Das Reformrealgymnasium in der Weimarer Republik von 1918 bis 1933

 3.  Das Reformrealgymnasium Hechingen in der Weimarer Republik

 Autor: Dr. Gunter Tietz

 3.1 November 1918 bis Ende 1922 

 Kontinuität und hoffnungsvoller demokratischer Neubeginn

 Die Folgen der Kriegsjahre   

Direktor Friedrich Seitz, im August 1914 freiwillig „zu den Fahnen“ geeilt, 1915 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und 1917 wieder an das Gymnasium zurückgekehrt (JB 1926, S. 15), wies in der Konferenz vom 3. Januar 1919 auf die Folgen der schweren Kriegsjahre hin: auf den  „vielfach gestörten Unterricht, den dadurch bedingten Rückgang der Leistungen, die Lockerung der Disziplin und die damit zusammenhängenden moralischen Schäden“ sowie auf die Lücken, die der Krieg in die Schulgemeinde gerissen hat. Drei Lehrer und ein Viertel der eingerückten Schüler seien „Opfer des Krieges“ geworden (Protokoll der LK 3.1.1919; vgl. HHB, K 336,I).  Konsequente Bestrafung bei Missachtung der Schulordnung hielt die Mehrheit des Kollegiums für geboten (Protokoll der LK, Disziplinarkonferenz 4.11.1919, S. 283-284). In der Nachkriegszeit waren auf den Straßen der  Stadt frierende und hungernde Kinder zu sehen, im Wald wurden von Familien neben Holz auch Beeren, Eicheln und Bucheckern gesammelt (SchA, Reifeprüfung Ostern 1932, „Bildungsgang“ von W.). Ein ehemaliger Schüler reimte auf das Verhältnis der Hechinger zu den auswärtigen Schülern vom Land: „Erwarteten hungrig wir (Auswärtigen) die Pause/Mit den Riesen-Broten von zu Hause./Manche hatten Portionen mit,/als wären sie zu zweit oder zu dritt./Den Hechingern blieb der Mund offensteh’n/ . . . Die Not des Krieges hat jeden gestreift,/ Nur wer den Hunger kennt, dieses begreift.“ A. Hospach, in: Die Lichte Au 2, 1959, S. 11)

Wegen der  „üblen Kriegsnachwirkungen"  beschloss die Lehrerkonferenz im Mai 1920, die Klassenziele vorläufig herabzusetzen und die  „noch verbliebenen Zuchtmittel" straff zu handhaben (Protokoll der LK 7.5.1920). Unter den schrecklichen Folgen des Krieges litten die Menschen noch lange.  So ist einem Schreiben des Provinzialschulkollegiums vom 2. Mai 1925 zu entnehmen: „Nach einer Mitteilung des Bundes erblindeter Krieger mehren sich die Klagen . . . über ungehöriges Benehmen der Schuljugend gegenüber den Kriegsbeschädigten. Es sei nicht Seltenes, dass sich Schulkinder auf der Straße den Kriegsblinden gegenüber ungezogene Bemerkungen erlauben . . . Wiederholt sei es vorgekommen, dass Kinder mit Steinen nach dem Führerhund des Kriegsblinden warfen.“ (SchA, blauer Ordner E 4)

Wie vor 1918 musste auch in den Zwanzigerjahren noch jahrelang der Turnunterricht in der Turnhalle im Winter wegen fehlendem Heizmaterial ausfallen (Jahresberichte, z. B. JB 1924, S. 19).

Am 7. August 1919 fand in der Aula eine schlichte Gedächtnisfeier für die im Krieg gefallenen Schüler und für die drei gefallenen Lehrer statt (Jahresbericht 1919, S. 54; siehe auch JB 1927, S. 27). Die Lokalzeitung „Der Zoller“ vom 7. August 1919 berichtet, von den 58 seit 1912 aus dem Reformrealgymnasium hervorgegangenen Abiturienten seien 54 eingezogen und 44 an der Front eingesetzt worden; 13 seien nicht in die Heimat zurückgekehrt, andere seien mit schweren Verletzungen zurückgekommen, von denen zwei ein Auge verloren haben (HHB K 336, I). Studienrat Dr. Hermann Casaretto hielt  in der Aula eine patriotische Rede, sprach vom tapferen Opfertod der "toten Helden", vom „Kampf für Deutschlands Recht und Ehre“  und von der "schmachvollen Knechtschaft", unter der das  Deutsche Reich seit dem Waffenstillstand und Versailler Friedensvertrag leide. Der Schülerchor sang die Choräle "Ihr Trauernden, stillet die Tränen"  und „Harre meine Seele, harre des Herrn“ (JB 1919, S. 54-55).

Umstrittene Reformen im Schul- und Bildungswesen  und Kampf gegen die Feinde der Republik

Nach der Novemberrevolution wurde das königlich-preußische “Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten“ in  „Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung“ umbenannt (künftig: Kultusministerium). Unverzüglich brachte es Reformen im Schul- und Bildungswesen  auf den Weg. Die dreijährige  Vorschule, die in vielen Städten an höhere Schulen, nicht aber in Hechingen anzutreffen war und Schulgeld verlangt hatte, musste ab 1919 abgebaut werden (Zentralblatt der allgemeinen Unterrichtsverwaltung 1920, S. 212-213). Der  Artikel 146 der Weimarer Verfassung machte den Besuch der öffentlichen Grundschule für alle Kinder zur Pflicht. Im Reichsgrundschulgesetz vom 28.4.1920 einigte sich die Verfassungsgebende Nationalversammlung auf eine Grundschulzeit von vier Jahren. Elternvertreter und Schüler erhielten erweiterte Rechte. Das sogenannte  „Eheverbot für Lehrerinnen“ wurde durch Erlass vom 6.3.1920 aufgehoben (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1920, S. 277). In die neue Zeit passte auch die Amtsbezeichnung „Schuldiener“ nicht mehr. Er hieß ab 1919 „Hausmeister“ (Verfügung des Kultusministers Haenisch vom 4.7.1919, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1919, S. 508). Das gegliederte Schulwesen und somit auch die verschiedenen Formen der höheren Schulen blieben jedoch erhalten.

Dem neuen Kultusministerium war die Erziehung zum Frieden und zur Völkerverständigung ein elementares Anliegen; deshalb schickte es am 27. November  1918 eine Verfügung an die höheren Schulen Preußens, in der  die Lehrer wie folgt ermahnt wurden: „Hass und Rache gegen die Feinde darf auf keinen Fall der Jugend gepredigt werden. Mit dem Gedanken eines Rachekrieges darf nicht gespielt werden, auch dann nicht, wenn die Feinde uns offensichtlich Unrecht tun.“ Wichtig sei, „dass jedenfalls die Schule nie wieder zur Stätte der Volksverhetzung und Kriegsverherrlichung werde.“ (SchA,  Elternbeirat 1918-1931; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1918, S. 711-712)

Wie explosiv die Stimmung ab der Novemberrevolution und der Ausrufung der Republik bis ins Jahr 1920 hinein war, zeigen einige Erlasse des Kultusministeriums (Doppelbesetzung durch Konrad Haenisch von der SPD und Adolph Hoffmann von der USPD). So  forderte der Erlass des Kultusministers Hoffmann „Geschichtsunterricht, Schulbibliotheken, Revolution, Gegenrevolution und Religionsunterricht für Dissidenten“ vom 15.11.1918 die Lehrkräfte auf, „in keinem Unterrichtsfache . . . abfällige oder entstellende Bemerkungen über die Ursachen und Folgen der Revolution sowie der gegenwärtigen Regierung zu äußern, welche geeignet sind, bei der Schuljugend das Ansehen und die Errungenschaften dieser Volksbefreiung herabzuwürdigen“ und „aus den Schulbibliotheken sind alle Bücher zu entfernen, die den Krieg an sich verherrlichen." (JB 1918/19, S. 38; Zentralblatt der allgemeinen Unterrichtsverwaltung 1918, S. 708-709; vgl. Erlass „Fernhaltung der Politik von der Schule“ des Kultusministers vom 14.11.1919, eingegangen am 10.12.1919, in: blaue Mappe E 7). In den Hechinger Schulakten finden sich jedoch keine Hinweise, die Anlass für diese Verfügung hätten geben können; allerdings hatte Direktor Seitz bereits am 13. November 1918 darauf hingewiesen, dass allen Schülern die Beteiligung an politischen Versammlungen und das Tragen von Abzeichen verboten sei. Er könnte dabei an den Hechinger Arbeiter- und Soldatenrat gedacht haben (Allgemeine Bekanntmachungen 1912-1923, Eintrag vom 13.11. 1918).Auch in den folgenden Jahren forderte die Schulverwaltung wiederholt von Lehrern und Schülern, das gesamte Schulleben von politischen Streitigkeiten freizuhalten (SchA, blaue Mappe E 7)

Das Eintreten der Kultusverwaltung, des Provinzialschulkollegiums, der Lehrer und Eltern der höheren Schulen für die Republik, für die parlamentarische Demokratie und für Grundrechte der Verfassung blieb bis zum Ende der Republik eine große Herausforderung, letztlich eine Sisyphusarbeit.  Das am 11. März 1920 von Kultusminister Haenisch den wahlmündigen Schülern ohne Beschränkungen eingeräumte Recht, „politischen Vereinigungen beizutreten (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1920, S. 277-278), musste Kultusminister Boelitz durch den Erlass vom 4. März 1922 zum Schutz der Republik einschränken, eingegangen in Hechingen am 25. August, da „ eine Reihe von Jugendverbänden und Schülervereinen dem Erziehungswillen des Staates entgegenarbeiten und die Autorität des republikanischen Staates, seiner verantwortlichen Leiter und seiner Maßnahmen in den Köpfen unserer Schüler und Schülerinnen aufs schwerste erschüttern.“ Kultusminister Boelitz verbot deshalb den Schülern, Vereinen und Schülervereinen anzugehören, die sich gegen die geltende Staatsform und ihre Verfassung einschließlich der Grundrechte  richten. Dieses Verbot galt auch für Vereine, „die nach ihren Satzungen oder nach ihrer Betätigung die verfassungsmäßigen Grundrechte der Deutschen missachten, Glieder der deutschen Volksgemeinschaft ihrer Abkunft, ihres Glaubens und ihres Bekenntnisses wegen bekämpfen“ (Zentralblatt für die allgemeine Unterrichtsverwaltung 1922, Erlass vom 4.8.1922, S. 365; beide Erlasse auch in: SchA, blaue Mappe E 7). Die Akten legen nahe, dass Hechingen keinen Anlass für den Ministererlass geboten hat.

Der von Kultusminister Konrad Haenisch unterzeichnete, jedoch von dem streitbaren und umstrittenen Reformpädagogen Gustav Wyneken verfasste sog.  Religionserlass  vom 29.11.1918 verordnete: „Eine Verpflichtung der Schüler seitens der Schule zum Besuch von Gottesdiensten oder anderen religiösen Veranstaltungen ist unzulässig.  . . Schulfeiern dürfen keinen religiösen Charakter haben. . . Religion ist kein Prüfungsfach.“ (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen 1918, S. 719-721; H. Giesecke 1965, S. 164-165)  Da dieser Erlass heftige Kritik  und Unruhe auslöste, sah sich das Ministerium veranlasst, ihn durch  Erlasse vom 18. und 28. Dezember 1918 dahingehend aufzuheben bzw. zu korrigieren, dass die Durchführung des Religionserlasses „überall dort, wo er auf ernste Schwierigkeiten stößt, bis zur Entscheidung durch die preußische Nationalversammlung zu unterbleiben ist“. (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen 1918, S. 721-722). Das Lehrerkollegium in Hechingen konnte daraufhin Anfang Januar beschließen, die Rechte und Gepflogenheiten der drei Religionsgemeinschaften bis zur endgültigen Klärung durch die „preußische Nationalversammlung“ zu respektieren (JB 1919, S. 41; Protokoll der LK 3.1.1919, S. 253). Kultusminister Haenisch hob den umstrittenen Religionserlass vom November 1918 am 1. April 1919 auf und verfügte, dass „die Teilnahme von Schülern und Lehrern an kirchlichen Veranstaltungen außerhalb der Schule stets freiwillig“ sei (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1919, S. 428). Wegen tiefgreifender Differenzen zwischen den Parteien, den betroffenen Berufsverbänden und Kirchen kam es zu keiner reichsweit einheitlichen Neugestaltung des höheren Schulwesens sowie zu keiner neuen Grenzziehung zwischen Staat und Kirche.

Im Dezember 1918 erhielt die Schule den am 27. November 1918 vom sozialdemokratischen Kultusminister Haenisch (Nov. 1918-1921) veröffentlichten Aufruf  „An die Schüler und Schülerinnen der höheren Schulen Preußens“. Der zweiseitige Aufruf  sollte am Schwarzen Brett der Schule und in jeder Klasse ab der Obertertia (9. Klasse) angeschlagen werden. Der ungewöhnliche Aufruf zeugt von den revolutionären Erwartungen und dem idealistischen Überschwang seines Verfassers, des charismatischen Reformpädagogen Gustav Wyneken (G. Kluchert 2003, S. 47-48). Er geht einleitend auf die „schöne Begeisterung“, den „jugendlichen Opfermut“ und die furchtbaren Opfer des Weltkrieges ein, um sich dann mit großen Erwartungen wie folgt  an die Jugend zu wenden: „Auch Ihr, die Jugend und die Schule, sollt teilhaben an der neuen Freiheit und Selbstbestimmung unseres Volkes. Und wir hoffen, dass vieles, was unter einem veralteten und toten System der Unfreiheit noch hungern, kranken und verkrüppeln musste, in der neuen Welt der Freiheit gesunden und aufblühen wird.“ Die Stelle, die von „sinnlosen und verrotteten Resten einer überlebten Zeit“ spricht, versah Direktor Seitz mit einem Fragezeichen. Gegen Ende des Aufrufs  appellierte der Kultusminister an die Jugend wie folgt: „Unermüdliche Arbeit und strengste Pflichterfüllung ist das Gebot der Zeit auch im Lebens- und Wirkungskreis der Jugend.“ (SchA, Mappe Elternbeirat 1918-1931; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1918, S. 710 und 713-716; SchA, blaue Mappe E 7).

Kontinuität und Neuanfang

Die „Hohenzollernschen Lande“ - ab 1928 die Hohenzollerischen Lande - gehörten in den Jahren der Weimarer Republik zum Freistaat Preußen. Der Regierungsbezirk Sigmaringen, eine preußische Enklave in Süddeutschland, besaß zum Teil die Rechte einer Provinz. Die Bereiche Schulwesen und Lehrerausbildung unterstanden aber weiterhin dem Provinzialschulkollegium in Koblenz, das zum Geschäftsbereich des Oberpräsidenten der preußischen Rheinprovinz gehörte (abgekürzt: PSK). Oberste vorgesetzte Behörde blieb das preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst  und Volksbildung in Berlin.  Die Revisionen der Schule führten Vertreter des PSK in Koblenz und in seltenen Fällen Vertreter des Kultusministeriums durch. Dabei inspizierten sie die Schulgebäude und machten sich ein Bild vom Leistungsstand aller Klassenstufen (z. B. JB 1920, S. 48).  Den Vorsitz bei der Reifeprüfung führten Vertreter des PSK Koblenz, meistens aber kommissarisch die Schulleiter. Die Revision des katholischen Unterrichts war dem Erzbischöflichen Ordinariat in Freiburg übertragen (Jahresberichte). Lehrerfortbildungen fanden in Berlin, Bonn, Göttingen, Krefeld  und weiteren Städten statt. 

Das höhere Schulwesen der Weimarer Republik war durch Kompromisse der Parteien und Interessengruppen geprägt. Der Vergleich einer  typischen Ansprache aus der Kaiserzeit (1903) mit einer aus den ersten Jahren der Republik (1923) zeigt einmal den eingetretenen Wandel auf, zum andern die Kontinuität von traditionellen Vorstellungen und Haltungen, die von einem vorbildlichen Pädagogen erwartet wurden. Die erste Ansprache hatte der Geheimrat Dr. Josef Buschmann vom Koblenzer PSK anlässlich der Amtseinführung des neuen Sigmaringer Schulleiters Dr. Egon Schunck im Jahre 1903 gehalten. Dr. Buschmann forderte damals: „Das Sigmaringer Gymnasium muss seinen Schülern eine gediegene Geistes- und Herzensbildung mit ins Leben hinausgeben; es muss sie vor allem zur Arbeitsfreudigkeit, zur Selbstzucht, zur Unterordnung unter die Autorität, zur Opferwilligkeit und zu der Überzeugung erziehen, dass die Erfüllung heiliger, unabweisbarer Pflichten im menschlichen Leben das Erste und Letzte ist.“ Als eine Vorbedingung für eine erfolgreiche Arbeit als Lehrer bezeichnete er auch „die Freude an süddeutscher Art und Sitte“ (Jahresbericht des Gymnasiums Sigmaringen 1903/04, S. 31-32). Der zweite Text ist eine Würdigung des von Sigmaringen ans Koblenzer Provinzialschul-kollegium versetzten, im Jahr 1923 verstorbenen Oberschulrats Dr. Egon Schunck 1923. Wiederholt hatte dieser in amtlicher Funktion die höhere Schule in Hechingen visitiertund den Vorsitz bei der Reifeprüfung geführt (Jahresberichte des Reformrealgymnasiums Hechingen ab 1912). Der Verfasser der in der liberalen Hohenzollerischen Zeitung veröffentlichten Würdigung kannte den verstorbenen Pädagogen schon als Schüler und später als Berufskollegen. Er charakterisiert ihn als einen vorbildlichen Pädagogen und Verwaltungsfachmann, den „edle Humanität“ und  Christentum, weltoffener katholischer Glauben, Heimat- und Vaterlandsliebe sowie Anteilnahme und  Milde ausgezeichnet haben (Hohenzollerische Blätter Nr. 240, vom 19.10.1923. Verfasser ist der ehemalige Schüler Dr. F.).

Umgang mit Symbolen und Bildern der gestürzten Monarchie

Auch der Erlass „Entfernung von Wahrzeichen der vergangenen Staatshoheit“ vom 25. September 1919 (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1919, S. 603-605; vgl. Protokoll der LK 31.7.1919) ist eine Symbiose von Altem und Neuem.  Büsten und Bilder des Kaisers Wilhelm II. und des Kronprinzen waren zu entfernen, nicht jedoch Bilder von Friedrich dem Großen, Bismarck, Moltke und Hindenburg. Bei Neuanschaffungen sollte  in Stempeln und Siegeln „königlich“ durch „staatlich“ ersetzt werden. In Hechingen kam es im Unterschied zu anderen Schulen wegen der Umsetzung des Erlasses  zu keinen Unruhen oder einem Schulstreik von Schülern. Abbildungen bedeutender preußischer Könige wie die Friedrichs II. und Friedrich Wilhelms IV., blieben hier noch jahrelang hängen. Wie stark sich das Gymnasium der preußischen Tradition verpflichtet fühlte, ohne dabei die neue republikanische Staatsform in Frage zu stellen, zeigt sich in der Lehrerkonferenz am 5. Juli 1926, in der sich nur ein Lehrer für die Entfernung  aller Hohenzollern-Bilder aussprach, einer für die Beibehaltung aller Bilder, aber 11 Kollegen für folgenden Kompromiss stimmten: Nur die Bilder des Großen Kurfürsten, Friedrichs II, Wilhelms I. und von Friedrich Wilhelm IV, dem Erbauer der Burg, sollten in den Gängen der Schule hängen bleiben. Erst 1928 verzichtete das Kollegium endgültig auf alle Bilder preußischer Monarchen (Protokoll der LK 26.1.1928).

Neue Mitwirkungsorgane der Eltern und Lehrer

Das preußische Kultusministerium hatte kurz vor Kriegsende am 1. Oktober 1918 die „Wahl“ von Elternbeiräten angeordnet  (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1918, S. 637-638; JB 1919, S. 58; SchA, Elternbeirat 1918-1931; in Hechingen eingetroffen ist die Satzung mit einem Begleitschreiben des Provinzialschulkollegiums Koblenz  erst am 17. November 1918.). In der ersten Elternversammlung im Januar 1919 informierte Direktor Seitz über den Auswahl- und Bestellungsmodus der Mitglieder des Elternbeirates und deren Mitwirkungsrechte. Aus der vom Kollegium akzeptierten Vorschlagsliste des Direktors und aus der Liste des Bürgermeisters wählte das Provinzialschul-kollegium jeweils fünf Männer bzw. Frauen aus.  Sechs Mitglieder mussten dabei Eltern von Schulkindern und die Hälfte des Elternbeirats durften Frauen sein. In Hechingen erhielt eine Mutter einen Sitz im Elternbeirat. Themen der ersten Sitzung am 30. Mai 1919 waren die Verwendung von Schiefertafeln, die Höhe des Schulgeldes, die Schülerselbstverwaltung und  -mitbestimmung, die  Bildung der „Schulgemeinde“,  die Zurücknahme des umstrittenen Religionserlasses vom 29. November 1918, die Auswirkungen der Koedukation auf die Hechinger Mädchenschule, „die Schulzucht“ und  die Hausaufgabenzeit. Direktor Seitz hielt wiederholt fest, dass alle Elternvertreter bei pädagogischen und organisatorischen Fragen mit den vom  Lehrerkollegium getroffenen Maßnahmen in der Regel einvernehmlich zusammenarbeiten. Die Sitzungsprotokolle bestätigen sein Urteil einer vertrauensvollen Zusammenarbeit (JB 1919, S. 52-53 und 1920, S. 45; SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930 und Mappe Elternbeirat 1919-1929).

Den ursprünglich undemokratischen Auswahlmodus der Mitglieder, der keine Wahl, sondern eine Ernennung der Mitglieder des Elternbeirates vorgesehen hatte, ersetzte Kultusminister Haenisch am 5. November 1919 durch eine nunmehr demokratische Wahlordnung, die das aktive und passive Wahlrecht ausschließlich den Eltern der Schulkinder zusprach. Vorgesehen war eine geheime „Verhältnis-Listenwahl“ (JB 1919, S. 52 und JB 1920, S. 34; Satzungen und Wahlordnung für die Elternbeiräte, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1919, S. 663-666). Die erste demokratische Wahl der fünf Elternvertreter fand Anfang März 1920 nach zwei vorausgegangenen Elternversammlungen statt. Direktor Seitz hatte dort um eine sachliche und nicht parteipolitisch motivierte Wahlentscheidung gebeten. Die Tagesordnung des neu gewählten Elternbeirats am 12. März 1920 war wieder recht umfangreich.

Im Oktober 1921 sprach Direktor Seitz im Elternbeirat das Thema „sexuelle Aufklärung" an und händigte den Elternvertretern zwei  Aufklärungsschriften aus. Die von P. Ludwig Hoppe 1921 veröffentlichte Warnschrift hatte allerdings den irreführenden Titel „Sexueller Bolschewismus und seine Abwehr" (Hrsg. von der Volksgemeinschaft zur Wahrung von Anstand und guter Sitte. In dem Buch  fehlte jedoch jeglicher Bezug zu Sowjetrussland oder zur radikalen Linken; Protokoll der LK vom 30.9.1921, S. 353). Sexuelle Aufklärung der Schüler und Schülerinnen war schon1919 ein Thema der Referendarausbildung gewesen (SchA, Protokolle der pädagogischen Sitzungen vom 13.3.1919). Dabei hatte als Orientierung das Buch „Jugendlehre. Ein Buch für Kinder, Lehrer und Geistliche" von Friedrich Wilhelm Foerster, einem bekannten deutschen Psychologen und Pazifisten, gedient.

Die Lehrer wünschten eine präzisere Festlegung der Rechte des „Lehrerausschusses", eines Vorgängers des heutigen  örtlichen Personalrates (Protokoll der LK 22.11.1923). 1927 wurde darauf geachtet, dass mit der Aufstellung/ Wahl je ein Studienrates, eines Assessors und eines Oberlehrers eine repräsentative Vertretung gewählt wurde (Protokoll der LK 15.2.1927).

Erste Schülerinnen in den oberen Klassen

Das Aufnahmeverfahren der ersten Schülerin zog sich über drei Monate hin: Am 29. November 1918 hatte der Vater, Landgerichtsdirektor Gustav Russell, das Gesuch um Aufnahme seiner Tochter auf dem Hechinger Gymnasium gestellt. Daraufhin hatte das Kultusministerium das Provinzialschulkollegium in Koblenz am 18. Dezember 1918 angewiesen, dem Gesuch um Aufnahme dieses Mädchens ausnahmsweise  zu entsprechen. Am 13. Januar 1919 erkundigte sich Gustav Russel, ob das PSK Koblenz seiner Tochter erlaubt habe, von der Obersekunda der Oberrealschule in Tübingen zum Reformrealgymnasium in Hechingen zu wechseln. Da aber Direktor Seitz bis dahin keine Entscheidung des PSK erhalten hatte, musste Elisabeth Russel weiter warten, obwohl ihrem Vater eine Zusage des Kultusministers in Berlin bereits vorlag (SchA, Journal für Conzepte von Schriften 1906-1927, 13. Januar 1919). Am 29. Januar 1919 ging die Entscheidung des Ministeriums endlich beim PSK in Koblenz ein und am 30. Januar schickte diese Behörde ihre Genehmigung an den Direktor des Gymnasiums in Hechingen ab, wo sie am 17. Februar einging  (JB 1919, S. 50; Klassenbücher; Diensttagebuch 1918, Nr. 499 und Diensttagebuch 1919 Nr. 95).Bis zum Ende des Schuljahrs hatte  die Schule mit Erlaubnis des PSK Koblenz insgesamt sechs Mädchen in die Untertertia bis Obersekunda aufgenommen. Diese „Neuerung“ rief jedoch auf dem Rathaus und in der ersten Sitzung des Elternbeirats Bedenken hervor, denn man befürchtete eine Beeinträchtigung der 1872 gegründeten privaten Höheren Mädchenschule, die in den 20er Jahren nur vier Klassen führte. Schulleiter Seitz beschwichtigte mit dem Argument, dass  Mädchen erst nach dem Besuch der vierklassigen höheren Mädchenschule  und einer bestandenen Aufnahmeprüfung aufgenommen werden dürfen (SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930, 1. Sitzung; Hohen-zollerische Blätter 3. 6. 1919; JB 1919, S. 50; Protokoll der LK 10.9. 1919;  JB 1920, S. 34). Das neue Schuljahr 1919/20 startete mit 204 Jungen und 8 Mädchen (Protokoll der LK 10.9.1919). Im Schuljahr 1923/24 besuchten immerhin 12 Mädchen und 180 Jungen das Gymnasium. 1920 erhielt das erste Mädchen das Zeugnis der mittleren Reife und 1921 erstmals zwei junge Frauen das Reifezeugnis, beide mit gutem Erfolg; Margarethe Dopfer war die Tochter des Sparkassendirektors der Hohenzollerischen Lande und Elisabeth Russell die des Direktors des Hechinger Landgerichts (SchA, Namensverzeichnis der Abiturienten 1912-1938;  Die Lichte Au  21, 1970, S. 41).

