letzte . . . deutet“ (Protokoll der LK 17.2.1933; vgl. die ausführliche Rezension “E. Sprangers Psychologie des Jugendalters“ von H. Schlemmer, in: Deutsches Philologen-Blatt Jg. 33 1925, S. 52-54).  

 Ab März folgten aber in rascher Folge Eingriffe, Maßnahmen, Erlasse und Gesetze, die  die bisherige Freiheit im Erziehungswesen und die Achtung der Verfassung und der Grundrechte, ja sogar die freie Gestaltung des Schulalltags Schlag auf Schlag beseitigten. Verschiedene Maßnahmen und Erlasse der vorgesetzten Behörden und der politischer Akteure schmälerten  bisherige Mitsprache-, Mitbestimmungs- und Freiheitsrechte der Lehrer, Eltern und Schüler. Der Lehrerkonferenz kam nur noch beratende Funktion zu; Abstimmungen entfielen (Protokoll der LK 20.12. 1933; Verfügung betr. „Umgestaltung der Konferenzordnung nach nationalsozialistischen Grundsätzen“ vom 13.12. 1933). An die Stelle der bisher gewählten Elternbeiräte  traten  vom Schulleiter in die Schulgemeinde berufene „Jugendwalter“ und ein Vertreter der Gebietsführung der Hitlerjugend. Im Schuljahr 1934/35 hatte Unterbannführer  Studienassessor K. dieses Amt inne. Die von den „Vertrauensmännern“/ Klassensprechern der oberen Klassen gebildete Schülervertretung trat nicht mehr zusammen; lediglich die Klassensprecher durften anfangs noch gewählt werden, dann ernannte sie der Klassenleiter. In der Aula wurden Bilder des Reichskanzlers Hitler und des Reichspräsidenten aufgehängt.

 Auch die Referendar-Ausbildung erhielt durch die „Erziehung zu deutschem Volksbewusstsein" eine neue Ausrichtung. Im September 1933 konnte jedoch noch ein Aufsatz des Pädagogen Eduard Spranger besprochen werden, der vor „der Ländergier, dem politischen Imperialismus, dem Chauvinismus, der falschen Deutschtümelei“ warnte. Dass „jede internationale Haltung“ dem „Volksbewusstsein“ schade, wurde im Protokoll unkommentiert vermerkt, ebenso wie Spangers Kritik an dem von ihm postulierten typisch deutschen Verhalten, sich im Gegensatz zu anderen Völkern besonders international zu gebärden (SchA, Protokolle der pädagogischen Sitzungen, 14.9.1933). Der nationalsozialistischen Pädagoge Ernst Krieck konnte noch 1935 mit dem Hinweis auf die Bedeutung einer „voraussetzungslosen und zweckfreien"  Wissenschaft hinterfragt werden (Niederschriften der allg. päd. Sitzungen vom 10.11. 1934 und 23.3.1935).

 Propagandistische Versprechungen, brutaler Terror, das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, das die Entlassung von politisch unzuverlässigen und "nichtarischen" Beamten vorsah, und andere Einschüchterungsmaßnahmen wie der vierseitige Fragebogen zur Abstammung und zur Mitgliedschaft in Parteien, politischen Organisationen und Berufsverbänden (SchA, mehrere Personalakten), drängten viele dazu, sich den neuen politischen Verhältnisse anzupassen und bis zum 1. Mai 1933 der NSDAP beizutreten. Einige Lehrer widerstanden dem Werben des Schulleiters und dem Druck der NSDAP  und des Kreisleiters des NS-Lehrerbundes (NSLB) bis 1945, so  die Studienräte Karl Bayer, Hans Freund, Dr. Karl Kuhn,  Clemens Moser, der kath. Religionslehrer Dr. Joseph Rager und der Stud.-Ass. Anton Emter (SchA, Personalakten).

 Referendare, die nicht Mitglied einer „NS-Wehrformation“, des NS-Lehrer-bundes oder der NSDAP waren, befanden sich im Unterschied zu älteren fest angestellten Kollegen in einer prekären Lage (F. Messerschmid in einem Brief an den Gouverneur militaire in Tuttlingen. In: V. Schäfer 2013, S. 254), denn die Einstellungssituation für junge Kollegen war in den Dreißigerjahren miserabel. Der Berufsweg des Studienassessors Ludwig Abel, der dem Hechinger Gymnasium vom November 1931 bis November 1936 „zur unentgeltlichen Beschäftigung überwiesen“ war, ist ein Beispiel dafür (JB 1931/32, S. 22 und JB 1936, S. 11-12). Auch Anton Emter gelang nach der Referendarausbildung der Einstieg ins Berufsleben ab 1933 nur über unentgeltliche Beschäftigung und Krankheitsvertretung auf Widerruf. Als Nichtparteimitglied beendete er 1941/42 seine Feldpost-Karten aus Russland ohne ein „Heil Hitler“ (SchA, Personalakte).

 Öffentliche Beachtung fand die Zwangspensionierung des Studienrats Clemens Moser am 23. August 1933 unter Berufung auf den Paragraphen 4 des sogen. Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933. Wie in vielen anderen Fällen ging es den Nationalsozialisten um die Beseitigung von aktiven, angesehenen politischen Gegnern. Moser, ein kämpferischer, erfolgreicher Vertreter der katholischen Zentrumspartei, hatte sich seit Jahren als scharfer Kritiker der NSDAP und ihrer Ideologie profiliert. Von 1922 bis 1933 war er Mitglied im Kreistag und im Hohenzollerischen Kommunallandtag gewesen und hatte von 1930 bis 1933 die Hohenzollerischen Lande im Preußischen Staatsrat vertreten. Noch am 12. März 1933, d. h. einer Woche nach dem  großen Wahlerfolg der NSDAP auf Reichsebene,  hatte das katholische Zentrum in Hechingen bei den letzten, nur noch eingeschränkt freien Wahlen zum Landeskommunallandtag in Sigmaringen deutlich mehr Stimmen als die NSDAP erhalten und Moser war wieder gewählt worden (Der Zoller Nr. 60 vom 13.3.1933; das Wahlergebnis sah wie folgt aus: Zentrum 979, NSDAP 697, Freie Wahlvereinigung 396, SPD 188, Kommunisten 150, Einheitsfront Schwarz-Weiß-Rot 82 Stimmen). Moser musste bis 1945 im inneren Exil leben, „verfemt und von vielen gemieden, . . . sogar das Erteilen von Privatunterricht wurde ihm verboten“. Nachdem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er von der Gestapo am 23. August 1944 verhaftet und bis 1. November in Saulgau in Haft gehalten (SchA Personalakte Moser; JB1933/34; Hohenzollerische Zeitung 1.9.1955 und 6.11.1956). 

 Ein weiteres Opfer der Repressionsmaßnahmen war  der Hechinger Schulrat  Dr. Alfred Miller, von 1891 bis 1897 Schüler der Hechinger Realschule,  ab 1921 Schulrat in Hechingen und mehrere Jahre Vorsitzender des Elternbeirates des Gymnasiums. Auch er war aktives Zentrumsmitglied gewesen, war einer der Verfasser der Satzung des „Friedensbundes Deutscher Katholikenvon 1924 und hatte diesen Bund von 1925 bis 1929 als erster Vorsitzender geführt. Im Hechinger Kreistag wurde Dr. Miller vom Reichstagsabgeordneten Vinzenz Stehle (NSDAP) wegen seiner pazifistischen Gesinnung („pazifistischer Knochenerweichung“) öffentlich angegriffen, im April vom Dienst beurlaubt und im September mit stark gekürzten Pensionsansprüchen entlassen worden. Er fühlte sich von seinen Mitbürgern, seinen Lehrern und dem Stadtpfarrer Dr. Graf im Stich gelassen, wie er in einem Brief an den Rottenburger Bischof Johannes Baptista Sproll vertrauensvoll schrieb, denn dieser war ebenfalls aktives  Mitglied im „Friedensbund“. Immerhin wurde Dr. Miller nicht wie andere Mitstreiter verhaftet (Der Zoller 7.4. 1933; Beate Höfling: Katholische Friedensbewegung zwischen zwei Kriegen: der "Friedensbund Deutscher Katholiken" 1917-1933. Waldkirch 1979, S. 281 und S. 285; Helmut Kurz: Katholische Kirche im Nationalsozialismus. Berlin 2006, S. 40-41).

 Die Maßnahmen zur  Gleichschaltung der Schulbücher und Lehrpläne zogen sich über mehrere Jahre hin. Am 18. April 1933 teilte das Kultusministerium den Schulen mit, „die bisher verwandten Schulbücher können auch im Schuljahr 1933/34 verwendet werden.“ (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1933, S. 121) Im Januar 1934 erließ das preußische Kultusministerium „Leitgedanken zur Schulordnung“. Darin wurde „die Erziehung der Jugend zum Dienst am Volkstum und Staat im nationalsozialistischen  Geist“ als oberste Aufgabe der Schule bezeichnet. In Bezug auf die Rassenideologie des Nationalsozialismus scheinen offenbar viele die Brisanz und die tödliche Gefahr für Mitbürger verdrängt oder nicht wahrgenommen zu haben. So leitete schon im ersten Jahr der NS-Diktatur der junge Studienassessor K.  eine rassistisch gefärbte Musik-AG, in der sich fünf Schüler mit den allgemeinen " Grundlagen der Rassenseelenkunde"  und  dem  „Anteil der nordischen Rasse an der Entwicklung der europäischen und insbesondere der deutschen Musikkultur“ beschäftigten (JB 1933/34, S. 16).

 Mit dem Erlass des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung  vom 13. September 1933  wurden die „Vererbungslehre, Rassenkunde, Rassenhygiene, Familienkunde und Bevölkerungspolitik“ in die Lehrpläne der Abschlussklassen aller Schularten implementiert und als „pflichtgemäßes Prüfungsgebiet“ vorgeschrieben. Am Hechinger Gymnasium waren die Untersekunda und Oberprima betroffen. Zudem sollte das „biologische Denken“ in allen Fächern „Unterrichtsgrundlage“ zu werden (Protokoll der LK 12.10. 1933; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1933, S. 244; Fricke-Finkelnburg 1989, S. 214). Detaillierte Ausführungsbestimmungen erließ  der Volksbildungsminister Rust erst am 15. Januar 1935. Zuvor folgte jedoch noch Ende des Jahres 1933 der Erlass „Lehrgänge in Vererbungslehre, Rassenkunde usw.“, der die Lehrkräfte aller Schulen anhielt, sich mit diesen Themen in Arbeitsgemeinschaften und auf Lehrgängen zu beschäftigen, wenn möglich in „Gemeinschaftslagern“ (Erlass des Kultusministers Rust vom 15.12.1933, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1934, S. 52).

 Erstmals werden im Schuljahr 1933/34 im Deutschunterricht der Oberstufe  Werke von zeitgenössischen auslandsdeutschen, völkischen und nationalistischen Schriftstellern  -  z. B.  Hanns Johst und Erwin Guido Kolbenheyer -   gelesen (JB 1933/34, S. 4). Auch ein Vergleich der Aufsatzthemen  vor und nach der Machtergreifung 1933 belegt eine fortschreitende ideologische Gleichschaltung des höheren Schulwesens durch das  NS-Regime (JB 1933/34 ff.).

 Einige Verlautbarungen der vorgesetzten Schulbehörde verschleierten anfangs den radikalen Bruch mit den traditionellen Bildungs- und Erziehungszielen. So hielt der Protokollant der Lehrerkonferenz vom 31. Mai 1934 folgende Bemerkung des Oberschulrats Dr. Paehler vom Provinzialschulkollegium Koblenz fest: „Die Schriften 'Mein Kampf' und 'Rosenbergs Mythos', sowie die weiteren Gegenschriften dürfen nicht als Grundlage für den Schulunterricht benutzt werden. Überhaupt sollen Tendenzschriften völlig aus dem Unterricht gelassen werden.“ (Protokoll der LK 31.5.1934, S. 93). Als das Kollegium im Juni 1933 als Leitgedanken für den Unterricht in den vier oberen Klassen das Thema  „Deutsches Volk und deutscher Lebensraum“ wählte, sollte mit der Behandlung der Völkerwanderung begonnen werden. Als aktuelle Scherpunkte einigte man sich auf Südtirol, das unter dem italienischen Faschismus litt, und den polnischem Korridor (Protokoll der LK 1.6. 1933, S. 24). Auch in Bezug auf die kirchenfeindliche NS-Ideologie konnten sich im zweiten Jahr der NS-Diktatur noch manche Kollegen Illusionen machen, denn das Schuljahr begann wie üblich mit einem katholischen Gottesdienst bzw. einer evangelischen Andacht (Protokoll der LK 15.4.1934). Eine Verfügung vom  2. Oktober 1933 hatte sogar von einer „Teilnahmepflicht der Schüler an Schulfeiern und Schülergottesdiensten“ gesprochen (Protokoll der LK  12.10.1933, S. 37). Aber der schon 1935 angeordnete  Übergang zur freiwilligen Teilnahme am katholischen Gottesdienst und an der evangelischen Andacht zu Schuljahresbeginn und deren Abschaffung 1937  ließen aufhorchen (JB 1936, S. 17;  JB 1938, S. 15).

