Das Reformrealgymnasium im Kaiserreich von 1909 bis 1918

Autor: Dr. Gunter Tietz

2.1  Umzug in das neue Schulgebäude, zügige Umsetzung der Lehrpläne der Oberstufe, erste Reifeprüfung 1912, Festkultur in Schule und Stadt mit patriotischem und monarchischem Identitätsangebot, neue Akzente im Schulleben

1909

„In der Erinnerung taucht ein sonniger Septembermorgen des Jahres 1909 auf, da einige dreißig muntere, neun und zehn Jahre alte Bürschchen, stolz auf ihre neuen leuchtend roten Mützen, in das soeben fertig-gestellte neue Gebäude des Kgl. Preußischen Reformrealgymnasiums auf der Lichtnau einzogen. . . Die Aufnahmeprüfung hatten sie (die Sextaner) noch im alten Realschulgebäude in der Neustraße, dem 'Affenkasten', abgelegt, so erinnert sich ein ehemaliger Schüler an seinen ersten Schultag (Die Lichte Au 13 1965, S. 34; vgl. JB 1909, S. 12). Am 18. September wurde das von der Stadt  für das Königlich Preußische Reformrealgymnasium (in Entwicklung)  errichtete schöne Gebäude in der Heiligkreuzstraße feierlich eingeweiht. Direktor Friedrich Seitz dankte der Stadtverwaltung für den Bauzuschuss von 100 000 Mark, für  die Erhöhung des jährlichen Beitrags um 1800 Mark und die kostenlose Überlassung des 5.220 Quadratmeter großen Grundstücks.  Neun Klassenräume jeweils mit einem abschließbaren Bücherschrank, ein Zeichensaal und ein Physiksaal boten großzügig Platz für die 148 Schüler der vorerst sieben Klassen.    Einen eigenen Raum für den Chemie-Unterricht mit Arbeitstischen und Sitzbänken ohne Lehne konnte die Schule jedoch erst 1913 einrichten (Dr. H. Casaretto, in: Die Lichte Au 14 1965, S. 44).  Der damalige Direktor des badischen Oberschulamtes und Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher pädagogischer Werke Dr. Ernst von Sallwürk (1839-1926) sprach bei der Einweihungsfeier Grußworte und erinnerte sich an seine Jahre als Rektor der höheren Bürgerschule in Hechingen (1868-1873), die er zu „den schönsten seines Lebens“ zählte (JB 1926/27, S. 24-25).                                                                                                                                                                  

Das Reformrealgymnasium in der Heiligkreuzstr. 1909Das Reformrealgymnasium in der Heiligkreuzstr. (ab 1909)Von links nach rechts: Schulgebäude, Direktorenwohnhaus, Abortgebäude, Turnhalle. Eine eineinhalb Meter hohe weiße Mauer umgab das Schulgelände 

Die Klassenräume waren auf ein Anwachsen um weitere 150 Schüler ausgelegt. Die Aula bot 300 Sitzplätze.  Im Flur des 1. Stockes hing eine Bildergalerie der preußischen Könige („Der Zoller“ vom 18.9.1909). Die Beleuchtung erfolgte mit Gas. Für die Heizung sorgten zwei mit Koks geheizte, schmiedeeiserne Niederdruckdampfkessel. Im Keller befand sich der Aufenthaltsraum für die auswärtigen Schüler.

 Die ab dem Schuljahr 1906/07 begonnene Umwandlung der Realschule in ein Reformrealgymnasium nach dem Frankfurter System war im Herbst 1909 abgeschlossen. Durch den Erlass des Kultusministers vom 28. Juli 1909 wurde die Anstalt als Reformrealgymnasium in Entwicklung anerkannt und vom Reichskanzler "in das Verzeichnis der militärberechtigten Anstalten" aufgenommen (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 34).

 Lehrplan des Reformrealgymnasiums ab 1909

Der Lehrplan des Reformrealgymnasiums ab 1909

Die erste Obersekunda hatte zehn Schüler. Der vom Kultusminister genehmigte Schultyp, das Frankfurter Modell, stellte einen Kompromiss in Bezug auf die Sprachenfolge dar. Französisch wurde wie bisher ab der Sexta (der heutigen 5. Klasse), Latein ab der Untertertia (der heutigen 8. Klasse) und Englisch ab der Untersekunda (der heutigen 10. Klasse) unterrichtet. Freiwilligen Unterricht konnten Schüler in Linearzeichnen und Stenographie (JB 1910, S. 7) und ausnahmsweise in  Physik und Chemie belegen (JB 1912, S. 19). Die deutsche und lateinische Schrift  übten Schüler  in der Sexta und Quinta im Fach „Schreiben“ (Jahresberichte; vgl. JB 1893, S. 30, Üben der Rundschrift in der Quarta). Ehemalige Schüler hatten das dekorative Glasfenster in der Aula gespendet. Es zeigt die Stadt mit der Zollernburg, darüber die Wappen der vier Oberämter von Hohen-zollern. Der Überschuss der Spendengelder von über 1000 Mark floss in eine „Stiftung für bedürftige, würdige Schüler“. Eine weitere Spende von 1000 Mark, angelegt in einem vierprozentigem Pfandbrief, kam von  Major August Evelt, dem Sohn des 1904 verstorbenen Hechinger Landgerichtspräsidenten und Förderer der höheren Bürgerschule August Alexander Oskar Evelt  (JB 1909/10, S.15; SchA, Journal für Conzepte von Schriften 1906-1927, 27.9.1909). Damit erhöhte sich das Kapital der folgenden schon bestehenden Stiftungen:  600 Gulden (1029 Mark) des Domkaplans Joh. Baptist Wallishauser (gest. 1825 in Hechingen), 400 Mark des Hofforst-meisters Freiherrn Rudolf Gfrörer von Ehrenberg (gest. 1899 in Hechingen) und 300 Mark des 1887 in Hechingen verstorbenen fürstlichen Domänenrats Josef Anton Ruff (JB 1888, S. 37; JB 1909,S. 14; Festschrift 1910, S. 40).

 

 Bis 1918 gingen weitere Spenden für den Stiftungsfonds des Gymnasiums ein: von Joseph Einstein-Bing 400 Mark, von E. und  A. Koller  300 Mark (JB 1912, S. 24; SchA, J 5), vom Oberstleutnant August Evelt (gest. 1913 in Allenstein) zu Gunsten der Eveltsche Familienstiftung 2 000 Mark (JB 1914, S. 19), von Joseph Baruch 300 Mark (JB 1915, S. 17) und vom Sägewerkbesitzer Theobald Wild 100 Mark (JB 1918, S. 41).   Der ministerielle Erlass vom 6.3.1909 gewährte dem Gymnasium in Sigmaringen und dem Reformrealgymnasium in Hechingen den stark ermäßigten Schuldgeldsatz von 80 Mark, während alle anderen höheren Schulen  in Preußen ein Schulgeld zwischen 110 und 150 Mark einzogen (JB 1909, S. 10).

Die Lehrer waren Respekt einflößende Autoritätspersonen. Das Gruppenbild von 1909 zeigt  sie im dunklen Anzug oder Gehrock, mit einem Spazierstock und einen Hut. Die große Distanz zwischen Lehrer und Schüler bedeutete aber nicht, dass den Gymnasiasten eine schöne  Kindheit verwehrt war. Unterstufenkinder konnten durchaus eine wenig belastete Kindheit genießen.  So berichtete ein ehemaliger Schüler, ein Sextaner der ersten Stunde,  von "Räuberles-" und "Indianerles"-Spielen zwischen der Bismarckhöhe, dem Fasanenwald und dem Lindich. Das Spielen hätte weiterhin Vorrang vor den Schulpflichten gehabt. Die Lehrer hätten "ausnahmslos" das Vertrauen der Schüler besessen. Eine geschätzte Abwechslung habe auch das Marionettenspiel bei dem Schulkamerad Sauter gebracht, wo sie den Nachbarkindern "Der Rattenfänger von Hameln", "Schneewittchen", "Hänsel und Gretl" und "Mikado"  aufgeführt haben, gegen Eintrittsgebühr von einem Pfennig (E. Fritz, in: Die Lichte Au 13, 1965, S. 35). Wie schon den Realschülern so stand den Gymnasiasten eine umfangreiche Schülerbibliothek zur Verfügung, im Schuljahr 1909/10 rund 650 Bände (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 36; vgl. in den Jahresberichten die „Mitteilungen an die Eltern und Schüler“).