Zum Vergleich: Am Staatlichen Gymnasium zu Sigmaringen wurde das erste Mädchen regulär erst 1924 aufgenommen (Jahresbericht Gymnasium Sigmaringen 1925, S. 9; M. Hoffmann 2014, S. 6)

Der Umgang mit Verstößen gegen die Schulordnung

Das Gymnasium und der Elternbeirat stimmten sich immer wieder ab, welches Verhalten außerhalb des Schulbereichs angemessen sei und welche Maßnahmen bei Verstößen gegen die Schulordnung zu ergreifen seien, besonders wenn von Eltern oder vom Rathaus Klagen eingingen. Dabei waren sich die Lehrer durchaus ihrer beschränkten Einwirkungsmöglichkeiten bewusst, wie schon der Schulordnung von 3.8.1915 zu entnehmen ist. Diese sprach ausdrücklich davon, dass  „die Beaufsichtigung der Schüler außerhalb der Schule vornehmlich  eine Aufgabe der Eltern sei, die besonders „ihre Aufmerksamkeit auf den Verbleib der Söhne in den Abendstunden sowie auf ihren Umgang“ richten sollten (JB 1915, S. 17-19). Nach dem Kriegsende wiesen die Lehrer ihre Schüler wiederholt darauf hin, dass der  Wirtshausbesuch, der Besuch politischer Versammlungen und das Tragen von Abzeichen, die Belästigung älterer Personen, das Fußballspielen auf öffentlichen Plätzen mit Obstbaumbestand, das Schießen mit Schleudern und das Tragen von Gewehren ohne Elternbegleitung verboten sei (Protokoll der Disziplinar-LK vom November 1919, S. 283; SchA, Allgemeine Bekanntmachungen März 1912 – März 1922, Eintrag vom 13.11. und 30.11. 1918 und 6.6.1921; Protokoll der LK vom 31.7.1919, S. 273). In Bezug auf den Café- bzw. Gasthausbesuch der Oberschüler bzw. Schülerinnen waren das Lokal und die Besuchszeit vorgeschrieben. 1919/20 erlaubte der Direktor den Oberstufenschülerinnen ein Café und den Schülern der Oberprima den „Brielhof“ zu besuchen, jedoch nur am Samstag (Protokoll der LK 10.9.1919). Als zwei Primaner 1919 mehrfach unbefugt ein Wirtshaus besuchten und angezeigt wurden, entschied sich das Kollegium zu harter Bestrafung, zur Androhung des Schulausschlusses und einer Arreststrafe (Protokoll der LK 4.11. 1919, S. 283). 1926 wurden als „Verkehrslokal" der „Brielhof“ und 1929 die Gasthäuser „Lamm“ und „Löwen“ zur Wahl gestellt (Protokolle der LK vom 14.9.1920, 22.6.1926  und vom 7.3.1929; SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930, Sitzung vom 28. Juni 1926). Bei Eintritt der Dunkelheit sollten die Schüler die Straße verlassen (Protokoll der LK 22.9. 1926). Eine rege Aussprache führten die Lehrer 1920 über die  "Vergnügungssucht".  Sie sollte u. a. durch eifrige Pflege des Turnens und der Turnspiele bekämpft werden. Dabei wurde auch auf  den Wert der "alten deutschen Einfachheit" und auf  "die ästhetischen Genüsse in Natur und Kunst" hingewiesen (Protokoll der LK 7.5.1920). 1926 wies Direktor Seitz  im Jahresbericht (S. 17) darauf hin, dass die Warnungen der Lehrer vor Alkohol- und Tabakgenuss nur mit Unterstützung der Eltern Beachtung finden könnten (Siehe auch das Schreiben des Kultusministers „Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs“ im Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 25 5.1919, S. 465-466).

Seit der Aufnahme von Mädchen im Frühjahr 1919 sahen sich die Schule und der Elternbeirat mit einem neuen Problem konfrontiert, dem des außerschulischen Kontakt zwischen Schülerinnen und Schülern; denn die vorherrschenden Vorstellungen in der Gesellschaft waren fast unwidersprochen recht restriktiv. Die Lehrer sahen sich deshalb hin und wieder in der Pflicht, Strafen zu verhängen.Im März und April 1923 musste sich das Kollegium z. B. mit dem außerschulischen Verhalten von drei Mittelstufenschülern und einer Mittelstufenschülerin beschäftigen, die in einer Disziplinarkonferenz verhört wurden und gestanden, „entgegen dem Verbot der Schule“ am Spätnachmittag ein Café in Hechingen besucht, dort Wein getrunken und Zigaretten geraucht und damit auch gegen Bestimmungen des Jugendschutzes verstoßen zu haben. Die Lehrerkonferenz sprach sich nach einer längeren Aussprache in drei Fällen für eine stille Entfernung und in einem Fall für das „consilium abeundi“ (Androhung der Verweisung von der Schule) aus. Direktor Seitz begründete die Höhe der Strafe damit, dass das Verhalten der Schüler „schweres Ärgernis in der Bürgerschaft erregt“ habe. Als das Provinzialschulkollegium diese Entscheidung wegen eines Formfehlers zur Neuverhandlung zurückwies, milderte die Konferenz die Strafen deutlich dahingehend ab, so dass drei Schülern nur die „Verweisung“ von der Anstalt angedroht wurde. Das PSK in Koblenz bestätigte dieses Strafmaß (Protokoll der LK vom 12. 3.1923, vom 24.3. und Nachtrag vom 13.4.1923; SchA blaue Mappe E 9, Schreiben des Provinzialschulkollegiums vom 26.4. 1923).

Auch die Einhaltung der Vorschriften der Schulordnung und die Erwartungen des Elternbeirats in Bezug auf das Ausgehverhalten im Allgemeinen und auf den Besuch eines Tanzkränzchens im Besonderen beschäftigte im Jahre 1923 Lehrerkonferenz und Elternbeirat. Grundsätzlich war für den Besuch eines  Tanzkränzchens eine Aufsicht vorgeschrieben. Ein Verstoß konnte mit mehrstündigem Arrest bestraft werden und gemeinsame Spaziergänge von Schülern und Schülerinnen außerhalb der Stadt waren nur unter Aufsicht eines Erwachsenen erlaubt (Protokoll der LK 13.4. und 10.11.1923). Über die Tanzstunde für Schüler und junge Leute in Hechingen berichtet ein ehemaliger Schüler wie folgt: Zur Tanzstunde im Konstantinsaal des Museums kam im Winter und Frühjahr 1919 der Tanzlehrer stets im Gehrock, mit Lackschuhen und weißen Glaceehandschuhen. „Die Sitte verlangte es damals, dass alle jungen Mädchen nur in weiblicher Begleitung zur Tanzstunde kommen durften. Die begleitenden Mütter, Tanten und älteren Schwestern nahmen auf einer anderen Seite des Saales Platz. Respektlos nannten wir sie die Drachengalerie.“ (Walter Sauter (Schüler 1910-1918), in: Die Lichte Au 21 1970, S. 63)

Die Erfahrungen mit der Koedukation in der Schule beurteilte Direktor Seitz jedoch uneingeschränkt positiv. "Der Gemeinschafts-Unterricht führte zu keinen Misshelligkeiten", fasste er die Erfahrungen 1924 im Jahresbericht zusammen (S. 27). Bei Disziplinarstrafen und grundsätzlichen Entscheidungen des Kollegiums und Schulleiters wurde der Elternbeirat immer informiert und mit eingebunden. Exemplarisch sei aus dem Jahresbericht 1923/24 zitiert: „Das Verhältnis zwischen Elternbeirat und Lehrerkollegium kann nur als ausdauernd gut bezeichnet werden; in fast allen Fragen bestand Übereinstimmung.“  (JB 1924, S. 32).

Wandertage und Wanderfahrten des Spiel- und Turnvereins

Am 29. März 1920 erließ der Kultusminister  Richtlinien zur Durchführung eines ganztägigen Wandertages pro Monat und eines Spielnachmittages pro Woche. „Das Wandern soll einen frischen, fröhlichen Sinn und Wanderlust wecken, zu bewusstem Sehen und Hören erziehen, Freude an der Natur, an der Heimat und an der Kameradschaft gewähren“, zitierte Direktor Seitz im Jahresbericht 1920 den Kultusminister (JB 1920, S. 38; blaue Mappe F 23). In den folgenden Jahren fanden diese Wanderungen regelmäßig statt. Dadurch sollten die Schüler Lerninhalte und -strategien in Heimatkunde (Kunstgeschichte, Altertümer), Naturbeobachtung (Geologie, Botanik) und Kartenlesen erwerben (JB 1926, S. 11; Protokoll der LK 8.9.1926). Zur Förderung dieser Sach- und Methoden-Kompetenzen  wurde 1926 ein Ausschuss gebildet und eine spezielle Bücherei eingerichtet (Protokoll der LK 11.11.1926). Von den jährlichen, meist in den Pfingstferien organisierten mehrtätigen Ausflügen des Spiel- und Turnvereins liegt aus dem Jahre 1920 eine lebendige Schilderung eines Oberprimaners vor. Sie erzählt von anstrengenden langen Fußmärschen, die die 33 Wanderfreunde von Hechingen über den Dreifaltigkeitsberg ins Donautal unternommen haben, aber auch von den unvergesslichen Erlebnissen und dem „herrlichen Leben“ der Wanderschar und von den entstandenen „Herzensbanden“  zwischen Mensch und Natur (JB 1920, S. 71-74; siehe auch die Jahresberichte vor dem Ersten Weltkrieg).

Umstrittene Reform der Schülerselbstverwaltung

Auf Grund eines Beschlusses der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte, der eine paritätische Besetzung aller Ministerien durch einen SPD- und einen weiter links stehenden USPD-Vertreter vorschrieb, kam es auch mit Konrad Haenisch und Adolf Hoffmann zu einer Doppelspitze im Kultusministerium. Das Ministerium versuchte Ende 1918 noch vor den Wahlen zum Preußischen Landtag und zur Nationalversammlung, die bereits im Kaiserreich eingeführte bescheidene Schülerselbstverwaltung letztlich zu einer Schülermitsprache weiterzuentwickeln. Dieses Projekt stieß jedoch landesweit auf erheblichen Widerstand. Viele höhere Schulen  lehnten die Bildung einer „Schulgemeinde“ und  eines „Schülerrates“ ab. Das preußische Kultusministerium machte deshalb schnell einen Rückzieher und wies die höheren Schulen schon am 14. Dezember 1918 an, bei Unruhen und Bedenken es bei der vor dem Weltkrieg eingerichteten Schülerselbstverwaltung von 1910 zu belassen. Grundsätzlich hielt das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volk jedoch an seinen Reformplänen fest, insbesondere an der „Schulgemeinde“, an der alle zwei Wochen abzuhaltenden einstündigen Versammlung aller Lehrer und  Schüler ab der Obertertia (9. Klasse). Als Versammlungsleiter sollten die Schüler in geheimer Wahl einen Lehrer wählen. In freier Aussprache sollten sie „über Angelegenheiten  des Schullebens, der Disziplin, der Ordnung" beraten und über Entschließungen abstimmen, wobei jeder Schüler und jeder Lehrer gleichberechtigt eine Stimme hatte.  „Anordnende oder gesetzgebende Befugnisse“ standen der Schulgemeinde allerdings  „zunächst“ nicht zu. Ferner konnte die Schulgemeinde einen „Schülerrat“ wählen, der ständig die Interessen der Schülerschaft  vertreten und im Einvernehmen mit der Schulleitung und den Lehrern für Ordnung sorgen sollte (JB 1918/19, S. 40; Schreiben des Kultusministers Haenisch „An die Schüler und Schülerinnen der höheren Schulen Preußens“, in: SchA, Elternbeirat 1918-1931, eingegangen am 22.12.1918; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1918, S. 724-725). Im württembergischen Tübingen fanden am Uhland-Gymnasium sogenannte „Schulversammlungen“ mit Referaten von Lehrern und Schülern zu aktuellen bildungspolitischen, erzieherischen und politischen Themen mindestens bis 1922 statt (Siehe G. Schwemer 2001, S. 40).

Obwohl das Kultusministerium in den „Bestimmungen und Richtlinien für die Schülerselbstverwaltung“ vom 21. April  1920 von „überwiegend günstigen Erfahrungen“ sprach, räumte es den Schulen weiterhin Bewegungsfreiheit ein. Damit konnten die Schulen es weiterhin bei der folgenden abgespeckten Variante bewenden lassen: Alle Klassen wählen „Sprecher“, diese bilden den „Klassenausschuss“ und die Klassensprecher der oberen vier Klassen wählen den „Berater“, d. h. den Vertrauenslehrer (JB 1919/20, S. 38; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1920, S. 317-320). Probleme bereitete in den politisch äußerst unruhigen Wintermonaten 1918/19 auch die Kommunikation zwischen Berlin, Koblenz und Hechingen. So ging der Erlass des Kultusministeriums vom 14. Dezember, die Schülerausschüsse betreffend, erst mit dreimonatiger Verspätung ein, in Gestalt einer Abschrift, ausgefertigt vom Provinzialschulkollegium in Koblenz am 28. Februar 1919. (SchA, Elternbeirat 1918-1931, betr. J.-No.135 und 441, A 5).

In Hechingen kam die Einrichtung einer „Schulgemeinde“ und eines „Schülerrates“ Anfang 1919 über einen zaghaften Gründungsversuch nicht hinaus. Auf der Gründungssitzung  hatte sich zwar eine denkbar knappe Mehrheit (34 zu 32)  für die neuen Schülergremien ausgesprochen, die gewählten Mitglieder legten aber kurz nach ihrer Wahl „auf Veranlassung ihrer Eltern“  ihr Amt nieder. Die Demokratisierung des Schullebens überforderte offenbar alle Beteiligten und ging an deren Interessen und Vorstellungen vorbei (JB 1918/19, S. 40; JB 1919/20, S. 51; JB 1923/24, S. 30; Protokoll der LK 5.2.1919; SchA, Elternbeirat 1918-1931, handschriftliche Notiz vom 3.3.1919 betr. die Verfügung des PSK vom 13.1.1919). Das Hechinger Reformrealgymnasium beließ es bei der „ausreichenden und bewährten“ Schülerselbstverwaltung im engeren Sinne mit gewählten Klassensprechern und dem Ausschuss der Klassensprecher der oberen Klassen. Im Jahresbericht 1919/20 bewertete  Direktor Seitz das Recht der Schülerselbstverwaltung auf Klassen- wie Schulebene,  Wünsche vorzutragen, wie folgt: „Diese Einrichtung ist sehr wohl genügend, das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern wesentlich zu fördern.“ (JB 1919/20, S. 51; JB 1923/24, S. 30). Die von den Klassensprechern und dem „Schulsprecher“ vorgetragenen Wünsche konnte der Direktor meistens erfüllen. Auch im Jahresbericht 1924/25 (S. 12) bezeichnete der Schulleiter die in Hechingen praktizierte Schülerselbstverwaltung als eine "bewährte Einrichtung" (JB 1924/25, S. 12).  Am Gymnasium in Sigmaringen wurden dagegen  die  Aktivitäten der Schülerselbstverwaltung nach anfänglicher Wertschätzung  im JB 1925  vom Schulleiter Dr. Fischer als in manchen Klassen „überflüssig“  bezeichnet  (JB Gymnasium Sigmaringen 1925, S. 12; M. Hoffmann 2014;  M. Kuhn-Rehfus 1977, S. 153 ff, S. 158-16, S. 170).

Der Erlass „Einführung der Schuljugend in die Reichsverfassung“ vom  4. September 1920 ordnete an, die Schüler der mittleren und oberen Klassen im Geschichts- oder Deutschunterricht  „mit den Grundlagen des neuen (republikanischen, demokratischen) Staates vertraut zu machen“ (Zentralblatt für die  gesamte Unterrichtsverwaltung 1920, S. 637). Abgehende Schüler erhielten ein Exemplar der Reichsverfassung, wie es Artikel 148 Absatz 3 der Reichsverfassung vorsah und ein Erlass des Kultusministers vom 25. Februar 1920 anordnete (Protokoll der LK  13.4.1921; SchA, blaue Mappe E 1; Vgl., SchA, H 2, Erlass des preußischen Kultusministers vom 13.4.1929).

Aus den Zwanzigerjahren stammende Abitur-Postkarten zeigen gängige Motive. Die Karte von 1922 entwarf Mostafa Tabatabay, der Sohn eines persischen Parlamentspräsidenten (HHB, K 336, V). Der persische Abiturient war am 24.4.1902 in Teheran geboren, als 13-Jähriger hatte er seine Heimat Persien verlassen, ein Jahr die Untertertia der deutschen Realschule in Konstantinopel und anschließend bis Oktober 1920 das Reformrealgymnasium in Zehlendorf bei Berlin besucht. Im Oktober 1920 war er in die Unterprima des Hechinger Gymnasiums eingetreten (SchA, Namensverzeichnis der Abiturienten der Anstalt von 1912-1931; JB 1922, S. 29; Ordner Reifeprüfung 1922, Lebenslauf).

 3.2 Krisenjahr 1923 

Ruhrbesetzung, Geldentwertung und große wirtschaftliche Not

 Am 15. Januar fand anlässlich der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen am Hechinger Gymnasium eine „Trauerkundgebung“ statt. "Die Feier galt dem Schmerz und der Empörung über das Unrecht, das unserem wehrlosen, entwaffneten . . . Volke durch die widerrechtliche Besetzung seines heiligen Heimatbodens geschieht", vermerkte Direktor Seitz im Jahresbericht 1922/23 (S. 27). Hatte die Schule schon Anfang der Zwanzigerjahre für die zwischen Deutschland und Dänemark umstrittenen Abstimmungsgebiete in Schleswig (JB 1920, S. 47) und für das vom Deutschen Reich und von Polen beanspruchte Oberschlesien Geldspenden gesammelt (JB 1921, S. 29), so beteiligten sich 1923 Lehrer und Schüler an zwei „Ruhrsammlungen“, die  187 000 Mark einbrachten, sowie an einer Sammlung für die durch die französische Besatzungspolitik "bedrängten Pfalzbewohner" (JB 1922/23, S. 27 und 29). Von dieser Besatzungspolitik waren 1923/24 auch zahllose Beamte, darunter auch viele Lehrer an höheren Schulen, betroffen. In der Stadt Prüm in der Eifel wurden z. B. 90 Beamte aus dem linksrheinischen Gebiet ausgewiesen, darunter waren sechs der elf Lehrkräfte des Staatlichen Gymnasiums  (Staatliches Regino-Gymnasium Prüm. Festchronik. Prüm 2002, S. 103 und 146). Der dortige Studienrat Pflumm kam auf diesem Weg im September 1923 nach Hechingen, konnte aber nur einen Auftrag von neun Stunden erhalten und erst im Juli 1924 wieder an sein Gymnasium in Prüm zurückkehren (SchA, Protokoll der LK 27.9.1923; JB 1924/25, S. 8).

Viele auswärtige Schüler litten weiterhin unter den schlechten Verkehrsbedingungen. So mussten Haigerlocher Schüler im Schuljahr 1922/23 im Sommer  und Winter schon um  4.45 Uhr ihr Elternhaus verlassen und waren bereits vor  6 Uhr vor der Schule; hatten sie Nachmittagsunterricht, so kamen sie manchmal erst um 20 Uhr nach Hause (JB 1922/23, S. 21; vgl. JB 1923/24, S. 31). Die Zugabteile  waren oft schlecht geheizt und nur mit qualmenden Öllampen erleuchtet. Die Bahnverbindung von Jungingen war am frühen Morgen jahrelang nicht viel besser (SchA, Reifeprüfung 1931, Lebenslauf von F. M.). Die lange Wartezeit im geheizten im Aufenthaltsraum für Auswärtige im Keller in der nordöstlichen Ecke der Schule (9,70 auf 6,60 m)  beschrieb ein Schüler (1919-1923) wie folgt: „Die Uhr zeigte um 5.30 Minuten, / wie beneideten wir auch unsere Guten / von der Balinger–Bisinger Strecke / Wünschend, dass auch 's Zügle uns später wecke . . .Die erste Stunde bis halb sieben / blieben die „Alten“ (älteren Schüler) auf den Tischen liegen, /  dem „Mittelalter“ gehörten die Bänke / Sexta bis Quarta die Arme verschränkte .“ Oft trat das Licht der selbst gegossenen Wachslichter an die Stelle  der nicht funktionierenden Gasbeleuchtung (Anton Hospach,  in: Die Lichte Au 2, 1959, S. 10; Gutachten von Dr. Cluß vom 10.5.1922, in: Ordner E 2; JB 1924, S. 31; vgl. JB 1925, S. 13). In einer Eingabe vom 8. Dezember 1921 klagten Haigerlocher Eltern über die unzuträglichen Zugverbindungen und deren Auswirkungen wie folgt: "Versäumen sie (die 15 Kinder) den Zug, was schon öfters vorkam, so treten sie fast immer den 15 km langen Marsch zu ihrer Schule an. . . Während des Tages haben diese Schüler meist kein warmes, kräftiges Mittagessen, begnügen sich mit dem mitgenommenen Vesperbrot oder genießen in besseren Fällen einen Teller Suppe oder einen Kaffee." (SchA E 2, Brief des Regierungspräsidenten vom 6.6.1922; JB 1923, S. 21; siehe auch die Schilderung des Abiturienten H. B. aus Trillfingen in seinem „Bildungsgang“ 1932) Für Schüler aus Grosselfingen und Beuren gab es keine Busverbindung. Schüler berichten, dass sie anfangs jahrelang zu Fuß zur Schule gingen, bis sie ein Fahrrad erhielten (SchA, Ordner Reifeprüfung 1932, „Bildungsgang“  J. S.). Ein Schüler aus Bietenhausen fuhr täglich mit dem Fahrrad zur Schule (SchA, Reifeprüfung 1935, „Bildungsgang“ von O. W.). Selten wohnte ein auswärtiger Schüler als „Pensionär“ unter der Woche in einem Privatquartier. Wie vor dem Krieg besuchten einige wenige Schüler aus Balingen  das Reformrealgymnasium in Hechingen (JB 1913/14, S. 22-23, Schülerliste; Die Lichte Au 17, 1967, S. 48-49, Bericht von E. Egelhaaf; Listen der Wahlberechtigten zum Elternbeirat, in: SchA, Elternbeirat 1918-1931; siehe auch Reifeprüfungen, Lebensläufe/„Bildungsgänge“  der Abiturienten). Im März des Inflationsjahres 1923 kostete eine Schülermonatskarte von Haigerloch nach Hechingen 5100 Mark. „Pensionen für auswärtige Schüler sind sehr schwer und zu sehr hohen Preisen zu erlangen“,  klagte Direktor Seitz im Jahresbericht 1922/23. Er fürchtete zu Rechteinen Rückgang der Schülerzahl im nächsten Schuljahr 1923/24.

Probleme mit außerschulischen Jugendgruppen

Die Mitgliedschaft von Schülern in der Ortsgruppe der Jugendabteilung der Schützengilde und der Pfadfindergruppe stieß in Hechingen im Herbst 1923 bei einigen Bürgern außerhalb der Schulgemeinde auf deutliche Kritik. In einer anonymen Anzeige wurde im Oktober 1923 der Regierungspräsident in Sigmaringen aufgefordert, den „groben Unfug“ dieser Jugendgruppen mit Hilfe des Provinzialschulkollegiums in Koblenz abzustellen. Als der Regierungspräsident eine Überprüfung der Vorwürfe und gegebenenfalls eine Neubewertung von Direktor Seitz verlangte, trug dieser den Sachverhalt der Gesamtkonferenz am 22. Oktober zur Beratung vor. Direktor Seitz führte aus, er habe im Sommer 1923 nach Rücksprache mit einigen Kollegen fünf Schülern die Mitgliedschaft in der Jugendabteilung der Schützengilde erlaubt und Studienrat Dr. Vezin habe Anfang Oktober eine Pfadfindergruppe mit etwa 20 Schülern des Gymnasiums gegründet. Nach einer ausführlichen Aussprache wies die Konferenz die anonymen Verdächtigungen und die von einigen Bürgern der Stadt (Prof. Wendelin Ott, Landgerichtsrat Dr. Moritz Meyer und drei weiteren) geäußerten Unterstellungen gegen die Schützengilde und die Pfadfinder mit großer Mehrheit gegen zwei Stimmen zurück und stellte fest, dass der Schützenverein keine politischen bzw. nationalistischen Tendenzen verfolge und ihre Mitglieder aus allen Konfessionen und Parteirichtungen kämen. Die Beschwerde gegen die Pfadfindergruppe (circa 40 Mitglieder) wollte die Konferenz nicht akzeptieren, da die Pfadfinder zu den vom Kultusminister erlaubten Vereinen gehöre (Protokoll der LK 22.10.1923). In einem Schreiben an den Regierungspräsidenten vom 23.10.1923 wies Direktor Seitz die Vorwürfe als haltlos zurück. Mit großer Mehrheit bei zwei Gegenstimmen stimmte folglich die Konferenz dem Antrag zu, Schülern die Mitgliedschaft in beiden Jugendgruppen zu erlauben. In Bezug auf die Mitgliedschaft bei den Pfadfindern wollten die Lehrer noch die Zustimmung der Eltern einholen (SchA, blaue Mappe E 7, Schreiben des Direktors Seitz vom 23.10.1923; R. Vogt  2009, S. 170). Auslöser für die Vorbehalte gegen die Pfadfinder und „Wandervögel“ dürften deren sog. „Kriegsspiele“ und verdächtige politische Ideen gewesen sein (SchA, Reifeprüfung 1932,  „Bildungsgänge“  von K. L. und S. S.; Reifeprüfung 1934, „Bildungsgang“ von T. J.; vgl. dagegen die Berichte in: Reifeprüfung 1933, „Bildungsgang“ von K. F., Reifeprüfung 1935,  „Bildungsgang“ von K. G. L.  und Reifeprüfung 1936, „Bildungsgang“ von M. M.). Im Jahr 1926 fühlte sich die Ortsgruppe der „Wandervögel“ zu Unrecht verdächtigt, bei ihr würden kirchenfeindliche Äußerungen geduldet bzw. akzeptiert. Der Vater eines „Wandervogels“ und langjährige Führer der deutschen Turnerschaft sah sich in diesem Zusammenhang veranlasst, dem katholischen Stadtpfarrer Roth und dem Direktor Seitz gegenüber klarzustellen, dass in seinen Augen Schüler des Gymnasiums zu Unrecht verdächtigt würden, bei den „Wandervögeln“ den Kirchenaustritt gutzuheißen. Im Übrigen sei er mit namhaften Pädagogen der Ansicht, es „sollen durchaus nicht immer der Pfarrer und der Lehrer, die die Jugend die ganze Woche am Halse haben, auch unbedingt noch als Jugendführer tätig sein müssen.“ (SchA blaue Mappe E 7, Brief von  Kaufmann A. Fässler vom 15. Mai 1926).