 Die Festkultur oder besser Festunkultur diente von Anfang an der Propagierung und Gleichschaltung, auch der Verharmlosung der NS-Ideologie. Durch die zahlreichen politischen Gedenkstunden und Feiern, verbunden mit pathetischen Ritualen mit dem verordneten Hitlergruß, dem Singen des Horst-Wessel-Liedes, der Flaggenehrung und dem erlaubten bzw. erwünschten Tragen der HJ- bzw. BDM-Uniform gingen Verführung und Indoktrinierung  eine enge Verbindung ein. Die Gleichschaltung des Schullebens  setzte bereits am Ende des Schuljahrs 1932/33 ein, als am 8. März  1933 „zur Feier des Sieges der nationalen Front (NSDAP und DNVP)“ der Unterricht ausfiel und am 20. März wegen der Eröffnung des neuen deutschen Reichstages  eine Schulfeier stattfand und Lehrer und Schüler verpflichtet waren, „am Rundfunk Zeuge der erhebenden Feierlichkeiten in Potsdam“ zu werden (JB 1932/33, S. 25). Das Schuljahr 1933/34 war von einer ununterbrochenen Folge von Gedenkstunden, Feiern und weiteren politisch eingefärbten Aktivitäten geprägt. Sie waren stets mit der nationalsozialistischen Ideologie bzw. der aktuellen Politik der NSDAP verknüpf. Die Radikalität  der politischen Umwälzung wahrzunehmen und zu reflektieren, waren manche Redner außerstande.Zwei Beispiele: Studienrats L. führte in seiner Ansprache anlässlich einer Gedenkstunde der Schule am 30. Januar 1934 verharmlosend aus: „ Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend kämpft die deutsche Jugend den Kampf um das Recht ihres natürlichen Wachstums. Der Garant dieses Wachstums ist ein starkes Deutschland unter zielbewusster Führung“ (JB 1933/34, S. 24-25) und Studiendirektor Dr. Schmitt beendete seine Abiturrede am 28. 3. 1934 mit der Mahnung, „nie zu vergessen, dass nur über die Zugehörigkeit zu einem echten Volkstum der Weg zur wahren Menschheit führt“ (JB 1933/34, S. 26).

Der Jahresbericht  des Schuljahrs 1933/34 verzeichnet im Abschnitt  „Chronik“ folgende Feste, Feiern, Gedenkstunden und Veranstaltungen: am 1. Mai „Feiertag der nationalen Arbeit“, Teilnahme an der Feier des von der Stadt und der NSDAP gestalteten Tages, am 2. Mai 1933 die nachgeholte Feier von "Führers Geburtstag", am 20. Mai Besuch des Schauspiels „Schlageter“ von Hanns Johst  im Museum, am 26. Mai die Schlageter-Gedenkfeier in der Aula, am 24. Juni Beteiligung der Schule am von der Stadt veranstalteten  „Fest der Jugend“ und an der Sonnwendfeier, am 28. Juni die Versailles-Gedenkstunde mit Ansprache des Direktors, am 11. September eine Gedenkstunde zur Erinnerung an die Befreiung Wiens im Jahre 1683, am 30. September, am Vortag des Erntedankfest, „eine schlichte Feier zu Ehren des deutschen Bauerntums“ mit einer Ansprache des Studienrats P., am 1. Oktober Beteiligung der Schule am Erntedanktag in Hechingen, am 22. Dezember eine Gedenkstunde, die dem Lebensweg Dietrich Eckarts, „dieses Heroldes der nationalsozialistischen Revolution“ wie es hieß, gewidmet war; am 18. Januar 1934 die Reichsgründungsfeier; am 30. Januar 1934 eine Gedenkstunde anlässlich des „großen geschichtlichen Tag, . . . an dem vor einem Jahr Adolf Hitler das Steuer des Reiches in seine Hand nahm"; am  22. Februar 1934 für alle Klassen eine Vorführung  des Films  „Sieg des Glaubens“, eines NS-Propaganda-Films über den Reichsparteitag vom September 1933 und am 28. Februar 1934 die Teilnahme an der Feier des "Heldengedenktages", der an die Stelle des  Totensonntags getreten war. Am Schuljahrsende erfolgte nach der Abschluss-feier die „Flaggenehrung" vor dem Schulgebäude (Protokoll der LK 23.3.1934, S. 50).  

Ab dem Schuljahr 1934/35 fielen einige Veranstaltungen weg, andere kamen dazu, z. B. Anfang Mai „die Feier zu Ehren der deutschen Mutter und der deutschen Familie“ (Ordner H 2, Programm der Feier vom 12. Mai 1934 mit einem Text von Heinrich Anacker und Gedichten von Albert Träger, Gustav Falke und Hermann Hesse) und im September „der Tag des deutschen Volkstums“ (Jahresbericht 1933/34 ff.). 1935 fand kurz vor den Winterferien an Stelle der üblichen Weihnachtsfeier eine „Feier der Wintersonnenwende“ in Gestalt einer „Feier zur Würdigung des Winterhilfswerks“ statt, mit anschließender Straßensammlung durch Schüler und Lehrer (Protokoll der LK 17.12.1935). Die Zahl der Feiern und Feste ging Ende der 30er Jahre deutlich zurück und im Laufe des Krieg schließlich gegen Null.

Anlässlich der Abstimmung über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und der gleichzeitigen Reichstagswahl (mit der Einheitsliste der NSDAP) beteiligten sich am 12. November 1933 einige Schülergruppen an Werbeaktionen unter der Leitung von Lehrern. Mit Sprechchören warben sie für ein Ja (JB 1933/34, S. 23). Indoktrinierung und Mobilisierung der Jugend erfolgte im Schuljahr 1933/34 auch durch den Gemeinschaftsempfang von vier großen Propagandaveranstaltungen der NSDAP (JB 1933/34, S. 20-26).

1934 sollte jedes Kind das Lied „Deutsch die Saar, deutsch immerdar“ lernen, und jede Klasse sollte sich pro Monat eine Stunde „dem Kampf um Land und Volk der Saar“ widmen (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1934, Mitteilung des Kultusministers betr. „Saarpropaganda“ vom 20.12.1933, S. 55-56). Der Hintergrund dieser Aktivitäten war folgender: Aufgrund des Versailler Friedensvertrag war das Saarland vom Reich abgetrennt und dem französischen Währungsgebiet angeschlossen worden. 1935 durften die Saarländer über den völkerrechtlichen Status ihres Landes abstimmen. Die Lehrer reihten sich in die „Werbeschlacht“ ein. In einer  Konferenz berieten sie ausführlich, wie die Saarfrage fächerverknüpfend in Deutsch, Geschichte und Geographie zu behandeln sei (Protokoll der LK 17.5.1934).

Die Hitlerjugend hatte in Hechingen erst spät, im Juni 1932, Fuß fassen können. Der Widerstand vor allem kirchlicher Kreise hatte die zunächst auf 20 Mitglieder angewachsene Gruppe so sehr geschwächt, dass sie bis Anfang 1933 auf vier Mitglieder geschrumpft war. Dabei ging die Gründung der HJ-Gruppe von einem württembergischen Forstmann aus, ein weiteres Gründungsmitglied war ein in Moskau geborener deutscher Unterprimaner, der zuvor bei den Deutschen Pfadfindern aktiv gewesen war (SchA, Reifeprüfungen, Bildungsgänge 1935). Die 1932 gegründete Ortsgruppe des Bundes Deutscher Mädel (BDM) war sehr klein, eine stabile HJ-Gruppe kam erst nach der Machtergreifung 1933 zustande. Im Mai 1933 waren am Gymnasium Hechingen erst wenige in die HJ und den BDM eingetreten (Reifeprüfung 1938, Bildungsgang der Schülerin J. und Reifeprüfung 1936, Bildungsgang der Schülerin S.). Auch in Haigerloch und Umgebung konnte die Hitlerjugend erst nach der Machtergreifung im Juni 1933 Fuß fassen (Reifeprüfung 1936, Bildungsgang von B.). Um die zahlreichen katholischen und evangelischen  Jugendverbände zu schwächen und ins Abseits zu schieben, sprachen der Kreisleiter der NSDAP Dr. Johannsen und der Sturmführer der SA wegen der zu erwartenden Teilnahme von konfessionellen Jugendgruppen am Staatsjugendtag beim Landrat Schraermeyer vor. Sie drohten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung bedroht sei, falls konfessionelle Jugendverbände in geschlossenen Gruppen „mit Abzeichen und Wimpeln bzw. Bannern“ teilnehmen würden. Landrat Schraermeyer wich vor der Drohung zurück und informierte Kirchen, Schulen und betroffenen Verbände dahingehend, dass schulpflichtige wie nicht schulpflichtige Angehörige der konfessionellen Jugendverbände nur in Zivilkleidung ohne Banner usw. mitmarschieren dürften. Betroffen waren die Jugendgruppe „Neudeutschland“, die Sturmschar und Jugendschar, der katholische Sportverband DJK, der katholischer Gesellenverein und der Verein der katholischen weiblichen Jugend (Ordner E 15, Schreiben vom 23.6. 1933; vgl. SchA, Nationalpolitische Lehrgänge 1934-36, Berichte etc.). Dieselbe Stoßrichtung hatte der Erlass „Erziehung zum nationalsozialistischen Staatsgedanken“ des Preußischen Ministerpräsidenten vom 24. August, einschließlich der Ergänzung vom 9. September 1933. Dieser Erlass öffnete die Schulen grundsätzlich nur für Aushänge der NSDAPund ihrer Unterorganisationen wie des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) und der Hitlerjugend  (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1933, S. 242). Propaganda und Druck schien aus Sicht der NSDAP am Gymnasium auch angebracht. In Hechingen waren nach Beginn des Schuljahr 1933/34 einerseits in der kleinen Unterprima (12. Klasse) bereits fünf von sieben Schülern in eine NS-Organisation  eingetreten und in der Obersekunda von elf Schülern und Schülerinnen neun in die HJ, die SA bzw. den BDM eingegliedert, andererseits waren in der Untersekunda sieben von zehn ihren traditionellen Vereinen treu geblieben, so der katholische „Neudeutschland“-Gruppe, der marianische Jungfrauenkongregation und dem monarchistischen „Königin-Luise-Bund“; nur drei Untersekundaner ließen sich in die Hitlerjugend bzw. den BDM eingliedern (Klassenbücher der Untersekunda bis Oberprima). Am Ende des Schuljahrs 1933/34 waren aber fast alle Schülerinnen und Schüler, ab  Juni 1935 alle in die HJ bzw. den BDM eingetreten. In der Schulstatistik waren keine jüdischen oder ausländischen Schüler verzeichnet. Vom Sigmaringer Gymnasium ist ergänzend zu berichten, dass dort Schüler, die sich einer Gleichschaltung entziehen wollten, die Streichung der Erziehungsbeihilfe drohte (E. Wagner 1961, S. 70). Ein neues, unangenehmes, in Hechingen seltenes Problem kam auf die Schule dadurch zu, dass Schüler und Schülerinnen bei außergewöhnlichem Einsatz in NS-Jugendorganisationen eine Vorzugsbehandlung bei Versetzungsentscheidungen erwarteten. Das Protokoll der Versetzungskonferenz vom 23.März 1936 vermerkte zwei Fälle. Dem Schüler H. und der Schülerin S. wurde trotz zweifacher Nichtversetzung eingeräumt, nach einem halben Jahr die mittlere Reifeprüfung  wegen „besonderer Bewährung in der HJ“ zu wiederholen (SchA, Protokollbuch, S. 114).

Im November 1933 wurde eine Schulgruppe des Volksbundes (vor 1933 Vereins) für das Deutschtum im Ausland (VDA) gegründet,  der alle deutschstämmigen Schülerinnen und Schüler  beitraten (JB 1933/34, S. 28). Dieser Verein, der schon vor 1933 eine Massenorganisation war, organisierte Vortragsabende und Haus- und Straßensammlungen, kümmerte sich um die  kulturelle Betreuung der Auslandsdeutschen und unterstützte deren Belange  z. B. in Polen, in Siebenbürgen oder dem Sudetenland. Einer völligen Gleichschaltung konnte sich der Verein wenige Jahre entziehen (R. Luther: Blau 1999, S. 110-111). Mit dem Kampf für eine Revision des Versailler Friedensvertrages gab es zwischen dem VDA und der NSDAP eine große Schnittmenge. Am 2. November 1936 hielt der HJ-Unterbannführer von  Danzig in der Aula einen Vortrag über Danzig und die Ostmark (JB 1936/37). 1937 veranstalteten die Schule zusammen mit dem Ortsverband des VDA zum Thema "Volkstums-kampf und Grenzlandnot im Sudetenland", in den von über drei Millionen Deutschen sprechenden Bürgern der Tschechoslowakischen Republik, einen "volksdeutschen Abend", an dem der Chor "Deutschland, heiliges Wort" und ein Sprechchor  "Deutschland, wir bleiben dir ewig treu"  vortrugen (Hohen-zollerische Heimat-bücherei Hechingen, Na 1000 XI; vgl. JB 1937/38, S. 18). Im Unterschied zur Zeit vor 1933 wurden nu auch zeitgenössische Schriftsteller wie Adolf Meschendörfer, Hans Watzlik oder Wilhelm Pleyer, die die Situation der Deutschen in Siebenbürgen und im Sudetenland aus  völkisch-nationaler Sicht darstellten, in den Lektürekanon des Deutschunterrichts aufgenommen (Jahresberichte 1934-1940).