 Voraussetzung für die Anmeldung zur Aufnahmeprüfung in die Sexta war wie zu Zeiten der Realschule ein Alter von mindestens neun Jahren. Bei katholischen Schülern wurde zusätzlich die „Bekanntschaft mit biblischen Geschichten des alten und neuen Testaments und bei evangelischen Schülern die mit den wichtigsten Bibelsprüchen und einigen Liedern“ verlangt (z. B. JB 1889, S. 38 und 1911, S. 24). Wie zu Zeiten der Realschule wurde auch „Geläufigkeit im Lesen deutscher und lateinischer Druckschrift“ verlangt (JB 1911, S. 24 und JB 1893, S. 37). Im Unterschied zu sehr vielen höheren Schulen in größeren Städten unterhielt das Hechinger Reformrealgymnasium keine dreiklassige Vorschule, deshalb kamen alle Schüler von einer katholischen, evangelischen oder israelitischen Volksschulen.

Im Herbst 1909 zog in das von der Realschule geräumte Schulgebäude die 1907 gegründete Präparandenanstalt ein. Ihre Schüler  setzten nach drei Jahren ihre Ausbildung zum Volksschullehrer an den Lehrerseminaren in Boppard am Rhein oder in Münstermaifeld  fort (Hohenzollerische Zeitung 13.8.1960).

1910

In den Jahresberichten wurden seit über 50 Jahren die neuen Lehrer der Schule kurz vorgestellt. Kurze Lebensläufe informierten über die Herkunft, das Studium und die bisherige Berufslaufbahn. Exemplarisch ist der Lebenslauf von Anton Eugen Endress, der  von 1906 bis 1934 als Oberlehrer an der Bürgerschule bzw. ab 1909  am Reformrealgymnasium unterrichtete: Er ist in Killer geboren, besuchte  die Realschule in Hechingen, anschließend das Gymnasiums in Sigmaringen, studierte neuere Sprachen in München, Berlin, Paris und Göttingen. Nach dem Examen erfolgte die Lehrerausbildung in Greifswald und Anklam in Mecklenburg. Das Probejahr absolvierte er dort und in Belgard an der Persante. Nach Ableistung seiner militärischen Dienstpflicht erhielt er 1907 die Stelle eines Oberlehrers in Hechingen (JB 1907, S. 18).  

In Anlehnung an die allgemeine Schulordnung für die höheren Lehranstalten der Rheinprovinz vom 1.2.1891 beschlossen die Lehrer: „Den Schülern soll auch eingeschärft werden, dass sie beim Gebetläuten am Abend die Straßen zu verlassen haben". Sie dürften auch nicht in den Hechinger Fußballklub eintreten, da das  „um sich greifende Fußballspiel Gefahren in sich birgt, insbesondere die Schüler leicht von ihrer pflichtmäßigen Arbeit abhält" (Protokolle der LK  21.4. und 16.6.1910; vgl. SchA, Mitteilungsbuch 9.11.1917).

Das Programm der Gedenkfeier zum 100. Todestag der preußischen Königin Louise zeigt exemplarisch, welche damals geschätzten Schriftsteller für Deklamationen in Frage kamen: Heinrich Kleist, Paul Heyse, Max Schenkendorf und Theodor Körnen mit Gedichten und Ernst Wichert mit Auszügen aus dem Theaterstück "Kolberg" (SchA, Mappe H 3, 19.7.1910). Auf eine Sedanfeier am 2. September verzichtete die Schule nun schon dreißig Jahre, im Unterschied zu manch anderer höheren Schule, besonders in Städten, mit einer Garnison.

Die Fortbildungskurse für die Lehrer der höheren Schule fanden weiterhin fern der hohenzollerischen Heimat, so in Berlin, Bonn, Köln, Göttingen, Aachen statt. Die Kurse dauerten zum Teil über vierzehn Tage; so z. B. ein Turnkurs vom 4.-23.9. 1911 in Berlin, den Dr. Vezin besuchte (JB 1912, S. 19).

1911

Die vorgesetzten Behörden in Koblenz und Berlin wiesen die Schule immer wieder auf die Gefahren des Rauchens und des Genusses alkoholischer Getränke hin (SchA  E 2, Schreiben des Provinzialschulkollegiums, des Regierungspräsidenten und des Ministers der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten vom 20.11. und 18.12.1911, 2.4. und 13.11.1912, 1.12.1913 und 25.2.1915). Die Jahresberichte der Centralstelle des Vereins zur Beförderung der Landwirtschaft und der Gewerbe in den Hohenzollern’schen Landen vermittelt folgendes erschreckendes Bild vom übermäßigen Alkoholkonsum in Hohenzollern in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg: 1907 trank jeder Hohenzoller durchschnittlich 185 Liter Bier im Jahr. Das Land nahm damit in Preußen die Spitzenposition ein. 1914 existierten in Hechingen 38 Gast- und Schankwirtschaften. Dabei war übermäßiger Alkoholkonsum nicht nur in der Arbeiterschaft, sondern auch in der Mittel- und Oberschicht anzutreffen (R. Vogt 2009, S. 161-164). Oberamtsarzt Dr. Konrad Stauß schrieb in seinem Bericht über die Tuberkulose- und Alkoholausstellung im März 1910: „Die Alkoholstatistik zeigt uns, dass der Bierverbrauch in Hohenzollern mit am größten in ganz Deutschland ist.“ (Der Zoller vom 8.3.1910; vgl. R. Vogt 2009, S. 159) Die wiederholten Warnungen der Schule vor dem Alkoholmissbrauch zeugen somit nicht von strengen Moralvorstellungen, sondern von der begründeten, konkreten Sorge um die Gesundheit der Schuljugend.

Zu Beginn des Schuljahrs 1910/11  wurde für Schüler der Prima bis Obertertia ein Schülerturnverein  ins Leben gerufen. 21 und mehr  Schüler beteiligten sich am Samstagnachmittag an den Vereinsaktivitäten Turnen und Spielen in der Turnhalle und bei günstigem Wetter auf dem städtischen Spielplatz, anfangs unter der Leitung des Turnlehrers Fritz Oppermann. Aus dem Jahr 1912 liegt eine zwölfseitige Satzung des „Gymnasial-Spielturnvereins Hechingen“ vor. „Der Verein verfolgte den Zweck, . . . Gewandtheit und Gesundheit zu fördern und die Schüler in nähere, freundschaftliche Beziehungen zu bringen.“ Planung und Durchführung des Jahresprogramms und des jährlichen großen Ausflugs lagen in den Händen der Mitglieder-versammlung  bzw. des von ihr gewählten Vereinsvorstandes. Im Schuljahr waren vier Vollversammlungen der aktiven und passiven Vereinsmitglieder und pro Monat eine Vorstandssitzung vorgeschrieben. So konnten die Schüler Selbstbestimmung und Selbstverwaltung in einen überschaubaren Vereinsrahmen üben (HHB Na 1002, III).

Der Verein unternahm jedes Jahr meist In den Pfingstferien - bis zu seiner Auflösung 1934 - eine mehrtätige Wanderfahrt, begleitet von mindestens einem Lehrer (JB 1911, S. 13; JB 1914, S. 14-16). Aus Kostengründen dienten 1912 eine Scheune und ein Strohlager in einer Schule als Nachtquartier. Die Morgenwäsche  erfolgte am Dorfbrunnen (JB 1913, S. 16-17). Im Jahresbericht 1914 (S. 14-16) schilderte der Leiter des Schulturnvereins Buchholz (O II) die schönen Erlebnisse der viertägigen Schwarzwald-Wanderung,  an der 31 Schüler und drei Lehrer in den Pfingstferien teilgenommen hatten.

An Tagen, an denen kein Sport stattfand, machten die Schüler in den letzten zehn Minuten oder in der Pause unter Anleitung Frei- und Atemübungen auf dem Schulhof (Protokolle der LK vom 5.8.1910 und 7.2.1912).