Drei außergewöhnliche Pädagogen

Ein weithin bekannter und geschätzter Lehrer war Professor Wendelin Ott (1864-1928), der  an der Schule von 1892 bis 1928 den katholischen Religionsunterricht erteilte (JB 1929, S. 22-23). Als Mitglied der Zentrumspartei trat er in der Öffentlichkeit für die Belange der katholischen Kirche ein und verteidigte in den Zwanzigerjahren die Republik und ihre Verfassung gegen deren Feinde von links und rechts. Er war zeitweise Bezirkspräses des katholischen Gesellen- und Arbeitervereins. Im Februar 1925 gründete er den Ortsverband des überparteilichen „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ und trat zusammen mit Sozialdemokraten für Demokratie und Völkerversöhnung ein. Das „Reichsbanner“ setzte sich auch äußerlich mit den Farben der Republik vom  antirepublikanischen „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ und dem kommunistischen „Roten Frontkämpferbund“ ab. Im Nachruf dankte die Ortsgruppe 1928 ihrem „Gründer und Führer“ für seinen Idealismus und seine Überzeugungstreue (Der Zoller Nr. 243 vom 20.10.1928; Hohenzollerische Blätter 240 vom 17.10.1928). Misstrauisch gegen Monarchisten wollte er 1923 in einer Konferenz geklärt haben, ob ein bei einer Schulfeier vorgetragenes Gedicht nicht gegen die Verfassung verstoße. StR Dr. Vezin und Direktor Seitz wiesen den Verdacht allerdings zurück (Protokoll der LK 13.4.1923). Am 29. Februar (1926), dem deutschen Volkstrauertag,  mahnte  Prof. Ott die Schüler im Schülergottesdienst, „der Toten in frommer Andacht zu gedenken und auch für den Frieden und die Versöhnung der Völker zu beten.“ (Hohenzoll. Blätter, 17.10.1928; Die Lichte Au 16, 1966; Die Lichte Au 20, 1969, S. 71-75; JB 1926, S. 14). Bei seiner Beerdigung am 20. Oktober 1928 zeugten die zahlreichen Trauerreden von seinem  großen Ansehen bei seinen Kollegen in Kirche und Schule, bei seinen Schülern, in der Zentrumspartei, im „Reichsbanner“, im Hechinger kath. Gesellen- und Arbeiterverein und bei seinen Bundesbrüdern in der kath. Verbindung Arminia (Der Zoller vom 20.10.1928, siehe auch JB 1929, S. 27 und Hohenzoll. Blätter vom 17.10.1928).

Dr. August Vezin (1879-1963), hatte in Münster, Graz, Wien, Heidelberg und Leipzig Philosophie, Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Ab 1905 unterrichtete er in Hechingen an der Hechinger Realschule, ab 1909 am Reformrealgymnasium. Er war ein weithin geschätzter Übersetzer von Dante, Vergil, Fritz Reuter und anderen, ein auch außerhalb der Schule politisch engagierter Pädagoge und Danteforscher,  im Kaiserreich ein aktives Mitglied im katholischen Volksverein für das katholische Deutschland und als Schriftführer und Redner  in der Zentrumspartei tätig, ab 1920 in der konservativen Deutschnationalen Volkspartei aktiv. 1923 gründete er auch mit Schülern der Schule ein „Pfadfinderkorps“. Nach einer regen Aussprache akzeptierte das Kollegium mit großer Mehrheit diese Initiative.  Abiturzeitungen boten eine Gelegenheit, Eigenheiten der Lehrer und  Vorschriften der Schulordnung kritisch aufs Korn zu nehmen (Hohenzollerische Heimatbücherei Hechingen, K 912, „Bier“-Zeitung der Abiturienten 1925, Verfasser Wolfgang Dietrich und  "Osterzeitung oder Penal-Glocke" von 1927, Verfasser Kurt Wolf). 1925 legte die „Bier“-Zeitung  ihrem Geschichtslehrer und Lateinlehrer Dr. Vezin folgende Worte in den Mund: „Hört mir nicht auf das pazifistische Geschwatz, von ihrem Quassel ist nicht wahr ein Satz. Ein Krieg, der ist gar nicht schlimm, das könnt ihr wohl verstehn, das haben wir beim letzten gesehn.“ Im Folgenden fiel die Charakterisierung jedoch wohlwollend aus:  „Da ist der August zweifelsohne nett und gut, da er von seinen Schülern nichts verlangen tut. . . Was soll er auch die Jungens plagen? (Wenn sie nur ein schwarz-weiß-rotes Bändchen tragen?) . . . Im Deutschen, das steht auf der Hand, da ist der August furchtbar interessant.“

Der dritte überregional bekannte Lehrer war Studienassessor Clemens Moser. Nach vierjähriger „Teilnahme an Feldzügen“ wurde er im Dezember als Leutnant aus dem Heeresdienst entlassen und erhielt eine Stelle als Studienassessor  am  Hechinger Reformrealgymnasium, wo er Deutsch, Latein und Geschichte unterrichtete. Als  Mitglied und als Redner in verschiedenen katholischen Vereinen und in der Zentrumspartei wurde er schnell bekannt und geschätzt. 1919 sprach er auf dem Katholikentag in Rottenburg über die soziale Frage, am 11. August 1922 hielt er im Hechinger „Museum“ die Festrede anlässlich der ersten allgemeinen Verfassungsfeier. Dort bezeichnete er die Weimarer Verfassung als eine „Großtat“ und forderte die Zuhörer auf, „die Treue zur deutschen Reichsverfassung durch die Tat . . . zu bekennen“. Auch 1923 hielt Moser am Schuljahrsende in der Aula die Festrede bei der Verfassungsfeier des Gymnasiums, umrahmt von „Deklamationen“ und Beiträgen des Schülerchors und -orchesters („Der Zoller“ Nr. 185, 13.8.1922;  Hohenzoll. Blätter 6.11.1956; SchA,  Protokolle für den Elternbeirat, 12.9.1924; vgl. JB 1923/24, S. 25). Bei der Trauerfeier für den verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert am 4. März 1925 würdigte Moser die „Verdienste Eberts in den schweren Novembertagen 1918“ (JB 1925, S. 18).  Als aktives Mitglied der Zentrumspartei kämpfte er leidenschaftlich und kompromisslos gegen die am linken und rechten Rand stehenden Parteien. Er sprach auf Versammlungen des Zentrums sowie des Volksvereins für das katholische Deutschland und des kath. Gesellen- und Arbeitervereins. Ferner schrieb er kämpferische Beiträge und Kommentare in der Lokalpresse. Sein Leitbild waren eine christlich fundierte Demokratie, die Grundwerte der Weimarer Verfassung und ein friedliches Zusammenleben der Völker. Diese Überzeugung und seine persönlichen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg bewegten ihn dazu, in mehreren Kommentaren das Buch und den Film „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque als einen wichtigenBeitrag zur Aufarbeitung des brutalen modernen Krieges und seiner verheerenden Folgen  zu würdigen. Unmissverständlich schrieb er in der Lokalzeitung „Der Zoller“ am 26. September 1931: „Es herrscht schon wieder eine verlogene Kriegsromantik ähnlich der, der wir Kriegsteilnehmer . . . zu 90 % vor dem Krieg erlegen sind. Und diese bis aufs Messer zu bekämpfen halte ich heute nicht bloß für ein Recht, sondern für eine heilige Pflicht aller Frontkameraden.“ Nur die Kriegsindustrie könne gegen die Aufführung des realistischen Kriegsfilms von Remarque sein (Der Zoller 26.9. 1931; weitere Artikel in: Lauchert-Zeitung vom 9. September; Der Zoller vom 10. und 24. September; Hohenzollerische Volkszeitung vom 1. Oktober 1931. In:  HHB, Mappe C. Moser Ub 497/1).Moser war bei den Wahlen im Februar 1921, November 1925, November 1929 und März 1933 in den Hohenzollerischen Landeskommunallandtag gewählt  und von 1930 bis 33 als Vertreter der Hohenzolleri-schen Lande in preußischen Staatsrat gesandt.

Verfassungsfeier und bürgerliche Jubiläumskultur

Mit dem Ende der Monarchie und die Errichtung eines freiheitlichen demokratischen Staates endete auch die monarchisch-dynastische Festtradition mit ihren rituellen Inszenierungen und die Orientierung an militärischen Erfolgen  der preußischen Armee, vor allem an den Siegen von 1813/15 und 1870/71. Der Sedantag am 2. September war an der höheren Schule in Hechingen allerdings schon seit rund vierzig Jahren nicht mehr gefeiert worden; einer Abschaffung durch die vorgesetzte Behörde bedurfte es wie in Westfalen nicht (B. Hanke: Die Schule als Schauplatz von Geschichtskultur . . . 2008, S. 237).

Als  Nationalfeiertag bot sich der 9. November als „Revolutionstag“, der 18. Januar als Reichsgründungstag oder der 11. August als Verfassungstag an. Die Parteien und Länder der Weimarer Republik  konnten sich jedoch auf keinen gemeinsamen  Nationalfeiertag einigen. Die republikanischen Kräfte wählten schließlich 1921 den 11. August als „nationalen Festtag“, an dem der Verkündung der Weimarer Verfassung (1919) mit öffentlichen, anfangs bewusst nüchternen Feiern gedacht wurde. Damit kamen der Weimarer Demokratie „die Muster der rituellen Inszenierung“ abhanden, die vor 1918 einen Großteil der Bürger angesprochen hatten (Ch. Kühberger 2010, S. 8-9). Ein offizieller „Volkstrauertag“ des Reiches kam auch nicht zustande. Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ übernahm die Gestaltung dieses Trauertages für die Opfer des Ersten Weltkrieges.

In den Schulen trat an die Stelle der Fest- und Erinnerungskultur der Kaiserzeiteine bürgerliche Jubiläumskultur, die vor allem an „große Deutsche“ erinnerte. Hinzu trat am Reformrealgymnasium Hechingen ab 1923 die Feier des Verfassungstages als fester Termin im republikanischen Festkalender. 

Auf Anordnung des Preußischen Kultusministers veranstaltete die Schule in den Jahren der Weimarer Republik Gedenkfeiern für folgende „Helden des Geistes“, insbesondere für große Dichter und Musiker:  Dante, Goethe, Klopstock, Lessing, Reuter, Schubert, Beethoven, Karl Maria von Weber sowie Albrecht Dürer, Friedrich Ludwig Jahn, Johann Heinrich Pestalozzi, Freiherrn vom und zum Stein. Hinzutraten folgende politische Gedächtnisfeiern: am 18. Januar 1921 die Gründung des Deutschen Reiches 1871, im Juni 1922 die „Losreißung Oberschlesiens“ vom Deutschen Reich, im Juni 1923 der Tod des von rechtsradikalen Attentätern ermordeten Außenministers Walter Rathenau,  im Oktober 1927 der 80. Geburtstag des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg  und Anfang Juli 1930 die 1000-jährige Zugehörigkeit des Rheinlandes zum Reich und die Räumung der letzten von französischen Truppen besetzten Zone im Rheinland (Allgemeine Bekanntmachungen 1912-1923; Jahresberichte; JB 1923, S. 25; Protokoll der LK vom 6.9. und 22.9.1927; Protokoll der LK 17.6.1930, S. 129; blaue Mappe  A 10, Geschichte der Anstalt, Feste 1915- Nov.1930).

Die Verfassungsfeier, zu der die Schule auch Eltern und Gönner des Gymnasiums ab 1923 in die Aula einzuladen pflegte, fand bis zum Ende der Republik regelmäßig ohne Zwischenfälle statt (Jahresberichte; Protokoll der LK vom 22.7.1929). Sie erinnerte an die Unterzeichnung der Weimarer Verfassung am 11. August 1919 durch den Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD). Welche Themen die Lehrer für die Ansprache bei den Verfassungsfeiern wählten, zeigen exemplarisch die Jahre 1925 und 1927. Bei der Verfassungsfeier am 3.8.1925 sprach der stellvertretende Direktor Wendelin Ott in der Festrede über die "Bedeutung der Verfassung für das deutsche Volk und begründete auch die geschichtliche Notwendigkeit ihres Zustandekommens" (JB 1925/26, S.13-14). Den Schülern wurden nahegelegt, im „Sonntagskleid“ zu erscheinen (SchA, Allgemeine Bekanntmachungen 1923-1925).  Im Unterschied zum Uhland-Gymnasium in Tübingen hatte am Gymnasium Hechingen die vaterländische Reichsgründungsfeier am 18. Januar keinen festen Platz im Festkalender (JB 1920/21, S. 29; Schulwege: Jubiläumsbuch des Uhland-Gymnasiums. Tübingen 2001, S. 41).

Vereinsleben der Schüler und Schülerinnen

Die Jahresberichte und Protokolle der Lehrerkonferenzen sind eine ergiebige Quelle für die Aktivitäten von Schülern in zahlreichen Schüler- bzw. Jugendvereinen. Erwähnt werden der Turn- und Sport-Verein bzw. Spiel- und Turnverein der Schule, der in den Pfingst- oder Sommerferien bis 1932 die beliebten mehrtägigen Wanderfahrten durchführte und dem ab 1921 eine Fußballabteilung angegliedert war, sowie das Schülerorchester und der Schülerchor, sodann der katholische Borromäus-Verein, der  evangelische Jünglingsverein, der Schützenverein, die Pfadfindergruppe, die „Wandervögel“ und die katholische Schülergruppe „Neudeutschland (Jahresberichte 1922-1933; Protokoll der LK 22.10.1923; siehe weiter oben das Kapitel „1929 bis Ende 1932; vgl. JB Gymnasium in Sigmaringen 1925, S. 12).

Die Mitgliedschaft in außerschulischen Vereinen musste durch die Lehrerkonferenz genehmigt werden. Eine Ablehnung bedurfte aber der Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde (Runderlass des Kultusministeriums vom 11.3.1920, in: Zentralblatt 1920, S. 277-278). Als 1921 das Gymnasium ihren Schülern noch keine Erlaubnis für die Mitgliedschaft im Hechinger Fußballclub erteilt hatte, erhielten drei Schüler der Obertertia (Kl. 8) wegen der nicht genehmigten Aktivität in diesem außerschulischen Verein und wegen Alkoholtrinkens im Vereinslokal zwei Stunden Arrest (Protokoll der LK 2.11.1921). Ende der Zwanzigerjahre konnten Schüler des Gymnasiums aber ohne Probleme Mitglied in der Fußballgesellschaft Hechingen 1909 werden und aktiv mitspielen (SchA, Reifeprüfungen 1934, Lebenslauf/“Bildungsgänge“). Für ein entspanntes Verhältnis spricht auch, dass der Hechinger Fußballklub seinen Sportplatz „Brielhof“ der Schule zur Verfügung stellte (Protokoll der LK 30.9.1930).

Die Amtspflichten der Lehrer wurden 1922 in dem „Gesetz über die Pflichten der Beamten zum Schutze der Republik“ vom 21. Juli 1922 im § 10 a dahingehend ergänzt, dass den Lehrern deutlicher untersagt wurde, bei Ausübung ihrer Amtstätigkeit die verfassungsmäßige republikanische Staatsform und die verfassungsmäßigen Regierungen des Reiches oder eines Landes herabzusetzen. Die pädagogische Freiheit ließ natürlich für persönliche Äußerungen einen gewissen Spielraum zu. Der Deutsch- und Geschichtslehrer Dr. Vezin scheint dabei bis an die vom Gesetz gezogene rote Linie gegangen zu sein. Er zeigte seine Sympathie für die Deutschnationale Volkspartei und die Monarchie im Unterricht hin und wieder allzu offen und wurde in diesem Zusammenhang von einigen Schülern als parteiisch und wenig tolerant wahrgenommen. Diesen Schluss legt die „Bierzeitung“  der Abiturienten von 1925 nahe, in der ihr Ordinarius (Klassenlehrer) Dr. Vezin als ein kompetenter Deutschlehrer, als ein milder Lateinlehrer, aber auch als ein deutschnationaler, republikfeindlicher "Politiker" dargestellt wurde  (Hohenzollerische Heimatbücherei Hechingen, K  912).

Folgen der Wirtschaftskrise  

Die Besetzung des Ruhrgebietes durch fünf französische Divisionen und die galoppierende Geldentwertung stürzten 1923 das politische System, seine Wirtschaft  und Gesellschaft in eine schwere Krise. Von der zunehmenden  Verarmung waren auch viele Elternhäuser von Hechingen Schülern betroffen, wie  dem Jahresbericht 1923 und  handschriftlichen  „Bildungsgängen“ der Abiturienten zu entnehmen ist (SchA, Reifeprüfungen, „Bildungsgänge“). Die Schule konnte im Jahr 1923 immerhin etwa 30 Schülern das Schulgeld ganz oder teilweise erlassen. Fünf Eltern konnten jedoch das Schul- und Fahrgeld nicht mehr aufbringen, so dass ihre Kinder  die Schule verlassen und praktische Berufe ergreifen mussten (JB 1924, S. 33). Im Jahresbericht 1922/23 berichtete Direktor Seitz von folgender  Besprechung im Elternbeirat, die die Not so mancher Elternhäuser mehr als deutlich macht:  „Auch die Not der Beschaffung von Schulbüchern, Heften, Schreibmaterial für die Schüler wurde eindringlich besprochen; die Eltern wurden, wie auch die Schüler aller Klassen, wiederholt darauf hingewiesen, in allen Unterrichtsfächern Schiefertafeln zu verwenden.“ (JB 1922/23, S. 23; Protokoll der LK 20.4.1920 und 8.2.1923; Mappe O III, Elternbeirat 1919-1928, 1.7.1923). Auch die „chemischen Übungen“ (Chemie-AG) mussten aus Kostengründen 1922/23 gestrichen werden.

In den Jahren 1922 und 1924 erhielten zahlreiche Schüler und Schülerinnen mehrere Monate im Rahmen der  „Quäkerschulspeisung“ täglich in der Frühstückspause einen halber Liter Kakao mit Milch und Brot. Diese Aktion führte bei den  zwölf berechtigten Schülern zu sichtbarer „Erholung und Kräftigung“ (SchA, Protokollbuch für den Elternbeirat  12.9.1924; JB 1925, S. 13).  

Eine weitere Folge der Verarmung war auch, dass Schüler auf den Kauf der Zehn-Pfennig-Hefte (Detektivromane und Indianergeschichten) verzichten mussten. Die einigen Schülern  abgenommene  „Schundlektüre"  wurde vernichtet (JB 1924, S. 30). Die Bekämpfung  der „Schmutz- und Schundliteratur“ in Gestalt der „Abenteuer-, Gauner- und  Schmutzgeschichten“ war nichts Neues. So hatte das Ministerium für geistliche und Unterrichtsangelegenheiten schon 1912 einen Erlass veröffentlicht, in dem es an die Eltern appelliert hatte, die Lesestoffe ihrer Kinder sorgfältig auszuwählen und zu überwachen. Das Ministerium hatte zudem eine fortlaufende Beratung der Eltern durch die Lehrer  in Aussicht gestellt (Erlass vom 21.9. 1912, veröffentlich im Jahresbericht des Gymnasiums zu Sigmaringen 1913, S. 8). Auch in diesem Bereich ist eine gewisse Kontinuität vom Kaiserreich zur Republik zu beobachten. So ersuchte ein Erlass des preußischen Kultusministers vom 21. Januar 1929 die Schulen, “die Verbreitung von Schund- und Schmutzschriften unter den Schülern und Schülerinnen zu beobachten“ (SchA, blaue Mappe E7).

Bildungschancen und Bildungsförderung

Das Schulgeld betrug ab Beginn der Zwanzigerjahre in Preußen 220 Mark, im relativ armen Regierungsbezirk Hohenzollern war es jedoch für die beiden höheren Schulen auf 140 Mark herabgesetzt (JB 1919/20, S. 45).  Infolge der rasanten Geldentwertung im Jahr 1923 stieg das monatliche Schulgeld bereits bis zum  1. April auf 20.000 Mark und im Oktober auf acht Millionen, in der erste Novemberhälfte  auf sechs Milliarden und im Dezember 1923  auf vier  Goldmark, was vier Billionen Mark entsprach. Nach der Einführung der neuen Währung waren von den Schülern bis März 1924 monatlich sechs Rentenmark und ab 1. Mai 1924 zehn Goldmark zu zahlen; zusätzlich musste die Schule fünf Goldmark als Eintrittsgeld erheben (Zentralblatt für das gesamte Unterrichtswesen 1923, Erlass vom 13.3.1924, S. 337; JB 1925, S. 13). Ab dem Schuljahr 1926/27 betrug das Schulgeld 120 Reichsmark und lag damit um 80 Reichsmark unter dem ansonsten in Preußen üblichen Hebesatz (JB 1927, S. 19). Damit blieb die wirtschaftliche Stellung der Eltern mancher Schüler ein echtes Hindernis für den Besuch einer höheren Schule, obwohl der Artikel 146 der Verfassung versprochen hate: „Für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule sind seine Anlagen und Neigungen, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung . . . seiner Eltern maßgebend.“ Dennoch war das Reformrealgymnasium in Hechingen keine reine Standessschule, denn die Schüler kamen nicht ausschließlich aus wohlhabenden oder/und gutverdienenden Beamten-, Kaufmanns- und Unternehmerfamilien. So hatten die Väter der Abiturienten der Jahre 1912 bis 1924 nach einer Schulstatistik folgende Berufe: 14 bzw. 6 Prozent waren höhere Beamte bzw. Unternehmer, 10 %  Kaufleute, 19 % der Väter waren mittlere und 3 % untere Beamte. Ein Arbeiterkind war nicht unter den Abiturienten (SchA, handschriftlicher Jahresbericht 1923/24, S. 29). Im Schuljahr 1926/27 standen auf der Liste der Wahlberechtigten zum Elternbeirat Väter/ Erziehungsberechtigte mit folgenden Berufen: Mechaniker, Kassenbote, Schuhmacher, Vorarbeiter, Zuschneider, Hausmeister, Schneider, Heizer, Gefangenenaufseher, Fabrikarbeiter usw. (SchA,  Elternbeirat 1918-1931;siehe auch SchA, A II,7 „Liste der Wahlberechtigten zum Elternbeirat“  Kl. VI-OI vom Schuljahr 1930/31). Einige „Bildungsgänge“ der Abiturienten zeigen deutlich, dass neben dem Beruf des Vaters auch die Zahl der Kinder, das Fehlen des Vaters, die durch die Inflation 1923 verursachte Verarmung und die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 Auswirkungen auf die Berufswahl hatten (SchA, Ordner Reifeprüfung 1932 und 1933, „Bildungsgänge“).

20  bzw. 22,5 Prozent des gesamten Schulgeldaufkommens konnte die Schule in den Zwanzigerjahren für folgende fünf soziale Fördermaßnahmen verwenden: Geschwisterermäßigung, Gewährung von Freistellen oder Schulgeldermäßigung für begabte, bedürftige Schüler, Gewährung einer Erziehungsbeihilfe  und Finanzierung der Leihbücherei/Hilfsbücherei  (JB 1925, S. 13-14; JB 1931/32, S. 28; Anordnung des Kultusministers vom 12.9.1923, in: Zentralblatt der Unterrichtsverwaltung 1923, S. 337-338):

1. Schüler, deren Geschwister eine höhere Schule oder die Universität besuchten, erhielten eine gestaffelte Geschwisterermäßigung. Das zweite eine  Schule besuchende Kind einer Familie erhielt eine Ermäßigung von 25 %, das dritte Kind eine Ermäßigung  von 50 %, das vierte Kind und weitere Kinder waren ganz freigestellt. 1927 erhielten dadurch fünf Schüler 100 %, 13 Schüler 50 %  und  27 Schüler 25 % Geschwisterermäßigung (JB 1925, S. 13; Protokoll LK 10.5.1927; Muster einer Schulordnung, Erlass vom 15.4.1932,  § 21, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1932, S. 138).

2. Zusätzlich gewährte die Schule bedürftigen und ausreichend begabten Schülern ganze, halbe oder Viertel-Freistellen. Im Schuljahr 1927/28 waren es z. B. vier ganze, 16 halbe und acht Viertel-Freistellen, zusammen 600 Mark (Protokoll der LK 10.5.1927; JB 1928, S. 21; vgl. JB  1923/24, S. 33, wo 43 unterschiedliche Freistellen vermerkt sind).  