Dr. Schmitt gab nach den Sommerferien Lehrern und Schülern den Erlass des Kultusministers  vom 22. Juli 1933 betr. die „Einführung des deutschen Grußes“ bekannt (Protokoll der LK 29.8.1933; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1933, S. 203-204; Fricke-Finkelnburg 1989, S. 226). In den vom Kultusministerium veröffentlichten  „Leitgedanken zur Schulordnung“ vom 20. Januar 1934 wurde nochmals darauf verwiesen, dass für Lehrer und Schüler innerhalb und außerhalb der Schule  der  „deutschen Gruß (Hitlergruß)“ vorgeschrieben sei, auch für  Religionslehrer (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1934, S. 43-44, Erlass vom 20.1.1934).Wie konsequent der Erlass in Hechingen umgesetzt wurde, lässt sich anhand der Quellen des Schularchivs nicht beantworten; das gilt  auch für den Erlass zum Grußverhalten beim Singen des Deutschlandliedes und der ersten Strophe des Horst-Wessel-Liedes. Eine Verfügung vom 5. Februar 1934 schrieb auch im Schriftverkehr den „Deutschen Gruß“ vor (Protokoll der LK 17.3.1934).

Auch das äußere Erscheinungsbild der Schulen wurde Ende 1933 durch einen Erlass des Reichsinnenminister Frick dadurch gleichgeschaltet, dass Mitgliedern der Hitlerjugend und der SA das Tragen von Uniformen und Abzeichen in der Schule und bei Schulveranstaltungen  erlaubt wurde, nicht  jedoch Mitgliedern konfessioneller Jugendverbände (Erlass vom 18.12.1933, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1934, S. 43. Das Tragen von Klassenmützen blieb erlaubt. Fotos von Schülern mit Klassenmütze liegen jedoch aus dem Dritten Reich nicht vor. Sie passten nicht mehr in das vorgegaukeltete Bild der Volksgemeinschaft.

Im September 1933 war eine Säuberung der Schülerbücherei durchzuführen war. Diese verlief in Hechingen recht unspektakulär, da nur die dramatische Geschichte „Juarez und Maximilian“ des jüdisch-deutsch-böhmischen Autors Franz Werfels entfernt wurde (Protokoll der LK vom 15.9. 1933; vgl. Protokoll der LK 25.10.1940). Die Lehrerbücherei war offenbar noch nicht betroffen oder die Säuberung erfolgte bewusst oberflächlich, denn noch heute stehen in ihr zum Beispiel Bücher von Friedrich Wilhelm Foerster. Bücher dieses damals bekannten und umstrittenen Pädagogen und Pazifisten und vieler anderer Schriftstellen fielen der im Mai 1933 im Wesentlichen vom NS-Studentenbund organisierten öffentlichen Bücherverbrennung zum Opfer, dabei hatte Foerster in seinem Buch „Politische Ethik und politische Pädagogik“ (S. 462) schon 1918 und 1922 bedenkenswerte Zielvorgaben für die staatsbürgerliche Erziehung formuliert. So ist im Kapitel „Friedenspädagogik“ zu lesen: „Unsere kommende Pädagogik darf nie vergessen, dass sie nicht ein Soldatenvolk heranbilden soll, sondern Männer (und Frauen), die hohe Kulturtraditionen zu verwalten haben und die darum berufen sind, die Macht des Gemeinen in der Welt mehr mit der läuternden Macht hohen Geistesstrebens und sittlich-religiösen Vorbildes, als mit Explosivstoffen entgegenzutreten“ und im Kapitel „Friedenspädagogik“ (S. 523): „Man wird begreifen, dass die allertiefste „staatsbürgerliche Erziehung“ nicht in der bloßen Anpassung an das soziale Leben liegt, sondern in der Stärkung des persönlichen Charakters gegenüber dem Druck der Majoritäten, gegenüber der Tyrannei des korporativen Egoismus, gegenüber dem Rausch der nationalen Leidenschaft“.

Eine Verfügung vom 19. August 1933 betraf die Beschränkung der Zahl der reichsdeutschen Nichtarier an höheren Schulen auf 5 % der Gesamtzahl (Protokoll der LK 29.8.1933, betr. Verfügung vom 19.8.1933).  Für  das Hechinger Reformrealgymnasium hatte diese Schikane allerdings keine Auswirkung, da schon seit Jahrzehnten der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung und auch die Zahl jüdischer Schüler  deutlich zurückgegangen waren. Besonders bei Festen und Lehrgängen spürten aber ab der Machtergreifung die wenigen jüdischen Schüler, dass sie nur noch Schüler  zweiter Klasse waren. Am Ende des Schuljahrs 1933/34 verließen die vier letzten jüdischen Schüler die Schule (Klassenbücher), darunter der Klassensprecher der Quarta Martin Eppstein, der 1939 nach England fliehen konnte.

Auf dem Programmblatt zur Verabschiedung der Abiturienten des Schuljahres 1933/34 standen nicht nur zwei Lieder von Beethoven und das unverdächtige Gedicht „Ostern“  von Theodor Storm, sondern erstmals auch der Badenweiler Marsch und der Schriftsteller und Kölner Germanist Ernst Bertram, der zum Freundeskreis von Stefan-George und Thomas-Mann gehört und im Mai 1933  die  öffentliche Bücherverbrennung pathetisch begrüßt hatte. .

Die jeweils im Dezember von den Oberprimaner verfassten  „Bildungsgänge“/Lebensläufe, die sie ihren  Gesuchen  um Zulassung zur Reifeprüfung beifügen mussten, fielen meist sehr ausführlich und vermitteln einen Eindruck, wie sich mit der NS-Machtergreifung ihr Leseverhalten und das Interesse an zeitgeschichtlichen Fragen verändert haben. Allen Bildungsgängen ab 1933 ist gemeinsam, dass  sie auf die NS-Ideologie nur ausschnittweise und auf den Antisemitismus nur in ganz wenigen Fällen Bezug nehmen. Vor 1933 hatten vor allem die zunehmende Zerrissenheit der Parteienlandschaft, der Zuwachs der radikalen Ränder sowie die hohe, anhaltende Arbeitslosigkeit  politisch interessierte Schüler stark beunruhigt. Viele zeigten sich im ersten Jahr der NS-Diktatur von der Idee der Volksgemeinschaft fasziniert und glaubten, damit würden Klassendünkel und –schranken überwunden. Ein politisch sehr interessierter Schüler schrieb Ende 1933:  „Der politische Tageskampf tobte um uns in den letzten Jahren grausam hart und rücksichtslos. Stand kämpfte gegen Stand. Hass, Hader, Zwietracht und weltanschauliche Zerrissenheit spaltete unser Volk in Parteien und Interessenhaufen. . . Ich beschäftigte mich mit den Werken des Marxismus und solchen, die ihn behandelten.  Zeitweise hielt ich eine eigene Zeitung.“ Zur Lektüre-Liste dieses Schülers gehörten auch sechs Bücher, die von führenden Nationalsozialisten stammten bzw. nationalsozialistisches Gedankengut propagierten. Er erwähnte, dass er schon im Juli 1933 in die SA ein eingetreten sei (SchA, Reifeprüfung 1934, „Bildungsgang“  Nr. 30). Ein anderer Abiturient  interpretierte in seinem „Bildungsgang“ die Verschiebungen pateipolitischer Präferenzen nach rechts innerhalb eines knappen Jahres  als  einen Reflex auf die politischen Veränderungen auf  Reichsebene. Er fasste seine Beobachtungen wie folgt zusammen: „Von den politischen Kämpfen der letzten Jahre war Hechingen kaum berührt worden. Wir Schüler wussten deshalb auch nicht viel von der Politik der Gegenwart. Als sich in den letzten Reichstagen (1932-1933) eine Umschichtung bemerkbar machte, horchten wir auf und begannen, uns mehr mit der Politik zu befassen. Ich erinnere mich an manche politische Auseinandersetzungen, die wir während der Pause im Schulhof hatten. Wir fühlten alle, dass etwas in der Luft lag. Die meisten von uns begrüßten dann auch die Machtübernahme durch Adolf Hitler. Und die wenigen Skeptiker, die sich damals erhoben, sind heute verstummt“ (SchA, Reifeprüfung 1934, „Bildungsgang“ vom 1.12.1933, Schüler  Nr. 25).

Die Lebensläufe sind als Quelle gewiss mit Vorsicht heranzuziehen. Eine lesenswerte  Darstellung der Schulgeschichte des Apostelgymnasiums in Köln (Geuthner O., Hengsbach H., Westerkamp S. 1985, S. 107-108) beschreibt die Problematik dieser Quellen wie folgt: „Es kam also darauf an, gegenüber dem Lehrerkollegium bzw. der Schulbehörde einen guten Eindruck zu machen. Man kann heute schwer beurteilen, inwieweit diese Lebensläufe der eigenen Überzeugung entsprachen oder als Lippenbekenntnis gegenüber dem Gremium zu verstehen sind, das über die Hochschulreife zu befinden hatte. Aber zu welcher Kategorie die Aussagen auch immer gehören, so spiegeln so doch in jedem Fall ein geistig-moralisches Klima, in dem solche Aussagen einen Sinn hatten.“

Die Machtübernahme durch die NSDAP brachte ab dem Schuljahr 1933/34  eine tiefe Zäsur  im Leseverhalten der Schüler mit sich. Während die Oberprimaner in ihren Bildungsgängen vor 1933 keine nationalsozialistische, völkische und den Krieg verherrlichende Literatur als Klassen- oder Privatlektüre erwähnten, ergibt eine Auswertung der am 1. Dezember 1933 vorgelegten Bildungsgänge folgendes Bild: Vier von zwölf Abiturienten nannten als Lektüre „Mein Kampf“  von Adolf Hitler und „Volk ohne Raum“ von Hans Grimm, ein Schüler das Machwerk „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg, fünf Schüler verschiedene Darstellungen über Adolf Hitler und die NSDAP  -  z. B. von Czech-Jochberg  -  und drei Schüler Kriegsbücher von Werner Beumelburg.  Einmal genannt wurden Publikationen von folgenden zum Teil völkisch, militaristisch und /oder antidemokratisch gesonnenen Autoren:  Henry Ford, Paul von Hindenburg, Hanns Johst, Erwin G. Kolbenheyer, Adolf Meschendörfer, Moeller van den Bruck, Philipp Witkop, den Herausgeber einer Sammlung von Kriegsbriefen gefallener deutscher Studenten.  Eine Schülerin, die von 1925 bis 1931 das katholische Marienlyzeum in Sigmaringen besucht hatte, fällt aus dem Rahmen. Bei ihr findet sich kein Hinweis auf eine Lektüre mit völkischer oder nationalistischer Tendenz.

Im Zuge der Machtergreifung und -sicherung bedienten sich die Nationalsozialisten einer breiten Palette von Maßnahmen, die von verharmlosender Propaganda bis zur gesetzlosen Verhaftung und rechtloser Inhaftierung in Konzentrationslagern reichten. Für Hechingen war das nächst gelegene  verharmlosend „Schutzhaftlager“ genannte Konzentrationslager  Heuberg bei Stetten am kalten Markt, in das bereits im April  1933 „Schutzhäftlinge“, meist Kommunisten und Sozialdemokraten, eingeliefert wurden, und ab November 1933 das KZ Oberer Kuhberg bei Ulm. Die Häftlingsliste verzeichnet auch den ehemaligen Schüler des Hechinger Reformrealgymnasiums Erwin Schuler, Abitur-Jahrgang 1925. Er war bereits seinen Mitschülern als Freund von Sowjet-Russland aufgefallen. Die Abi-Zeitung hatte ihm folgende Wort in den Mund gelegt: „Das Volk, das lebt dort wie im 7. Himmel,/ Wer andres sagt, der hat ‚nen Fimmel./ Friede herrscht dort, Freundschaft, Wohlergehen,/ Auch freie Liebe, das ist schön./ Lasst uns das Kapitalisten-Deutschland fliehn,/ Und nach dem freien Russland ziehn.“ (HHB, K 912I) Nach dem Abitur hatte an der Universität Tübingen Volkswirtschaft studiert und 1932 über Paretos  Marx-Kritik promoviert. Mit dem kommunistischen Gerichtsreferendar Wolfgang Abendroth, einem guten Bekannten, hatte er 1930 vergeblich versucht,  die kleine Textilarbeiter-Verbandsorganisation im Kartell der Freien Gewerkschaften  und den Vorstand der SPD in Hechingen für ein gemeinsames Vorgehen gegen den Faschismus und die Notverordnungen des Reichskanzlers Brüning zu gewinnen. Tragisch ist sein früher Tod 1943, ein Opfer von Hitlers Größenwahn (Andreas Diers 2006, S. 144 und S. 226-228;  Herkunftsorte der Häftlinge des KZ Oberer Kuhberg Ulm: http://dzok-ulm.de/downloads/PDF-Haeftlingsliste_fuer_Homepage.pdf, eingesehen 15.4.2017).  