Im Schuljahr 1911/12  wurden die Schüler zum ersten Mal insofern zur Selbstverwaltung herangezogen, als am  Anfang des Schuljahres jede Klasse einen Klassenausschuss wählte; dieser bestand aus einem Vertrauensmann (heute Klassensprecher), dem Verwalter und Klassenbuchführer und dem Verwalter der Schülerbibliothek der Klasse. Die Vertrauensmänner der Klassen O I bis U III bilden den Gesamtausschuss. Dieser trägt Wünsche der Schülerschaft  durch seinen Vorsitzenden dem Direktor vor. (JB 1912, S. 19) 

Wie in den Jahresberichten der Realschule / der höheren Bürgerschule wies der Direktor des Gymnasiums die Eltern darauf hin, zur Aufnahmeprüfung ihre Söhne neben dem letzten Zeugnis den Impfschein vorzulegen und darauf zu achten, die Anmeldung im Alter von neun Jahren vorzunehmen, „damit die Schüler das Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Alter von 15-16 Jahren erhalten“ (JB 1897, 1905, 1910, 1911 ff.).

Das Schulgeld wurde im April 1913 von 80 auf 90  Mark erhöht (Protokoll der LK vom 8.4.1913). Für Bedürftige gab es zahlreiche Freistellen, im Schuljahr 1910/11 zum Beispiel zehn ganze und zehn halbe Freistellen. Das volle jährliche Schulgeld entsprach damals in etwa einem Monatsgehalt eines Textilarbeiters in Hechingen (R. Vogt  2009, S. 153), was erklärt, dass kein Arbeiterkind den Weg in die höhere Schule fand. Wegen der geringen Klassenstärken wurden die Unter- und Oberprima in allen Fächern außer in Mathematik kombiniert (JB 1911/12 ff.).

1912

Als einige Schüler in ihrer Freizeit mit einem Revolver und einer kleinen Vorderladerpistole Patronen verschossen und ein Schüler verschiedene Pakete Pulver in die Schule mitbrachte und in alten Blechbüchsen verschoss, ging die Schule dagegen vor.  Vier Schüler erhielten eine zwei- bzw. dreistündige Arreststrafe und der Anstifter, gegen den bereits die Strafe des Schulausschlusses vorlag, wurde mit der „stiller Entfernung“ von der Schule bestraft (Protokoll der LK vom 26.2.1912; JB 1912, 1913 und 1915). 1914 erinnerte Direktor Seitz erneut an das Verbot, mit Schusswaffen und Sprengstoffen zu hantieren (Allgemeine Bekanntmachungen 1912-1923, 29.10.1914). 

Der preußische Minister für geistliche und Unterrichtsangelegenheiten verlieh im Juli 1912 dem Hechinger Reformrealgymnasium die Anerkennung als „Vollanstalt“ und bestätigte die Prüfungsergebnisse der ersten sechs Abiturienten. Vorausgegangen war im Januar 1912 eine erfolgreiche dreitätige Revision der Schule durch den Provinzialschulrat Dr. Schunck vom Provinzial-schulkollegium Koblenz (PKS). Dieser führte auch bei der mündlichen Reifeprüfung im Juli 1912 den Vorsitz. Für die Durchführung der Revision des evangelischen Religionsunterrichts kam der Generalsuperintendent aus Koblenz (JB 1911/12, S. 21). Das Erinnerungsfoto von 1912 zeigt die Abiturienten im langen schwarzen Gehrock, mit hohem, gestärktem Eckkragen, in der Hand weiße Glacé-Handschuhe und auf dem Kopf  die weiße Mütze der Oberprima mit schwarz-weiß-rotem Band. Die Mützenordnung, die das Tragen von Mützen unterschiedlicher Farbe von der Sexta (hochrot) bis zur Prima (weiß) empfahl, galt bis zu Beginn der Dreißigerjahre.


 Abiturjahrgang 1912

Abiturjahrgang 1912

 Ein Blick auf die Verteilung der Gesamtstundenzahl der vier wichtigsten Fächer von der Sexta bis zur Oberprima, also der neun Schuljahre, zeigt folgendes Profil: An der Spitze stand Mathematik mit 42 Stunden, gefolgt von Französisch mit 35, Latein mit 34 und Deutsch mit 28 Stunden. Eine Neuordnung erfuhr das höhere Schulwesen in Preußen erst mit der Richertschen Schulreform Mitte der Zwanzigerjahre (JB 1911/12 und JB 1924/25).

Die 15 Väter der Schüler mit Reifezeugnis und mittlerer Reife von 1912 hatten folgende Berufe: Festungsbauhauptmann, Professor, Bezirksnotar, Kaufmann (4), Landwirt, Oberpostschaffner, Förster, Lehrer (2), Gastwirt, Schreinermeister und Maurer. Kein Abiturient kam bis 1918 aus einer Fabrikarbeiterfamilie, obwohl in den großen Hechinger Textilbetrieben sehr viele Menschen arbeiteten (Jahresberichte; J. Toury 1984, S. 162). Auch für den Hausmeister der Schule und einen Referendar (wissenschaftlichen Hilfslehrer) mit 119 bzw. 67 Mark Monatsgehalt wäre das Schulgeld sicher eine große Belastung gewesen, im Unterschied zu dem Oberlehrer E. oder dem Direktor, die einen Monatsgehalt von 344 bzw. 633 Mark erhielten (Manual der Kasse des Kgl. Ref.-Realgymnasiums Hechingen 1912, Abrechnung für April).

Wie an zahlreichen Gymnasien ließen Hechinger Oberprimaner zur Erinnerung an ihre bestandene Reifeprüfung selbst entworfene Postkarten drucken. Das Motiv der ersten Hechinger  Abiturpostkarte hat wie das des Fürstenberg-Gymnasiums von 1911 den Stich "Der frohe Wandersmann" von Ludwig Richter als Vorlage. Im Vordergrund stehen drei Abiturienten mit Schüler- bzw. Studentenmütze, Farbenband einer Studentenverbindung und Spazierstock. Sie sagen ihrer Schulzeit und Heimat Lebewohl. Das gewählte Motiv der Abiturkarte von 1914, singende und musizierende "Burschen", drückt die Freude über die bestandene Prüfung und die Vorfreude auf das freie Studentenleben aus. Darauf weist der Anfang des bekannten lateinischen Studentenliedes "Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus" (Wir wollen also fröhlich sein) hin. Im Unterschied zu manch anderem Gymnasium verzichten die weiteren Hechinger Abitur-Postkarten von 1925, 1938 und 1941 (HHB K 336, III, Abiturpostkarten) auf anspruchsvoll literarische, schulkritische oder heroische Anspielungen. Sie zeigen das Motiv eines Schiffes, das hoffnungsvoll in See sticht und wie Schüler „Bildungsballast“ aus einem über dem Schulgebäude aufsteigenden Ballon werfen. Die Karte des Kriegsabiturs 1941 zeigt den Kampf der "Sieben Schwaben" mit einem Hasen (Vgl. dagegen die Abbildungen von Abiturkarten aus Rottweil und Konstanz, in: W. Mezger 1993, S. 20-39 und U. Wielandt  2003, S. 54-59).

Schüler des Hechinger Reformrealgymnasiums erzählen in ihren Erinnerungen nie, dass sie ihre Lehrer im Kaiserreich als autoritäre Despoten erlebt hätten. Aus der Zeit vor und nach dem Weltkrieg finden sich keine Belege oder Hinweise, dass Schüler oder Lehrer jüdische Schüler ausgegrenzten haben (Protokolle der LK; Beiträge in: Die Lichte Au 10, 1963, S. 24; Die Lichte Au 13, 1965, S. 31 und S. 34 ff.; Jahresberichte; vgl. Hans  Mayer in seinen Erinnerungen „Ein Deutscher auf Widerruf“, zitiert in: E. B. Schmitz 2012, S. 47; der jüdische Literaturprofessor H. Mayer schreibt über seine Erlebnisse am Kölner Schiller-Gymnasium in den frühen Zwanzigerjahren.).

 Da der preußische Kultusminister weiterhin Gesuche um Aufnahme von Mädchen in das Hechinger Reformrealgymnasium ohne Angabe von Gründen ablehnte (Schularchiv E 9; Schreiben des Provinzialschulkollegiums vom 16.1.1912), mussten die beiden Töchter des Landgerichtsdirektors Russell eine höhere Schule in Tübingen besuchen. An der dortigen Oberrealschule hatten bereits beim ersten Abitur 1910 neben 15 Abiturienten auch drei Mädchen das Reifezeugnis erhalten (Festschrift des Kepler-Gymnasium Tübingen  2010, S. 33-34). 