3. Einige begabte und bedürftige Schüler erhielten Erziehungsbeihilfe aus dem Schulgeldaufkommen. Im Schuljahr1928/29 waren es z. B. acht Schüler mit je etwa 70 RM und 1929/30 wurden 600 RM an sieben Schüler verteilt (JB 1929, S. 21; JB 1930, S. 18). Einige Schüler profitierten von den Zinserträgen der privaten Stiftungen. 1927 erhielten z. B. aus der Oskar-Löffler-Stiftung sechs Schüler je 25 und ein Schüler 50 Mark (Protokoll der LK 10.5.1927; vgl. Protokoll der LK 30.4.1931).

4. Kultusminister Otto Boelitz stellte Ende 1922 in einem Schreiben an die Regierungen der Provinzen besorgt fest, „dass es weiten Kreisen der Eltern schon zu Beginn des nächsten Schuljahrs kaum noch möglich sein wird, die erforderlichen Schulbücher für ihre Kinder zu kaufen.“ Deshalb empfahl er, Mittel für die Einrichtung und den Unterhalt von  „Hilfsbüchereien“ zur Verfügung zu stellen (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1923, S. 17, Verfügung des Kultusministers vom 21.12.1922). Für das Gymnasium in Hechingen lässt sich ab 1923 eine Leihbücherei bzw.  „Schülerhilfsbücherei“, nachweisen. Bis 1926 wurde sie durch Ankauf von gebrauchten Schulbüchern stark bereichert (JB 1926, S. 17). Diese soziale Einrichtung bestand bis um 1960, als die Lernmittefreiheit eingeführt wurde (Ordner A II, Jahresbericht/ Rechenschaftsbericht 1960/61, S. 5). Zudem schenkten abgehende Schüler ihre  Schulbücher immer wieder dieser Bücherei. Für Anschaffungen standen 7,5 % des Schulgeldes zur Verfügung.  So konnten bedürftige Schüler erhebliche Kosten sparen. 1930 betrug die Leihgebühr  20 Pfennig (JB 1923, S. 29; Protokoll der LK 13.4.1923; JB 1924, S.39; JB  1929, S. 21; vgl. JB 1924, S. 30; Protokoll der LK 23.5. 1930). Die Einrichtung einer Hilfsbücherei war zudem seit einer Verfügung (1923) umso dringlicher geworden, da die Deutschlehrer aufgefordert wurden darauf zu achten, dass ihre Schüler bei ihrer Privatlektüre auf jeden Fall auch Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts berücksichtigen. Damit sich das PKS in Koblenz einen Überblick verschaffen konnte, mussten die Schulen ab 1924/25 die Lesestoffe in ihre Jahresberichte aufnehmen (Zentralblatt  für die gesamten Unterrichtsverwaltung 1923, S. 222, Erlass „Lesestoff für den deutschen Unterricht“ 20.4.1923). Die Hilfsbücherei befand sich Anfang der 30er Jahre in den betroffenen Klassenzimmern jeweils in einem großen Schrank, wo auch Zeitungen ausgelegt werden  sollten, „ um so ständig die Verbindung des Unterrichts mit dem täglichen Leben zu ermöglichen.“ (Protokoll der LK 21.7.1931)

In den Schuljahren von 1921/22 bis 1923/24 vergrößerten der Religionslehrer  Wendelin Ott,  Direktor Seitz und  Albert Levi die Schul-Stiftungen durch weitere Geldbeträge (SchA, J 5; Protokoll der LK 30.5.1922; JB 1922/23, S. 37; JB 1923/24, S. 41), so dass vor der Einführung der Rentenmark folgende Schulstiftungen bestanden: Wallishauser‘sche Stiftung   1028 Mark, Ruff‘sche Stiftung  300 Mark,  Freiherr v. Ehrenberg‘sche Stiftung  400 Mark,  Stiftung ehemaliger Schüler  1834 Mark,  Stiftung Frau Josef Baruch  300 Mark,  Stiftung Frau Anna Seitz  2000 Mark,  Evelt‘sche Stiftung 3000   Mark, Stiftung Wendelin Ott 1500 Mark und Stiftung Albert Levy   400 Mark  (JB 1923/24, S. 41). Hinzu kam im August 1923 eine erste Schenkung des ehemaligen Schülers Oskar Löffler (Milwaukee) in Höhe von einer Million Mark. Das PSK genehmigte auch diese  Stiftung (JB 1923/24, S. 48; SchA, J 5, Brief des Direktors Seitz vom 24.2.1925). Der wegen der Währungsreform von Direktor Seitz befürchtete Totalverlust der Stiftungen trat glücklicherweise nicht ein (JB 1924, S. 41 und JB 1925, S. 15; JB 1929/30, S. 18).


 3.3 Die „Goldenen Zwanziger“  

1924-1929  Weitere Fortschritte für die Koedukation

Erst  ab dem Schuljahr 1924/25 durfte das Gymnasium auch Mädchen in die unteren Klassen aufnehmen. Sogleich schafften es Eltern, dass  im Laufe des Schuljahres fünf Töchter in die Sexta und vier in die Quinta eintreten konnten, allerdings erst nachdem der Kultusminister in jedem Einzelfall das Aufnahmegesuche des Erziehungsberechtigten befürwortet hatte; denn erst damit  konnte das Provinzialschulkollegium der Schule die Aufnahme der Mädchen erlauben, sofern der Schule keine zusätzlichen Kosten entstünden und die Mädchen die Aufnahmeprüfung bestehen würden (SchA, Mappe E 5, Aufnahme Mädchen etc.; z. B. Schreiben des preußischen Kultusministers Boelitz an das PSK in Koblenz vom 19.4.1924 und Mitteilung des PSK an das Reformrealgymnasium Hechingen am 3.5.1927). Die Kurskorrektur von 1924 zugunsten der Mädchen entsprach dem einstimmigen Wunsch des Lehrerkollegiums (Protokoll der LK 7.2.1924). Die zu Schuljahresbeginn an das  Provinzialschulkollegium geschickten doppelseitigen Anmeldeformulare vermerkten in der Regel eine Aufnahme-Empfehlung des Direktors, mit dem Hinweis, in den betroffenen Klassen sei noch genügend Platz und die Mädchen würden fast ausnahmslos die Anforderungen der Aufnahmeprüfung erfüllen (SchA, Mappe 5, Anmeldeformulare von 1927-1930). Der Anteil der Mädchen stieg, blieb aber bescheiden. Zu Beginn des Schuljahres 1930/31 besuchten 171 Jungen und 31 Mädchen die Schule. Der ganz ungewöhnlich hohe Anteil von Abiturientinnen bei der Reifeprüfung im Jahre 1924 (fünf von elf)  blieb eine absolute Ausnahme. Von den fünf  jungen Frauen entschieden sich drei für das Berufsziel Apothekerin und je eine für das einer Lehrerin bzw. Juristin (LA 16, 1966, S. 45; JB 1924, S. 37; Jahresberichte; SchA, Reifeprüfungen).  Wie zielstrebig Mädchen/junge Frauen und deren Erziehungsberechtigte waren, zeigt der Bildungsweg einer dieser Abiturientinnen, die mit ihrer Mutter in Binsdorf wohnte und nach zwei Jahren  erfolgreichen Privatunterrichts  zu Ostern 1923 in die Oberprima aufgenommen worden war (SchA, Ordner Reifeprüfung 1924, Lebenslauf).

Für die Mädchen wurde Nadelarbeitsunterricht und ein eigener Turnunterricht organisiert. Die Kosten mussten die Eltern übernehmen (SchA E 5, Schreiben des Provinzialschulkollegiums vom 23.10.1925; HHB Na 1001, I, Eduard Gfrörer: Merkblatt für Eltern und Schüler 1929).

Neue Richtlinien für die Aufnahme von Grundschülern

Ab dem Schuljahr 1924/25 erfolgte die Aufnahme der Schüler in die Sexta, die erste Klasse, aufgrund des Erlasses „Richtlinien für die Aufnahme von Grundschülern in die mittlere und höhere Schule“ vom 12. März 1924. Sie sahen vor, dass die Aufnahmeprüfung vom Bestehen einer Aufnahmeprüfung abhänge, dass aber von einer Prüfung abgesehen werden könne, wenn zwischen der öffentlichen Grundschule und der höheren Schule bereits eine „Zusammenarbeit“  und Einvernehmen über die Aufnahme bestehe. „Schüler, die nach Ausweis ihres Schulzeugnisses das Ziel der Grundschule in den für die höhere Schule hauptsächlich in Betracht kommenden Fächern nicht erreicht haben, sind zur Prüfung nicht zuzulassen.“ Der Prüfungsausschuss sollte zu gleichen Teilen aus Lehrern der Grundschule und der höheren Schulen bestehen (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1924, S. 101-102). In Hechingen hatten die Gymnasial- und Volksschullehrer bereits 1923 den vom Ministerium eingeräumte Spielraum genutzt und auf der pädagogischen Woche einen eignen Aufnahmemodus vereinbart. Danach entfiel die Aufnahmeprüfung für die Schüler, denen die „Reife für die Sexta“ von der Volksschule bescheinigt wurde, die anderen wurden von Lehrern des Gymnasiums geprüft  (Protokoll der LK 30.4. 1924; JB 1925, S. 17).

Die Neuordnung des preußischen höheren Schulwesens

Eingeleitet wurde die Schulreform durch die am 13. März 1924 veröffentlichte „Denkschrift über die Neuordnung des preußischen höheren Schulwesens" des Ministerialrates Hans Richert unter dem preußischen Kultusminister Otto Boelitz (H. Richtert (Hrsg.) 1931, S. 17-77). Ein Jahr später setzte das Preußische Staatsministerium die alten Lehrpläne von 1901 durch den Erlass der neuen „Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens“ außer Kraft. Diese waren von reformpädagogischen Ideen beeinflusst und schärften das Profil der neu konzipierten vier Schultypen für die männliche Jugend: des Gymnasiums, des Realgymnasiums, des Reformrealgymnasiums und der Oberrealschule. Hinzutrat als neuer Schultyp die Deutsche Oberschule (H. Richert (Hrsg.) 1925). An folgenenden Bildungszielen und Arbeitsformen sollte sich der Unterricht orientieren: größere Freiheit der Schüler, das Prinzip des Arbeitsunterrichts, der fächerverbindende bzw. fächerübergreifende Unterricht, freie Arbeitsgemeinschaften und freies selbständiges Lernen und Methodentraining, z. B. durch die frei gewählte prüfungsrelevante „größere Hausarbeit“ / „Jahresarbeit“ (Siehe § 7 und § 8 des Erlasses „Neuordnung der Reifeprüfung“ vom 22.6.1926, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1926, S. 284-285).

Die Richertsche Reform kritisierte die frühere Beziehungslosigkeit der Fächer und die „Überfülle“ (H. Richert 1925, S. 4-5 und S. 69-71). Die Wochenstundenzahl der Schüler wurde deshalb gesenkt; das 13. Schuljahr jedoch beibehalten.  1927 schaffte Kultusminister Becker den Vermerk der Rangordnung auf den Zeugnissen mit folgender reformpädagogischer Begründung ab: „Die erzieherischen Grundsätze der Schulreform, die von ihr geforderte Wertung der Gesamtpersönlichkeit des Schülers, die jugendpsychologische Einstellung bei der Beurteilung von Entwicklungserscheinungen des jungen Menschen sind mit der mechanischen Wertberechnung einer Rangordnung nicht vereinbar.“ (Blaue Mappe E 10, Erlass des preußischen Kultusministers vom 1.3.1927, Abschrift des Provinzialschulkollegiums Koblenz vom 12.3.1927; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1927, S. 101, Erlass vom 1.3.1927)

Reformpädagogische Ideen finden sich auch im Erlass zur Neuordnung der Reifeprüfung vom 22. Juni 1926. Danach sollte die Klassenkonferenz bei der Anfertigung des Gutachtens für die Zulassung zur Reifeprüfung u. a. folgende Aspekte berücksichtigen: die „Entwicklung der Geistesgaben“ und die „Charaktereigenschaften“ , ferner  „Sonderbegabung und Sonderbetätigung“ ,die Fähigkeit zu selbständiger geistiger Arbeit, die Fantasie, die Teilnahme und den Erfolg in den Arbeitsgemeinschaften, bemerkenswerte Leistungen im Turnen und Sport, die Betätigung im Gemeinschaftsleben der Schule, die „Teilnahme an der Jugendbewegung" (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1926, § 8  „Beratung über die Zulassung zur Prüfung“ im Erlass „Ordnung der Reifeprüfung an den höheren Schulen Preußens, S. 285).

Das Hechinger Reformrealgymnasium  sah sich durch die Richertsche Schulreform vor allem durch die Neugewichtung des Faches Latein herausgefordert. Deshalb beschäftigten sich Ende März und Anfang April 1924 die Lehrerkonferenz, der Lehrerausschuss, der Elternbeirat und ein Kreis aus Eltern und Bürgern der Stadt mit den Auswirkungen der Reform für das Reformrealgymnasium in Hechingen. Der erweiterte Lehrerausschusses legte seine Vorschläge Anfang April dem Elternbeirat und einem Kreis von 60 Eltern und Bürgern „aus allen Berufsständen“ zur Beratung vor (Protokoll der LK 28.3. und 2.4.1924; JB 1925, S. 15). Diese vom Direktor geleitete erweiterte Sitzung im Museum war sehr gut besucht. Alle Eltern – unter ihnen Landgerichtspräsident Dr. Heinrich Dietrich, Bürgermeister Häußler und der jüdische Fabrikant Rudolf Levi - sprachen sich ebenso wie alle anwesenden Lehrer  gegen eine Kürzung des Lateinunterrichts aus, vor allem im Hinblick auf das Studium von Jura, Medizin, Theologie und der Sprachen.  Einige Eltern forderten eine Stärkung des naturwissenschaftlichen Unterrichts durch vier zusätzliche wahlfreie Stunden und lehnten Abstriche in diesen Fächern ab. Abschließend beauftragte die Versammlung das Gymnasium, sich beim Kultusministerium dafür einzusetzen, dass in Hechingen der Lateinunterricht wie bisher in der Untertertia einsetzt. Mit der Reduzierung des Lateinunterrichts von den bisher durchschnittlich 6,7 Stunden pro Woche auf knapp fünf Stunden wollte man sich abfinden (Jahresberichte 1920-1924). Dr. Vezin trug dieses Anliegen in Berlin im Kultusministerium vor und erzielte tatsächlich einen weitgehenden Erfolg (JB 1925, S. 15). Damit entfielen mit dem Inkrafttreten der Reform ab dem Schuljahr 1925/26  auf Latein, die zweite Sprache, von der Untertertia bis zur Oberprima insgesamt 26 Unterrichtsstunden, auf die erste Fremdsprache Französisch von der Sexta bis zur Oberprima 41  und auf Englisch von der Untersekunda bis zur Oberprima 17 Stunden.

Die Beliebtheit des (Reform-)Realgymnasiums konnte seinen Siegeszug gegenüber dem altsprachlichen Gymnasium  fortsetzen; sein Anteil an der Gesamtzahl der Abiturienten in Preußen stieg von 18,2 % im Jahre 1910 auf 27,8 % im Jahre 1920 und auf 34,2 % im Jahre 1928  (Der Zoller Nr. 26 vom 1.2.1930, Beilage).

 

 

In zahlreichen Fachkonferenzen informierten sich die Lehrer über den neuen Bildungsplan und besprachen die neuen Inhalte, Bildungsstandards, Kompetenzen und Unterrichtsmethoden  (Protokolle der LK, Fachkonferenzen vom 25. bis 28. Juni 1924). Mit der Umsetzung der „Richtlinien für die Lehrpläne“ und der neuen Stundentafel begann das Gymnasium ab dem Schuljahr 1925/26 (Protokoll der LK 28.4.1925; H. Richert (Hrsg.) 1925). Im Fach Geschichte und Staatsbürgerkunde sollten in der Untersekunda (10. Klasse) und in der Oberprima (13. Klasse) die Zeit vom Wiener Kongress bis zur Gegenwart und in Staatsbürgerkunde Inhalte behandelt werden, die heute in den Fächern Gemeinschaftskunde und Wirtschaft zu finden sind (H. Richert (Hrsg.) 1927, S. 376-377 und 382-384 und im Deutschen Philologen-Blatt 33. Jg. 1925, S. 181-182).

Technischer Fortschritt

Ein Anschluss des Gymnasiums an das Stromnetz war 1917 noch am Einspruch des Provinzialschulkollegiums mit dem Hinweis auf die hohen Kosten gescheitert (SchA, K 2, Schreiben des PSK vom 13.6.1917). Nach dem Krieg bemühte sich Direktor Seitz erneut (JB1923/24, S. 39-40) und im Schuljahr 1924/25 erreichte er endlich die Genehmigung des Kultusministeriums für den Anschluss an das Starkstromnetz. Alle Räume im Schulgebäude erhielten im Schulajhr 1924/25 elektrische Beleuchtung, 1927 auch die Aborte (JB 1925, S. 16; JB 1928, S. 20; vgl. SchA, K 2, Schreiben des PSK vom 18.10.1916; JB 1916/17). Direktor Seitz, der an der Oberstufe Mathematik und Physik unterrichtete, schrieb 1925 im Jahresbericht (S. 21-22): „Der Unterricht in der Optik erfährt eine bedeutende Förderung durch lichtstarke Experimente und die bisher überhaupt nicht möglichen Versuche über Interferenz und Beugung. Der Unterricht in der Elektrizität kann jetzt erst auf die richtige Grundlage gestellt und durchgeführt werden.“ (JB 1925, S. 16). Den Anfang 1927 beantragten Anschluss des Gymnasiums ans Fernsprechnetz genehmigt  das Provinzial-schulkollegium am Ende des Jahres (Protokoll der LK27.1.1927). 

Durch Sonderzuschüsse vom PSK und dem Kultusministerium konnte die Schule im Schuljahr 1926/27 ein Sechs-Röhren-Rundfunkgerät kaufen und damit Musik-Sendungen des  „Pädagogischen Rundfunks“ der Deutschen Welle empfangen (JB 1927, S. 22 und JB 1928, S. 10). 1926 kaufte die Schule auch einen Schallplattenspieler, eine „Unterrichtssprechmaschine“, und erste Schallplatten für den Französisch-, Englisch-  und Musikunterricht (JB 1927, S. 22).

Mit der Einrichtung einer elektrischen Beleuchtung ging 1927 in der Turnhalle  die  Ära der veralteten Gasbeleuchtung zu Ende und im Schuljahr 1928/29 ersetzte eine Koks-Niederdruckdampfheizung die veraltete Ofenheizung  (JB 1927/28, S. 20; JB 1928/29, S. 18). Nun „war es endlich möglich, über den ganzen Winter eifrig Geräteturnen zu pflegen.“, ist dem Jahresbericht 1930 (S. 11) zu entnehmen. Für die Benutzung der in der Turnhalle neu installierten Dusche galt folgende Anweisung: „Kein Schüler wird gezwungen, Brausebäder zu nehmen. Wer die Brause benutzt, muss mindestens mit Badehose bekleidet sein."  (Protokoll der LK  9.9.1929, S. 101)

Bewahrung des Schulfriedens

Der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker (1925-1930) klagte in dem Erlass vom 29. August 1925 über eine beunruhigende Zunahme der parteipolitischen Betätigung von Schülern an zahlreichen höheren Schulen  wie folgt: "Die parteipolitische Betätigung der Schüler hat vielfach Formen angenommen, die die staatsbürgerliche Erziehung der Schule gefährden, den Schulfrieden stören und bedauerliche Erscheinungen im Schulleben herbeiführen, wie . . . Verdächtigungen, Terror der Mehrheit, Züchtung von Gesinnungslosigkeit bei der Minderheit und vor allem Ablenkung von der gründlichen wissenschaftlichen Arbeit." Der Kultusminister fordert deshalb die Lehrer auf, durch verständnisvolle Belehrung „auf die Entpolitisierung des Schullebens hinzuwirken.“ Ferner sei jede Missachtung der Reichsfarben durch die Schüler „als schwere Verfehlung“ anzusehen und die Misshandlung von Mitschüler wegen ihrer Gesinnung „streng zu bestrafen, gegebenenfalls durch Verweisung von der Anstalt.“ (SchA, blaue Mappe E 7, Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1925, S. 279-280).

Hinweise auf Parteipräferenzen der Schüler stehen nur in wenigen Bildungsberichte/Lebensläufe von Abiturienten und in den beiden Abi-Zeitungen. Wegen der Störung des Schulfriedens durch politische Betätigung im Schulbereich oder einer nicht genehmigten Betätigung in einer antidemokratischen politischen Jugendorganisation musste sich keine einzige Disziplinarkonferenz beschäftigen. Heimliche oder offene Sympathisanten mit der untergegangenen Monarchie waren wohl eine Minderheit. Nur von dem Abiturienten E. Schuler war in der Abi-„Bier“-Zeitung von 1925 zu lesen, dass er für den  Kommunismus sowjetischer Prägung wie folgt schwärme: „Friede herrscht dort, Freundschaft, Wohlergehen,/ Auch freie Liebe, das ist schön./ Lasst uns das Kapitalisten-Deutschland fliehn,/ und nach dem freien Russland ziehn.“ Schuler blieb auch während seines Studiums an der Uni Tübingen seiner kommunistischen Überzeugung und der KPD treu und  organisierte 1930 in Hechingen mit dem Gerichtsreferendar Wolfgang Abendroth (Mitglied der Kommunistischen Partei-Opposition) ein regionales Arbeiterkartell, einen Zusammenschluss von Vertretern der SPD, KPD, des Arbeitersängerbundes und der Freien Gewerkschaften in Hechingen, um gemeinsam gegen die Faschisten, insbesondere die NSDAP, und gegen die Politik des Reichskanzlers Brüning (Zentrum) gemeinsame Aktionen durchzuführen. Das Konzept einer Einheitsfront der Arbeiterparteien erzielte bei der Reichstagwahl am 14. September 1930 mit seinen zahlreichen Wahlversammlungen zwar auf regionaler Ebene einen großen Erfolg, eine Verzehnfachung der Stimmen, auf Reichsebene erreichte jedoch die NSDAP 18,3 % und wurde damit von einer Splitterpartei zur zweitstärkste Partei hinter der SPD (A. Diers: Arbeiterbewegung – Demokratie – Staat. Wolfgang Abendroth, Hamburg 2006, S. 144, 228-230).

Hinweise auf nationalistische oder linksextreme Umtriebe oder Provokationen von Angehörigen der Schulgemeinde in oder außerhalb der Schule sind in den Schulakten bis 1932 nicht zu finden (Jahresberichte 1919-1932; HHB, „Bier“-Zeitung der Abiturienten 1925; SchA, Reifeprüfungen 1931-1933, „Bildungsgänge“).

Jüdische Schüler am Gymnasium

Jüdische Textilunternehmer prägten in den Zwanzigerjahren - wie im Kaiserreich - den Industriestandort Hechingen (J. Toury 1984, S. 152 ff). Der Anteil jüdischer Schüler an der Gesamtschülerzahl war jedoch schon Ende des 19. Jahrhunderts deutlich zurückgegangen. Im ersten Schuljahr des Reformrealgymnasiums i. E. 1909/10 bekannten sich von 147 Schülern noch fünf zum jüdischen Glauben. Ihr Anteil an der Schülerzahl mit mittlerer Reife betrug von 1910 bis 1925 durchschnittlich nur noch zwei Prozent, mit rückläufiger Tendenz. Im Schuljahr 1924/25 besuchte  nur noch ein jüdischer Schüler die Untersekunda (Jahresberichte; SchA, Namensverzeichnis der Schüler, die das Zeugnis für den einjährig-freiwilligen Militärdienst erlangt haben, 1910 – 1925). Die folgenden vier Schuljahre besuchten keine jüdischen Schüler das Gymnasium, 1931/32 waren wieder vier jüdische Schüler vermerkt. Den Religionsunterricht erteilte von 1908 bis zum Schuljahr 1924/25  der Rabbinats-verweser und Lehrer Leon Schmalzbach (Jahresberichte). Eine lang anhaltende Abnahme der Schülerzahl verzeichnete auch die öffentliche israelitische Volksschule. Als sie im Schuljahr 1925/26 nur noch drei jüdische Schüler besuchten, entschloss man sich zur Schließung (M. Werner, Die Juden in Hechingen. 1985, S. 132).

Zahlreichen Spenden belegen die  Verbundenheit jüdischer Schüler und Bürger mit dem Gymnasium. So finden sich  auf der Spendenliste für den Erwerb eines Projektionsapparates unter den acht Hechinger Sponsoren  auch vier jüdische Fabrikanten. Rudolf Levi, Hermann Levy, Karl Loewengard und Emil Weil beteiligten sich jeweils mit 50 Mark (JB 1925, S. 15; vgl. J. Toury 1984, S. 161). Nicht klären ließ sich die Frage, warum der bekannte amerikanischen Kultur- und Sprachwissenschaftler Prof. Franz Boas (Columbia Universität in New York), der aus einer westfälischen jüdischen Familie stammte, dem Hechinger Gymnasium seit 1923 zwei wissenschaftliche Zeitschriften zukommen ließ (Protokoll der LK 22.10. 1923, betr. Entscheidung des PSK vom 4.10.1923; JB 1925, S.15; JB 1927, S. 22). Einen schönen Beleg für die Anhänglichkeit ehemaliger Schüler an ihre alte Schule in Hechingen findet man in dem Brief des Direktors Dr. Gfrörer vom 10. Mai 1930 an Maurice L. Rothschild in Chicago, in dem sich der Schulleiter für dessen Spende von 25 Dollar  für den zugesandten „Jahresbericht 1928“ wie folgt bedankte: „Es ist etwas Rührendes, wenn ein ehemaliger Schüler, der . . .  in die „Höhere Bürgerschule“ unter dem Rektor Dr. Thele eintrat, im fernen Amerika noch solchen Anteil an seiner alten Schule und seinem Heimatstädtchen nimmt.“ (SchA J 5; vgl. SchA, Blaue Mappe A 8, Schreiben von Rothschild vom 21.5.1930). Dem erhaltenen Schülerverzeichnis der Realschule sind zu Maurice Rothschild folgende Angaben zu entnehmen: geboren am 30. April 1865 in Hechingen, Sohn des Leopold Rothschild, wohnhaft in Beuren, eingetreten in die Realschule am 1. Mai 1876, am 3. Mai 1878 nach Amerika ausgewandert (JB 1930, S. 19; SchA, Schülerverzeichnis 1855-96, Schüler-Nr. 621, ohne Signatur). 