NS-Propaganda und Terror  ließen kritische Bürger verstummen, erschwerten  die Identitätsfindung junger Menschen und führten zu schneller Anpassung an die NS-Diktatur. Die beruflichen Aussichten der Abiturienten waren als Folge der Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit in Deutschland schon vor 1933 beängstigend schlecht. Am Ende des Jahres 1933 äußerten notgedrungen fünf von elf Abiturienten die Absicht, sich nach dem Abitur erst einmal ein halbes Jahr für den Dienst im Reichsarbeitsdienst zu melden.  

1934-1935

Mit dem Verbot aller Parteien bis Juli 1933,  der Beseitigung  der Meinungsfreiheit und der Aushöhlung des Rechtsstaates sahen sich alle Schulen und Bildungseinrichtungen mit dem Totalitätsanspruch des NS-Unrechtsstaates  konfrontiert.  Zahlreiche Quellen zeigen, wie unverblümt die Gleichschaltung der Schulen vom NS-Staat gefordert und nach und nach vollzogen wurde. So zitierte Oberschulrat Dr. Paehler vom Provinzialschulkollegium anlässlich der Revision des Gymnasiums im Juni 1934 den Reichsminister Dr. Rust  wie folgt: „Wer Adolf Hitlers Erbe vollziehen will, muss von Nationalsozialisten erzogen werden, d. h. der Geist der Schule muss vom Geist des 3. Reiches getragen sein. Die Jugend ist restlos in diesem Sinne zu erziehen.“ (Protokoll der LK 15.6.1934)

Von Januar 1934 bis Oktober 1936 wurden für Schüler und Schülerinnen der Untersekunda bis Oberprima mehrere ein- bis dreiwöchige national-politische Lehrgänge durchgeführt (Jahresberichte 1933/34-1936/37; Lehrgänge z. B. in Lorch am Rhein, Bacherach, Boppard am Rhein, Altenahr, Überlingen, Konstanz, Godesberg, Meersburg und Freiburg).  Direktor Dr. Schmitt ordnete die Lehrgänge in einer Broschüre wie folgt in die politische “Schicksalswende“ ein : „Am 4. Oktober 1933 stellte der Preußische Kultusminister der neuen  völkischen Schule die Aufgabe, die deutsche Jugend durch Weckung und politische zielbewusste Pflege der gesunden rassischen Kräfte in Heimat, Volk und Staat einzugliedern. Eine Aufgabe, die sich zwangsläufig aus der gewaltigen Schicksalswende ergab, die am 30. Januar 1933 unser ganzes Volk in neue Bahnen wies.“ (SchA, J. A. Schmitt. Die nationalpolitischen Schülerlehrgänge der rheinischen höheren Schulen. 1935, S. 1)  Die Konturen eines radikalen Wandels zeichnete sich nach und nach ab, auch wenn zahlreiche Aktivitäten wie diese Lehrgänge vor allem aus Schülersicht in großen Teilen den Studienfahrten vor 1933 glichen. So berichten Schüler und Lehrer von  Stadtbesichtigungen, vom Besuch typischer Ausflugsziele wie des Freiburger Münster, der Insel Mainau, einer Rebschule, des Münsters in Breisach mit seinen Altären, der Klosterkirche Birnau mit Führung durch einen Pater, dem Besuch einer Oper und einer Taubstummenanstalt (Jahresberichte ab Schuljahr 1934/35; Niederschriften der LK vom 31.5.1935 und 26.9.1936; SchA, Reifeprüfungen 1935-39,  "Bildungsgänge"; Ordner E IV, 15, Lehrerbericht 1936).  

Die ideologische Ausrichtung der Lehrgänge wurde in offiziellen Verlautbarungen nicht verschleiert. Großer Wert wurde auf Sport, Wehrsport und das Gemeinschaftserlebnis gelegt, ferner auf das Singen von Volksliedernund das Erlernen von Kampf- und Marschliedern der SA. Ein weiteres Ziel der  Lehrgänge war  eine „eindringliche Werbung"  für die Hitlerjugend, denn bis Anfang 1934 waren in manchen Klassen zahlreiche Schüler noch nicht in das Deutsche Jungvolk, die Hitlerjugend (HJ) bzw. in den Bund Deutscher Mädel (BDM) eingetreten (Klassenbücher; Reifeprüfung 1938, „Bildungsgang“ von G.). Im Lehrgangsbericht führte Stud.- Ass. K. diese Anfangsschwierigkeiten der Staatsjugend  auf „starke Vorurteilen gegen die  HJ" zurück. Von dieser Erfahrung berichtete auch eine Abiturientin in ihrem „Bildungsgang“. Sie habe nach  ihrem Eintritt in den Bund Deutsche Mädel im Mai 1933 Karriere im BDM gemacht und sei bei ihrer aufreibenden Arbeit als engagierte Ringführerin auf „oft unglaublich hartnäckige Gegenwehr der Eltern“ und  „böswillige Pfarrer“ gestoßen (SchA, Reifeprüfung 1936, „Bildungsgang“ von H.).

Für das Kultusministerium und die Organisatoren der nationalpolitischen Lehrgänge war die politische Schulung unverzichtbar, auch wenn sie vom Zeitumfang her nicht im Vordergrund stand. Den Schülern sollten die anti-demokratischen, antimarxistischen und rassistischen Vorstellungen der NS-Ideologie nahegebracht werden. Vorträge und Lesungen stützten sich auf Hitlers „Mein Kampf",  Schriften von Alfred Rosenberg und Walther Darré sowie Gedichte von Baldur von Schirach, Dietrich Eckart und Heinrich Anacker. Ein Lehrgangsleiter bemühte sich, die „Vereinbarkeit von nationaler Betätigung und religiösem Leben" nachzuweisen (SchA, Nationalpolitischen Lehrgängen 1934-1936, Schnellhefter und Fotoalbum; Jahresberichte 1933/34–1936/37). Die umfangreichen „Bildungsgänge“ der Abiturientinnen und Abiturienten  legen jedoch den Schluss nahe, dass die politische Schulung für die allermeisten Schüler  und Schülerinnen eine wenig beeindruckende Begleiterscheinung war; wenn überhaupt, wird die politische Schulung nur kurz erwähnt (SchA, Reifeprüfungen, „Bildungsgänge“ 1935, 1936, 1938 und 1939, „Bildungsgänge“; Nationalpolitische Lehrgänge 1934-1936, Ordner E IV 15, Schülerberichte mit Fotos). Als „Hauptzweck“ des nat.-pol. Lehrganges in Freiburg im Herbst 1936 nannte die Oberprimanerin A. S. in ihrem Schülerbericht „Land und Leute . . . kennen zu lernen, was ihre Künstler gebildet, schätzen und lieben zu lernen.“ (Ordner E IV 15)

Ab 1934 wurden auch für Lehrer überregionale Lehrgänge des NS-Lehrer-bundes und anderer Unterorganisationen der NSDAP mit dem Ziel politischer Indoktrination und Gleichschaltung durchgeführt. Politische Schulung fand auch auf den jährlichen Direktorenversammlungen der Rheinprovinz statt (Protokoll der LK 18.11. 1935, S. 97; vgl. JB 1935/36, S. 16-17 betr. Lehrgänge des NSLB, des VDA, der NS-Gauführerschule und der Reichskulturkammer; JB 1937/38, S. 13). Ende 1935 sprach  Schulleiter Dr. Schmitt von „Nachholbedarf“  der älteren Lehrergeneration in Bezug auf Schulungen in den Gliederungen der NSDAP (Protokoll der LK 18.11.1935, S. 98). Schulungs- und Fortbildungslager gab es nicht nur für die HJ und Lehrer, sondern auch für andere Berufsgruppen. A. Kraas (Lehrerlager 1932-1945. Bad Heilbrunn 2004) nennt diese zivilen Lager, denen militärische Ordnung nicht fremd war, „Integrationslager“. 

Die zahlreichen Aktivitäten der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel  störten und behinderten die traditionelle Erziehungsfunktion der Schule. Von 1934 bis Ende 1936 wurde der Samstag, der „Staatsjugendtag“, für Aktivitäten der HJ unterrichtsfrei gehalten. 1934 wurden vier Schüler und der Unterbannführer der HJ Studienassessor  K.  drei Tage für die Teilnahme am Reichsparteitag in Nürnberg beurlaubt (JB 1934/35, S. 12 und 15). Auch in den folgenden Jahren  wurden Lehrer und Schülerinnen und Schülern wiederholt zu Veranstaltungen / Lehrgängen  der Partei (NSLB, HJ, BDM) beurlaubt (Jahresberichte).

Die „besondere Bewährung in der HJ“ wurde nur sehr selten in einer Versetzungskonferenz angesprochen (Protokoll der Zeugniskonferenz 23.3.1936).  Einige Schülerinnen und Schülern übernahmen in den Jahren nach der Machtübernahme folgende arbeitsintensive  Führungsfunktionen in der HJ: Führer einer "Kameradschaft", eines „Jungzuges“,  eines „Fähnleins“, eines „Jungbanns“ des Jungvolks ( 10- bis 14-Jährige) und einer „Schar“ der HJ, sowie Führerin einer "Jungmädelschaft", „Mädelgruppe“ oder eines „Jungmädel-ringes" des BDM. Ein Schüler erwähnte seine Funktion als Leiter der Abteilung Presse beim HJ-Bann 127, ein anderer seine Tätigkeit als „Stammschulungswart“ (SchA,  Reifeprüfungen 1934 bis 1938,  „Bildungsgänge“). Eine Schülerin des Abiturjahrgangs 1936 klagte, dass die Arbeit als Gruppen-  bzw. Ringführerin und die Teilnahme an zahlreichen Lehrgängen  bzw. Veranstaltungen in Stuttgart, Schramberg usw.  dafür verantwortlich wären, „dass durch diese Tätigkeit die Schularbeit sehr stark in den Hintergrund trat“ (Reifeprüfung 1936, „Bildungsgang“ von H.). In einem „Bildungsgang“ des  Abiturjahrgangs 1938 findet sich folgende  Klage: Als fünfzehnjährige Schülerin am Gymnasium habe sie in der Funktion einer Führerin des Hechinger „Jungmädelringes“, dem über 1000 Mädchen angehörten, keine Freizeit mehr gehabt; die schulischen Leistungen seien deshalb zurückgegangen seien (SchA, Reifeprüfung 1938, „Bildungsgang“). Diese Klage beschrieb offenbar einen allgemeinen vor allem durch außerschulische Aktivitäten der Staatsjugend verursachten Trend; denn 1938 sprach sogar eine Denkschrift des NS-Lehrerbundes davon, dass das „Bildungsniveau der Schule nicht mehr dem Stand vor 1933 entspricht“ (K. L. Joos 2012,S. 59).

Im September 1934 wurden alle Lehrer feierlich neu vereidigt. Das Gesetz vom 20. August schrieb den öffentlichen Beamten folgende Eidesformel vor: „Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“ (SchA, Personalakten).

4. 2   1935-1937:  Fortsetzung des Umbaus des Bildungswesens mit dem Ziel der ideologischen Gleichschaltung  

1935-36

Bis Juni 1935 waren  alle Schüler und Schülerinnen des Hechinger Reformrealgymnasiums mehr oder weniger freiwillig Mitglied der Staatsjugend geworden. Damit erhielt die Schule die Erlaubnis, in einem feierlichen Ritual die HJ-Fahne zu hissen. Diese Feier fand am 18. Januar 1936 „im Beisein aller Behörden des Staates und der Partei“ unter Singen einer Strophe des Deutschland- und Horst-Wessel-Liedes statt (JB 1935/36; S. 19; Erlass „Leitgedanken zur Schulordnung“ vom 20.1.1934. In: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1934, S. 43-44).Für Lehrer und Schüler bestand eine Teilnahmepflicht beim Flaggenhissen und –einholen (Protokoll der LK 15.4.1936).

Auf  Interesse stieß bei den Schülern die Bastelabteilung des nationalsozialistischen Fliegerkorps und die Luftsportabteilung der HJ (Protokoll der LK 2.12. 1937).  "Im Sommer 1935 nahm ich", schrieb ein Primaner, "mit meiner Klasse an einem (sechstägigen) Luftschutzkurs teil. Wir (die Untersekunda) wurden hier mit der Gasmaske vertraut gemacht und lernten theoretisch und praktisch die Bekämpfung der Giftgase und Brände. Auch Luftschutzkeller bauten wir gemeinsam aus" (SchA, Reifeprüfung 1938, „Bildungsgang“ vom 1.12.1937; JB 1935/36, S. 19). Das Amt des „Luftschutzobmannes und des Luftschutzhauswarts“ hatte StR Faßbender im März 1934 übernommen (Protokoll de LK 17.3.1934; Verfügung zum  Luftschutz in der Schule  vom 13.3.1934).  