Das Hechinger Kollegium einigte sich auf einen Kanon der von der Sexta bis zur Prima auswendig zu lernenden Gedichte  (Protokoll der LK vom 18.5.1912). Er knüpfte an den „Canon der auswendig zu lernenden Gedichte“ der Höheren Bürgerschule von 1884 an (Th. Thele 1884, S. 7-8). Die Untersekunda, die heutige 10. Klasse, hatte danach folgende Gedichte zu "memorieren": Der Erlkönig, Der Fischer, Der Schatzsucher und Der Zauberlehrling von Goethe, Das Lied von der Glocke, Der Taucher, Der Handschuh und Das Mädchen aus der Fremde von Schiller, zwei patriotische Gedichte von Arndt (Bundeslied und Vaterlandslied) und je ein Gedicht von Körner, Droste-Hülshoff, Uhland und Fr. W. Weber. In der Sexta und Quinta waren die Themen bzw. Motive Vaterlandsliebe, Treue zur preußischen Monarchie und Opfersinn ein wichtiges Auswahlkriterium. Berücksichtigung fanden deshalb u. a. folgende Gedichte: das Preußenlied von Bernhard Thiersch, das Deutschlandlied von Hoffmann von Fallersleben, das Lied eines deutschen Knaben des Grafen von Stolberg, Die Wacht am Rhein von Max Schneckenburger, Der reichste Fürst von Justinus Kerner. Damit beschritt der Lyrik-Kanon keine neuen Wege. Wie 1895 verzichtete er auf "tendenziöse politische und soziale Gedichte" (SchA, Protokoll der LK 10.6.1895).

Eine Auswertung der Lesestoffe der Prima der Schuljahre 1911/12 bis 1914/15 und von 1917/18 zeigt, dass der Krieg keinen Einfluss auf die Wahl der Ganzschriften für den Unterricht und die offizielle Privatlektüre ausgeübt hat. Es blieb bei den klassischen Autoren: vor allem Werke von Goethe und Schiller, ferner von Lessing, Klopstock, Sophokles, Eichendorff, E. T. A. Hoffmann, Hebbel, Reuter und F. W. Weber als auch Shakespeare, Homer, Sappho, Euripides, Sophokles und Aischylos (Jahresberichte 1912- 1918; SchA, Allgemeine Bekanntmachungen  1912-1923 vom 1.7.1912, 4.7.1913, 11.7.1914 und 3.8.1917). Erst in dem Vorschlag für die Lesestoffe des Schuljahrs 1918/19 traten die typischen Dichter der Klassik zurück. Berücksichtigung fanden nun auch folgende damals populäre, leichter verständliche Werke: „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ von Wilhelm von Kügelgen, „Dreizehn Linden“ von Friedrich W.  Weber und „Berge und Menschen“ des zeitgenössischen Autors Heinrich Federer (SchA, Allgemeine Bekanntmachungen 1912-1923, 19.7.1918). Erst 1920 las die Prima auch ein sozialkritisches naturalistisches Drama, die  „Stützen der Gesellschaft“ von Henrik Ibsen (Allgemeine Bekanntmachungen 1912-1923, 21.7.1920)

1913

Wie früher die höhere Bürgerschule/Realschule  feierte das Reformrealgymnasium am 27. Januar den Geburtstag des Kaisers und Königs Wilhelm II.  Gesang des Schulchores und Deklamationen vaterländischer Gedichte umrahmten die  Festrede. Zuvor begaben sich die katholischen Schüler von ihrer Schule aus mit ihren bunten Schülermützen in geschlossenen Reihen zum Festgottesdienst (SchA, Allgemeine Bekanntmachungen 1910-1923, 25.1. und 18.10.1913). Seit der Reichsgründung 1871 war die praktizierte Fest-, Feier- und Gedenkkultur in Hechingen dadurch geprägt, dass sie in den Dienst einer vaterländischen, monarchistisch-dynastisch ausgerichteten Erziehung gestellt“ wurde (Vgl. die Untersuchung zur Geschichtskultur an höheren Schulen in Westfalen von B. Hanke 2011, S. 210).

In den Friedensjahren bis 1914 schloss sich am Nachmittag das festliche Kaiserbankett im Museum an (A. Vezin 1959, S. 77-78). Zum regen geselligen Leben der Honoratioren, d. h. der Fabrikanten, Beamten, Angestellten und Offiziere der auf der Burg liegenden Kompanie, gehörten  vor allem der Besuch der Stammtische in den Gaststätten Mohren, Hölzle und Paradies, gemeinsame Ausflüge, das Fastnachtstreiben  und das Tennisspiel im Fürstengarten. Wehmütig zurückblickend beschrieb Dr. Hermann Casaretto, von 1913 bis 1915 wissenschaftlicher Hilfslehrer am Reformrealgymnasium, die Atmosphäre in der Kleinstadt im letzten Friedensjahre vor dem Kriegsbeginn im August 1914 wie folgt: „Damals war man weit entfernt von dem Gefühl des Unbehagens und der Verlassenheit in einer entfremdeten Welt.“ (Die Lichte Au 14 1965, S. 50; vgl. die Erinnerungen des Lehrers Peter Remark (1911-1917), in: Die Lichte Au 5 1961, S. 26: “Die Hechinger Zeit war die schönste meines Lebens. Wie oft machte ich mit meiner Klasse Wanderfahrten auf die Alb.“)

In das Jahr 1913 fielen drei patriotische Gedächtnistage, an denen die Schulen mit patriotischen Schulfeiern die preußische und deutsche Erinnerungskultur pflegen sollten. Am 10. März 1913 gedachte die Schule in eier Feier der  Erhebung  gegen Napoleon und der Stiftung des Eisernen Kreuzes vor hundert Jahren und des Geburtstages der Königin Louise von Preußen. Auf den 16. Juni fiel die Feier des 25-jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers und Königs Wilhelm II. und auf den 17. und 18. Oktober 1913 der Gedenktag der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 (JB 1912/13, S. 15, 17 und 18; JB 1913/14, S. 12-13; W. Siemann 1988, S. 298-320). In Hechingen führte das Gymnasium am 17. Oktober im Rahmen der Jahrhundertfeier  ein kleines "Kriegsspiel" durch. Zum Abschluss sangen die Schüler einige vaterländische Lieder, während am Albrand zahlreiche Höhenfeuer brannten. Am folgenden Tag gedachte die Schule nach der kirchlichen Feier in der Aula der siegreichen Schlacht gegen die Armee Napoleons I. in einer gemeinsamen Feier (JB 1914, S. 12; SchA, H 3; vgl. W. Siemann, S. 312, betrifft  das Gymnasium und die höhere Mädchenschule in Tübingen). Die Stadt organisierte am Nachmittag für die Schüler eine Vorführung von "vaterländischen (Licht-) Bildern" aus dem Leben von Kaiser Wilhelm II.,  Königin Louise und Theodor Körner (SchA, Mappe H 3).

Am  8. April 1913 besuchten alle Schüler im Museumssaal einen Lichtbildervortrag über den Vogelschutz von Lina Hähnle aus Stuttgart, der Vorsitzenden des Bundes für Vogelschutz (JB 1913, S. 16).

Im vorletzten Friedensjahr legten neun Abiturienten die Reifeprüfung erfolgreich ab, von ihnen waren sieben katholisch, einer evangelisch und einer jüdisch. Zum Vergleich: 1930 waren von den elf Abiturienten zehn katholisch und einer  evangelisch (JB 1912/13, S. 20 und 1929/30, S. 15). 