Es überrascht nicht, dass in den Schulakten keine Hinweise auf antisemitisches Verhalten seitens der Lehrer und Schüler zu finden sind. Von einem entspannten Verhältnis der Schule zu den jüdischen Mitbürgern zeugt zum Beispiel, dass Direktor Seitz 1919 auf seine fünfköpfige Vorschlagsliste für den Elternbeirat auch den jüdischen Stadtverordneten und Unternehmer Rudolf Levi setzte und diese Liste im Februar 1919 vom Koblenzer Provinzialschulkollegium bestätigt wurde, obwohl Levi kein Kind auf der Schule hatte (SchA, Elternbeirat 1918-1931, 15.2.1919; JB 1920, S. 43). Kein Zufall dürfte es sein, dass sich in den Personalakten eines Lehrers ein Exemplar der „Abwehr-Blätter Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus Nr. 9/10 (vom 15. Mai 1929, S. 72-74) befindet. Angestrichen ist der Artikel, der die Beziehungen zwischen dem Katholizismus und Judentum zum Inhalt hat und der deutlich zusammenfasst, dass die katholische Kirche den Antisemitismus „aufs schärfste“ verurteilt (SchA, Personalakte Dr. Vezin. Die bis 1933 erschiene Vereinszeitschrift dürfte von Dr. Gfrörer stammen. Nach der NS-Machtergreifung könnte er sie in der Personalakte des 1927 versetzten Studienrats Dr. Vezin versteckt haben.).

Direktor Dr. Eduard Gfrörer 1926-1931

Am 1. April 1926 wurde Studiendirektor Friedrich Seitz in den Ruhestand versetzt. Er hatte die große Lehrbefähigung für Mathematik, Physik und Sport und die kleine Lehrbefähigung  für Turnen, Fechten und Schwimmen erworben  und seit dem 1. Januar 1906 die Schule immer mit ruhiger Hand geführt, Neuerungen mit Augenmaß umgesetzt, mit dem Kollegium und dem Elternbeirat vertrauensvoll zusammengearbeitet und Parteipolitik vor der Tür gelassen, ohne seine liberale und nationale Einstellung zu verleugnen. Seitz stammte aus der Hechinger Lindenwirt-Familie. Er war jahrelang Gauobmann des Schwäbischen Albvereins (1906-1914), Vorsitzender des Militärvereins und  Mitglied der Stadtverordnetenversammlung gewesen. Im August 1914 hatte er sich als Freiwilliger zum Wehrdienst gemeldet (LA 20, 1969, S. 64-65; SchA Personalakten, F. Seitz). Seine Nachfolge trat der Geschichts- und Französischlehrer Dr. Eduard Gfrörer an. Er stammt aus der Hohenzollerischen Gemeinde Empfingen und hatte in München, Straßburg und Grenoble studiert. Nach erfolgreicher Unterrichtstätigkeit an höheren Schulen in Schlesien - in Tarnowitz, Kattowitz und Glogau - wurde er 1926 zum Schulleiter und Studiendirektor des Reformrealgymnasiums Hechingen ernannt (50 Jahre Staatliches Gymnasium Hechingen, 1959, S. 49-50). Für seine republikanische Gesinnung und Verfassungstreue sprechen die jährlich durchgeführten festlichen Verfassungsfeiern. Die deutsch-französische Annäherung war ihm offenbatr ein Anliegen, denn auf seine Anregung hin wurde mit Zustimmung des Kollegiums die Monatszeitschrift "Deutsch-französische Rundschau" aus dem Rothschild-Verlag/Berlin abonniert, die für eine  Verständigungspolitik  zwischen Deutschland und Frankreich warb (Protokoll der LK vom 26.3.1928).

Als Mitte der Zwanzigerjahre am Sigmaringer Gymnasium die Einrichtung eines realgymnasialen Zweiges diskutiert wurde, befürchtete das Hechinger Reformrealgymnasium  eine Abwanderung von Schülern. Der Sigmaringer Schulleiter konnte jedoch die Befürchtungen in Hechingen zerstreuen, indem er wie folgt über die Schülerbewegungen aus dem Kreis Hechingen informierte: "An dem Rückgang des Hechinger Realgymnasiums ist das Sigmaringer Gymnasium weder schuld, noch kommt ihm dieser Rückgang zugute. Während sich vor 10 bis 15 Jahren 30 bis 40 . . . Schüler aus dem jetzigen Kreise Hechingen auf dem hiesigen Gymnasium befanden, sind es jetzt nur 20, und während in jener Zeit . . . bis zu 14 Schüler (aus dem Kreis Hechingen)  unsere unteren Klassen besuchten, sind es jetzt sage und schreibe drei. Diese wenigen werden aber nicht von uns angelockt, sondern von ihren  Ortspfarrern für das Gymnasium vorbereitet und uns zugeschickt. . . Und jetzt ist abgesehen von 2 Söhnen hierher versetzter Beamter kein einziger früherer Schüler des Hechinger Realgymnasiums auf der hiesigen Anstalt." (SchA, A 2, Schreiben von Dr. Fischer vom 12. 11.1926) Der Schülerschwund sei vielmehr auf die durch die Inflation verursachte Verarmung und Verunsicherung zurückzuführen. Damit waren die Unstimmigkeiten zwischen den beiden Gymnasien beigelegt.

Die Umsetzung der Richertschen Schulreform in Hechingen

Die Reform des höheren Schulwesens und die neuen Stundentafeln, an deren Ausarbeitung der Ministerialrat im preußischen Kultusministerium Hans Richert (DVP) maßgeblich beteiligt war, waren in der Rheinprovinz und damit  auch in Hechingen und Sigmaringen  am 6. April 1925 in Kraft getreten (Erlass des Kultusministers vom  6. April 1925, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1925, S. 11-117; H. Richter (Hrsg.) 1927). Das Hechinger Gymnasium konnte im April 1925 mit der Umsetzung der Reform in der Quarta (7. Klasse) beginnen, da die Sexta und die Quinta die alten Lehrpläne beibehielten (Protokoll der LK 28.4.1925). Neue Lehrwerke in Deutsch, Geschichte und Französisch führte die Schule im folgenden Jahr ein (Protokoll der LK 27. und 28. April 1926). Für den Deutsch-Unterricht  entschied sich die Schule für  „Lebensgut. Ein deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten. 7 Teile“ von Schmidt-Voigt aus dem Diesterweg-Verlag und für den Geschichts-Unterricht für  „Stein’s Lehrbuch der Geschichte“ aus dem Schöningh-Verlag; beide Werke waten seit Mai 1926 zugelassen (JB 1929, S. 26-27). 

Die Profile  der einzelnen Schularten wurden geschärft. Jede Schulart erhielt einen eigenen Schwerpunkt, das Gymnasium die Antike, das Reformrealgymnasium den modernen „Europäismus“, die Oberrealschule Mathematik und Naturwissenschaften. Am Hechinger Reformrealgymnasium wurde die Reform ab 1926 unter dem neuen Schulleiter Dr. Eduard Gfrörer zügig und erfolgreich umgesetzt.  Das Protokoll der Konferenz vom 21. Oktober 1926 nannte als zentrale Aufgabe des Reformrealgymnasiums  die inhaltliche Vermittlung und  Erarbeitung der Verbindungen  „zwischen der alten römischen Kulturwelt und der modernen westeuropäischen Zivilisation" (Protokoll der LK 21.10.1926). Direktor Dr. Gförer formulierte in seinem Merkblatt für Eltern und Schüler (1929) davon abweichend als Schwerpunkt „die Pflege der westeuropäischen Kultur (Frankreich und England) in ihren Wechselwirkungen zur deutschen Kultur“.  Das Fach Deutsch, die erste Fremdsprache Französisch und Geschichte erfuhren deshalb durch die Reform eine Aufwertung.

Folgende reformpädagogischen Arbeits- und Unterrichtsmethoden stellte die Reform in den Mittel-punkt: 1. die "Konzentration", d. h. die fächerverbindende, vertiefte Arbeit an einem zentralen Thema. Das Hechinger Kollegium wählte u. a. folgende Themen: „der Freiheitsgedanke“,  „das 17. Jahrhundert als Grundlage des modernen Europäismus“, „die Renaissance und ihre Einwirkung auf die abendländische Kultur bis auf die heutige Zeit“ und „der mittelalterliche Mensch“. 1930 widmeten sich Fachlehrer und Schüler der beiden letzten Klassen von 8 bis 19 Uhr dem Thema „Ein halbes Jahrhundert Individualismus“. Als Ergebnis der intensiven, fächerverknüpfenden Auseinandersetzung mit den modernen Ideologien des Kapitalismus, Materialismus, Kommunismus  und weiteren Ismen hielt Studiendirektor Dr. Gförer im Jahresbericht 1930 (S. 23) fest: Alle Abwehrideologien gegen die „entartete Idee des Individualismus“ bleiben unwirksam,  „wenn nicht ein neuer Geist eine neue allumfassende Idee, das Bekenntnis zu Gott und den Mitmenschen, die heutige abendländische Menschheit erfüllt“, in einer Zeit, die Dr. Gförer als „Zeitenwende“ bezeichnete (JB 1930, S. 23-24).  2. Der  Unterricht solle grundsätzlich "Arbeitsunterricht" sein. Der Lehrer sollte darauf achten, „dass er bei der Stoffauswahl niemals die Stoffübermittlung allein als Ziel seiner Arbeit betrachtet“. Zu überbrücken sei „die natürliche Spannung zwischen dem Erwerb sicheren Wissens . . .  und dem Erwerb der Fähigkeit selbständigen Lernens“ (H. Richert: Richtlinien für die höheren Schulen Preußens 1925, S. 7). Das Kollegium konnte sich 1931 darauf verständigen, schon Schüler der Unter- und Mittelstufe „freie Vorträge“ halten zu lassen (Protokoll der LK vom 2.2.1931). Freiraum erhielten die Schüler durch die Herabsetzung der Wochenstundenzahl, für Hans Richert, den Verfasser der Denkschrift von 1924, eine wichtige Voraussetzung für ein Gelingen der Schulreform, denn „wertvolle Schularbeit kann nur aus beruhigter Seele, aus Muße und Freiheit erblühen.“ (H. Richtert 1931, Richtlinien für die Schulreform, S. 45).  3. Ein weiterer Aspekt bei der Umsetzung der neuen Lehrpläne betraf heimatkundliche, regionale und aktuelle Bezüge bei Inhalten zahlreicher Fächer (Protokoll der LK 11.11. und  22.12. 1926 und 14.3.1928; H. Richert (Hrsg.): Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens. Berlin 1927, S. 96-106; vgl. zum "Konzentrationstag" JB 1929/30, S. 20-24). Der Direktor  sprach sich in diesem Zusammenhang für ein „landschaftliches, schwäbisches Gepräge"  des Unterrichts aus. Die Schule abonnierte vier heimatkundliche Zeitschriften, darunter die Zeitschrift des Bundes für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern, die des Vereins für Geschichte und Altertumskunde in Hohenzollern und die des Schwäbischen Albvereins (JB 1929, S. 19). Er wies ferner darauf hin, dass in Geschichte auch die  jüngste Vergangenheit und die Weimarer Verfassung zu behandeln seien (Protokoll der LK 28.6.1924 und 11.11.1926).  4. Ein stark erweitertes Angebot von „freien Arbeitsgemeinschaften“ sollte die Individualisierung und Differenzierung des Lernens fördern. Im Schuljahr 1928/29 gab es z. B. im Sommersemester Arbeits-gemeinschaften  in Philosophie, Naturkunde, Kunstgeschichte, Erdkunde und Zeichnen, im Wintersemester in Deutsch und Englisch (JB 1928/29, S. 11-12). Hin und wieder begleitete, wie schon vor dem Ersten Weltkrieg, eine Betriebserkundung den Unterricht bzw. eine Arbeitsgemeinschaft. So besuchten die Primaner im Schuljahr 1924/25 die Baumwollspinnerei Baruch, die Schuhfabrik Spanagel, die Brauerei St. Luzen und das städtische Gaswerk (JB 1925, S. 12; vgl. JB 1914). Die Schule bot in den Jahren der Republik weiterhin das wahlfreie Fach Linearzeichnen und gegen eine Gebühr das Erlernen der preußischen bzw. deutschen Kurzschrift an. Die Gruppen umfassten bis vierzig Schüler (JB 1914, S. 8-9; JB 1924/25, S. 11; JB 1926, S. 8).  5. Ein überdurchschnittlich guter Schüler konnte in einem Fach seiner Wahl eine umfangreiche Jahresarbeit anfertigen, mit der er zeigen konnte, „ dass er zu selbständiger Arbeit befähigt ist“ (Protokoll der LK  8.10.1931, S. 172).  6. Über die fächerverbindende bzw. fächerübergreifende Behandlung und Erarbeitung zentraler Themen hatten bereits im Juni 1924 zahlreiche Fachkonferenzen beraten (Protokolle der Fachkonferenzen vom 25. bis 28. Juni 1924). Den Geschichtsunterricht in der Oberprima betreffend, einigten sich die Historiker darauf, grundsätzlich  mit anderen kulturkundlichen Fächern wie Englisch und Religion zusammenzuarbeiten und Grundsätze des Straf- und bürgerlichen Rechts sowie – allerdings mit Vorsicht - politische und volkswirtschaftliche Theorien und Parteiprogramme zu behandeln. Außerdem „seien auch gelegentliche Wanderungen und Besichtigungen, die für die sozialen und volkswirtschaftlichen Fragen Aufklärung bringen können, in Verbindung mit dem naturkundlichen Unterricht zu empfehlen“ (Protokoll der Fachkonferenz Geschichte vom 28.6.1924). Nach der Veröffentlichung der  der Unterrichtsinhalte im Jahr 1925 besaßen die Schulen einen ausführlichen Leitfaden für die Inhalte und Kompetenzen sowie Hinweise für den fächerverbinden Unterricht. Am Beispiel des Lehrplans für den Französisch- und Englischunterricht in der Prima zeigten die Richtlinien konkret und exemplarisch auf, wie fächerverknüpfender Unterricht, der sich mit französischen bzw. englischen Gedichten beschäftigt, zu gestalten ist: Hingewiesen wird auf die Beschäftigung mit der Entwicklung der französischen Kunst und dem politischen Denken von der Romantik an und auf die Berücksichtigung des Zusammenhangs zwischen politischer, sozialer, geistiger Entwicklung im 19. Jahrhundert in Verbindung mit dem Geschichts-, Deutsch-, und Englischunterricht. Für die Behandlung lyrische Werke von Wordsworth, Coleridge, Byron, Shelly, Keats, Scott u. a. im Englischunterricht empfahlen die Richtlinien eine Zusammenarbeit mit dem Deutsch-, Französisch-, Musik- und/oder Kunstunterricht (H. Richert 1931, S.475-476 und S. 484)

Zahlreiche Fortbildungskurse unterstützten die Schulen bei der Umsetzung der neuen Bildungsziele. So besuchten 1926 der Musiklehrer, der Sport- und Zeichenlehrer sowie zwei Sprachlehrer  mehrtätige Kurse (JB 1927, S. 23-24).

Die Reifeprüfung bestand aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil. Am Reformrealgymnasium wurden alle Schüler in folgenden vier Hauptfächern geprüft: in Mathematik, in Deutsch, Französisch und Englisch - alternativ in Latein (E. Gfrörer, Merkblatt für Eltern und Schüler 1929).

Die Hechinger Fachlehrer erarbeiteten anhand der offiziellen Richtlinien der Richertschen Reform neue "Anstaltslehrpläne" für zwölf Fächer.  Die einzelnen Fachschaften stellten ihre Curricula  in Konferenzen vor und legten sie anschließend dem Provinzialschulkollegium in Koblenz vor. In einer Fachkonferenz für Latein beschrieb der Referent Assessor Moser das  inhaltliche Lernziel wie folgt: Es gelte, „an Hand des lateinischen Schrifttums die Grundlagen der modernen Kultur Europas klarzulegen und den gewaltigen Einfluss der antiken Kultur in allen ihren Verästelungen aufzuzeigen“. Die für den Unterricht empfohlene Lektüre war sehr umfangreich und betraf neben den klassischen Autoren wie Caesar, Livius, Cicero und Horaz auch Schriftsteller der Spätantike und des Mittelalters, z. B. Boethius, Gregor von Tours, die mittelalterliche Liedersammlung Carmina Burana sowie Auszüge  aus Schriften von Thomas Morus und der päpstlichen Sozialenzyklika  „Rerum novarum“  von Papst Leo XIII. (Protokoll der LK vom 28.6.1924; vgl. H. Richert 1927, S. 425-428). Nach einer Schulrevision im November 1926 überarbeiteten die Lehrer die Schullehrpläne noch einmal (Protokoll der LK 11.6.1926). In Fachkonferenzen stellten Kollegen Inhalte, Kompetenzen und Arbeitsmethoden der einzelnen Fächer vor und über die Einführung neuer Schulbücher wurde abgestimmt (Protokolle der Fachkonferenzen vom 11.11.1926  bis 15.2.1927). Anregungen hatten drei Kollegen im Schuljahr 1926/27 auf mehrtägigen, im Rheinland bzw. in Sigmaringen durchgeführten Fortbildungstagungen erhalten (JB 1927, S. 23-24).

Für  die Arbeitsgemeinschaften der drei Oberstufenklassen waren sechs Lehrerstunden pro Woche eingeplant. Zusätzlich zu dem bereits angebotenen Stenographie-Kurs, dem Schülerchor und –orchester konnten die Schüler  nun  im Laufe der Jahre freie Arbeitsgemeinschaften  in folgenden Fächern wählen:  Philosophie, Religion, Deutsch, Englisch, Latein, Geschichte, Mathematik / Physik, Musik, Chemie,  Geographie und Zeichnen sowie Heimatkunde. Im Schuljahr 1926/27 boten die Lehrer z. B. Philosophie-, Deutsch, Physik- und Musik- AGs an. An  diesen AGs nahmen im Durchschnitt sechs bis zehn Schüler teil  (JB 1927 und 1928, Protokoll der LK vom 8.9.1926 und 1.4.1927). Jeder Oberstufenschüler hatte ein bis zwei Arbeitsgemeinschaften zu belegen (Protokoll der LK  22.10.1930). Neun von der Schule gehaltene Zeitschriften  (z. B. Zeitschrift für neuere Sprachen, Vergangenheit und Gegenwart, Zeitschrift für Musikpflege, praktische Schulphysik) lagen ab 1926 im Konferenzzimmer aus (Protokoll der LK 18.5.1926).

In die „Mitteilungen an die Eltern“ im Jahresbericht 1926/27 (S. 30) zitiert Direktor Dr. Gfrörer folgende Stellungnahme der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn zum Thema Einstellungen und Leistungen der Jugend  auf den höheren Schulanstalten aufgenommen: „Die berechtigen Klagen der Hochschullehrer über mangelnde Kenntnisse, sprachliches Unvermögen, Überheblichkeit des Urteils, geringen Arbeitsernst der Abiturienten stellen sich . . . dar als Ergebnisse einer schweren Erschütterung, die Unterricht wie Erziehung in dem letzten Jahrzehnt erfahren haben.“ (JB 1927, S. 29) Vergleichbare pessimistische Schüler- und Erzieherschelten finden sich seit der Antike und zeugen eher von überzogenen Leistungserwartungen an die nachwachsende Generation als von einem realistischen Urteil. Auch in Bezug auf die Hechinger höhere Schule liefern die Jahresberichte und Lehrerkonferenzen keine Hinweise, die das pessimistische Urteil der Hochschullehrer bestätigen würden.

Die seit dem 16. Jahrhundert im deutschen Sprachraum verwendete deutsche Kurrentschrift hatte 1911 der Graphiker Ludwig Sütterlin leicht verändert und vereinfacht. Diese Steilschrift wurde unter der Bezeichnung „Sütterlinschrift“ ab 1915 nach und nach in den Schulen des Königreichs Preußen eingeführt.  1920 empfahl ein Erlass des Kultusministers die Ausgangsschriften von  Sütterlin „als Vorbild für die steile Schrift“.  Ebenda wurde auch empfohlen, dem Schüler die freie Wahl zwischen dem Gebrauch der linken oder rechten Hand und zwischen der Steil- und Schrägschrift zu überlassen (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1920, 24.4. 1920, S. 322-323).1926 meldeten viele Schulen dem Kultusministerium Erfolge bei der Einführung der Sütterlinschrift, deren Schriftzüge als „klarer, ausgeglichener und lesbarer“ beurteilt wurden (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1926, S. 182-184; Erlass vom 20.4.1926). In Hechingen durften Schüler, die die Sütterlinschrift erlernt hatten, diese weiterhin gebrauchen (Protokoll der LK vom 22.6.1926; siehe Erlass vom 24.2. 1926, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1926, S. 184). 1931 erwartete das Gymnasium, dass Grundschüler bei der Aufnahmeprüfung in die Sexta die lateinische wie die Sütterlinschrift  beherrschen  (SchA E 5, Aufnahmeprüfung vom 21.3.1931) und ein LK-Beschluss  verlangte, in allen Klassenstufen deutsche Aufsätze in „deutscher Schrift" schreiben zu lassen (Protokoll der LK vom 28.1.1931). Die Protokolle der Lehrerkonferenzen der Zwanzigerjahre liegen in deutscher Kurrentschrift oder in lateinischer Schrift vor.

Schülergottesdienst und Handhabung der Schulordnung

Dem Jahresbericht 1924/25 (S. 17) ist zu entnehmen, dass der „Wochengottesdienst“ für die katholischen Schüler und Schülerinnen von Mitte März bis Mitte November an zwei Wochentagen jeweils von 7.30 bis 8 Uhr und am Sonntag ein „Schulgottesdienst“ um 8 Uhr in der Stadtpfarrkirche stattfand. In der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre beschäftigten sich das Lehrerkollegium,  der Elternbeirat und die Elternversammlung wiederholt mit dem Thema Schülergottesdienst, betroffen waren davon die katholische Schüler aus der Stadt Hechingen. Grundsätzlich waren alle Beteiligten für die Beibehaltung des Schülergottesdienstes (SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930). Umstritten blieb jedoch im Kollegium, ob der Schülergottesdienst einer Kontrolle unterliegen oder völlig frei sein sollte. Die Niederschrift der Lehrerkonferenz vom 8. September 1926 hielt kommentarlos fest, „dass gemäß eines Beschlusses des Elternbeirates die kath. Schüler von Hechingen bei Versäumnis des Gottesdienstes eine Bescheinigung von den Eltern beibringen müssen.“  (Protokoll der LK 8.9.1926). Ein Artikel in den liberalen Hohenzollerischen Blättern nötigte das Kollegium jedoch, sich  nochmals in einer Konferenz am  23. Dezember 1926 ausführlich mit dieser Frage zu beschäftigen. Zur Klarstellung führte der Direktor aus, „dass die Schüler nach dem seit Ostern üblichen Verfahren zum Schülergottesdienst erst dann verpflichtet seien, wenn der Vater oder dessen Vertreter keine gegenteilige Erklärung abgegeben habe. Um die Ordnung aufrecht zu erhalten,  werde daher von jedem Schüler, der in der Kirche fehle, im Einvernehmen mit dem Elternbeirat und der Elternversammlung eine Bescheinigung darüber vom Vater verlangt. Wer diese Bescheinigung nicht beibringe, werde wegen Übertretung der Schulordnung, aber nicht wegen Fehlens beim Gottesdienst bestraft.“  In der anschließend regen, zum Teil kontroversen Diskussion sprachen sich zwar alle für die Beibehaltung des Gottesdienstes aus.  Aber die beiden Studienräte Faßbender und Kuhn sprachen sich gegen jeden Zwang und damit gegen die bisherige Praxis aus. Studienassessor Moser widersprach  mit dem Argument, „dass es ohne Zwang nicht ginge, da früher oft nur 25 Schüler in der Kirche gewesen seien.“ Der Direktor ergänzte, „dass mit dem Besuch des Schülergottesdienstes auch der Schülergesang in der Kirche verbunden sei; daher einen geordneten Schülergottesdienst oder gar keinen.“ Der Antrag von Moser, das bisherige Verfahren beibehalten, erhielt sieben gegen vier Stimmen. Faßbenders Antrag, das bisherige Verfahren dem Provinzialschulkollegium zur Bewertung vorzulegen, war damit abgelehnt; ebenso wie ein Vermittlungsversuch des Religionslehrers Ott. Schließlich bestimmte die Konferenz, dass die Bescheinigung für das Fehlen beim Gottesdienst dem Religionslehrer vorzulegen sei. (Protokoll der LK  23.12. 1926; SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930, 28.6.1926 und 24.4.1927).Im Jahresbericht 1927 hielt Direktor Dr. Gfrörer fest: „Der Schulgottesdienst wird nach einem Beschluss des Elternbeirats und der Elternversammlung in althergebrachter Weise an zwei Wochentagen von 7.30  bis 8 Uhr und  sonntags um acht Uhr in der Stadtkirche abgehalten; in der dunklen Jahreszeit (15. November bis 15. März) fällt der Wochengottesdienst  aus.“ (JB 1927, S. 27; vgl. SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930, Sitzung des Elternbeirats vom 12.9.1924). Dass die Schule tatsächlich eine Strafe verhängte, dafür findet sich in keiner Disziplinarkonferenz ein Beleg. Selbst der Religionslehrer Prof.  Ott hatte 1925 im Elternbeirat  klargestellt, "dass diesbezügliche Eintragungen nur statistischen Zwecken dienen und nicht Strafmaßnahmen sein sollen" (SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930, Sitzung vom 22. Juli 1925).