Ein Brief der Oberprimanerin S. aus dem Reichsarbeitsdienst-Lager in Offenburg an ihre Lehrer in Hechingen (1935) vermittelt einen Eindruck, wie der Reichsarbeitsdienst  Jugendliche mit der NS-Ideologie vertraut machen konnte.  Diese Schülerin berichtete: "Und wir gehen hinaus zum Brunnen, ziehen mit der Heugabel ins Feld . . .  und erleben das Bauersein mit all seinen Mühen und all seinen Freuden und erleben diese herrliche Verbundenheit von Blut und Boden. . . Und meine Losung für die Kommenden heißt "Ich muss" und "Ich darf" (SchA, Ordner G 6, Brief vom 17. Juni 1936). Seit 1935 war der halbjährige Arbeitsdienst  für Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren verpflichtend, für die weibliche Jugend vorerst freiwillig. Grundlage für den Aufbau des Reichsarbeitsdienstes war das Gesetz vom 26. Juni 1935.  § 1 Absatz 3 nannte als Ziel: „Der Reichsarbeitsdienst soll die deutsche Jugend im Geiste des Nationalsozialismus zur Volksgemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung, vor allem zur gebührenden Achtung der Handarbeit erziehen.“

Die Bedeutung der Erlebnispädagogik und „Gemeinschaftserziehung“ ist nicht erst von nationalsozialistischen Pädagogen entdeckt wurden. Die „Gemeinschaftserziehung“ spielte schon vor 1933 bei den meisten Pädagogen eine bedeutende Rolle. Der große Unterschied liegt darin, dass der Begriff „Gemeinschaftserziehung“ in der Weimarer Republik  „wertfrei“ war und von unterschiedlichen pädagogischen bzw. politischen Positionen aus entwickelt und eingesetzt wurde (A. Kraas 2004, S. 142-143).

Manche Belege korrigieren den ersten Eindruck einer allgemeinen fast geräuschlosen, widerstandslosen Gleichschaltung der Schüler und Eltern. Rückblickend schilderte der Abiturient und Kriegsheimkehrer Friedrich Beutter in seiner Abiturrede von 1946 die Gewissenskämpfe von vielen seiner Generation wie folgt: „Man sprach von großen Idealen, von kühnen Zielen..., man brach über Vergangenes den Stab, man griff Heiliges an... Wir hörten auch die Meinungen und Erfahrungen der Eltern und der Kirche, und qualvoll litten wir unter dem Widerstreit der Ideen." (Fritz Beutter, in: Maria Remark, Meine Studienjahre in der Hitlerzeit. Jülich 1999, S. 99) Zu dieser Darstellung eines Zeitzeugen passt  die Mitteilung  des Schulleiters aus dem Jahr 1936, dass  die Eltern, die auswärtigen aber auch die aus Hechingen, sich zu den oft politisch aufgeladenen Schulveranstaltungen trotz eifriger Werbung nur „in kleiner Zahl“ einfänden (JB 1935/36, S. 21).

Abiturientinnen und Abiturienten der Jahrgänge 1935 bis 1939 schilderten in ihren Lebensläufen/Bildungsgängen oft recht ausführlich  ihre meist unbeschwerte Kindheit, berichteten von ihrer Lektüre, ihren Lieblingsbüchern, ihren  Erlebnisse auf den national-politischen Lehrgängen, von erlebtem Kameradschaftsgeist, Sportwettkämpfen, Geländespielen und erlebnisreichen Fahrten der HJ bzw. des BDM.  Einige wenige Schüler schwärmten von der Teilnahme an Reichsparteitagen  von 1936 und 1937 (SchA, Reifeprüfung, Lebensläufe/Bildungs-gänge).

Eindeutig antisemitische Äußerungen finden sich nur in  zwei der 24 "Bildungsgänge" der Jahre 1938 und 1939 (Vgl. Erich Cohen: Meine Schuljahre im "Dritten Reich".  Sein Beitrag betrifft das Rhein-Gymnasium in Köln, das derSchüler Erich Cohen, Sohn eines jüdischen Vaters, von 1932 bis 1940 besucht hatte).

Im Schuljahr 1935/36 schrieb der Jahresplan jedem Schüler vor, wenigstens zwei bis drei  Kriegsbücher (z. B. von Werner Beumelburg, Ernst Jünger, Walter Flex oder Hans Carossa) aus dem Bestand der Schule zu lesen. Eine persönliche Auseinandersetzung mit der Lektüre wurde in den Bildungsgängen nach 1933 nicht mehr erwartet, denn sie fehlt.  Im Gegensatz dazu hatte Ende 1932 der Oberprimaner Josef Schwenk aus Haigerloch in seinem  „Bildungsgang“  noch deutlich seine Stimme gegen den Rechts- und Linksextremismus  wie folgt erhoben: "Die großen politischen Strömungen in Deutschland verfolge ich genau. Die extremen, den Nationalsozialismus und den Kommunismus, muss ich ablehnen, aus weltanschaulichen Gründen. . . An Hand  mehrerer Werke beschäftigte ich mich mit dem Problem des Krieges. . . Kriegsbücher aller Richtungen kamen mir zu Händen. Sie haben mir alle einen ungeheuren Abscheu eingeflößt gegen den Wilhelminischen Imperialismus und Hurrapatriotismus." (SchA, Reifeprüfung 1933, Bildungsgang)

Einen ausführlichen Durchführungserlass zu der bereits September 1933 angeordneten  Behandlung der Vererbungslehre und Rassenkunde in allen Schularten veröffentlichte Volksbildungsminister Rust erst am 15. Januar 1935 (SchA, Protokollbuch; Fricke-Finkelnburg 1989, S. 215-220). Oberschulrat Dr. Paehler vom Provinzialschulkollegium in Koblenz sprach anlässlich der Revision der Schule in der LK vom 31. Mai 1935 eingangs über das Thema „Auslese“ und nannte als deren Kriterien die politischen, charakterlichen, körperlichen  und geistige „Eignung“. Im Weiteren ging er aber auf das Thema Rassenkunde nicht näher ein. Er informierte das Kollegium vielmehr dahingehend: „ Die Schriften 'Mein Kampf' und 'Rosenbergs Mythos', sowie die weiteren Gegenschriften dürfen nicht als Grundlage für den Schulunterricht benutzt werden. Überhaupt sollen Tendenzschriften völlig aus dem Unterricht herausgelassen werden.“ (Protokoll der LK  31.5.1935). Das Gefahrenpotential des Themas Auslese zeigte sich deutlich, als der Biologielehrer  Dr. K. am 6. Juli 1936 in der LK ausführlich über deren „große Bedeutung in der Natur, in der Pflanzen- und Tierzüchtung und in der menschlichen Gesellschaft“ referierte und  von  „unzweckmäßiger Auslese oder Gegenauslese“ sprach, einmal im Hinblick auf „die Erhaltung von Lebensuntüchtigen“ durch die Fortschritte der Hygiene und der ärztlichen Kunst und die  „Begünstigung Minderwertiger auf Kosten der Gesunden durch übersteigerte Fürsorge“ und zum anderen hinsichtlich der „ungünstigen Auslesewirkungen“ der Kriege (Protokoll LK 6.7.1936, S. 117-119).

Die Direktorenversammlungen mussten sich ebenso wie die Fachkonferenzen von Deutsch, Erdkunde, Biologie und Geschichte  zunehmend an der NS-Ideologie orientieren. Begriffe wie „deutsche Art", „Volksgemeinschaft", „völkischer und nat.-soz. Mensch",  „Rassebewusstsein", „Rassestolz“, „Führergedanke“, „Opferbereitschaft“, „Wehrbegeisterung“  und  „die tatfrohe Einsatzbereitschaft“ fanden Eingang in Lehrplankonferenzen und NS-Schulungskurse.  StR Dr. G. stellte in einer Fachkonferenz Ende 1935 die neuen Bildungs- und Unterrichtsziele für Deutsch, Geschichte und Erdkunde vor, sprach von der „Erziehung der Jugend im national-sozialistischen Geist“  und nannte als Unterrichtsziel „die Verwirklichung der neuen deutschen Volksgemeinschaft“. Der Schulleiter wies darauf hin, dass nun Hiters „Mein Kampf“ in die neuen Lehrpläne „eingebaut werde" (Protokolle der LK 25.11. und 18.12. 1935).  Die Begriffe heldisch, Ehre, Blut, Boden und Volksgemeinschaft wurden von Schülern offenbar bald so inflationär gebraucht, dass sich die sieben Deutschlehrer in der Konferenz vom 8. Juli 1938 zur Abwehr ideologischer Phrasendrescherei wie folgt äußerten: „Der Schulaufsatz sei weder der geeignete Prüfstein für eine propagandistische Begabung des Schülers, noch der Ort, wo er seine Gesinnung zu Markte tragen soll. Jedem Verschleiß nationaler Werte sei schonungslos entgegenzutreten, die Phrase rücksichtslos zu enttarnen.“ (Protokoll der deutschen Fachkonferenz 8. Juli 1938, S. 161-162).

 

Die Einstellung mancher Schüler, dass nicht Kenntnisse und Argumente,  sondern die NS-Ideologie zähle, kam  nicht von ungefähr. So hatte Direktor Dr. Schmitt schon im Spätherbst 1935 von der Rheinischen Direktorenversammlung in Köln wie folgt berichtet: Auf der Liste der von Oberschulrat Dr.  Poethen empfohlener Schriftsteller stünden u. a.  folgende völkischen und/oder nationalsozialistischer Autoren: H. Anacker, H. F. Blunck, D. Eckart, Stefan George, Ernst Jünger, E. G. Kolbenheyer, J. Langbehn, H. Lersch, B. von Schirach.  Hitlers „Mein Kampf" und Rosenbergs  „Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts" sollten in Auszügen im Unterricht gelesen werden.  Der Deutschunterricht sollte die „rassekundliche Betrachtung" mit einbeziehen. Unterrichtsziele sollten u.a.  die „Erziehung zu geistiger Wehrhaftigkeit" sowie  das „Erlebnis von Heimat, Vaterland und Volk“ sein; neben den Schriften der nationalsozialistischen Bewegung seien die Schriftsteller Arndt, Jahn, Fichte, Langbehn, Moeller van den Bruck zu berücksichtigen (Protokoll der LK 25.11.1935, S. 102-103).  Bildungsziel des Geschichtsunterrichts sei, dass die Jugend die Schule nicht als Pazifisten oder Demokraten verlasse, „sondern als ganzer Deutscher" (SchA, Protokoll der Fachkonferenz für Deutsch, Geschichte und Erdkunde vom 25.11.1935, S. 105-106; Protokoll der LK 18.11.1935;  JB 1935/36 ff.).

Trotz vielfältigen offenen und versteckten Drucks nutzten manche Lehrer ihren pädagogischen Handlungsspielraum (Vgl. W. Kuhn 1993, S. 52). An der Hechinger Oberschule stand z. B. in dem Verzeichnis der „tatsächlich gelesenen Schriften“ der 6. und 8. Klasse von StR Hans Freund in den Schuljahren 1938/39 und 1939/40 kein einziger nationalsozialistischer Schriftsteller. Dagegen enthielt der Lektürekanon der Oberstufenklassen von Dr. S. neben dem umfangreichen klassischen Kanon von Lessing bis Mörike auch Auszüge aus Schriften von Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Baldur von Schirach, Otto Dietrich und andere nationalsozialistischen Autoren (JB 1937/38 und 1938/39). Dieser lokalgeschichtliche Befund lässt sich offenbar verallgemeinern. Der Freiburger Historikers Gass-Bolm schreibt in seiner Studie zur Geschichte des Gymnasiums im 20. Jahrhundert: „Ein national und die Klassik schätzender Deutschlehrer – und das waren die meisten –musste seinen Unterricht nach 1933 nur wenig umstellen.“ (T. Gass-Bolm 2005, S. 74). Bedrohlich für Gymnasiallehrer war es, wenn wie in Hechingen der NS-Ortsgruppenleiter den Unterricht  kontrollieren wollte, wohl durch Berichte von HJ-Mitgliedern. So beschwerte sich der Hechinger Ortsgruppenleiter W. über die "mangelnde nationalsozialistische Gesinnung" des  Geschichts- und Deutschlehrer Dr. G. beim Provinzial-schulkollegium in Koblenz  und forderte dessen Versetzung, allerdings vergeblich (SchA, Personalakte Dr. Gradl).

Die Rivalität der an der Schulpolitik beteiligten Instanzen und Akteure, vor allem des Kultusministers, der Parteikanzlei der NSDAP, der HJ und des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, hatten zur Folge, „dass der Alltag des Schulehaltens  wesentlich normaler, nämlich sachbezogener ablief, als die Willenserklärungen der verantwortliche Beteiligten vermuten lassen. Darauf deuten jedenfalls die bisher vorliegenden Innenansichten über die Schularbeit in der NS-Zeit hin“ (H. Giesecke: Hitlers Pädagogen. Weinheim 1999, S. 154; Hermann Giesecke war Professor für Pädagogik und Sozialpädagoge an der Universität Göttingen; vgl. Protokoll der Fachkonferenz für Deutsch 8.7.1938, S. 157-163). Im Großen und Ganzen bestätigen die Akten des Hechinger Reformrealgymnasiums diese Einschätzung.