Dr. Vezin stellte in der Lehrerkonferenz vom 24.11. 1913 die Bestrebungen der folgende vier Jugendvereine /-bünde vor: die Jugendwehr (im Schuljahr 1914/15 35 Mitglieder), den Schul-Turnverein (im Schuljahr 1914/15 32 Mitglieder), den Wandervogel und die Pfadfinder. Die Meinungsbildung im Kollegium war auch deshalb von Bedeutung, weil die Teilnahme von Schülern „an besonderen Veranstaltungen und Einrichtungen von außerhalb der Schule stehenden Vereinen“ der Genehmigung des Schulleiters unterlag (Erlass „Beteiligung von Schülern in Vereinen“ vom 7.2.1913, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1913, S. 334). Oberlehrer Dr. Vezin  bewertete die Aktivitäten dieser Jugendvereine insgesamt sehr positiv. Die Berücksichtigung der vielfältigen Aktivitäten und Einstellungen dieser Jugendvereine durch die Schule könnte den Turnunterricht auf eine breitere Basis stellen; denn diesen Jugendverbänden ging es  nicht nur um methodische Schulung und Übung körperlicher Kraft und Gewandtheit wie im Turnunterricht, sondern  auch um weitere praktische Kompetenzen, um Abhärtung und  „geistige Übungen“.  Ausführlich ging  Dr. Vezin auf die Bestrebungen der Pfadfinder ein, wobei er sich an dem Buch von Maximilian Bayer orientierte und u. a. auf Aktivitäten wie Spurenlesen, Entfernungsschätzen, Orientierungsübungen mit dem Kompass, Fabrik- und Werkstätten-Besichtigungen und Erste-Hilfe-Übungen hinwies. Kurz ging er auf das romantische Wandern der Wandervögel und auf „die Pflege vaterländischer Gesinnung durch Übungen militärischen Charakters“ der Jugendwehr ein. Das Kollegium beriet intensiv, wie die Schule diese Aktivitäten im Rahmen von zusätzlichen Wanderungen  an freien Nachmitttagen, an Sonn- und Feiertagen aufgreifen könnte (Protokoll der LK vom 24. 11. 913). In der zweiten Konferenz  zu diesem Thema trug Dr. Vezin am 4. Dezember 1913 mehrere Leitsätze vor, die allgemeine Zustimmung erfuhren.  In einem der Leitsätze hieß es programmatisch:„ Etwa alle acht Wochen (ist) ein Kriegsspiel oder eine Wanderung nach Art des Wandervogels vorzunehmen; damit das Ganze nicht zum Soldatenspiel wird“, sei das Schauen auf das Interessante, Schöne,  Historische zu berücksichtigen. Den Schülerturnvereinen seien geeignete Übungen zu empfehlen (Protokoll der LK  4.12. 1913, S. 173-174; vgl. das Thema der elften Direktorenversammlung in Bonn,  in: JB 1914, S. 12; JB 1915, S. 15). 

Eine Minister-Verfügung vom 8. August 1913 forderte die Lehrer wie schon 1906 auf, die Schüler über die Gefahren des neu aufkommenden Auto-Verkehrs zu belehren. Die Schüler sollten eindringlich davor gewarnt werden, „mit Sand, Steinen oder anderen Gegenständen“ nach Autos zu werfen (JB 1914, S. 11).

1914

Ende Januar wurde im üblichen Rahmen Kaisers Geburtstag gefeiert. Für seine Festrede wählte Oberlehrer Endress nicht die Verdienste der Hohenzollern-Dynastie, sondern das Thema „Die Wechselbeziehungen zwischen der deutschen und der englischen Literatur“. In den drei vorangegangenen Jahren waren folgende Themen gewählt worden: 1911 „Die geschichtliche Entwicklung der deutschen Universitäten“, 1912 „Tragik und christliche Weltanschauung“ und 1913 „Das Relativitätsprinzip in der Physik“ (Jahresberichte 1911-1914).

Im Februar wurden die Schüler darauf hingewiesen, dass zur Faschingszeit „abends das Umherziehen auf den Straßen mit Gesichtsmasken“ streng verboten sei (SchA, Allgemeine Bekanntmachungen 1912-1923, 17.2.1914).

Direktor Seitz hatte den Jahresbericht des Schuljahres 1913/14 zwar auf den letzten Schultag, den 4. August, vordatiert, aber bereits Ende Juli verfasst, deshalb findet in dem Abschnitt Chronik des Schuljahrs 1913/14 die Mobilmachung und der Ausbruch des Weltkrieges keine Erwähnung. Weitere Friedensjahre vor Augen,  wählte der Religionslehrer Ott als Thema für die Ansprache bei der Verabschiedung der Abiturienten am 14. Juli 1914 die Gefahren des Alkoholgenusses und der Großstädte (JB 1914, S. 16) und von den acht  Abiturienten gaben sieben einen zivilen Berufswunsch an.  Die ministerielle Verfügung,  der 50-jährigen Wiederkehr der siegreichen Schlacht gegen die Dänen bei Düppel  (1864) im April 1914 mit einer Feier zu gedenken, hatte die Schule nicht aufgegriffen (Protokoll der LK 23.4.1914). Auch die circa 14 Tage vor Kriegsausbruch eingereichte Lektüreliste des Deutschunterrichts der Prima im Schuljahr 1914/15 lässt keine Jahrhundertkatastrophe erahnen und ist keine ideologische  Einstimmung auf einen Angriffskrieg oder auf den heldenhaften Tod fürs Vaterland. Zur Klassenlektüre gehören: „Ein Bruderzwist im Hause Habsburg“ von Franz Grillparzer, „Nathan der Weise“ von Lessing, „Wallenstein“ von Friedrich Schiller. Zur Privatlektüre zählten: „ König Ödipus“ von Sophokles, „Michael Kohlhas“ von Kleist und „Ut mine Stromtid  Das Leben auf dem Lande“ von Fritz Reuter (SchA, Allgemeine Bekanntmachungen vom 11.7.1914; vgl. die ausgesprochen klassischen „Lesestoffe“  der Untersekunda bis Oberprima im Schuljahr 1913/14, in: JB 1914, S. 7).

Fragen der Ehre waren für die damals meist standesbewussten Bürger von großer Bedeutung. So konnte die Sitzordnung in der Stiftskirche oder im Museum beim Festbankett zu Kaisers Geburtstag zu heftigen Reaktionen der Beteiligten führen. Als die Gerichtsreferendaren bei der Tischordnung "den Abmachungen zum Trotz hinterrücks" den Oberlehrern (Studienräten) des Gymnasiums vorgezogen wurden, veranstalteten diese ihr eigenes Kaiserbankett im Gasthaus Linde-Post (A. Vezin 1959, S. 77-78.).

2.2 Der Weltkrieg und seine Folgen für Schüler und Lehrer,  nach relativ kurzer Begeisterung wachsende Ernüchterung und Not

Die Anfang August beginnenden militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Mittelmächten und den Entente-Mächten brachten schnell Einschränkungen, Not und Leid mit sich. Direktor Seitz meldete sich im August als Freiwilliger zum Heer, Oberlehrer Dr. Vezin freiwillig zum Sanitätsdienst, drei weitere Lehrer wurden im Laufe des Krieges einberufen. Die reguläre Unterrichtsversorgung war dadurch ernsthaft gefährdet. Teillehraufträge übernahmen  dankenswerter Weise der kath. Stadtpfarrer Dr. Holl, Pfarrer Häussler aus Boll, die beiden Hechinger Kapläne,  zwei pensionierte Lehrer, ein Stadtrat und ein Student (Jahresberichte 1915-1918).

Nach der  regulären Reifeprüfung  am 8. Juli 1914 legten bereits knapp zwei Monate später die neun neuen Oberprimaner die „Notreifeprüfung“ ab. Voraussetzung für die vorgezogene Reifeprüfung war die Meldung als Freiwilliger, die Wehrtauglichkeit und die Zustimmung der Eltern (JB 1915, S. 12). Das Hechinger Gymnasium musste am Ende des Schuljahrs 1914/15 in einer Traueranzeige des ersten gefallenen Abiturienten gedenken. Der noch keine 17 Jahre alt Paul Rieber hatte im Frühjahr 1915 als Freiwilliger „in den heißen Kämpfen vor Verdun den Heldentod fürs Vaterland“ erlitten, wie es in der Traueranzeige im Jahresbericht von 1915  hieß (JB 1915, S. 16). Das Königliche katholische Gymnasium zu Sigmaringen traf der Krieg härter. Schon nach einem Kriegsjahr hatten zwölf ehemalige Abiturienten „ihr Leben dem Vaterland geopfert“ (Jahresbericht des Gymnasiums zu Sigmaringen 1915, S. 12-13). Von fehlgeleiteter jugendlicher Begeisterung für überhöhte Ideale lesen wir ebenda in der Todesanzeige des Abiturient Karl M. „Da er befürchtete, seine Brille könne seine Kurzsichtigkeit verraten und ihm den Zutritt in die Reihen der Verteidiger (ver)sperren, warf er vor der ärztlichen Untersuchung seine Brille fort. So erreichte er seinen Wunsch, für sein Vaterland in den Kampf zu ziehen.“ Nach wenigen Monaten kam die Nachricht, dass er im fernen Russland gefallen sei.