Wie vor 1918 war die Zusammenarbeit von Schule und den beiden christlichen Kirchen vertrauensvollund reibungslos. Das Schuljahr begann und schloss für die katholischen Schüler regelmäßig mit einem feierlichen Gottesdienst;  für die evangelischen Schüler mit einer Andacht (JB 1919, S. 55; JB 1925, S. 17-18; JB 1930, S. 24; JB 1933, S. 23 und 25). Der gemischte Chor der Schule wirkte  bei der Erstkommunionfeier  mit. Im Schuljahr 1926/27 übten  „die katholischen Schüler des Chores . . . nebenher eine deutsche Singmesse von V. Goller und brachten in der Maien- und Weihnachtszeit einige vierstimmige Kirchengesänge zum Vortrag“ (JB 1927, S. 11). Die Schule stellte den Schülern, die kein Gesangbuch besaßen, dieses für den Schülergottesdienst zur Verfügung (Protokoll der LK  29.4.1932). Im Schuljahr 1931/32 erlernten die Schüler der Sexta bis Untertertia im Musikunterricht neben alten und neuen Volks- und Wanderliedern „die wichtigsten Liedsätze zu allen Festzeiten des Kirchenjahres“ aus dem Diözesangesangbuch (JB 1932, S. 17-18). „Auswärtige Schüler sollten wie bisher zur Feier des Patroziniums ihrer Heimatgemeinde auf Anfrage vom Klassenlehrer befreit werden.“ (Protokoll der LK 11. November 1926)  Die Jahresberichte hielten regelmäßig die Zahl der Schüler fest, die die Religionslehrer auf die Kommunion bzw. die Konfirmation vorbereiteten. 1929 lud das Gymnasium Eltern und Gönner zu einer stimmungsvollen vom Schülerchor und –orchester umrahmten Weihnachtsfeier ein, bei der der kath. Stadtpfarrer Fischer das Weihnachtsevangelium vorlas und eine Ansprache über den Sinn von „Krippe und Kreuz“ hielt (JB 1929/30, 25-26, wo der Artikel der Lokalzeitung „Der Zoller“ abgedruckt  ist.)  

Erprobte und neue Wege 

Der Elternbeirat trat jährlich zu einer bis drei Sitzungen zusammen. Die Tagesordnung war meist umfangreich. 1926 informierte der Schulleiter z. B. über die Erteilung von Förderunterricht in den Sommerferien und über Probleme der 26 Fahrschüler, für die die Landesbahn ein besonderes Abteil zur Verfügung stellte (SchA, Protokolle für den Elternbeirat 12.12.1926; JB 1927, S. 20-21).

Bis 1926 war eine mehrtätige Studienfahrt der Primaner zum Deutschen Museum in München  aus finanziellen Gründen gescheitert. Das Gymnasium zu Sigmaringen hatte dagegen schon 1910 im Fürsten Wilhelm von Hohenzollern-Sigmaringen einen Förderer für diese Fahrt gefunden und die Studienfahrt nach einer Unterbrechung 1925 wieder aufnehmen können (JB des Gymnasiums Sigmaringen 1912/13, S. 11; Protokoll der LK 8.9.1926). Als 1927 der Kreisausschuss in Hechingen einen Zuschuss von 300 RM bewilligte und Rechtsanwalt Dr. Kassemeyer eine „hochherzige Spende“ beisteuerte, konnte das Gymnasium in Hechingen auch eine mehrtägige Studienfahrt nach München durchführen (SchA,  Münchenfahrten 1926-1930; Protokoll der LK vom 15.6.1927). Dem Jahresbericht 1930 sind folgende Programmpunkte der sechstätigen Studienfahrt zu entnehmen:  Deutsches Museum, Nymphenburger Porzellanmuseum,  Alte und Neue Pinakothek mit dem Schwerpunkt große westeuropäische Maler und moderne Malerei und Kleinplastik, Nationalmuseum mit der Krippenausstellung, bedeutende Kirchen, zwei Aufführungen im Nationaltheater, Tierpark Hellabrunn, ein Militärkonzert in einem Bierkeller und eine Dampferfahrt über den Starnberger See. Mädchen konnten nicht teilnehmen (JB 1930, S. 17; vgl. JB 1928, S. 17-18; Protokoll der LK vom 24.4.1930).

1930 fasste das Kollegium einstimmig den Beschluss, den wenigen Mädchen einen gleichberechtigen Anspruch auf die zur Verfügung stehenden Gelder zu gewähren. Sie seien aber „verpflichtet, die Gelder in einer der Studienfahrt entsprechenden Weise im Laufe des Jahres zu verwenden und darüber schriftlich zu berichten.“ (Protokoll der LK 27.3.1930)

Die Lehrerkonferenz vom 15.6.1927 beschloss die Teilnahme der Anstalt an den Reichsjugendwettkämpfen.

Zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen drei Oberlehrer Dr. Adolf Beyer, Aloys Frings und Edmund Gilles und  die 26 gefallenen Schüler des Reformrealgymnasiums (JB 1927, S. 26-27)  enthüllte Direktor Dr. Gfrörer am 13. März 1927, am Volkstrauertag, in der Aula  zwei schlichte vom Bildhauer Fridolin Baur gestaltete Gefallenen-Gedenktafeln aus Eichenholz. Sehr viele kleine und große Spenden waren eingegangen, nachdem der Elternbeirat, das Gymnasium und ein Ehrenmalausschuss einen patriotischen Spendenaufruf veröffentlicht hatten. Dort war zu lesen : „Denn wenn irgend wer, hat die Schule die heilige Pflicht, das Gedächtnis derer, die für Volk und Reich freudig ihr Leben hingegeben haben, zu wahren, damit unsere Jugend aus ihrem Beispiel den Willen und die Kraft schöpfen kann, gleich ihnen dem Vaterlande selbstlos auch das Letzte zu opfern.“ (SchA, blaue Mappe A 10). Direktor Gfrörer durfte auch Regierungspräsident Scherer, Landrat Schraermeyer und  Bürgermeister Dr. Kieber begrüßen, die Kränze mit Schleifen in den neuen Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold niederlegten. Die beiden Gedenktafeln aus Eichenholz hatte der aus Hohenzollern stammende Bildhauer Fridolin Baur geschaffen, von dem auch die Kriegerehrenmale in Hechingen, Rangendingen und Bisingen stammen. Seit der Umgestaltung der Aula Mitte der 50er Jahre stehen die Gedenktafeln unbeachtet  in der alten Bücherei im Keller (Die Lichte Au 1, 1958, S. 2).Die Festfolge der Gedächtnisfeier  begann mit der vom Schülerchor dargebotenen Totenklage "Rasch tritt der Tod den Menschen an" aus "Wilhelm Tell" und endete nach der Gedächtnisrede mit dem "Requiem für die deutschen Gefallenen", vorgetragen vom Schülerchor und -orchester. Studienassessor Moser erinnerte in seiner Rede an die '"aufopferungsbereite Kameradschaft der Kämpfer, (das) Heldentum an der Front und in der Heimat". Abschließend mahnte er, „die Menschen möchten nach den Jahren des Krieges und des Hasses den Krieg überwinden und ineinander Brüder und nicht Feinde sehen" (JB 1927, S. 26; Hohenzollerische Blätter und Der Zoller 14.3.1927; Protokoll der LK 22.9. 1926).

Dem Studienrat Dr. Karl Widmaier lagen - selbst Verfasser von Theaterstücken  -  Theaterbesuch und Theaterspiel sehr am Herzen. Auf seine Initiative  hin beschloss das Kollegium 1926, den Schülern  der Untersekunda bis Oberprima den Besuch von Aufführungen der Badischen Volksbühne grundsätzlich zu genehmigen (Protokoll der LK 22.9.1926). In der Lehrerkonferenz vom 10. Mai 1927 teilte er mit, dass er im Auftrag des Regierungspräsidenten eine Jugendspielgruppe mit vier Jungen des Gymnasiums und vier Mädchen der höheren Mädchenschule gründen werde. Vorgesehen seien zwei Übungsstunden pro Woche (Protokoll der LK 10.5.1927). Zu Fastnacht 1928 trat die Spielgruppe  in der Aula zum ersten Mal auf, mit dem Fastnachtsspiel „Der fahrende Schüler im Paradies“ von Hans Sachs  und mit dem Märchen „Hans fürcht dich nit“: ein Spiel nach dem Volksmärchen „Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen“ von Heinrich Bachmann (JB 1927/28, S. 24).

Folgende von Dr. Karl Widmaier verfasste Heimat- bzw. Fastnachtsspiele wurden  von 1927 bis 1929 von Berufsschauspieler aufgeführt:  im März 1927 das Heimatspiel „Narrenspiel der Stadt Hechingen“ mit dem Narrenvogt, den Butzen und dem Pestmännlein auf dem Obertorplatz, 1928 die Heimatspiele „Der Öttinger“ am Martinsberg in Hechingen und „Ulrichsprung“ im Metzinger Weinberg und 1929 „Mechthild von Hohenberg“ in Haigerloch (HHB, Zollerheimat 1. Jahrgang Nr. 10, 1932, S. 61-64; JB 1930, S. 17; Widmaier veröffentlichte  auch einige Romane, 1922 den  Roman „Erzberger“ über den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, der wie Walter Rathenau Opfer eines rechtsradikalen  Mordkomplotts geworden war.)

Die Lehrerkonferenz beschloss im Schuljahr 1928/29 die Einrichtung einerHeimatbücherei, damit die oft aus anderen preußischen Provinzen stammenden Lehrer den heimatkundlichen Lehrauftrag besser erfüllen könnten. Die Koordination lag in den Händen von Studienrat Heinrich Faßbender, eines guten Kenners der  hohenzollerischen Landschaft und Geschichte, der auch viele Jahre im Vorstand des Hohenzollerischen Geschichtsvereins war. Um den Ausbau der Bücherei voranzutreiben, ließ die Schule durch ihre Schüler Anfang 1929 eine Werbeschrift verteilen. Nach wenigen Wochen war eine stattliche Bücherei zustande gekommen. Die Zusage einer jährlichen Zahlung durch Kreis und Stadt und eine umfangreiche Bücher- und Kapital-Schenkung (1000 RM) des aus Hechingen gebürtigen Dr. med. Ernst Senn  und seiner Schwester Wiedel-Senn bereicherte und sicherte den Bestand der Hohenzollerische Heimatbücherei (Protokoll der LK vom 27.5.1930 und 8.9. 1930; JB 1931/32, S. 30; Die Lichte Au 16 1966, S. 28-33). Wie den Jahresberichten von 1932/33 bis 1938/39 zu entnehmen ist, wurde die Bücherei dauerhaft gut angenommen und ihr Bestand wuchs durch Schenkungen stetig (Vgl. LA 16, 1966, S. 28-31). Studienrat Heinrich Faßbender leitete und betreute von 1928 bis 1966 ehrenamtlich die Heimatbücherei, die sich seit 1954 in einem Gebäude des Landratsamts in der Heiligkreuzstraße befindet. Sein Nachfolger war bis 2003 StD Alf Müller, ein Geschichtslehrer am Gymnasium in Hechingen.

1928 erhielt die Schule von der Stadt eine Parzelle zur Anlage eines botanischen Schulgartens. Zahlreiche von Bürgern und Schülern gespendete Bäume, Sträucher usw. ermöglichten seine zügige Gestaltung (1928, S. 21; JB 1929, S. 19; JB 1930, S. 19).

Die 1927 begonnenen Baumaßnahmen im Schulgebäude konnten im Laufe des Schuljahrs 1928/29 abgeschlossen werden, so dass am Ende des Schuljahrs erstmals ein Elternsprechzimmer, ein „Chemie-Hörsaal“ und im Dachgeschoss ein neuer großer Zeichensaal zur Verfügung standen (JB 1928/29, S. 18)

3.4  1929 bis Anfang 1933

Kontinuität und neue Akzente trotz Krise von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft

Der Erlass des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 26. Juli 1929 bestimmte, dass an den kirchlich gebotenen katholischen Feiertagen Heilige Dreikönige, Fronleichnam, Peter und Paul, Allerheiligen und Mariä Empfängnis  katholische Schüler und Lehrer schulfrei haben. Diese Regelung galt auch für die übrigen Schüler, "wenn nach Ermessen des Schulleiters ein fruchtbringender Unterricht für sie nicht möglich ist." (SchA, Mappe H 1, 10.8.1929) Auch auf die hohen jüdischen Feiertage wurde Rücksicht genommen. Das Provinzialschulkollegium in Koblenz verfügte, dass an den dreizehn betroffenen Tagen "die jüdischen Schüler und Schülerinnen auf Antrag der Eltern vom Schulbesuch und von den schriftlichen Arbeiten für den folgenden Tag (zu) befreien" seien (SchA, Mappe H 1, 23.1.1928, eingegangen am 28.1.1928)

Der Anregung des Schulleiters, eine Ortsgruppe des  Vereins für das Deutschtum im Ausland  (VDA) zu gründen, stimmte das Kollegium zu. Die Studienräte Moser und Liebetanz sollten die Gründung vorbereiten (Protokoll der LK  22.10.1929).  Die Umsetzung des Vorhabens erfolgte aber erst im November 1933. Bei der Auswahl des neuen Lesebuchs "Lebensgut" war die Berücksichtigung des Auslanddeutschtums ein Auswahlkriterium. Dr. Vezin  hatte  in diesem Zusammenhang 1926 beklagt, dass das abgetretene Land Elsass-Lothringen und das Land Schleswig in den meisten neuen Schulbüchern eine "stiefmütterliche Behandlung" erfahre (Protokoll der LK 27.4. 1926).

 Von 1925 bis 1930 gingen für die Schul-Stiftungen weitere Spenden ein: Von dem ehemaligen Schüler Oscar Löffler, Kaufmann in Milwaukee (verstorben ebenda am 13.3.1928) eine Spende von 1000 Dollar und von Direktor Seitz  300 RM für die bestehende Anna Seitz-Stiftung. Der Überschuss der Spendensammlung für die Gefallenen-Gedächtnistafeln (1927) von rund 1100 RM diente als Grundstock einer Stiftung zur Unterstützung würdiger und bedürftiger Schüler, insbesondere  der Kinder von Kriegsopfern und Kriegseilnehmern (JB 1927, S. 27).Als weitere Sponsoren nannten die Jahresberichte M. Rotschild in New York und  P. Rager in St. Louis (SchA, J 5; JB 1924/25, S. 15; JB 1926/ 27, S. 22-23 und 27; JB 1927/28, S. 22; JB 1928/29, S. 21). Die Zinsen erhielten wiederum bedürftige und würdige Schüler (JB 1929/30, S. 18). 1930 gab Dr. Gförer im Jahresbericht 1929/30 (S. 18) folgenden Überblick:  Oskar-Löffler-Stiftung 4.200 RM, Einlösungsbetrag für Auslosungsrechte der Kriegsanleihen aus Stiftungskapitalien von 1909 2.543 RM, Gefallenen-Gedächtnis-Stiftung 1.100 RM, Frau-Anna-Seitz-Stiftung 340 RM und Evelt-Stiftung (Aufwertungsbetrag) 200 RM. Das in vier Sparbüchern angelegte Stiftungskapital überlebte das Dritte Reich und die Währungsreform, so dass Schulleiter Dr. Fischer 1949 die Umwandlung von gut 4000 RM in die neue Währung DM beantragen konnte (SchA, Ordner J III, 4 Schreiben vom 10.9.1949).

 Seit Realschulzeiten ließen ehemalige Schüler und Gönner der höheren Schule als Zeichen ihrer Verbundenheit kleine und große Sachgeschenke  aller Art zukommen. Darunter waren nicht nur  viele Bücher und Zeitschriften, sondern auch ausgestopfte Tiere, ein Menschen- und Ziegenschädel, ein versteinerter Saurierschädel, eine Maulwurfsgrille mit Nest und Eiern, ein Haifischkiefer usw. (JB 1910, S. 15; JB 1912, S. 23-24; JB 1913, S. 21; JB1915, S. 17; JB 1925, S. 15-16; JB1929/30, S. 19).

Die Umstellung auf bargeldlose Überweisung des Schulgeldes erfolgte 1929 und 1930 (Protokoll der LK vom 4.12.1929 und 17.7.1930).

Studiendirektor Dr. Gfrörer berichtete 1930 vom „Ausbau der Schülerselbstverwaltung und lobte in den Jahresberichten von 1929/30 und 1931/32 deren Arbeit bei der Beaufsichtigung der Fahrschüler,  ihren Ordnungsdienst in der Schule und beim Schülergottesdienst.  Dr. Gfrörer konnte anerkennend  berichten: Die Vorbereitung des großen Schulfestes  am 21. 9. 1929 auf dem Brielhof und der ersten Weihnachtsfeier  lag zum großen Teil  in der Hand der Klassensprecher der oberen Klassen (JB 1929/30, S. 16 und 24-25). Das bunte Programm des Schulfestes umfasste: Spiele, Reigen, Volkslieder, heitere Gedichte, einen Boxkampf, die Demonstration von zwei an der Reformpädagogik orientierten Unterrichtsstunden und ein von einem Schüler selbst geschriebenes lustiges Theaterstück (JB 1929/30, S. 25).Die Hohenzollerischen Blätter berichteten 1929 über die neue Lern- und Arbeitskultur an der Schule wie folgt: "Der ganze Schulbetrieb ist weit mehr als früher auf Freude am Lernen, auf Sport und Spiel und auch sichtlich auf Entwicklung der Eigenpersönlichkeit des Schülers eingestellt." (JB 1929/30, S. 25) Dass das Kollegium grundsätzlich an reformpädagogischen Konzepten interessiert war, zeigt auch das Referat von SR  Liebetanz über den „Dalton-Plan“, ein Reformkonzept, das  die Bedeutung des selbständigen Lernens hervorhebt. Dadurch werde der Schüler selbst verantwortlich für seine Arbeit und seinen Fortschritt und lerne so, mit seiner Freiheit verantwortlich in seiner Gruppe umzugehen.

 

Um selbständiges, individuelles Lernen zu fördern, regte Schulleiter Dr. Gfrörer 1929 und 1930 die Einrichtung eines Lesezimmers an. Es sollte mit verschiedenen  fremdsprachlichen und wissenschaftlichen Zeitschriften und zahlreichen Zeitungen ausgestattet werden. Die Benutzungsgebühr sollte 20 Pfennig betragen. Sein Projekt scheiterte jedoch am fehlenden  Interesse der Oberstufenschüler (Protokolle der LK vom 9.9.1929 und 22.10.1930).

Im Schuljahr 1931/32 berichtet Direktor Seitz im Jahresbericht: „Die Selbstverwaltung der Schüler hielt sich in dem bisherigen Rahmen. Die Schüler wählten klassenweise ihre „Vertrauensmänner“ (Klassensprecher) und Ordner. . . Die Schulgemeinde trat einmal zu einer Aussprache zusammen. Außerdem fand eine Schülerversammlung der oberen vier Klassen statt.“ (JB 1931/32, S. 27)   Im Schuljahr 1929/30 hatten die Schüler mit dem Vertrauenslehrer   folgende Themen besprochen: „die Studienfahrt nach München, die Teilnahme an den Fastnachtsveranstaltungen, die Tanzstunde und das Heimgehen am Abend“ (JB 1930, S. 16; vgl.  M. Kuhn-Rehfus 1977, S. 172: Am Gymnasium in Sigmaringen sei die Schülerselbstverwaltung noch vor der NS-Machtergrei-fung „eingeschlafen“.)

Der Elternbeirat tagte im Schuljahr 1929/30 dreimal, eine Elternversammlung im Mai war sehr gut besucht und die neu eingerichteten Klassenelternabende haben sich "gut bewährt", notierte der Schulleiter im Jahresbericht. Ein eigenes Elternsprechzimmer wurde eingerichtet (JB 1929/30, S. 18-19). Von einer vergleichbar regen Arbeit des Elternbeirates berichtete auch der Jahresbericht des Gymnasiums Sigmaringen von 1929/30 (S. 22-23).

Die höhere Schule in Hechingen  ließ ihre  Jahresberichte  seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Schuljahr 1914/15 mit sehr hoher Auflage und von 1924/25  bis 1929/30 mit deutlich niedrigerer Auflage drucken, denn der Austausch der Jahresberichte mit den anderen preußischen höheren Schulen wurde 1925 nicht wieder aufgenommen (JB 1925, S. 19; SchA, blaue Mappe A 9, Angebot der Riblerschen Hofdruckerei vom 13.3.1928). Die Jahresberichte informierten über alle Aspekte des Schullebens: über die Zahl der Lehrer und Schüler, über die Lehrauftragsverteilung, die Prüfungsaufgaben der Reifeprüfung, Lesestoffe in Deutsch, Stiftungen,  Veranstaltungen und Feiern, Erlasse. Die Jahresberichte wendeten sich auch an die Eltern und an ehemalige Schüler und sollten eine lebendige Verbindung der Schule mit dem Elternhaus und Freunden der Schule ermöglichen. Aus finanziellen Gründen waren ab dem Schuljahr 1930/31 die Jahresberichte nicht mehr zu drucken, sondern waren nur noch handschriftlich oder maschinenschrftlich an das Ministerium, das Provinzialschulkollegium und die staatliche Auskunftsstelle für Schulwesen zu schicken (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1930, Erlass des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 25.4.1930, S. 161).

Einen Artikel in der Lokalpresse (1930) über die  psychische Belastung  und Überforderung von Schülern an höheren Schulen korrigierte der gewählte "Schülerberater" (Vertrauenslehrer) wie folgt: Die Hechinger Schüler müssen im Vergleich zur Arbeiterjugend wenig arbeiten und mittelbegabte Kinder können  bei gleichbleibendem Fleiß ihr Ziel erreichen. Nicht zu übersehen sei, dass „die Schüler durch den Besuch von Kino, Theater und Tanz sehr viel von ihrer Arbeit abgehalten werden" (Protokoll der LK vom 16.1.1929). Nach einer Schülerumfrage betrug  die Arbeitszeit der Oberstufenschüler 1930 pro Tag auf etwa ein bis vier, durchschnittlich auf drei Stunden.  Hausaufgabenintensiv  waren vor allem Deutsch und die Fremdsprachen (Protokoll der LK vom 19.9.1930). Belastend dürften auch die zahlreichen schriftlichen Klassenarbeiten gewesen sein, z. B. in der Quarta (7. Klasse) in Deutsch und Französisch je zwölf (Protokoll der LK 22.6.1926; vgl. höhere Zahlen im JB 1925/26, S. 18).

 Auf höfliches Grüßen in der Öffentlichkeit legten die Lehrer  großen Wert. 1930 beschloss die LK-Konferenz 1930 sogar, in der Turnstunde ist „in allen Klassen das Grüßen zu besprechen und zu üben." (Protokoll der LK vom 24.4.1930)  In diesen Zusammenhang gehört auch der 1930 gefasste Beschluss, dass die Schüler am Ende der Pause „klassenweise  zu zweien hintereinander an, sämtliche Mädchen an der Spitze“ anzutreten haben (Protokoll der LK 29. 4. 1930). Wie Fotos von 1912 bis Ende der Zwanzigerjahre nahelegen, trugen die Schüler ihre Kassenmützen gern, manche mit Stolz. Auf dem Erinnerungsfoto des Abiturjahrgangs 1930/31 trägt niemand mehr die einst geschätzte Mütze. Erstaunlicherweise empfahlen die Lehrer ihren Schülern noch nach der NS-Machtergreifung im Mai 1933, weiterhin am Sonntag und bei geschlossenem Auftreten die bunten Klassenmützen zu tragen (Protokoll der LK vom 12.5.1933). Wie Fotos von Lehrfahrten und Klassenfotos nach 1933 zeigen, waren die Schülermützen ganz aus der Mode gekommen. Sie  passten nicht zur NS-Ideologie von der Volksgemeinschaft.

Die Jahresberichte der Schule und die „Bildungsgänge“ der Abiturientinnen und Abiturienten erlauben, sich ein umfassendes Bild von der Lektüre im Fach Deutsch zu machen. Die Ober- und  Unterprima las z. B. im Schuljahr 1929/30 neben den klassischen Autoren von Lessing bis Goethe folgende Werke aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts:  Die drei gerechten Kammmacher von Gottfried Keller, Der Erbförster von Otto Ludwig, Der grüne Heinrich von Gottfried Keller, Der Hungerpastor und Else von der Tanne von Wilhelm Raabe, Die Nibelungen von Friedrich Hebbel, Bilder aus der deutschen Vergangenheit von Gustav Freitag (Auswahl), Die Hochzeit des Mönchs und Gustav Adolfs Page von C. F. Meyer, Stützen der Gesellschaft von Henrik Ibsen, Die Weber von Gerhard Hauptmann, Schillers Heimatjahre von Hermann Kurz. Es fällt auf, dass keine Werke darunter sind, die den Krieg verherrlichen und nationalistisches oder antisemitisches Gedankengut verbreiten (JB 1929/30, S. 5). Dasselbe Urteil lässt die Lesestoffliste des Schuljahres 1928/29 zu. Erst 1931/32 fällt die Lektüre von der Erzählung „Der Richtungspunkt“ aus dem Rahmen, in dem Detlev von Liliencron blutiges Schlachtengetümmel verharmlosend und kitschig schildert. Auch die breitere Auswertung der Lektüreverzeichnisse der oberen fünf Klassen im Fach Deutsch (O III – O I) der Schuljahre von 1924/25 bis 1929/30 und die Aufsatzthemen der Oberstufe (OII-OI) bestätigen diesen Befund (Jahresberichte 1924/25-1929/30), ebenso die Themen der Aufsätze bezüglich der “freien Heimarbeit“  im Schuljahr 1929/30. Der Deutschunterricht  zeigt damit keine republikfeindliche Schieflage. Nicht die den Krieg pathetisch überhöhenden und verharmlosenden literarischen Werke eines Walter Flex oder Ernst Jünger, sondern die Antikriegsromane der beiden  Autoren Erich  Maria Remarque und Ludwig Renn, die den Krieg realistisch schildern und pathetische Phrasen vom „Opfergang der deutschen Jugend“ als einen völkischen Mythos entlarven, konnten für den Hausaufsatz gewählt werden, neben weiteren Themen wie: Meine Beobachtungen als Werkstudent, Meine Erfahrungen auf dem Gebiet der Schwachstromtechnik, Jugendbewegung nach den Freiheitskriegen und nach dem Weltkrieg (JB 1930, S. 7).