Im Dritten Reich wurde wie vor 1933 Schulgeld erhoben. Für Bedürftige gab es weiterhin Erziehungsbeihilfen und Geschwisterermäßigung. Das volle Schulgeld  betrug 140,- Reichsmark, die Aufnahmegebühr fünf  RM, für arme Leute eine hohe Belastung (SchA, E II 5, Schreiben eines Vaters vom 16.4. 1936; Monatssoll-Liste über Schulgeld und Eintrittsgeld 1939/40, o. S.).

Das Foto zeigt das Lehrerkollegium Mitte der 30er Jahre;  von links nach rechts sitzend Dr. Edmund Otte, Dr. Josef Rager, Adolf Steidle, Direktor Dr. Johann August Schmitt, Hans Freund, Heinrich Fassbender, dahinter stehend Dr. Wilhelm Kraas, Wilhelm Kruchen, Dr. Ludwig Gradl, Bruno Arthur Schmidt, Ludwig Abel, Gotthardt Liebetanz, Dr. Karl Kuhn und Sebastian Flad. Es fehlen die nebenamtlich beschäftigte Nadelarbeitslehrerin Therese Kohler und die Mädchenturnlehrerin Carola Vitallowitz (HHB, Na 1001, XIV)

Das Lehrerkollegium Mitte der 30er Jahre

Das Lehrerkollegium Mitte der 30er Jahre

4.3.    1937-1939:  Beseitigung der traditionellen Schullandschaft und Einführung der Oberschule für Jungen

1937-1938

Die große Vielfalt der Schulformen in Deutschland mit unterschiedlicher Sprachenfolge fiel 1937 in allen Ländern formaler Reduzierung der Schularten und weiterer ideologischer Gleichschaltung zum Opfer. Neue Hauptformen wurden die achtjährige „Oberschule für Jungen“ mit der Gabelung in den sprachlichen und naturwissenschaftlichen Zweig und die „Oberschule für Mädchen“ mit einem sprachlichen und einem hauswirtschaftlichen Zweig. Das altsprachliche Gymnasium wurde zu einer kleinen Unterform. Die Umsetzung der neuen Stundentafel und des Lehrplan der Oberschule für Jungen erfolgte ab dem Schuljahr 1937/38. Die Schüler in der Sexta starteten statt mit Französisch mit dem sechsstündigen Englischunterricht.

Mit der Umwandlung des Reformrealgymnasiums in eine Oberschule für Jungen erhielten auch die Zeugnisformulare ein neues Gesicht: an die erste Stelle rückte das Fach  "Leibeserziehung" mit Noten in vier sportliche Disziplinen. Das Fach Religion fiel auf den letzten Platz zurück. Ab dem Schuljahr 1937 erhielten die oberen Klassen wöchentlich nur noch einen einstündigen Religionsunterricht und ab 1938/39 sollten  die Leibesübungen fünfstündig erteilt werden (Jahresberichte 1937-1939). In allen Ländern des Reiches galten dieselben Lehrpläne. Neue Schulbücher wurden nach und nach  eingeführt.

Das Frauenbild der NS-Ideologie verwehrte den Mädchen und jungen Frauen gleiche Bildungs- und gleiche Berufschancen. Die Zulassung von Mädchen zur Oberstufe der „Oberschule für Jungen“ sollte aufgrund des Einführungserlasses zur Neuordnung des höheren Schulwesens von 29. Januar 1938 ein Ausnahmefall bleiben. Ein gleichberechtigter Zugang zur Reifeprüfung wurde den Oberstufenschülerinnen grundsätzlich verweigert. So verlangte ein Erlass des Reichserziehungsministers von den Schülerinnen der 8. Klasse, am Unterricht einer Frauenschulklasse von Ostern bis Herbst 1937 mit Erfolg teilzunehmen. Von den vier Hechinger Achtklässlerinnen wählte eine das Königin-Katharina-Stift in Stuttgart, drei besuchten die siebte Realschulklasse an der Mädchenrealschule/Oberschule für Mädchen (heute Wildermuth-Gymnasium) in Tübingen, wo sie u. a. Unterricht in Kochen, Backen, Nähen, Kindergartenarbeit  und Säuglingspflege erhielten (Ordner Reifeprüfung 1938, Lebensläufe der Schülerinnen; siehe auch Hundert Jahre "Höhere Mädchenbildung", in: Tübingen: Festschrift des Wildermuth-Gymnasiums 1996, Tübingen 1996, S. 29).Ein Erlass des Volksbildungsministers vom 27. August 1938 bestimmte, dass in der 3. bis 5. Klasse (der heutigen 7. bis 9. Klasse) die Mädchen keinen Lateinunterricht  erhalten sollten, dafür in jeder Klasse drei Stunden Handarbeit und in den Klassen vier und fünf  je eine zusätzliche Stunde Musik (Fricke-Finkelnburg 1989, S. 208; SchA, Ordner A 1, Schreiben des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 18.1.1939).

Die Realität vor Ort und die Belastung durch den Weltkrieg zwangen den NS-Staat jedoch zu Zugeständnissen. In Hechingen war der Anteil der Mädchen pro Klasse bis Anfang der 40er-Jahre zu klein, als dass sich alle Stundenplan-vorgaben hätten umsetzen lassen (Jahresberichte). 1943 beantragte der stellvertretende Schulleiter sogar Zusatzkurse für Mädchen, die früher keinen Lateinunterricht erhalten hatten (Protokoll der LK 23.7.1943). 1946 berichtete eine Abiturientin, dass sie sich die für den Eintritt in die Oberstufe geforderten Lateinkenntnisse privat angeeignet habe (Reifeprüfung 1946, „Bildungsgang“ der Abiturientin A. S., Jahrgang 1926).  Wegen der alliierten Luftangriffe und Flächenbombardements umgezogene Schülerinnen von Mädchenschulen konnten 1943 Zeugnisse an „Jungenschulen“ erhalten, auch wenn sie nicht an deren gesamten Unterricht teilgenommen hatten (Protokoll der LK 10.12.1943). InHechingen war im Schuljahr 1944/ 1945 der Anteil der Mädchen an der Oberschule für Jungen mit 45 % sogar so hoch wie nie zuvor, auch eine Folge der Auflösung der höheren Mädchenschule in Hechingen (Protokoll der LK 18.12.1944; SchA, E IV 20, 30.8.1944).

Für Mädchen musste wie vor 1933 der Erziehungsberechtigte in jedem Einzelfall beim Reichserziehungsminister in Berlin ein Aufnahmegesuch mit Darlegung der Gründe einreichen. Nach Aktenlage befürwortete der  Hechinger Schulleiter in der Regel das Gesuch, und der Kultusminister genehmigte anschließend die erbetene Aufnahme (SchA, Ordner  E I 1, zahlreiche oft handgeschriebene Gesuche der Väter bzw. Mütter). Ein „Anmeldeschein“ für ein Mädchen in die Sexta vom 22.3.1937 verweist auf den NS-Rassenwahn, wenn zusätzlich zum Impfschein und Abgangszeugnis auch das „Stammbuches“ oder der Geburtsschein vorgelegt werden mussten und die Frage nach der „arischen“ Abstammung zu beantworten war (SchA, Mappe E 5, Anmeldeschein).

Im Dezember 1937 informierte der Direktor das Kollegium, dass der Luftfahrtgedanke wie der Vierjahresplan im Unterricht zu berücksichtigen seien.  Ein Lehrer informierte das Kollegium über die Umsetzung des Luftfahrtgedankens in den einzelnen Fächern. Der Modellbau sollte die Schüler zur Beteiligung am praktischen Segelflug hinführen. In Hechingen war das Interesse für die Luftfahrt an der Schule recht lebhaft. Es gab eine Luftfahrt-AG und die Beteiligung an der Bastelabteilung der Hechinger Ortsgruppe des NS-Fliegerkorps war rege. Vier Schüler nahmen an Segelfluglehrgängen teil (Protokoll der LK 2.12.1937, S. 143-145). 

1938 -1939

Die Erarbeitung neuer Lehrpläne wurde von 1936 bis 1938 intensiv vorangetrieben. Die Sprache der NS-Ideologen war dabei unverblümt deutlich. So hörten z. B. 1936 die Altphilologen auf der einwöchigen Tagung der altsprachlichen Arbeitsgemeinschaft des NS-Lehrerbundes Gau Württemberg auf der Reichenau, dass im Dritten Reich  nicht das humanistische oder historische, sondern allein das rassisch-völkische Bildungsideal“ verpflichtend sei (Protokoll der Fachkonferenz 17.11.1938, S. 165) und am 17. November 1938  zitierte der Lateinlehrer F. in der Fachkonferenz den Volksbildungsministers Rust  wie folgt: „Ziel des Literaturunterrichts ist aber nicht etwa, wie der Humanismus wollte, junge Griechen und Römer zu erziehen“, sondern „die nordische Geistesrichtung der deutschen Jugend zu klären und zu stärken.“ (Protokollbuch der LK, S. 164).

Auf Grund der Verordnung des Volksbildungsministers vom 15. November 1938 (R. Fricke-Finkelnburg 1989, S. 271) mussten die beiden letzten jüdischen Schüler die Oberschule verlassen. Am 17. November erhielt der zwölfjährige Heinz (Henry)  Hofheimer, Schüler der 2. Klasse (der heutigen 6. Klasse) sein Abgangszeugnis. Er spürte die ihm drohende Gefahr, flüchtete allein zu Verwandten nach Genf und fand schließlich in den Vereinigten Staaten Zuflucht, während seine Eltern und seine Schwester Opfer des Holocausts wurden (Klassenbuch Kl. 2 1938/39; Ordner E IV,20; A. Vees 1997, S. 36-37.; E. Lutterbeck, in: Die Lichte Au 21, 1970, S. 46-49). Ein Blick zurück ins Schuljahr 1889/90 zeigt den tiefen Sturz des NS-Bildungswesens. Vor rund vierzig Jahren hatte Direktor Röhr im Jahresbericht 1889/90 (S. 14) vermerkt: „Zwei hochverdiente, fleißige und musterhafte (israelitische) Schüler, die Freude und Hoffnung der Eltern und Lehrer, entriss der unerbittliche Tod, nämlich am 10. Oktober 1889 den Quartaner Wilhelm Zivi aus Haigerloch, und am 22. April 1890 den Quintaner Alfred Baisinger von hier. Die ganze Schule begleitete beide auf ihrem letzten Wege und wird ihnen ein treues Andenken bewahren“.

Eva B. ar die erste Studienreferendarin, die 1932/33 am Hechinger Reformrealgymnasium ihr erstes Ausbildungsjahr absolviert und nach dem  bestandenen zweiten Staatsexamen als Lektorin in Istanbul gearbeitet und dort ihren Ehemann kennengelernt hatte. Der Jahresbericht von 1939/40 meldete ihre Entlassung aus dem Schuldienst ohne Begründung. Im Schreiben des Oberpräsidenten der Rheinprovinz  Abt. für höhere Schulen vom 21. April 1939 an die Studienassessorin Eva B. findet sich folgende rassistische Begründung: "Sie sind die Ehe (am 20. 3. 1937) mit einem Reichsangehörigen eingegangen, ohne dass die vorgesetzte Dienstbehörde die Unbedenklichkeitserklärung der deutschblütigen Abstammung abgegeben hat. Ferner sind Sie als Beamtin mit einer Person nicht deutschblütiger Abstammung die Ehe eingegangen." (SchA, Personalakte Eva B.)

Am Ende des Schuljahrs 1938/39 zählte die Oberschule 150 Schülerinnen und Schüler;  davon waren 118 katholisch, 31 evangelisch, einer gehörte einer anderen christlichen Kirche an. Kein Schüler war „gottgläubig" oder konfessionslos (SchA, C III 16, Anlage zum Fragebogen für das Schj. 1938/39). Auch im letzten Jahr der NS-Diktatur gaben als „Glaubensrichtung“  von 285 Schülerinnen und Schülern der Oberschule 209 katholisch, 67 evangelisch und nur acht "gottgläubig" an (SchA, E IV 20, 30.8.1944).

Ein Erlass vom 4. April 1939 ordnete an, dass Schüler, die vom Religionsunterricht abgemeldet werden, den nationalsozialistischem Weltanschauungsunterricht zu besuchen hätten.  Wegen zu geringer Schülerzahl wurde dieser Erlass an der Oberschule in Hechingen im Unterschied zur Kepleroberschule in Tübingen nicht umgesetzt (Hagen, August: Geschichte der Diözese Rottenburg, 3. Band. Stuttgart 1960, S. 347-348; Kepler-Gymnasium 1910-2010  Eine Festschrift. Tübingen 2010, S. 46-47 und 50). Zum Vergleich: Auch am Tübinger Uhland-Gymnasium meldeten sich nur wenige Schüler vom Religionsunterricht ab;  der für die kleine Schülergruppe eingerichtete „weltanschauliche Unterricht“ fand nicht regelmäßig statt (G. Schwemer 2001, S. 48).