Sehr hohe Opfer forderte das erste Kriegsjahr am Königliche Gymnasium in Oels in Schlesien, heute Polen, einer Hechinger Patenstadt, wo auf der Ehrentafel bereits des ersten Kriegsjahres 34 gefallene Schüler verzeichnet sind. (JB des Gymnasiums Oels 1915, S. 10)

Das Thema des Deutschaufsatzes der ersten Notreifeprüfung vom 31.8. 1914 lautete „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los (Ein Bild aus der Gegenwart)“. Die neun Abiturienten berichteten darin mehrheitlich von  Begeisterung und  Siegeszuversicht. Bei den  Gegnern Deutschlands würden „große Mengen“ an Soldaten desertieren und diese wüssten, „dass sie keinen gerechten Kampf kämpfen“, während sich die deutschen Soldaten als „wackere Vaterlandsverteidiger“ auf das uneingeschränkte Zusammenstehen  aller Deutschen verlassen könnten. Mit zahlreichen Beispielen wurde die breite Solidarität der Deutschen mit ihrem Vaterland belegt. Die Themenstellung lud vor dem Hintergrund der erfolgreichen Befreiungskriege gegen Napoleon 1813/15 zu einer unkritischen Darstellung ein.  Zitiert wurden Redewendungen  wie “Mit Gott, für König und Vaterland“ und die Worte des Kaisers aus seiner Reichstagsrede vom 4. August „ Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche“. Es wurde Gott  als „Schlachtenlenker“ für den eigenen Waffensiegin in Anspruch genommen (SchA, Ordner Reifeprüfung, Notreifeprüfung Herbst 1914). Ein Schüler schrieb jedoch auch von dem “furchbaren Weltkrieg“ und von „einer glücklichen Ruhe und einem segenreichen Frieden von 40 Jahren“, ein anderer Schüler räumte realistisch ein, dass der Abschied der ersten Reservisten trotz der gehobenen Stimmung „schwer“  gewesen sei und ein dritter berichtete von einer „ernsten und gehobenen Stimmung“ beim Abschied auf den Bahnhöfen sowie von Bürgern, die sich in dem „allgemeinen Durcheinander“ fragten: „ Wer ist schuld daran?“

Ein Blick in das Deutsche Philologen-Blatt vom November 1914 zeigt, dass es Direktoren gab, die die Kriegsbegeisterung regelrecht pflegten. So stellte der Ulmer Rektor Dr. E. Schott seine „kriegspädagogische“ Neuerung vor, die letzte Wochenstunde am Samstag für alle Klassen von der Quarta bis zur Prima in eine „Kriegsstunde“ umzuwandeln, mit vaterländischen Texten und Liedern sowie Berichten über die aktuellen Kriegsschauplätze. Die Vortragenden sollten jedoch aus pädagogischen Gründen bei der „Schilderung der Hinterlist und Lügenhaftigkeit“ der Gegner zurückhaltend sein (E. Schott: „Kriegsstunden“ in der Schule, in: Deutsches Philologen-Blatt 22. Jg. 25.11.1914, S. 697-698). Prof. Dr. Alfred Biese, Direktor des Kgl. Gymnasiums in Frankfurt a. M., hatte bereits in der Septemberausgabe  im  Artikel „Der Krieg und der Schulunterricht“ einige Vorschläge vorgestellt , wie der Latein- und Deutschunterricht an den Eindrücken, Gedanken und Sorgen der Schüler anknüpfen könne. Dr. Biese sprach von hübschen Blüten der Kriegslyrik und zitierte im Hinblick auf den Anfangsunterricht als Beispiel das „Kriegslied“ von H. Nolden: „Es zogen drei Burschen wohl in das Feld: Der Russ‘, der Franzos’ und der britische Held. Sie wollten verhauen den deutschen Mann, dem in friedlicher Arbeit sein Leben verrann.“ Im Folgenden kam er auf die Chorlieder in Schillers Drama „Die Braut von Messina“ zu sprechen, wo einer aus dem Chor neben dem Frieden den Krieg preist (Deutsches Philologen-Blatt, 22 Jg. 1914, Nr. 32/33 vom 2.9.1914, S. 562-563). Primitives Freund-Feind-Denken und naive Kriegsbegeisterung war ab dem ersten Kriegstag in Europa angesagt, mit fatalen Folgen für alle.

Einen Stimmungswandel brachten erst die vielen Gefallenen, Verwundeten und der grausame Stellungskrieg. Im Tagebuch eines Notabiturienten von 1916 ist zu lesen: Der Stellungsbefehl war eine „verhängnisvolle Nachricht“ und  Abschied von den Eltern und der Heimat habe  er „schweren Herzens“ genommen (Die Lichte  Au 16, 1966, S. 37-39).

Am 17. Dezember 1915 ordnete der preußische Kultusminister Trott zu Solz an, auf die Schüler und Eltern einzuwirken, damit diese „bei dem Getreideverbrauche die tunlichste Sparsamkeit walten“ ließen und Kriegs- bzw. Kommiss-Brot verzehrten, das zu 95 % aus Roggenmehl und 5 % Kartoffeln gebacken werde. „Sehr bedauerlich ist ferner der erhebliche Verbrauch an Kuchen“, stellte der Kultusminister fest (SchA, blaue Mappe E 20). Unter Bemerkenswertes schrieb der stellvertretender Schulleiter Ott im Jahresbericht 1914/15: „Die Schüler aller Klassen (sammelten) mit Eifer Gold (Umtausch von Goldgeld in Papiergeld und Einsammeln von Goldmünzen) für die Reichskasse; außerdem brachten sie auch etwa einen Zentner Gummi zusammen."  Schüler der Unterstufe sammelten im Herbst 1914 etwa einen Zentner Eicheln. 

Das Kriegsministerium hatte bereits am 16. August 1914 darauf hingewiesen, dass „eine eiserne Zeit“ angebrochen sei, und er hatte an die „Opferwilligkeit jedes einzelnen“ appelliert und den höheren Schulen mitgeteilt, dass männliche Jugendliche vom 16. Lebensjahr an  sich  bei Bedarf freiwillig für den Einsatz beim militärischen Hilfs- und Arbeitsdienst zur Verfügung stellen können (Blaue Mappe E 19).  In Hechingen halfen unter Anleitung des Religionslehrers Prof. W. Ott und des Lehrers Dr. Remark im Sommer 1915 Schüler der oberen und mittleren Klassen mancher Bauersfrau in der Umgebung.  „Mehrere Äcker reinigten sie von Disteln, ganze Morgen von Kartoffelfeldern halfen sie unter großer Mühe umhacken und viele Wagen Heu wurden unter ihrer Beteiligung gemäht und in die Scheunen geborgen.  An vielen heißen Nachmittagen konnte man sie auf der Gemarkung Hechingen, Boll, Stetten und Wessingen, auf dem Stauffenburger, Hausener und Hagelhof arbeiten sehen, sogar schon morgens in aller Frühe zogen manche aus." (JB 1914/15, S. 14-15; siehe auch JB 1916 und 1917, S. 5 und Die Lichte Au 21 1970, S. 58-59). Auch die Jahresberichte von 1916/17 und 1917/18 (S. 25) vermerkten  freiwillige Hilfsdienste der Schüler der Obertertia bis Unterprima im Wald, bei der Feldbestellung und der Heuernte. Die Organisation der „Jungmannen-Hilfskräfte“ für die Landwirtschaft war im Februar 1917 durch das Kreiswirtschaftsamt und das Provinzialschulkollegium zu Koblenz vereinheitlicht worden. Die Teilnahme war freiwillig, die Schüler waren versichert, Kosten für Fahrt und Verpflegung sollten nicht entstehen (blaue Mappe E 20, die Broschüre „Die Jungmannen der Höheren Schulen in der Landwirtschaft“, hrsg. vom Kriegsamt, Berlin o. J.).  An der Jugendwehr nahmen 1914/15 in Hechingen 35 Gymnasiasten teil, also fast alle Schüler der Untersekunda bis Unterprima. In Sigmaringen berichtete Studiendirektor Dr. Fischer mit Genugtuung, dass alle 16-Jährigen des Gymnasiums in die Jugendwehr eingetreten seien. In seiner Rede vor der auf dem Markplatz angetretenen Jugendwehr sprach er einige verhängnisvolle ideologische Positionen an, die die europäischen Großmächte 1914 teilten, z. B. die Vorstellung eines Kampfes bis zum Sieg und die eines gerechten Krieges. Mit den Worten von Franz Hester: „Denn von unseren grimmigsten Feinde ist das Wort gefallen, es werde den Krieg durchführen bis zum letzten Pfennig, und er erhielt die deutsche Antwort: „Und wir bis zum letzten Blutstropfen!“  Im Weiteren beschrieb er die Aufhebung aller gesellschaftlichen „Unterschiede“ bei den Soldaten wie bei der Jugendwehr mit den Worten: „Alle eins in der heiligen Liebe für unser großes Vaterland und seine gerechte Sache.“ (Jahresbericht des Gymnasiums Sigmaringen 1915, S. 14-15)

Für einige Balinger Fahrschüler, die die Oberstufe besuchten,  brachte der Kriegsausbruch eine  unangenehme Veränderung. Der Zug, der sie jeden Morgen zum Zollerbahnhof kurz vor Hechingen brachte, wurde gestrichen, so dass sie sich von Montag bis Samstag eine Pension suchen mussten  (Die Lichte Au 17 1967, S. 49).