Den Lebensläufen/“Bildungsgängen“ der 21 Abiturienten der Abiturjahrgänge 1931/32 und 1932/33  ist zu entnehmen, dass bei nicht wenigen Schülern Lesen ein intensives Hobby war. In der Privatlektüre sind u. a. folgende Schriftsteller des 20. Jahrhunderts  vertreten:  Rudolf Binding, Waldemar Bonsels, Peter Dörfler, Hermann Hesse, Ricarda Huch, Henrik Ibsen, Walter von Molo, Thomas Mann („Buddenbrooks“), Leo Tolstoi („Auferstehung“), Franz Werfel, Karl Widmaier und Stefan Zweig (SchA, Ordner Reifeprüfungen, 1932 und 1933); Werke, die den Krieg oder den Heldentod verherrlichen, fehlen in der Hauslektüre bis Ende 1932.

Die Nachfolge von OStD Dr. Eduard Gfrörer  trat 1931 Dr. Johann August Schmitt an. Er hatte in München, Berlin, Straßburg und Münster studiert und nach dem Kriegseinsatz von 1914 bis 1918 an höheren Schulen in Frankfurt a. M. und im Rheinland unterrichtet (50 Jahre Staatliches Gymnasium Hechingen 1959, S. 50-51). Er leitete die Schule von 1931 bis 1945,  in den Kriegsjahren seine Stellvertreter. Wie sein Vorgänger lehnte er den anwachsenden Links- und Rechtsextremismus ab und setzte sich für eine deutsch-französische Verständigung ein (SchA, Personalakt  Dr. J. A. Schmitt, beglaubigte Kopie des Spruchkammerentscheides vom 20.12.1949, Az.: 6/RB/71; JB 1948/49).

Wegen der „allgemeinen Notlage" beschloss das Kollegium 1931, die seit 1927 durchgeführte einwöchige Studienfahrt  nach München mit folgender Begründung auszusetzen: „In der so schwer drückenden, allgemeinen Notzeit müsse eine derartig ausgedehnte Lehrfahrt, auch wenn sie pädagogischen Zwecken dient, in weitesten Volkskreisen Anstoß erregen. Auch für die Schüler selbst bedeute der Verzicht auf die Studienreise ein ernstes Miterleben der schweren sozialen Not unseres Volkes“ (Protokoll der LK vom 11.6.1931; siehe auch SchA,  Münchenfahrten 1926-1930).

Die Lehrer wurden ab 1931 zu finanziellen Opfern herangezogen. Ihre Altersermäßigung wurde gekürzt. In dem  Sparerlass vom 26.2.1931 hieß es: „An die Stelle der bisher geltenden Ermäßigung um zwei bzw. drei Stunden bei Erreichung des 45. bzw. 55 Lebensjahres . . . tritt künftig nur eine Ermäßigung, und zwar um zwei Stunden bei Erreichung des 50. Lebensjahres.“ (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1931, S. 100-101; vgl. Erlass vom 12.3.1924, ebenda S. 100).  Junge Studienassessoren hatten große Schwierigkeiten eine bezahlte Stelle zu finden. So musste Studienassessor  A. auf eine feste Anstellung von 1931 bis 1936 warten (JB 1937, S. 11).

Schüler der Oberstufe sammelten im Herbst 1930 für Notleidende im Rahmen der Winterhilfe Lebensmittel in benachbarten Dörfern und acht bis zehn Wagen Leseholz im Stadtwald (JB 1931/32, S. 46).

 Schüler aus weit entlegenen Dörfern mit schlechter Verkehrsanbindung zeigten ein bewundernswertes Durchhaltevermögen. So berichtet der Primaner A. Beiter aus Höfendorf: "Diesen 30 km langen (Schul-)Weg mache ich in den Sommermonaten mit dem Fahrrad, im Winter mit der Bahn. Wenn ich mit der Bahn fahre, so muss ich um halb sechs Uhr aufstehen und dann oft bei Regen und Schnee 3,5 km zur nächsten Bahnstation gehen."  Der Lebenslauf  dieses Schülers zeigt auf, dass es damals einem Quereinsteiger möglich war, nach dem Besuch der achtklassigen Volksschule, einer dreijährigen Lehre und  nach einem zweieinhalbjährigen Privatunterricht  in die Obersekunda des Reformrealgymnasiums Hechingen einzutreten und 1934 die Reifeprüfung abzulegen (SchA,  Reifeprüfung 1934, „Bildungsgang“ von A. Beiter).

 Der für Hechingen 1909 gewählte Schultyp Reformrealgymnasium stand nach der Statistik der höheren öffentlichen Knabenanstalten im Land Preußen 1931/32  mit rund 200 Schulen an zweiter Stelle, hinter den altsprachlichen Gymnasien, aber vor den Oberrealschulen, Realgymnasien und Deutschen Oberschulen (Ch. Führ 1970, S. 352).

 Die Schule warb für die Republik, ihre Verfassung und ihre Farben   

 Am 29. August 1927 hatte Studiendirektor Dr. Gfrörer das Thema "Warum kann und soll die deutsche Jugend die Weimarer Reichsverfassung achten?" gewählt (JB 1928, S. 24) und ab 1927 wurden bei der Verfassungsfeier mit „allgemeiner Billigung“ durch das Lehrerkollegium in der festlich geschmückten Aula die Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold gezeigt, "um im Sinne der Bejahung des neuen Staates auf die Schüler einzuwirken" (Protokoll der LK 20.7. 1927; Protokoll der LK 22.7.1929). 1931 war sich das Kollegium darin einig, dass bei der Verfassungsfeier  "dunkler Anzug, wenn möglich Cut (großer Gesellschaftsanzug) unbedingt erforderlich ist, um den dieser Feier zukommenden Charakter auch formell zu wahren" (Protokoll der LK vom 21.7.1931). Auch das Kollegium am Gymnasium in Sigmaringen ging verantwortlich mit dem Verfassungstag um. So lautete 1928 das Thema der Festrede  „Die großen sittlichen Ideen in der Reichverfassung“  und am 13. August nahm der größte Teil der Schüler trotz der Ferien an der Reichsverfassungsfeier teil (Bericht des Staatlichen Katholischen Gymnasiums zu Sigmaringen 1929/30, S. 23). Im Gegensatz zu dieser demokratischen Tradition wurden in der preußischen Provinz Westfalen  Verfassungsfeiern von der Schulleitung oder Fachlehrern „regelmäßig bewusst unterlaufen“ (B. Hanke: Geschichtskultur an höheren Schulen  2011, S. 212). Dabei hatte der Kultusminster Becker schon 1927 in dem Erlass „Recht der freien Meinungsäußerung und politische Betätigung der Beamten“ vom 14. Januar – wie sein Vorgänger  1922 – an die Lehrter der höheren Schulen appelliert, “die Jugend für die Mitarbeit am (demokratischen) Volksstaate heranzubilden, sie zur Mitverantwortung für das Wohl des Staates zu erziehen, Staatsgesinnung zu wecken und zu pflegen“ (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1927, S. 42).

Die Akzeptanz der neuen Staatsform sollte 1930 landesweit auch dadurch gefördert werden, dass ausgewählte Gymnasien je einen Schüler als Gast der Reichsregierung zur zentralen Verfassungsfeier in Berlin schicken durften. Das Reformrealgymnasium Hechingen griff das Angebot gern auf.  Gute Schüler  erhielten jedes Jahr einen Buchpreis  z. B. 1926 die Verfassung der Vereinigten Staaten, 1931 ein Buch über den preußischen Reformer Karl Freiherr vom und zum Stein und 1932 ein Goethe-Buch (Protokoll der LK 11.11. 1926; JB 1929/30, S. 24; Bildungsgang von X. Hoch 1931 und JB 1931/32, S. 32. Zum reichhaltigen Programm der Verfassungsfeier in Berlin siehe den Lebenslauf von X. Hoch, in: Die Lichte Au 13,  1965, S. 31).

Im Jahr 1932 fand die Gedenkfeier zur Erinnerung an die Unterzeichnung der Verfassung des Deutschen Reiches am 11. August 1919 ein letztes Mal statt, verbunden mit der Goethe-Gedenkfeier (JB 1932, S. 24). In Bezug auf die Fest-, Feier- und Gedenkkultur am  Reformrealgymnasium Hechingen belegen die Quellen des Hechinger Schularchivs ab den ersten Verfassungsfeiern und weiteren Gedenkfeiern ab Mitte der Zwanzigerjahre bis 1932 ein republikfreundliches Verhalten der Schulleitung und des Kollegiums. Die würdige Gestaltung der Verfassungsfeiern ohne Misston war am Hechinger Gymnasium eine Selbstverständlichkeit. Übertragen lässt sich dieser Befund  auf eine beliebig andere der über zehn preußischen Provinzen natürlich nicht, dazu unterschieden sie sich allzu sehr in ihrer sozialen, wirtschaftlichen und konfessionellen Struktur. So kommt Barbara Hanke in ihrer Dissertation über „schulische Geschichtskultur“ in Westfalen zum Teil zu deutlich anderen Ergebnissen. In ihrer Schlussbetrachtung ist im Hinblick auf die Jahren der Weimarer zu lesen: „Die aus der Tradition der Wandervögel und Bünde übernommenen „Großen“ Studienfahrten führten vorzugsweise in Grenzgebiet, wo den Schülern die deutschen Kriegsverluste vor Augen geführt wurden; in den Kinos schaute man sich vor allem die reaktionären Preußenfilme an, und die Verfassungsfeiern wurden regelmäßig bewusst unterlaufen.“ (B. Hanke. Geschichtskultur an höheren Schulen von der Wilhelminischen Ära bis zum Zweiten Weltkrieg  Das Beispiel Westfalen.  Münster, Berlin  2011, S. 212). Auch der Vergleich der beiden höheren Schulen im Regierungsbezirk Hohenzollern in Hechingen und Sigmaringen rät davon ab, vorschnell zu verallgemeinern. 

 Aufgeschlossenheit für die Ideale der Jugendbewegung 

 In der LK-Konferenz vom 21. Oktober 1932 zeichnete der kath. Religionslehrer StR Dr. Rager - wie schon 1913 Dr. August Vezin – ein ausgesprochen positives Bild der Jugendbewegung. Die Jungendbewegung stehe für "Echtheit, Naturhaftigkeit, Einfachheit“ und kämpfe gegen den Konsum von „Rauschgiften“. In den Zwanzigerjahren sei einerseits eine „Ernüchterung“ eingetreten, andererseits habe die Schulreform die Hauptforderungen der Jugendbewegung aufgegriffen. Direktor Grförer ergänzte: Die Jugend sehne sich nach Bindung und Autorität. Ein Brief des Führers der Ortsgruppe Hechingen der deutschen Pfadfinder e. V.  Sauerbrey vom 3.9.1929, adressiert an den Direktor, zeigte, dass es Ende der Zwanzigerjahre immer noch Vorbehalte gegen die Pfadfinder gab, denn der Hechinger Pfadfinderführer sah sich offenbar in der Defensive; denn er wies darauf hin, dass die  Pfadfinder satzungsgemäß unpolitisch tätig seien und dass sie in der Liste der im Regierungsbezirks Sigmaringen anerkannten Jugendpflegevereine eingetragen seien. Als Ziel hätten sich die Pfadfinder gesetzt, „durch Turnen, Spiel, Sport und Wandern, durch Gewöhnung an Einfachheit und Abhärtung ein bürgerlich tüchtiges willensstarkes Geschlecht heranzuziehen.“ Er beendete sein Schreiben an den Schulleiter des Gymnasiums mit der Bitte, den Schülern weiterhin die Mitgliedschaft bei den deutschen Pfadfindern zu erlauben (SchA, blaue Mappe, E 7).

 In mehreren Bildungsgängen/Lebensläufen schildern  Abiturienten der Jahrgänge von 1931 bis 1936 mit Begeisterung ihre Erlebnisse und das einfache, naturnahe  Leben auf Wanderungen und  Fahrten, sei es  allein, mit Freunden oder mit den „Wandervögeln“ oder den Pfadfindern. Die Schüler erzählen  vom einfachen, schönen  Leben in der  Ortsgruppe des „Wandervogels e. V.“, von Fahrten an den Bodensee, den Federsee  und in den Schwarzwald, von der  Liebe zur Natur und vom Singen der Volks- und Fahrtenlieder. Exemplarisch sei der Oberprimaner F.  M.  zitiert, der dem  “Wandervogel“  von 1923 bis 1926 angehört hatte: „ Mit Freude denke ich zurück an das Lagerleben und das Nächtigen unter freiem Himmel, im Heu der Bauern oder in der Herberge als die schönsten Erlebnisse meiner Jugendjahre. Dem 'Wandervogel' verdanke ich auch die Enthaltung von Alkohol und Nikotin, die in dieser Bewegung streng eingehalten wurde.“  (SchA, Reifeprüfung 1931,  „Bildungsgang“ von F. M.) Eine Pfadfindergruppe fuhr zeitweise jeden Samstag ins „Landheim“  auf die Alb nach  Gruorn. Von den Pfadfindern wird zudem vereinzelt berichtet, dass sie auch den „Wehrgedanken“ gepflegt und auf „nationaler Grundlage“ gestanden hätten (SchA, Reifeprüfung 1932, „Bildungsgang“ des Abiturienten S. S.; SchA, Reifeprüfung 1935, „Bildungsgänge“ der Schüler J. und L.).

 Die Studienräte Clemens Moser und Gotthardt Liebetanz äußerten sich 1932 erstmals besorgt  über die wachsende Entfremdung zwischen Jugendlichen  und deren Eltern. Kollegen klagten darüber, „dass durch politische Jugendvereine die Klassengemeinschaft gefährdet ist." (Protokoll der LK 21.10.1932). Die damit zum Ausdruck gebrachte kritische Einstellung könnte sich auf die kleine Ortsgruppe der Hitlerjugend beziehen; denn zwei „Bildungsgange“/ Lebensläufe von 1935 bzw. 1938 berichteten, dass 1932 eine  kleine BDM-Gruppe und eine Ortsgruppe der Hitlerjugend gegründet worden sei. Die HJ-Gruppe sei aber bis Anfang 1933 auf vier Mitglieder geschrumpft (SchA, Reifeprüfungen 1935, 1936 und 1938, Lebensläufe/„Bildungsgänge“). Die Bedeutungslosigkeit der nationalsozialistischen Jugendorganisatio-nen bis Anfang 1933 dürfte der Grund dafür sein, dass diese keinen Niederschlag in den Akten fanden.

 Erzieherisches Einwirken auf das Verhalten  außerhalb der Schule

 Direktor Dr. Gfrörer hatte 1926 den Oberprimanern erlaubt, alle 14 Tage das GasthauseBrielhof zu besuchen, im Sommer von 19 bis 22 Uhr, im Winter von 17 bis 20 Uhr. Die von ihm  gewünschte Aufsicht durch einen Lehrer hatte das Kollegium wegen des "durchaus nüchternen Verhaltens der Schüler" jedoch für unnötig gehalten. Die Erlaubnis, am Samstag ein Gasthaus (Brielhof, Lamm oder Löwen) zu besuchen, wurde 1928 und 1929 erneuert. Theaterbesuche bedurften grundsätzlich einer Genehmigung der Schule. In Bezug auf den Kinobesuch drückten die Lehrer 1929 die Erwartung aus, dass die Schüler  „ohne Begleitung ihrer Eltern das Kino nicht besuchen, es sei denn, dass eine Veranstaltung besonders für die Schüler empfohlen wird.“  (Protokoll der LK  22. 6. 1926, 20.4.1928 und 7.3., 7.5., 31.5. und 9.9.1929).

 Anfang der Dreißigerjahre beschäftigte sich eine Lehrerkonferenz wieder mit dem  Kampf gegen den Alkoholmissbrauch und  das Rauchen.  Die beiden Studienräte Dr. Rager und  Liebetanz informierten das Kollegium in der Konferenz vom 27. Juni 1932 über die Gefahren des Alkohols und des Nikotins und empfahlen eine „alkoholfreie Gestaltung von Schulfeiern“. Abschließend  verwiesen sie auf das Prinzip „Mäßigkeit“ bzw. auf eine alkoholfeie Erziehung als „höchstem Ziel“. StR Faßbender führte aus, dass seit Jahren im Biologieunterricht  die Schädlichkeit des Alkoholkonsums besprochen werde und „dass auf die Abiturienten eingewirkt wurde, auf die Kneipereien unter Leitung von Studenten zu verzichten“. Früher sei auch eine ärztliche Belehrung über Alkohol und Geschlechtskrankheiten erfolgt. Ein Kollege wies darauf hin, „dass vor allem die Schüler auf dem Lande zu betreuen seien.“ (Protokoll der LK vom  27.6.1932, S. 185-186; siehe auch JB 1926, S. 11 und die Anweisung des Kultusministerium „Alkoholfreie Jugenderziehung vom 30.6.1928 im Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1928, S. 244).   

 In den beiden Sitzungen des Elternbeirats im Krisenjahr 1932 stand neben "Berufsnot und Berufsberatung, Schülerauslese, Werkhalbjahr der Abiturienten, Schülerbücherei und Hilfsbücherei" zum ersten Mal auch das Problem "Schule und Politik" auf der Tagesordnung (JB 1932/33, S. 21; SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930). Den Schulleitern war die Zusammenarbeit mit den Eltern immer ein wichtiges Anliegen. Grundsätzliche Erziehungsprobleme wie Jugendschutz und Kinobesuch,  Ausgehverhalten, Teilnahme an Faschingsveranstaltungen und Verbot der Teilnahme an abendlichen Fastnachtsveranstaltungen wurden in den Zwanzigerjahren  in den Lehrerkonferenzen, aber immer wieder auch in Sitzungen des Elternbeirats bzw.  Elternversammlungen beraten. Einvernehmliche Lösungen wurden fast immer gefunden (Schreiben des Landrats an den Schulrat Dr. Miller/Vorsitzenden des Elternbeirats  vom 28.5.1929; SchA, Mappe Elternbeirat 1918-1931; Jahresberichte; Protokoll der LK 28.1.1929). Orientierung boten dabei auch die Polizeiverordnungen des Sigmaringer Regierungspräsidenten vom 12.3.1913 und 24.2.1923 sowie ab Ende 1929 der § 4 und der § 6 der neuen Polizeiverordnung vom 20.11.1928/15.5.1929 (SchA, blaue Mappe E 7).

1932 veröffentlichte das Kultusministerium das Muster einer Schulordnung für die öffentlichen und mittleren Schulen (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1932, Erlass des Kultusministers vom 15.4.1932, S. 134-139). Am 14.  Juli 1932 teilte der Hechinger Schulleiter dem Provinzialschul-kollegium mit: „Die vom Herrn Minister erlassene Schulordnung ist ohne Abänderung eingeführt worden.“ (Ordner A I, 1) In Bezug auf das Verhalten der Schüler und Schülerinnen außerhalb der Schule hob die Schulordnung von 1932 das Aufsichtsrecht der Eltern hervor. In § 19 hieß es: „Für den Bereich von Gasthäusern, Theater-  und Lichtspielvorstellungen, Konzerten, Gerichtsverhandlungen, Versammlungen und dergleichen durch Schüler tragen die Erziehungsberechtigten die Verantwortung; die Schule behält sich vor in besonderen Fällen einschränkende Bestimmungen zu treffen.“ In Hechingen hatte sich das Kollegium diesbezüglich bereits 1926 entschlossen, den Schülern  „das Tragen von Gesichtsmasken“ an Fastnacht zu verbieten (Protokoll der LK 11.11.1926). 1929 wurde dieses Verbot vom Lehrerkollegium und der Elternversammlung bzw. dem Elternbeirat wie folgt ergänzt: Die Besuchserlaubnis von Fastnachtsveranstaltungen durch Oberstufenschüler gilt nur für  geschlossene Veranstaltungen von Vereinen und nur in Begleitung der Eltern bis 24 Uhr; die aktive Beteiligung an Aufführungen ist verboten (SchA, Protokoll für  den Elternbeirat 1919-1930, Sitzung vom 11.10.1929).

Den Kinobesuch überwachten in Hechingen, wie einem Schreiben des Landrats an den besorgten Direktor Dr. Gfrörer zu entnehmen ist, ständig ein Polizei- und Landjägerbeamte. Bei nicht jugendfreien Filmen mussten die beiden Ordnungskräfte Jugendliche wiederholt aus dem Kinosaal weisen (Mappe Elternbeirat 1919-1929, Schreiben des Landrats Schraermeyer vom 28. Mai 1929). Der Theaterbesuch wurde 1929 wie folgt reglementiert: „Das Theater dürfen die Schüler allein nur nach Empfehlung seitens der Schule besuchen . . . Das Lehrerkollegium erwartet, dass die Schüler ohne Begleitung ihrer Eltern das Kino nicht besuchen, es sei denn, dass eine Vorstellung besonders . . . empfohlen wird." (Protokoll der LK vom 7.5., 9.9. und 11.10. 1929; SchA, Protokolle für den Elternbeirat 1919-1930, 11.10.1929; vgl. JB 1911/12, Erlass vom 8.3.1912 betr. Besuch des "Kinematographentheaters"; das restriktive Reichsgesetz zum Schutz der Jugend vor den Gefahren des Kinobesuchs von 1920 (Reichsgesetzblatt, Gesetz vom 12.5.1920, S. 953) hatte das Kultusministerium  am 2.9.1931 aufgehoben (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1931, S. 263). Die Reserviertheit des Gymnasiums gegenüber außerschulischen Vereinen war um 1930 nicht mehr so ausgeprägt wie früher. So wollten das Kollegium und der Direktor  nicht mehr allein, sondern nun im Einvernehmen mit dem Elternbeirat über die erbetene Genehmigung entscheiden, den Schülern zu erlauben,  „als Jugendmitglieder (eines Hechinger Fußballclubs) aktiv zu werden“ (Schreiben von W. Maier/ Fußballgesellschaft Hechingen 1909 e.V. an den Direktor vom 9. Oktober 1929, in: blauer Ordner E 7).

 Ein Konferenzbeschluss von 1929 bestätigte die traditionelle Reglementierung der abendlichen Ausgehzeit der Schüler wie folgt:  Von Ostern bis 1. September endet die Ausgehzeit bei Dunkelheit spätestens um  21 Uhr, vom September bis Ostern um 19 Uhr.  Die Schule orientierte sich an der Polizeiverordnung, die den Jugendlichen unter 17 Jahren  den Besuch von Wirtshäusern und Tanzveranstaltungen nicht gestattete. Die Klassenlehrer sollten stichprobenartig die den Schülern erlaubten Gasthäuser kontrollieren (Protokoll der LK vom 31.5.1929 und vom 11.10.1929).

 Das Züchtigungsrecht regelte die Schulordnung von 1932 nicht; damit galt aufgrund des Konferenzbeschlusses vom 25. Februar 1927 folgende Praxis weiter: Körperliche Züchtigung soll „im Wesentlichen auf die Unterstufe“ beschränkt werden und ist „nur als Strafe für offene Widersetzlichkeit und für Rohheit auf der Unter- und Mittelstufe“ erlaubt (SchA, blaue Mappe E 1, Antwort des Direktors Dr. Gfrörer vom 10.3.1927 auf einen Fragekatalog des Provinzialschulkollegiums betr. die Zulässigkeit der körperlichen Züchtigung vom 5.2.1927; Protokoll der LK vom 25.2.1927). In dieser Konferenz fand sich zwar keine Mehrheit für ein grundsätzliches Verbot der körperlichen Züchtigung, die Lehrer sprachen sich allerdings dafür aus, dass die Schulen grundsätzlich das Recht erhalten sollten, endgültig oder für einen begrenzten Zeitraum auf das Züchtigungsrecht zu verzichten.

 In Anbetracht der Wirtschafts- und Bankenkrise und der politischen Radikalisierung, vor allem des offenen Kampfes der NSDAP und der Kommunistischen Partei gegen die Demokratie und deren Grundwerte, sollten die höheren Schulen ihre Schüler vor staatsfeindlichen Aktivitäten warnen. Im § 19 der Hechinger Schulordnung stand unmissverständlich: „Es ist . . . den Schülern untersagt, solchen Vereinigungen anzugehören und an ihren Veranstaltungen teilzunehmen, die sich nach ihren Satzungen oder nach ihrer Betätigung gegen den Staat und die geltende Staatsform richten, seine Einrichtungen bekämpfen, . . . die verfassungsmäßigen Grundrechte der Deutschen missachten, Glieder der deutschen Volksgemeinschaft ihrer Abkunft, ihres Glaubens oder ihres Bekenntnisses wegen bekämpfen. “ (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1932, 15.4. 1932, S. 137-138)

 Schüler- und Jugendvereine

 In den Akten der Schulleitung und in den Protokollen der Lehrerkonferenzen und der Sitzungen des Elternbeirats finden sich bis Ende 1931 keine Hinweise auf die Mitgliedschaft von Schülerinnen und Schülern in rechts- oder linksradikalen Jugendorganisationen. In folgenden Schüler-  bzw. Jugend-Vereinen waren Schüler bzw. Schülerinnen des Reformrealgymnasiums aktiv: im beliebten Schüler-Turn- und Sportverein (Untertertia bis Oberprima) mit einer eigenen Fußballabteilung, in der Pfadfindergruppe,  in der Ortsgruppe des „Wandervogels e. V.“, im kath. Borromäus-verein, im ev. Jünglingsverein,  in der kath. Quickborn-Wandergruppe, im Schützenverein, im Musik- und Gefallenenverein, in der deutschen Turnerschaft, in der Hechinger „Fußballgesellschaft 1909“,  in der Fliegergruppe und in der im September 1932 gegründeten Ortsgruppe „Neudeutschland“ (JB 1922, S. 17; Protokoll der LK 22.10.1923; JB 1924, S. 29; JB 1925, S. 12-13; JB 1926/27, S. 18-19; JB 1928/29, S. 16; JB 1929/30, S. 16; JB 1931/32, S. 27; JB 1932/33, S. 20; Protokoll der LK 9.9.1929 und 21.10.1932).  1932 diskutierte das Kollegium über die Gründung einer Schülergruppe des  Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA), hatte doch ein Erlass des Kultusministeriums vom 23.8.1930 die Ziele des Vereins, die Erhaltung des deutschen Schullebens im Ausland und die Förderung des Verständnisses für die Bedeutung des Deutschtums im Ausland, als förderwürdig befunden (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1930, S. 279-280). Das Kollegium verschob aber die Gründung; denn der Religionslehrer Dr. Joseph Rager hatte erst im September 1932 eine Ortsgruppe des Verbandes katholische Schüler höherer  Lehranstalten, eine „Neudeutschland“-Gruppe, gegründet. Die 40 Schüler der ND-Gruppe veranstalteten Heimabende, Geländespiele und Wanderungen.  Ihre Ziele seien "Natürlichkeit, Wahrhaftigkeit, Frömmigkeit und Vaterlandsliebe" (JB 1932/33, S. 20). Im Unterschied  zum altsprachlichen Gymnasium Sigmaringen erfolgte die Gründung dieser kath. Jugendgruppe recht spät, denn in Sigmaringen war ein Neudeutschland-Schülerverein bereits 1921 vom Religionslehrer StR Dr. Waldner ins Leben gerufen worden. Die  bis rund 100 Mitglieder des Schülervereins hatten dort in den Zwanzigerjahren eine sehr rege Vereinsaktivität entfaltet (JB des staatlichen katholischen Gymnasiums zu Sigmaringen 1924/25, S. 12 und 1927/28, S. 20).