Fünf von 20 Abiturienten der Jahrgänge 1938 und 1939 nannten als Berufswunsch die Offizierslaufbahn.

Wie die Abiturpostkarten von 1924 und 1925 griffen die beiden Postkarten von 1938 und 1941 keine martialischen, heroischen Motive auf.

4. 4    1939–1945: Der Krieg griff zunehmend in den Schulalltag ein, verursachte Unterrichtsausfall und -kürzung, verlangte Opfer, missbrauchte jugendliche Einsatzbereitschaft und verbreitete zunehmend Schrecken und Tod in den Reihen der Schulgemeinde

1939-1940

Nach Kriegsbeginn wurden sechs Schüler der 8. Klasse einberufen und erhielten das Reifezeugnis ohne Prüfung. Daraufhin schrumpfte die Abiturklasse auf drei Schüler und eine Schülerin, von denen drei den sprachlichen und einer den naturwissenschaftlich/mathematischen Zweig wählten. Nach erfolgreicher Reifeprüfung im Frühjahr 1940 (JB 1939/40) wurden die drei jungen Männer zur Wehrmacht eingezogen. Die Abiturientin musste vor Studienbeginn erst Einsätze beim Reichsarbeitsdienst und beim Kriegshilfsdienst als Krankenpflegerin ableisten (SchA, Ordner Archiv/Schriftverkehr 1976 und 2009-2016, Hildegard Bausch, 30.9.2012). Bei Kriegsende war einer ihrer Klassenkameraden in Russland gefallen, ein zweiter in Russland vermisst und der dritte erlag einige Jahre nach Kriegsende seinem Kriegsleiden (Die Lichte Au 18, 1968, S. 7-9).

Von 1939 bis 1941 unterrichtete an der Oberschule  die erste wissen-schaftliche Lehrerin, die Studienassessorin Maria Wallraff (SchA, Personalakte).    

Eine detaillierte Auflistung der im Schulgebäude in den Fluren, den Klassenzimmern usw. aufgehängten Bilder, Stichen und Fotos zeigt die vollzogene Gleichschaltung des Schulwesens und gleichzeitig unverbindliche Konzessionen an alte Traditionen. Neben unverfänglichen Bildern wie zum Beispiel "Kinderreigen" von Hans Thoma, „Die vier Apostel“ von Dürer, „Die Stuppacher Madonna“ von Matthias Grünewald  oder Fotos von berühmten deutschen Physikern hingen in den Klassenzimmern der 1. bis 7. Klasse Bilder und Plaketten des Reichskanzlers und Führers Adolf Hitler, an anderen Stellen das Parteiprogramm der NSDAP, das Panzerschiff „Admiral Scheer“ und weitere Fotos von Hitler. Eine Konzession an die nationalkonservative Kreise waren Stahlstiche preußischer Könige, eine Federzeichnung von Friedrich dem Großen nach Adolf Menzel, eine  farbige Reproduktion der Königin Luise, eine Abbildung des ehemaligen Reichspräsidenten von Hindenburg usw. (SchA, Ordner L 1, „Wandschmuck“ vom 30. Juni 1939).

Mit Kriegsbeginn  musste die Schule ihr Gebäude kurzfristig für Westwall-Flüchtlinge, anschließend für Behörden der Wehrmacht und der Luftwaffe sowie für  Hechinger Gerichtsbehörden räumen. Die Oberschule zog in das städtische Schulgebäude in der Neustraße, in die Berufsschule in der Kaufhausstraße und in die evangelische Volksschule  um. Nur von August 1941 bis Herbst 1943 konnte die Oberschule wieder ihr Gebäude in der Heiligkreuzstraße – wenn auch eingeschränkt – nutzen. Vom Herbst 1943 bis Kriegsende wurde das Schulgebäude von einer kleinen Dienststelle des Höheren SS- und Polizeiführers Südwest in Stuttgart und ab Dezember 1944 von einer Abteilung der aus Frankreich abgezogenen Ordnungspolizei belegt (JB 1939/40, S. 2; G. Liebetanz 1959, S. 36). Im Schulgebäude befand sich bis 1939 auch die Hohen-zollerische Heimatbücherei. Für sie begann eine Irrfahrt, bis sie 1961 eine bleibende Unterkunft in einem Nebengebäude des  Landratsamtes in der Heiligkreuzstraße fand, wo sie noch heute Interessierten kostenlos offensteht. Ab Beginn des Schuljahrs 1939/40 stand der Schule nur noch eine leer stehende, schlecht heizbare Fabrik als Turnhalle zur Verfügung,  und diese nur bis März 1940. Auch die Zugverbindungen waren so  eingeschränkt, dass mit Rücksicht auf die Fahrschüler der Unterricht erst kurz vor 9 Uhr beginnen konnte (JB 1940, S. 2).

Der Jahresbericht 1939/40 (S. 10) vermerkte: „Im Februar und März 1940 hoben die Schüler der Oberstufe Luftschutzgräben bei der Schule aus.“  Ein Lehrer wurde pro Woche von 23 bis 3 Uhr zur Brandwache abgeordnet.

1940-1943

Die Einberufung von sechs Lehrern zum Heeresdienst führte zu massivem Unterrichtsausfall. Kunstunterricht, Musik, Sport für Jungen und der evangelische Religionsunterricht fielen wegen Lehrermangel im Schuljahr 1940/41 aus. Mathematik-, Erdkunde-, katholischer Religions-  und naturwissenschaftlicher Unterricht mussten gekürzt werden.  

Im Herbst 1940, also zu Beginn des Schuljahres,  wurden alle sieben Schüler der Abschlussklasse zum Heer oder Reichsarbeitsdienst einberufen. Sie erhielten ein Reifezeugnis ohne Prüfung (SchA, Reifeprüfung 1941).

Alle Fächer sollten die "wehrgeistige Erziehung" verstärkt berücksichtigen, führte StR G. in seinem Bericht über einen Schulungsvortrag des Nationalsozialistischen Lehrerbundes aus. Detailliert stellte er die Inhalte für alle Fächer vor. In Biologie seien zum Beispiel die Begriffe  „Kampf ums Dasein" und „Rasse als Grundlage geistig-seelischer und charakterlicher Haltung“ zu thematisieren und in den zwei Chorstunden Soldatenlieder aus der Sammlung des Großdeutschen Rundfunks „Das Lied der Front“ zu singen. Für den Deutsch- und Geschichtsunterricht wurden das Buch „Der totale Krieg“ von Erich Ludendorff, Presseberichte und die Zeitschriften „Die Wehrmacht“  empfohlen (Protokoll der LK 27.6.1940).

Schüler  beteiligten sich bei der Kartoffelkäfersuche (JB). Der vom Schulleiter bestellte „Altstofflehrer" StR Hans Freund koordinierte die Altstoffsammlung von Altmetall, Knochen, Altpapier, Lumpen Altgummi und Korken (Protokoll der 25.10. 1940; JB 1940/41).

Ein Erlass der Reichskanzlei untersagte am 3. Januar 1941 die Verwendung der Fraktur, der seit der Mitte des 16. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum verwendeten Druckschrift. Auch der Duden erschien ab 1942 nicht mehr in der Frakturschrift. Am 1. September verbot ein Rundschreiben von Martin Bormann, Kanzleichef der NSDAP, die weitere Verwendung der deutsche Kurrentschrift und der Sütterlinschrift. In den Schulen sollte nur noch die lateinische Schreibschrift, die sogenannten „deutsche Normalschrift“, gelehrt und verwendet werden, und nicht mehr die seit Mitte der 30er Jahre eingeführte „deutsche Volksschrift“, eine Variante der Sütterlinschrift. Auch in der Nachkriegszeit blieb es bei diesen beiden Erlasse in Kraft. Das hatte zur Folge, dass die nachwachsenden Generationen bis heute große Probleme haben, alte Bücher und Handschriften z. B. die  ihrer Urgroßeltern  zu lesen.

Ab dem Schuljahr 1941/42 finden sich in den Akten wiederholt Hinweise auf „landverschickte“ Gastschülerinnen und -schüler „aus luftgefährdeten Gebieten“. 1941 wurden diese Schüler ohne Zeugnis in die nächste Klasse übernommen (Protokoll der LK 20.6.1941; SchA, Monatssoll-Liste über Schulgeld und Eintrittsgeld 1940/41, o. S.).

Wie Schüler den grausamen Kriegsalltag erlebt und verarbeitet haben, ist einem kommentierten Tagebuch der Kriegsabiturienten des Sindelfinger Gymnasiums zu entnehmen ("Restloser, verzehrender Einsatz". Eine Schulklasse erlebt den Zweiten Weltkrieg. Hrsg. von der Geschichtswerkstatt am Goldberg-Gymnasium Sindelfingen. Stuttgart 1992, S. 44-51). In Hechingen lassen einige Gefallenenanzeigen und Totenzettel von gefallenen Schülern, eines Studienassessors und des Hausmeister die Grausamkeit des Krieges und das Leid der Angehörigen erahnen. Einige Totenzettel drücken durch ihre Wortwahl deutliche Distanz zu der NS-Parole „gefallen für Führer, Volk und Vaterland“ aus (HHB Na 1001, X).

Der stellvertretende Schulleiter, sieben Studienräte, ein Oberschullehrer und eine Studienassessorin sowie eine Turn- und Handarbeitslehrerin unterrichteten 1941 in sieben Klassen die 127 Schüler. Die "aus luftgefährdeten Gebieten" vor allem aus dem Rheinland zugezogenen bzw. evakuierten Schüler sind dabei nicht berücksichtigt (Protokoll der LK 20.6.1941, S. 214).

In der Lehrerkonferenz vom 10. Februar 1941 referierte je ein Deutsch-, Geschichts- und Erdkundelehrer über das  Thema „Die Förderung des Seefahrtsgedankens  im Unterricht“. StR Hans Freund verzichtete in seinem ausführlichen Referat für das Fach Deutsch – gewiss nicht aus Nachlässigkeit  - auf Zitate von NS-Politikern und NS-Schriftstellern. Den Schwerpunkt legte er vielmehr auf die Lektüre der beiden Ganzschriften „Seefahrt ist not!“ von Gorch Fock (1913) und „Die schwarze Galeere“ von Wilhelm Raabe (1861) sowie auf Balladen, Volkslieder und Sagen (Protokollbuch, S. 206).

Beim Abiturtermin im März 1942 waren schon sieben Schüler der 8. Klasse zur Wehrmacht eingezogen, so dass nur noch drei Schüler und eine Schülerin  die Reifeprüfung ablegten (SchA, A II 6).

Im Schuljahr 1942/43 erhielten eine Schülerin und ein Schüler der Klasse 8 das Reifezeugnis sowie ein Schüler der Klasse 8 und drei Schüler der Klasse 7 den Reifevermerk (SchA, Fragebogen für höhere Schulenab Schuljahr 1942/43, Stand 1.10.1944). In den Sommerferien waren alle Schüler zum Abernten eines Flachsfeldes der Stadt und zu anderen „landwirtschaftlichen Arbeiten“ verpflichtet (Protokoll der LK 30.7.1943).

1943-1944

Im Schuljahr 1943/44 erhielten sechs Schüler den Reifevermerk. Zwei Schülerinnen legten die schriftliche und mündliche  Reifeprüfung mit Erfolg ab. Es waren  zwei Rheinländerinnen, die erst 1943 wegen der alliierten Luftangriffe nach Hechingen umgezogen waren. In Ihren  eingereichten „Bildungsgängen" berichteten sie von ihrem "Kriegseinsatz" in zerbombten Städten, von dem "Elend" der Menschen im Rheinland und von ihren Schwierigkeiten mit dem Lernstoff der Hechinger Oberschule für Jungen (SchA, Reifeprüfung 1944).

Im Herbst 1943 besuchten 43 Schüler und Schülerinnen aus bombengeschädigten und luftgefährdeten Gebieten die Oberschule. Der kommissarische Schulleiter Wilhelm Lorbach teilte in diesem Zusammenhang dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz am 22. Oktober 1943 mit, dass er mit einem weiteren Zustrom rechne (SchA, Ordner C I, 1). Schulfremde Schüler wurden in der Schulstatistik als Gastschüler geführt (Monatssoll-Liste über Schulgeld und Eintrittsgeld 1940/41-1943/44).

Obwohl Hechingen noch nicht zu den „luftbedrohten" Gebieten gehörte und deshalb keine Flakeinheit am Ort stationiert war, wurden für jedes Stockwerk im Juli Sand, Wassereimer, Einstellspritzen, Feuerpatschen, Stemmeisen und Einreißhaken beschafft. Bei Luftalarm sollten die ortsansässigen Schülerinnen und Schüler der 1. bis 4. Klasse einen Schutzraum aufsuchen, die auswärtigen nach Hause gehen. Die Klassen 5 bis 8 sollten weiter unterrichtet werden. Der stellvertretende Schulleiter Lorbach erklärte jedoch, dass sich diese Anordnung in Hechingen nicht umsetzen lasse, da der beim Schulgebäude vorhandene Deckungsgraben weder ausreichend sei noch genügend Schutz biete und die meisten Schüler aus Hechingen im Ernstfall bei der Selbstschutztruppe als Melder oderFeuerwehrmänner eingeteilt seien.