Im Schuljahr 1914/15 erließ das Provinzialschulkollegium Koblenz eine neue Schulordnung (JB 1914/15, S. 9-12; SchA, blaue Mappe E 4). Sie bezeichnete im Abschnitt  „Fürsorge für alle Schüler" als Grundlage der Erziehung „Gottesfurcht und Vaterlandsliebe", als übergreifende Unterrichtsziele folgende personale Kompetenzen und Haltungen: Arbeits- und Lebensfreude, Selbständigkeit, Zuverlässigkeit und Verantwortlichkeit. Der Direktor und die Lehrer waren verpflichtet, das außerschulische Verhalten der Schüler im Auge zu behalten und wenn erforderlich Maßnahmen im Rahmen der Schulordnung zu veranlassen bzw. zu ergreifen. So bedurfte die Wahl bzw. der Wechsel der Pension/Wohnung eines auswärtigen Schülers grundsätzlich der Genehmigung des Direktors. Die Schulordnung wies auch die Eltern auf ihre Erziehungspflichten bzw. Verhaltensprobleme  hin, z. B. in § 10 auf die Probleme des Alkohol- und Nikotinmissbrauchs (Vgl. R. Vogt, Talmikultur und Klassen-Gegensätze 2009, S. 161-164) und  auf die Gefahren von „Schund- und Schmutzliteratur" (Vgl. Verfügung des PSK vom 12.4. 1910 und Erlass des Kultusministeriums „Bekämpfung der Schundliteratur“ vom 21.9. 1912, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1912, S. 641-641; siehe auch das Besuchsverbot von Theater- und „Kinematographen“-Aufführungen im Erlass des Kultusministers vom 8.3.1912, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1912, S. 358-359). Von den Eltern wurde zudem erwartet, dass sie „den Besuch für die Jugend ungeeigneter Theaterstücke verhindern.“ (JB 1915, S. 10)  Das Rauchverbot für die Oberstufenschüler galt nicht nur im Bereich der Schule, sondern auch  auf den Straßen des Schulortes. Untersagt war den Schülern weiterhin, in  „nicht gestattete Vereine und Verbindungen“ einzutreten (JB 1915, Schulordnung § 15 bzw. § 16, S. 11; vgl. Verfügung des Ministers für geistliche etc. Angelegenheiten vom 7.3.1913, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1913, S. 334).  

Die Schulordnung verpflichtete die Schüler auch zum Besuch des Schülergottesdienstes bzw. der Schulandachten.  § 11 der Schulordnung präzisierte: "Befreiung kann ausnahmsweise auf schriftlichen Antrag des Vaters durch den Direktor erfolgen". § 15 untersagte den Schülern, "politischen Versammlungen und Gerichtsverhandlungen beizuwohnen, Mitteilungen . . . in Zeitungen zu veröffentlichen, in nicht gestattete Vereine und Verbindungen einzutreten"  (JB 1914/15, S. 9-12; vgl. Schulordnung / Schulgesetze von 1857)

1915-1917

Im Jahr 1915  wurden der 100. Geburtstag des Reichsgründers Fürst Otto von Bismarck und das 500jährige Hohenzollernjubiläum mit Liedern, Deklamationen und einem patriotischem Vortrag gefeiert (JB 1915 und JB 1916).

1916 erhielten sechs Primaner nach dem Kriegsnotabitur das Notreifezeugnis (JB 1916; Die Lichte Au 16 1966, S. 33-39).

Die Schulberichte vermerkten nach militärischen Erfolgen gegen Serbien, Montenegro und Rumänien „Siegesfeiern“ mit Ansprache des stellvertretenden Direktors Prof. Ott und Gewährung eines schulfreien Tages (JB 1916 und 1917, Abschnitt  „Zur Geschichte der Anstalt“). Die Begeisterung der ersten Kriegstage legt sich im Laufe des Krieges. Der Stellungsbefehl wurde von einem betroffenen Primaner in seinem Tagebuch nun als  "Hiobsbotschaft" bezeichnet. Der kath. Religionslehrer Prof. Wendelin Ott Recht hatte zwar von Kriegsbeginn an vor den Schrecken des Krieges gewarnt, als stellvertretender Schulleiter aber die Siege der kaiserlichen Armee und Flotte mit der Schulgemeinde gefeiert (SchA, handschriftlicher JB 1915/16; Die Lichter Au 16, 1966, S. 37 und Die Lichte Au  20, 1969, S. 72-73). Bei der Totenfeier im November 1916 teilte Prof. Ott ohne übertrieben patriotisches Pathos mit, dass Oberlehrer Aloys Frings an der verlustreichen Schlacht an der Somme als vermisst gemeldet wurde und dass Oberlehrer Edmund Gilles seiner schweren Verwundung erlegen sei. Prof. Ott würdigte den "auf dem Feld der Ehre" gefallenen Lehrer, indem er dessen geistige und sittliche Kräfte, gesellschaftliche und bürgerliche Tugenden und dessen Liebe zu Familie und Heimat hervorhob (JB 1917, Abschnitt  "Geschichte der Anstalt, S. 2). Wie pathetisch hatten die Worte von Prof. Ott noch am Ende des ersten Kriegsjahres geklungen, als er den Satz „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“ als Ausgangspunkt für seine Ansprache in der kleinen Gedächtnisfeier für den ersten gefallenen Primaner gewählt hatte und als er seiner mit folgenden Zeilen im Jahresbericht gedacht hatte: „Ehr und Dank sei dem wackeren Jüngling, der mit sechszehneinhalb Jahren als Kriegsfreiwilliger zu den Fahnen eilte, um uns und das Vaterland vor seinen Feinden zu schützen und dem Deutschen Reiche den Sieg erstreiten zu helfen.“ JB 1915, S. 16) Sogar die liberale, gewiss nicht kirchenfreundliche Lokalzeitung würdigte Prof. Ott 1928 in einem Nachruf wie folgt: „Er hat nie zu den Kriegstheologen gehört, die den Torpedojesus lehrten, und später war ihm die Enzyklika des Papstes vom Königtum Christi als des Friedenskönigs aus dem Herzen geschrieben.“ Und nach dem verheerenden Krieg wurde Prof. Ott, ist in den „Hohenzollerischen Blätter“ (17.10.1928) weiter zu lesen, „allmählich der Freund derer, die er in seiner stürmischen Jugend bekämpft hatte. Man sah den einstigen Antisemiten mit Juden gemütlich beim Schoppen und beim Skat zusammensitzen.“ 

Auch der Toten-Gedenkzettel "Zur frommen Erinnerung im Gebet" des Oberlehrer E. Gilles sprach nicht vom Kampf für König und Vaterland und vom Heldentod (SchA, Personalakte Gilles).   

Im Frühjahr 1915 kamen bei der Goldsammlung  der Schule  50 000 Mark zusammen. Die Schüler  erhielten deshalb einen Tag schulfrei (JB 1915, S. 13). Im März 1916 warben die Schüler ebenso erfolgreich, als anlässlich der vierten Kriegsanleihe die Bevölkerung 45 000 und die Schüler 2800 Mark zeichneten (JB 1916). 