 Die seit 1920 üblichen monatlichen Wanderungen wurden Ende der Zwanzigerjahre im Sinne der Schulreform unter dem Aspekt Förderung des Arbeitsunterrichts und der Heimatkunde vor- und nachbereitet.Es gab nun einen Wanderausschuss, einen Wanderobmann, einen Wanderplan, eine gemeinsame Vorbereitung in der Klasse und  eine Sammlung der  Wanderberichte (JB 1928, S.18). 1929 fasste das Kollegium folgenden Beschluss: „Für die Wandertage etc. wird für jede Klasse ein Liederkanon aufgestellt.“ Die Deutschlehrer sollten die Texte in den einzelnen Klassen lernen lassen (Protokoll der LK vom 7. Mai 1929).

 In den Pfingst- oder Sommerferien machte der seit 1910 gegründete Spiel- und Turnverein (O I bis U III) seine mehrtägigen Jahreswanderungen. Im Juli 1932 organisierten z. B. die beiden Primen (Klasse 12 und 13) unter Führung von Direktor Dr. Schmitt und von zwei weiteren Lehrern eine viertägige Wander- und Radtour in den Schwarzwald, und in den Sommerferien "ging's zu Rad an den Bodensee, wo bei gemeinsamem Zelt, Kochtopf und Geldbeutel sechs frohe Tage verbracht wurden" (JB 1932/33, S. 20).  Am 21. April 1934 musste sich der Verein auf Druck der HJ auflösen (JB 1934).

Erzieherische Arbeit in einer sozial und politisch gespaltenen Gesellschaft

 In den Philosophie- und Religions-Arbeitsgemeinschaften vom Schuljahr 1928/29 bis 1931/32 beschäftigten sich kleine Schülergruppen intensiv mit  unterschiedlichen  philosophischen und gesellschaftspolitischen Anschauungen und Theorien. In der Philosophie-Arbeitsgemeinschaft lasen sie  im Schuljahr 1928/29 das Kommunistische Manifest von Karl Marx und das Buch „Die soziale Frage – eine sittliche Frage“ des Philosophen Theobald Ziegler, im Schuljahr 1929/30 Philosophen der Antike von Aristoteles bis Marc Aurel und im Schuljahr 1931/32 zum Thema "Der Einzelne und die Gemeinschaft" Texte von Max Stirner, Ludwig Gumplowicz, Ottmar Spann und Theodor Litt. In der Religions-Arbeitsgemeinschaft  beschäftigten sich die Schüler mit dem Lebenslauf und den Vorschlägen des Bischofs von Ketteler und anderer christlicher Sozialreformer  (JB 1928/29, S. 11; JB 1931/32, S. 19). Oberprimaner konnten sich in ihrem Hausaufsatz bei Dr.  Widmaier  mit den gesellschaftspolitischen Vorstellungen der deutschen Frauenrechtlerin, Sozialdemokratin und Schriftstellerin Lily Braun an Hand ihres autobiographischen Romans "Memoiren einer Sozialistin" auseinandersetzen (Protokoll der LK 4.12.1929.; JB 1931/32, S. 9; SchA, Reifeprüfung 1932, „Bildungsgang“  von W., S. 14). Um die Schüler für die Bedeutung der soziale Fragen in ihrer eigenen Umwelt zu sensibilisieren, besuchten Schüler im Rahmen der Geschichts-AG  eine Schuhfabrik und das Hechinger Gefängnis (SchA, Reifeprüfung 1932, „Bildungsgang“ von W., S. 12).

Orientierung boten Erlasse der preußischen Kultusminister/Regierungen, gelebte religiöse Praxis, die Mitgliedschaft in demokratischen Parteien und Berufsverbänden und in kirchlichen Vereinen/Verbänden.

 So  konnten Mitglieder des Philologenverbandes 1931 in ihrem Verbands-Blatt lesen, dass sich Kultusminster Grimme in der Sitzung des Preußischen Land-tags am 17. März 1931 wie schon Minister Boelitz 1922 engagiert für einen wehrhaften Staat eingesetzt und dass er es für völlig ausgeschlossen hält, „dass der National-sozialistische Schülerbund . . .  ungehindert jene aufhetzende Wühlarbeit (gegen jüdische Lehrer sowie konfessionelle und bündische Jugendverbänsde)  in den Schulen fortsetzen kann, die nicht politische Bildung, sondern Erziehung zum Vorurteil gegenüber dem Träger jeder abweichenden Meinung bezweckt.“  (Deutsches Philologen-Blatt  Heft 12, 1931, S. 187) https://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PID=ZDB027061086_0040|LOG_0112&physid=PHYS_0204#navi. Eingesehen 25.3.2017). Hinweise auf den Versuch, am Hechinger Gymnasium einen NS-Schülerbund zu gründen, sind im Archiv nicht zu finden. Auch der Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) konnte vor der NS-Machtergreifung am Hechinger Gymnasium nicht Fuß fassen.

 Die größte Anziehungskraft für die Lehrer an höheren Schulen besaß offenbar der 1903 in Halle gegründete Deutsche Philologenverband, der Vorgänger des heutigen Deutschen Philologenverbandes. Er vertrat die berufs- und bildungspolitischen Interessen der Lehrer an höheren Schulen. Das Hechinger Gymnasium bezog offenbar schon im Kaiserreich das Deutsche Philologen-Blatt (Zwei Exemplare sind in der Lehrerbücherei noch archiviert). 1920 hatte der Philologenverband  die „Einheitsschulbestrebungen zu Gunsten eines begabungsgerechten, gegliederten Schulwesens“ mit Erfolg zurückweisen können (http://www.dphv.de/organisation/portrait.html, 10.01. 2016). Die Aktivitäten des Philologenvereins wurden von der Schulverwaltung offenbar wertgeschätzt, denn 1926 erhielt der Studienrat Dr. Vezin drei Tage Urlaub, um an der Rheinischen Philologentagung in Koblenz teilnehmen zu können (JB 1927, S. 23),  1931 folgte das Lehrerkollegium der Einladung des Philologenverein (Gau Reutlingen) zu seiner Herbsttagung in Hechingen(JB 1931/32, S. 33) und im Juli desselben Jahres wurde Studienrat Adolf Steidle sogar fünf Tage beurlaubt, um als Schulvertreter  an der Philologentagung in Bonn teilnehmen zu können (JB 1931/32, S. 23). Anhand eines  im folgenden Jahr im  Philologen-Blatt veröffentlichter Berichtes über die erste Reichstagung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) konnte sich jeder Leser selbst ein Bild über die Gefahren machen, die dem deutschen freiheitlichen Bildungswesen drohten. Prof. Ernst  Krieck, Mitglied der NSDAP und des NSLB, distanzierte sich dort wie folgt von einem humanistischen, liberalen Bildungsideal: „So richtet sich die Parole 'Pestalozzi, Fichte, Hitler' gegen alle modernen Intellektualisten, ohne dass damit der Wert wissenschaftlicher Forschungsarbeit geleugnet werden soll. Der Intellekt soll zum Diener werden für die kategorischen Imperative Pflicht, Wahrheit, Vaterland, Charakter und Sittlichkeit. . . Das Ziel ist nicht der Einzelne, nicht der humane Mensch, sondern das Volksganze.“ (Philologen-Blatt  1932  , Heft 19/20, 1932, S. 216-217. https://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PID=ZDB027061086_0041%7CLOG_0143. Eingesehen: 21-03.2017)

 Der Erlass des Kultusministers Grimme vom 22.12. 1930 ersetzte die allgemeinen Urteile in den Schulzeugnissen über Betragen, Fleiß  und Aufmerksam-keit durch eine intensive, zeitnahe Elternberatung vor. Grundlage hierfür sollten zwei zusätzliche Klassenkonferenzen  sein, die Schülerbeurteilungen  anhand folgender Kriterien erarbeiten sollten: körperliche und geistige Entwicklung der Schüler, aber auch  häuslichen Verhältnisse, Verhalten innerhalb und außerhalb der Schule,  Stellung in der Klassengemeinschaft,  Arbeitsweise im Arbeitsunterricht, bei der Gruppenarbeit und der häuslichen Arbeit,  besonderen Neigungen und Begabungen,  Verhalten bei Spiel und Wanderung und im Schullandheim (SchA, blauer Ordner E 10).

Für zahlreiche Lehrer lässt sich die Frage nach ihrer Parteipräferenz bzw.  Mitgliedschaft  in einer politischen Partei  klären.  Studiendirektor Dr. Schmitt und die Studienräte Clemens Moser, Dr. Rager und Steidle waren viele Jahre Mitglieder der demokratischen katholischen Zentrumspartei. Vier Kollegen bekannten sich zum demokratischen „Reichsbund Schwarz-Rot-Gold“ (Personalakten, Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933).  Der Mehrheit des Kollegiums war eine auch mit ihren Schülern gelebte christliche Praxis ein Anliegen, wie der Umgang mit dem das Thema „Schülergottesdienst“ zeigt. In dieselbe Richtung weist die Absichtserklärung des Kollegiums 1929, dass „bei den Weihnachtsfeiern . . . der katholische und der evangelische Religionslehrer der Anstalt jährlich abwechselnd bei der Weihnachtsfeier das Weihnachtsevangelium vorlesen und eine kleine Ansprache halten“ soll (Protokoll der LK  1929, S. 25-26). Bei der ersten Weihnachtsfeier 1929 sprach der katholische Religionslehrer/ Stadtpfarrer Fischer über den Sinn des Festes und die Bedeutung von Krippe und Kreuz (JB 1930, S. 25-26) Bei der Ansprache des Dirketors Dr. Gfrörer stoßen wir auf einen anderen Aspekt: die Hervorhebung der Begriffe Innerlichkeit und Gemüt und die Vorstellung eines typisch deutschen Volkscharakters als Identitätsmuster. Direktor Gfrörer gab zu bedenken: „In unserer materiellen Zeit gelte es ganz besonders, die inneren Werte, die Gemütswerte als wahre Kulturwerte zu retten und das Weihnachtsfest, das Fest der Liebe, zur seelischen Aufwärtsführung unseres leidenden Volkes und unserer bedrohten Jugend auszuschöpfen . . . (und) „echt christliche Weihnacht mit unserer nach Wahrheit dürstenden Jugend zu feiern, die alten schlichten deutschen Weihnachtslieder anzustimmen, den Tannenbaum, das ewig junge Symbol tiefdeutschen Gemütes, aufzupflanzen, die sinnigen deutschen Weihnachtsspiele . . . wieder erstehen zu lassen, alles das sei wahre Erziehung.“ (Hervorhebung durch den Verfasser. Siehe auch die Aufsatzthemen der Oberprima im Schuljahr 1932/33 zu: „Bertram: Der Deutsche ist nicht, er wird.“ und „Wölfflin: Italienisches und deutsches Formgefühl“, in: JB 1932/33, S. 7)

Dem Bund der freien Schulgesellschaften Deutschlands  gehörten der kath. Religions- und Lateinlehrer Dr. Josef Rager,  der evangelische Religions-, Englisch- und Französischlehrer StR Gotthardt Liebetanz, StR Adolf Steidle, StR Karl Kuhn und StR Heinrich Faßbender waren Mitglied. Dieser „Bund“ war ein reformpädagogisch orientierter Verein, der sich u. a. für Mitbestimmung und Koedukation sowie für eine weltliche Schule einsetzte. Diese fünf Lehrer waren bis 1933 auch Mitglieder in der Eisernen Front (SchA, Personalakten, Personalbogen von 1933 Dr. Rager,  Liebetanz und Steidle, Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933). Diese Ende 1931 gegründete Republikschutz-Organisation, ein Zusammenschluss der SPD, der Gewerkschaften und  des Reichsbanners, war eine Nachfolgeorganisation des demokratischen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Ihr Emblem waren drei rote Pfeile. Sie standen für die politische, wirtschaftliche und physische Macht der Arbeiterklasse bzw. für den Kampf gegen ihre drei Gegner: die Nazis, Kommunisten und Monarchisten.   

 Die Lehrer am Hechinger Gymnasium  bemühten sich immer wieder, ihren Schülern Respekt für die Weimarer Verfassung zu vermitteln und vorzuleben. Sie hatten die Aufforderung des Kultusministers Boelitz von 1922 ernst genommen: „Die Gewissenskonflikte weiter Jugendkreise und die Erschütterungen ihrer Gefühlswelt sollten durch verständnisvolle Erziehung zum lebendigen Staatsgefühl, zum freiwilligen Gehorsam gegen das . . . Staatsgesetz, zur freien Achtung vor der Republik überwunden werden.“ (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1922, Erlass vom  4.8.1922, S. 364-365)

 Schüler auf der Suche nach Orientierung  in einer krisengeschüttelten Zeit

 Die Berufsberatung der Oberstufe war am Ende der Weimarer Republik angesichts der Wirtschaftskrise und der Millionen von Arbeitslosen ein großes Anliegen des Gymnasiums. Ein eigener Lehrer sorgte für Beratungsgespräche und war für die Beschaffung geeigneter Literatur zuständig. Direktor Dr. Schmitt nahm Kontakt zu Betrieben des Bezirks auf und hielt in dem Jahresbericht von 1931/32 (S. 29) fest: „Eine geregelte Zusammenarbeit der Schule mit dem zuständigen Arbeitsamt ist nunmehr angebahnt.“

 Eine Auswertung der „Bildungsgänge“ der Abiturjahrgänge 1928/29 bis 1932/33 ergibt in Bezug auf die beruflichen Vorstellungen folgendes Bild: Bis 1930/31 trafen alle - bis auf eine Ausnahme – ihre Berufswahl nach Begabung und  Neigung. Erst am Ende des Schuljahrs 1931/32  sahen vier von zehn Oberprimanern, also 40 %,  ihre Berufswahl durch die Wirtschafts-, Banken- und Staatskrise erheblich beeinträchtigt, d. h.  sie mussten wegen der eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern auf eine „erschwingliche“ Alternative ausweichen, sei es z. B. auf  die mittlere Beamtenlaufbahn oder auf den Kaufmannsberuf.  Für die Mehrheit der Oberprimaner des folgenden Schuljahres 1932/33 blieben für sieben von elf, also für  64 %,  Lieblingsberuf oder Studium unerreichbar. Ein Schüler überlegte, ob er sich zum im Juni 1931 von der Reichregierung eingerichteten  „Freiwilligen Arbeitsdienst“  melden solle, um seinen Eltern nicht mehr zur Last zu fallen (SchA, Reifeprüfungen, „Bildungsgänge“). Diesen Arbeitsdienst (FAD) hatte die Reichsregierung durch die Notverordnung vom 5. Juni 1931 zur Linderung der Folgen der Arbeitslosigkeit ins Leben gerufen. Im 1932 wurde der FAD ausgedehnt, „sodass faktisch alle Jugendliche bis zum Alter von 25 Jahren zur Zielgruppe wurden“ (A. Kraas 2004. S. 27). Dadurch stieg die Zahl der Arbeitsdienstwilligen auf über 100 000.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Schüler sich für gesellschaftskritische Schriftsteller des französischen und deutschen Naturalismus (genannt werden Emil Zola, Gerhard Hauptmann) und für Tolstoi interessierten, dass sich Schüler intensiv mit dem Beitrag der katholischen Kirche zur Lösung der sozialen Frage beschäftigten, die Tageszeitung - selten Rund funksendungen -  als wichtige Informationsquelle nutzten und dass sie in ihren Reiseeindrücken nicht nur vom Glanz der Großstädte (genannt werden München oder Hamburg), sondern auch von den  „armseligen, grauen Mietskasernen“ in den Armenvierteln berichteten. Ein Schüler versuchte, sich den Verlauf der Geschichte mit Hilfe der Klassengegensätze zu erklären. Kein Schüler zeigte Sympathien  für eine rechtsradikale, rassistische, antisemitische  oder/und den Krieg verherrlichendePartei (Vgl. dagegen Hans Mayer „Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen“, zitiert in: E. B. Schmitz: Die Geschichte des Schiller-Gymnasiums Köln 1898-2011. Köln 2012, S. 47. Mayer erinnert sich an sechs ungetrübte Jahre bis zum „Einjährigen-Kommers“ 1922, bei dem Klassenkameraden das Sturmlied „Hakenkreuz am Stahlhelm“ der Brigade Ehrhardt bzw. der SA anstimmten.)

 Einige Schüler beschäftigen sich kritisch mit der ab 1930 einsetzenden politischen Radikalisierung am rechten und linken Rand der Parteienlandschaft. Ein politisch interessierter Schüler aus wohlhabendem Hause zeigt sich Ende 1932 besorgt wegen der zunehmenden Radikalisierung der Jugend. Er selbst lehnte wegen seiner religiösen Orientierung den Rechts- und den Linksextremismus ab, sprach von „schlimmen Zeiten“.  Ein anderer Abiturient, der  Kriegsbücher und –literatur gelesen hatte, drückte seine Abscheu vor dem „Wilhelminischen Imperialismus und Hurrapatriotismus“ aus (SchA, Reifeprüfungen 1933,  „Bildungsgänge“ vom 30.11. 1932, Schüler E. und S.).

 Ein Abiturient, wohnhaft in Hechingen und ausnahmsweise aus einer Arbeiterfamilie stammend, berichtete in seinem ausführlichen Lebenslauf/ „Bildungsgang“ vom 30.11.1931, wie sein Vater ihn schon im Grundschulalter auf  Versammlungen des katholischen Arbeitervereins mitgenommen hatte. Dort habe er beeindruckende Reden und Gespräche über die Armut und Ausbeutung der Arbeiter gehört. Kein Wunder, dass ihn die ungelöste soziale Frage sehr interessierte. Auf die Brisanz der Krise stieß er auch im Unterricht, bei der Studienfahrt nach München und bei der  „Hauslektüre“. Sein privater Lektüre-Kanon war breit gefächert und enthielt neben Werken von Karl May, Mörike, Gottfried Keller auch die anspruchsvollen Romane „Buddenbrooks“  von Thomas Mann und „Auferstehung“ von Lew Tolstoi.  Überzeugende Antworten auf die soziale Frage gaben dem  Abiturienten aber nicht sozialistische Redner, sondern der katholische Sozialreformer, Politiker und Bischof  W. E. Freiherr von Ketteler. Dieser Schüler beschreibt auch, wie er sich eine persönliche Meinung über das Kriegsgeschehen der Jahre 1914 bis 1918 gebildet hat.  Eine wichtige Rolle habe dabei das Buch von E. M. Remarque „Im Westen nichts Neues“ und dessen Verfilmung gespielt. Die  „grausame Wirklichkeit“ des Krieges hat bei ihm keinen Platz für nationales Pathos und heroische Verklärung zugelassen. Ein gutes Licht auf die Bildungsarbeit des Gymnasiums wirft seine Bemerkung, dass ihm sein Deutschlehrer das Buch „Im Westen nichts Neues“ empfohlen habe.

 Das große Interesse mancher Hechinger Abiturienten für politische, weltanschauliche und/oder wirtschaftliche Fragen ist vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, der zunehmenden Massenarbeitslosigkeit und einer maßlosen politischen Radikalisierung zu sehen. Ein Vergleich der Ergebnisse der Reichstagswahlen im Regierungsbezirk Hohenzollern und im Kreis Hechingen vom 14. September 1930  mit den Ergebnissen vom 5. März 1933 zeigen sehr deutliche Gewinne der NSDAP. Die katholische Zentrumspartei konnte im Reg.-Bezirk Hohenzollern mit 47 % immerhin noch einmal den ersten Platz verteidigen. Im Kreis Hechingen gewann jedoch die NSDAP mit 43,4 % die meisten Stimmen,  im gesamten Reich verfehlte sie mit 43,9 % aber die absolute Mehrheit, konnte aber mit dem Kampfbund Schwarz-Rot-Gold (einem Zusammenschluss von DNVP, Stahlhelm und Landbund) eine Regierungskoalition bilden (Kallenberg, Fritz: Hohenzollern. Stuttgart 1996, S. 282). Bei den Wahlen zum Kommunallandtag im preußischen Regierungsbezirk Hohenzollern (Sigmaringen) gelang es der kath. Zentrumspartei, mit 50,2 % der Stimmen noch einmal als Sieger hervorzugehen und die NSDAP mit 38,1 % auf den zweiten Platz zu verweisen (https://de.wikipedia.org/wiki/Ergebnisse_der_Provinziallandtagswahlen_in_Preu%C3%9Fen#Hohenzollernsche_Lande. Eingesehen 25.3.2017). Die Errichtung einer totalitären Diktatur schritt jedoch schnell voran und bei der nächsten Wahl im November 1933 stand nur noch eine Partei, die NSDAP, auf dem Stimmzettel.

 Wie zu Beginn der Zwanzigerjahre  kämpften das Kultusministerium, die Schulbehörden und betroffene Schulen gegen verfassungsfeindliche extremistische Schüler- und Jugendorganisationen sowie einzelne Lehrer und den NSLB, die den Schulfrieden störten. Die Anordnung des Kultusministers vom 14. November 1919, dass sich die Lehrer jeder politischen Beeinflussung der Schüler  und dass sich die Schüler innerhalb der Schule aller „politischen Streitigkeiten“ zu enthalten haben, hatte bis zum Ende der Republik Anfang 1933 nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Davon betroffen war nicht das Gymnasium in Hechingen, aber zahlreiche große Städte. Die vorgesetzten Schulbehörden in den Provinzen und das Kultusministerium waren deshalb bemüht, durch Erlasse und Verfügungen die Schulen vor „unfruchtbarem Zwist“ und „tiefgreifenden Störungen“ zu bewahren, hatten die Lehrer zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet,  den Schülern und Schülerinnen jede Missachtung der Reichsfarben und die Zugehörigkeit zu Vereinen untersagt, die sich gegen die geltende republikanische Staatsform richten. Schüler und Lehrer wurden an die Anordnung erinnert, in der Schule und bei schulischen Unternehmungen keine politischen Abzeichen zu tragen (Erlass des Kultusministers „Fernhaltung der  Politik von der Schule“ vom 14.11.1919, in: Zentralblatt 1919, S. 668-669 und Zentralblatt 1926, S. 279-280; Protokoll der LK vom 25/26.5.1925 und 8.9.1925; JB 1926, S. 12 und S. 19). Auch in dem vom Kultusminister am 15. April 1932 veröffentlichten Muster einer Schulordnung wurden Schüler in § 17 angewiesen, „jede parteipolitische Betätigung in der Schule und bei deren Veranstaltungen zu unterlassen.“ (Zentralblatt der gesamten Unterrichtsverwaltung 1932, S. 137)

 Referendarausbildung

 Wie im Kaiserreich (JB 1911, S. 17) und im Dritten Reich  wurden dem Hechinger Reformrealgymnasium immer wieder Referendare im ersten bzw. zweiten Ausbildungsjahr überwiesen. Das Protokollbuch der pädagogischen Sitzungen1919/20 vermittelt einen Einblick in die Ausbildung. Wichtige  Themen waren u. a. die Geschichte der Pädagogik, der Neuhumanismus und  das "griechische Bildungsideal einer reinen Menschlichkeit (Herder, Lessing, Goethe, Schiller)". In Deutsch standen  auch Heine, Grillparzer und  Ibsen auf dem Lektürekanon (SchA, Protokolle der päd. Sitzungen 1919/20, Leitung Dr. August Vezin). Im Schuljahr 1924/25 verbrachte sogar ein Zeichenlehramtskandidat- der Kunstmaler  Erwin Bowien - das praktische Vorbereitungsjahr am Hechinger Reformrealgymnasium.Anschließend unterrichtete er an einem Gymnasium in Solingen, bis er 1932 infolge der Brüningschen Notverordnungen entlassen wurde. 1943 musste er, ein überzeugter Pazifist, untertauchen und überlebt als Gelegenheitsmaler anonym in dem Allgäuer Dorf Kreuzthal-Eisenbach  (http://www.erwin-bowien.de/vita01.htm;  http://www.erwin-bowien.de/mitteil/Nr.32..Februar2012.pdf. Eingesehen 21.4.2017; JB 1924/25, S, 8;). Im letzen Jahr der Weimarer Republik, im Schuljahr 1932/33, wurde Hechingen vom Provinzialschulkollegium Koblenz die erste Referendarin Eva B. zugewiesen. Ab 1. Oktober 1932 verbrachte sie hier ihr erstes Ausbildungsjahr; betreut wurde sie vom Direktor und zwei Studienräten (JB 1932/33, S. 1 und 16). 1939 wurde die Assessorin wegen ihrer Eheschließung ein Opfer der NS-Rassengesetzgebung und aus dem Schuldienst entlassen (Siehe JB 1939/40, S. 8 und Eintrag zu 1939/40).

 

Hinweis zu den Quellen- und Literaturangaben:

 Quellen- und Literaturangaben stehen in Klammern. Angegeben werden im laufenden Text in der Regel der Autor bzw. Herausgeber, das Erscheinungsjahr und die Seitenangabe.  Folgender Pfad führt  zum ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis.

 http://www.gymnasium-hechingen.de/

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