Flugblätter und abgeworfene Lebensmittelkarten sollten die Schüler sofort der Polizei oder ihren Lehrern übergeben (Protokoll der LK 27.3. 1944).

In Hechingen hatten Oberschüler und -schülerinnen in den Sommerferien bei der Erntearbeit zu helfen, ebenso alle Lehrer und Lehrerinnen jeweils eine Woche (Protokoll der LK 26.6. 1942 und 30.7.1943). Diese Regelung galt grundsätzlich auch andernorts: Schon „1941 sollte, noch halb freiwillig, der größte Teil der Sommerferien zur Arbeit auf dem Landverwendet werden. Im folgenden Jahr wurde die „Erntehilfe“ . . . für die Schüler der 5. und 6. Klasse und die Schülerinnen der 7. Klasse (9.-11- Schuljahr) zur achtwöchigen Pflicht.“ (K. L. Joos 2012, S. 62)

Während  im Rheinland und anderen gefährdeten Gebieten in Norddeutschland die Geburtsjahrgänge 1926 und 1927 schon seit Februar 1943  zum Einsatz als Luftwaffenhelfer herangezogen wurden, waren in Hechingen circa 20 Schüler der Klassen 6, 7 und 8 erst im September 1943 von diesen Notdienstverpflichtungen betroffen (SchA, Luftwaffenhelfer-Zeugnisse 1944/45, Notiz vom 1.1.1945; Monatssoll-Liste über Schulgeld 1943/44). Ein Erlass des Reichserziehungsministers vom 12.10.1943 legte auf acht Seiten den Stoffplan für den pro Woche 18-stündigen LWH-Unterricht fest (SchA, LWH / RAD 1942-1944, Eingangsdatum 30.11.1943).Schreiben des Oberpräsidenten  der  Rheinprovinz / Abt. für höheres Schulwesen vom 15. Oktober und vom 20. Dezember 1943 enthielten Stundentafel für den LWH-Pflichtunterricht, die schulische Betreuung und den Dienst (SchA, LWH / RAD, 1942-1944). 1943 eingezogene Luftwaffenhelfer erhielten 1944 ein Abgangszeugnis, das "Luftwaffenhelferzeugnis", mit dem Vermerk "Hochschulreife zuerkannt“ (SchA, LWH-Zeugnisse 1944/45). 

Eine Verfügung untersagte den Lehrern jeden außerdienstlichen Verkehr mit ausländischen Arbeitskräften (Protokoll LK 21.9.1943; vgl. Rolf Vogt: Zwangsarbeit und Ausländerbeschäftigung während des Zweiten Weltkriegs in Hechingen. In: ZHG 38./39. Band 2002/03, S. 628-632). 

Die rund 20 Kriegsteilnehmer, die sich 1946 zur Reifeprüfung (Ostern und Juni) meldeten, gehörten den Jahrgängen 1926 bis 1928 an. Sie berichten in ihren „Bildungsgängen“ meist nüchtern von ihren Erlebnissen als Luftwaffenhelfer, ihrer Gefangenschaft 1945 und von ihren großen Wissenslücken. Fünf Abiturienten setzen sich bewertend mit ihren Erlebnissen auseinander. Zwei berichteten von ihrem Jugendtraum zur See zu fahren und von militärischen Auszeichnungen (Flakkampfabzeichen und Minensucherabzeichen). Der Abiturient L. musste vom Herbst 1943 bis kurz vor dem Zusammenbruch als Flakhelfer Dienst leisten. In seinem „Bildungsgang“  schrieb er Anfang 1946: „Voll jugendlicher Begeisterung bin ich ihm (dem Aufruf zum Hilfsdienst bei der Flak) gefolgt . . . Denn noch konnte ich nicht ahnen, welche Lücken dadurch in meiner Schulbildung entstehen. Doch jene Bombennächte ließen mich weiser und nachdenklicher werden. . . Bei all dem waren wir stolz, auch dabei zu sein, und ebenso stolz trugen wir als 17-jährige als erste Auszeichnung das Flakkampfabzeichen.“ (SchA, Reifeprüfung 1946) Eine der NS-Ideologie und dem Militärdienst gegenüber ausgesprochen kritische Gesinnung bringen dagegen drei Abiturienten zum Ausdruck. Einer von ihnen schreibt von „erlogenen Phrasen“ im Unterricht und nennt die Militärzeit eine „tote Zeit“. Zwei andere berichten von ihrer deutlichen Distanz und Ablehnung der NS-Herrschaft und von ihrer durch den katholischen Glauben geprägte Sozialisation und Erziehung.

Im Lebenslauf eines weiteren heimgekehrter Abiturienten ist folgende beeindruckend kritische Passage zu lesen: "Am 16. 9. 1943 rückte ich mit der gesamten (6.) Klasse zur Flak ein. . . Zum Glück hatten wir als Luftwaffenhelfer nebenbei noch Unterricht, denn sonst wären wir in der Sphäre des Militarismus geistig versumpft. . . . Was mir bis dahin an preußischem  Militarismus noch unbekannt war, erlebte ich hier (ab 10.10. 1944 beim Reichsarbeitsdienst) in Vollblüte. Ein korruptes, bis in das Mark verfaultes System versuchte durch menschenunwürdige Behandlung unsere Menschenwürde, unseren Geist und unsere Religion durch die sogenannte "politische Schulung" und den militärischen Drill zu korrigieren. Hiergegen Stellung zu nehmen, wäre infolge der aufgestellten Spitzel nur Torheit gewesen. . . Ich danke meinem Schöpfer, dass ich infolge meiner guten Erziehung im Elternhause, in der Schule und der Kirche gegen das nationalsozialistische Gift . . . immun geblieben bin." Dieser Schüler berichtet zudem, dass er wegen seines Dienstes als Aushilfsmessner  in seiner Heimatgemeinde B. den Spott von Seiten der HJ habe ertragen müssen (SchA, Ordner Reifeprüfung Ostertermin 1946, Lebenslauf des Schülers H.; vgl. „Der BDM-Keller im Hause meines Vater. Meine Jugenderinnerungen an die Hitlerzeit“ von Uta Ranke-Heinemann, in: Alfred Neven DuMont (Hrsg.): Jahrgang 1926/27. Köln 2007, S. 95-106; vgl. Heinz-Ulrich Eggert: Schulzeit 1938 bis 1949. Zur Vorgeschichte des Wilhelm-Hittorf Gymnasiums Münster. Münster 2005, S. 467). Ein anderer Schüler aus H. berichtet von seiner schwierigen Schulzeit als Schüler in zwei Schulen des kath. Missionsordens der „Weißen Väter“ in Haigerloch und in Niederbayern und von seiner Außenseiterrolle als Nicht-HJ-Mitglied.

1944-45 

Auf Grund eines stark angestiegenen Übergangs von der Grundschule auf die Oberschule im Schuljahr 1943/44 und 1944/45 war die Gesamtschülerzahl bis 18. Dezember 1944 auf 293 gestiegen, auf 160 Schüler und 133 Schülerinnen. Ein wichtiger Grund für die starke Zunahme des Anteils der  Mädchen ab dem Schuljahr 1941/42 war die zu Ostern 1940 begonnene Auflösung der Privaten Höheren Mädchenschule und deren Umwandlung in einen Aufbauzug an der Volksschule Hechingen. Dieser Aufbauzug sollte den Mädchen weiterhin die mittlere Reife anbieten; Vielen gelang es jedoch, in der Oberschule für Jungen aufgenommen zu werden (Hohenzollerische Zeitung 17.2.1940; HHB Nh XIV).  Die durchschnittliche Klassenstärke der ersten bis siebten Klasse betrug 31. Die 2. Klasse war mit 53 Schülerinnen und Schülern die größte, die 7. Klasse mit fünf Schülern die kleinste. Die 3. Klasse war doppelzügig (Protokoll der Zeugniskonferenz vom 18.12.1944).  Den Unterricht erteilen Ende 1944 zehn beamtete Lehrer, ein Aushilfslehrer und zwei stundenweise bezahlte Lehrerinnen (SchA, Fragebogen für höhere Schulen zum Schuljahr 1944/45 Stand 1.10.1944, ausgefüllt vom OStR Lorbach am 12.1.1945, o. S.).

Die meist älteren Lehrer  versuchten unter schwierigsten Bedingungen im Schuljahr 44/45 trotz Ernteeinsätzen, Altmaterialsammlungen (Altpapier usw.), häufigem Luftalarm und einer durch die nahende Front verursachte Schülerfluktuation den Unterricht aufrechtzuerhalten. Ein Betriebsassistent des Kaiser-Wilhelm-Instituts erhielt einen Unterrichtsauftrag von 20 Stunden in  Physik (SchA, C III 13; Klassenbuch der 4b).

Als ab 1. August 1944 die jungen Männer des Jahrgangs 1928 der Klassen 5, 6 und 7 als Luftwaffenhelfer eingezogen wurden, ging die Zahl der Schüler in diesen Klassen so stark zurück, dass am Jahresende in der Klasse 7 neben sieben Mädchen nur noch ein Junge und  in der Klasse 6 neben vierzehn Mädchen nur drei Jungen saßen (Protokoll der LK 19.7. und 18.12.1944). Die sechs zur Wehrmacht einberufenen Abiturienten erhielten den Reifevermerk, der einen erfolgreichen Schulabschluss ersetzen sollte (SchA, A II, 6). Die Klasse 8 wurde im September 1944 endgültig aufgelöst, als die verbliebenen Schülerinnen durch den Reichsarbeitsdienst zu Einsätzen in Kindergärten und Fabriken der Rüstungsindustrie verpflichtet wurden  (Protokoll der LK 18.12. 1944; Reifeprüfung 1946, „Bildungsgänge“; SchA, Ordner Luftwaffenhelfer/RAD 1942-1944 und Luftwaffenhelferzeugnisse 1944/45; Fragebogen für höhere Schulen zum Schuljahr 1944/45 Stand 1.10.1944). Vier Schüler der 5. Klasse und ein Schüler der 6. Klasse erhielten im Dezember kein Halbjahreszeugnis, weil sie wegen Krankheit bzw. wegen „Westeinsatz“, Schanzarbeiten und Wehrertüchtigungskursen zu lange dem Unterricht ferngeblieben waren (Protokoll der LK 18.12. 1944). In manchen Städten wurden ab 1944 sogar Mädchen für den Dienst an Flakbatterien herangezogen. „Rund 50 000 „Soldatinnen“ wurden bis Kriegsende tatsächlich (reichsweit) eingesetzt – und reihenweise geopfert.“ (G. Knopp 2000, S. 143).

Die Angst vor  Fliegerangriffen auf fahrende Züge war auch im Kreis Hechingen groß. Deshalb meldeten einige Eltern ihre schulpflichtigen Kinder wieder an der Volksschule an und zahlreiche Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr zur Oberschule fahren. Im Tagebuch der Klasse 4b ist im Herbst häufiger Flieger- und Voralarm sowie Unterrichtsausfall vermerkt. An manchen Tagen fehlten über 30 Fahrschüler vor allem aus dem Killertal, aus Haigerloch und Bisingen (Schreiben vom 17.10.1944 an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Tgb. Nr. 517). Drei Schülerinnen aus Haigerloch wurden deshalb im Oktober abgemeldet, 18 Schülerinnen und Schüler aus Haigerloch erhielten wegen häufigen Fehlens im Dezember 1944 kein Halbjahreszeugnis (Protokoll der LK 18.12.1944).

Anfang Oktober 1944 waren von 289 Schülern 28 evakuierte Gastschülerinnen und Gastschüler. Sie kamen vor allem aus dem Rheinland, aus Stuttgart und anderen Städten, die durch Luftangriffe sehr gefährdet waren  (Fragebogen für höhere Schulen vom 1.10.1944; Hans Speidel: Der Landkreis Hechingen 1945-1955. In: ZHG 21. Band 1985, S. 261). An eine Zeugnisausgabe war im Frühjahr 1945 nicht mehr zu denken. Der erste Eintrag im Klassenbuch der 4 b im Jahr 1945 stammt von Anfang Februar, der letzte vom 18. April ; er vermerkt das Nichterscheinen der Schüler.

Wie zaghaft sich die Öffentlichkeit und deutsche Behörden in den Fünfzigerjahren der  Aufarbeitung des Dritten Reiches zugewandt haben, zeigt ein Vergleich dieses 4. Kapitels der Geschichte des Gymnasiums Hechingen mit der Schulgeschichte von Gotthardt Liebetanz in der Festschrift „50 Jahre staatliches Gymnasium Hechingen“ von 1959 (S. 7-38), wo der Zeit 1933-45 im neunten Kapital unter der Überschrift „Schwere Zeiten“ keine zwei Seiten gewidmet sind.

Hinweis zu den Quellen- und Literaturangaben:

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