Klara Öttinger, eine in Chile geborene Deutsche, die in Tübingen Medizin studierte, legte als erste junge Frau Ende Juli 1915 am Hechinger Reformrealgymnasium - jedoch als Externe-  die Reifeprüfung ab  (JB 1915, S. 8; SchA, Namensverzeichnis der Abiturienten 1912-1931). Am Gymnasium Sigmaringen wurde schon 1894 Hildegard Wegscheider, geb. Ziegler, die aus einer sehr bindungsbeflissenen schlesischen Familie stammte, als erste junge Frau im Königreich Preußen - auch als Externe - zur Reifeprüfung  zugelassen. Den Sigmaringer Gymnasiasten war zwar jeglicher Kontakt mit ihr verboten. Sie bewunderten aber die fremde Abiturientin und schickten ihr zwischen der schriftlichen und mündlichen Prüfung jede Woche aus einem Nachbardorf einen dicken Doppelbrief mit allen in den Schulstunden gestellten Wiederholungsfragen (H. Wegscheider 1953, S. 29). Sie bestand die Reifeprüfung und erwarb an der Universität Halle als erste Preußin den Doktorhut  (M. Hoffmann 2014; J. C. Albisetti 2007, S. 231-232).

Das königliche Provinzialschulkollegium erteilte dem wissenschaftlichen Hilfslehrer Dr. Casaretto am 28.3.1915 "die jederzeit widerrufliche Erlaubnis“, in der damals selbständigen Nachbargemeinde Stetten zu wohnen.   Außerdem wies das PSK darauf hin, dass es "ungehörig" wäre, ohne amtliche Genehmigung den Wohnsitz außerdem des Gemeindebezirks Hechingen zu nehmen (SchA, Personalakte Casaretto).

Im Mai 1916 Schüler werden ermahnt, „am Abend bei Zeichen der Abendglocke nach Hause zu gehen. Wer nach neun Uhr ohne richtigen Grund auf der Straße gesehen wird, bekommt Schularrest“ (SchA, Allgemeine Bekanntmachungen 3.5.1916).

Wegen einer Diphtherie- und Scharlachepidemie musste der Schulbeginn im September 1916 um zwei Wochen verschoben werden (JB 1917, Zur Geschichte der Anstalt).

Die in der Jugendwehr erfassten Jugendlichen erhielten eine vormilitärischen Ausbildung, lernten dabei das Ausschwärmen in Schützenlinie und das Ausheben von Schützengräben. Die Jugendwehr trug Gewehre ohne Patronen. Die Kompagnie- und Zugführer und die Ausbilder waren ausgesuchte Bürger, unter ihnen auch jüdische Fabrikanten und Kaufleute. Manche Schüler des Gymnasiums und der Präparandenanstalt wurden zur Feuerwehr herangezogen (Die Lichte Au 21 1970, S. 60; siehe ebenda S. 61 eine Foto der Jugendwehr mit über 50 Mitgliedern).

Im Dezember 1916 wurden Vorbereitungen getroffen, um türkische Schüler in Schulen im Deutschen Reich, auch im Königreich Preußen aufzunehmen. Deshalb sah sich der Minister für geistliche und Unterrichtsangelegenheiten in dem Erlass vom 14. Oktober 1916 veranlasst, in einem über zweiseitigen Erlass die Aufnahme, Förderung und Integration der türkischen Schüler zu regeln. Diese seien anfangs als Gastschüler aufzunehmen, Mangel an Deutschkenntnissen dürfe kein Ablehnungsgrund sein. Von den türkischen Schülern wird erwartet, sich der bekanntlich strengen „Ordnung der Schule“ zu fügen, doch sei auf ihre religiöse und nationale Eigenart taktvoll Rücksicht zu nehmen, unter anderem auf die Gebetsvorschriften und die Feste des Islam. . . Gegebenenfalls ist ihnen zu gestatten ihrer Volkssitte entsprechend das Fes in der Klasse zu tragen.“ Der Zweck dieses Erlasses sei, dass Deutschland weitere Freunde gewinne und die Türkei bei der Ausbildung von wertvollen Experten Unterstützung erfahre  (SchA, blaue Mappe E 1).

Das offizielle Foto der dreizehn Kriegs-Notabiturienten des Jahres 1917 zeigt sechs in der Garnisons- und einen in der Felduniform sowie sechs in Zivilkleidung mit der weißen Schülermütze der Oberprima. Elf Schüler wurden zum Heeresdienst eingezogen; vier kehrten aus dem Krieg nicht zurück. Unter den Überlebenden  war auch Alfred Weil, der Sohn des angesehenen Fabrikanten Emil Weil, des letzten Vorstehers der israelitischen Kultusgemeinde in Hechin-gen (Die Lichte Au 17,1967, S. 43; vgl. JB 1917).

1917/1918

Der Direktor wies in einer Fachkonferenz der Geschichtslehrer am 20. November 1917  darauf hin, dass ein Ministererlass eine neue Stoffverteilung zugunsten der Neuzeit vorschreibe. In der Untersekunda und Oberprima sei die Zeit von 1776 bis zur Gegenwart zu behandeln (Protokoll der Konferenz vom 20.11.1917 und Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung vom 2.9.1915, S. 693-670).

Wegen des großen Rohstoffmangels waren die Schulen gehalten, sich an Sammlungen zu beteiligen. Gesammelt wurden  Altmetall, Gummi, Wolle sowie Bucheckern, Eicheln, Kastanien, Brennnesseln, Heilkräuter, Arzneipflanzen, Laub, Weißdornfrüchte und Steinobstkerne. Die Schulen erhielten wiederholt Merkblätter mit detaillierten Erläuterungen zur Durchführung der Sammelaktionen (SchA, blaue Mappe E 20, zahlreiche Erlasse des Kultusministers von 1915 bis 1918, mehrere Merkblätter).  Schüler warben weiterhin für die Zeichnung von Kriegsanleihen. Wegen des kriegsbedingten Arbeitskräftemangels unterstützten Lehrer wie Prof. Wendelin Ott, Dr. Peter Remark und Direktor Seitz sowie zahlreiche Schüler schon vor Schulbeginn Bäuerinnen beim Mähen, bei der Ernte oder  beim Holzfällen. Als Dankeschön konnten sie mit  einer Vesper rechnen (F. Walther, in: LA 16,1966, S. 44; W. Sauter, in: LA  21, 1970, S. 58-59; JB 1915, 1916 und 1917).

Die vorgesetzte Schulbehörde in Koblenz verwies in ihrem Schreiben vom 29. April 1918 auf „die zunehmende Knappheit an Leder“ und schrieb an den Direktor: " Selbstverständlich ist den Schülern (Schülerinnen) zu gestatten, auch barfuß oder in Holzschuhen oder in Sandalen mit Holzstollen zur Schule zu kommen."  (SchA, blaue Mappe E 4; Diensttagebuch 24. 8. 1918)  

Die letzte Kriegsnotreifeprüfung bestanden im Juni 1918 alle sechs Schüler der Unterprima, unter ihnen auch Walter Sauter, der spätere Redakteur der Hohenzollerischen Blätter und der nach 1945 neu gegründeten Hohen-zollerischen Zeitung (Die Lichte Au 19, 1968, S. 25 ff.). Drei Unterprimaner (Jahrgang 1900) wurden zum Heeresdienst  eingezogen, drei in den Vaterländischen Hilfsdienst auf Grund des Gesetzes vom 6.12.1916 (JB 1917/18, S. 37).

Wie groß die Not im Deutschen Reich 1917 und 1918 war, lassen der wiederholte Aufruf des Direktors zum sparsamen Gebrauch von Kreide, Tinte und Schwämmen und die folgende Bekanntgabe des Direktors in der Konferenz am 12. September 1917 erahnten: „Wegen Mangels an Heiz- und Beleuchtungsmaterial soll im Laufe des Winters das Turnen eingestellt werden“ (Protokoll der LK vom 14.7.1917 und vom 12.9.1918).

Am 9. November 1918 riefen Sozialisten in Berlin die Republik aus und am 11. November musste das Deutsche Reich den sehr harten Waffenstillstand in Compiègne unterschreiben. SPD und USPD bildeten bis zur demokratischen Wahl der Nationalversammlung im Januar 1919 eine Übergangsregierung und konnten ein Abgleiten der Revolution in eine sozialistische Rätediktatur verhindern.

Das Reformrealgymnasium beklagte 30 Kriegsopfer, darunter 26 Schüler, die drei Oberlehrer Dr. Adolf Beyer, Aloys Frings und Edmund Gilles und den Hausmeister (JB 1927, S. 27; hier auch die Namen aller Schüler).

Hinweis zu den Quellen- und Literaturangaben:

Quellen- und Literaturangaben stehen in Klammern. Angegeben werden im laufenden Text in der Regel der Autor bzw. Herausgeber, das Erscheinungsjahr und die Seitenangabe.  Folgender Pfad führt  zum ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis.

http://www.gymnasium-hechingen.de/

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